Westhafen (Wanne)
Westhafen ist die Bezeichnung für den westlichen Hafenbereich am Rhein-Herne-Kanal im heutigen Herner Stadtbezirk Wanne, Ortsteil Crange westlich der Schleuse Wanne-Eickel. Der Hafen entstand im Zusammenhang mit dem Bau des Rhein-Herne-Kanals und entwickelte sich bereits in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens zu einem der bedeutendsten Kohleumschlagplätze am Kanal. Über die Hafenbahn war er mit dem Eisenbahnnetz und zahlreichen Zechen des westlichen Ruhrgebiets verbunden.
Mit dem Strukturwandel des Ruhrbergbaus wandelte sich auch die Funktion des Westhafens. Der klassische Kohleumschlag verlor an Bedeutung. Teile der Hafenanlage wurden verfüllt und das Gelände anschließend zu einem modernen Logistik- und Güterverkehrsstandort entwickelt. Heute werden am Westhafen vor allem Massengüter und Container umgeschlagen. Betreiber der Hafenanlagen ist die Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH (WHE).
Entstehung im Zusammenhang mit dem Rhein-Herne-Kanal
Die Entstehung des Westhafens ist unmittelbar mit dem Bau des Rhein-Herne-Kanals verbunden. Der Kanal wurde zwischen 1906 und 1914 als Verbindung zwischen dem Rhein bei Duisburg und dem Dortmund-Ems-Kanal gebaut. Für das aufstrebende Ruhrgebiet bedeutete die neue Wasserstraße eine erhebliche Verbesserung der Transportmöglichkeiten für Kohle, Erz und andere Massengüter.
Bereits 1905 beziehungsweise 1906 wurde die Gesellschaft Kanalhafen Wanne-Gelsenkirchen-Kanal gegründet. Sie sollte die Anlage eines Kohleumschlaghafens für die Bergwerke des Umlandes vorbereiten. Am 15. Juli 1911 erfolgte der erste Spatenstich für den Bau des Wanner Westhafens.[1]
Am 10. April 1913 wurde die Gesellschaft unter Beteiligung der Stadt Herne in die Hafenbetriebsgesellschaft Wanne-Herne mbH umgewandelt.
Der Hafenbau schritt parallel zum Ausbau des Kanals voran. Noch vor der endgültigen Fertigstellung der gesamten Hafenanlagen wurde im November 1914 erstmals Kohle im Westhafen umgeschlagen.
Die Bedeutung des Hafens wuchs schnell. Die offizielle Fertigstellung des Rhein-Herne-Kanals erfolgte am 17. Juli 1914; bereits zu diesem Zeitpunkt gehörten die Wanner Hafenanlagen zu den wichtigen Umschlagplätzen der neuen Wasserstraße.[2]

Der Hafen in der Bergbauzeit
Der Westhafen war zunächst vor allem als Kohleumschlaghafen angelegt worden. Daneben wurden unter anderem Erz und Holz verladen.
Das unmittelbare Einzugsgebiet des Hafens umfasste Wanne-Eickel, Herne, Bochum und Recklinghausen. Die umliegenden Bergwerke führten ihre für den Schiffstransport bestimmte Kohle über die Hafenbahn zum Westhafen. Dazu gehörten unter anderem die Zechen Ewald, Schlägel & Eisen, General Blumenthal, Shamrock, Constantin, Hannibal, Hannover und Königsgrube.
Der Westhafen entwickelte sich dadurch innerhalb kurzer Zeit zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt zwischen Bergwerk, Eisenbahn und Binnenschiff.
Die Bedeutung des Hafens zeigt sich besonders an den Umschlagzahlen. Im Jahr 1926 wurden im Westhafen 2.286.505 Tonnen Kohle umgeschlagen. Damit nahm der Wanner Hafen unter den überwiegend dem Kohleverkehr dienenden Häfen des Rhein-Herne-Kanals eine Spitzenstellung ein.
Ausbau 1926/27

Die steigenden Umschlagmengen machten bereits wenige Jahre nach der Inbetriebnahme einen Ausbau notwendig. Zusätzlich führte ein Überangebot auf dem Kohlenmarkt dazu, dass unterschiedliche Kohlesorten und Qualitäten getrennt behandelt werden mussten.
In den Jahren 1926 und 1927 wurde die nutzbare Wasserfläche des Westhafens deshalb auf rund 9,8 Hektar vergrößert. Gleichzeitig entstanden zusätzliche Umschlag- und Bahnanlagen.
Der Hafen war nun nicht mehr ausschließlich Umschlagplatz für Massengüter. Die erweiterten Hafenbecken konnten auch als Liegeplätze für Schiffe genutzt werden.
Mit dem Ausbau verlagerte sich außerdem der Mittelpunkt des Hafenbetriebs. Die Verwaltung und Betriebsleitung der Hafengesellschaft, die zuvor in der Stadtmitte von Wanne-Eickel untergebracht gewesen war, bezog Räume am Westhafen.
Hafenbahn
Eine entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung des Westhafens war die Verbindung mit dem Eisenbahnnetz.
Bereits 1913 genehmigte die Bezirksregierung Arnsberg den Bau einer nebenbahnähnlichen Kleinbahn zwischen dem Hafen und dem Staatsbahnhof Wanne. Die Hafenbahn verband den Westhafen darüber hinaus mit den umliegenden Zechen und Industrieanlagen.
Damit entstand ein Verkehrssystem, in dem die Kohle vom Bergwerk über die Eisenbahn zum Hafen transportiert und dort auf Schiffe verladen werden konnte.
Die Verbindung von Zechenbahn, Hafenbahn und Wasserstraße machte den Westhafen zu einem wichtigen Bestandteil der industriellen Infrastruktur des Ruhrgebiets.
Die Hafenbahn wurde im Laufe ihrer Geschichte mehrfach technisch modernisiert. Nachdem bereits seit 1952 Diesellokomotiven eingesetzt worden waren, endete 1963 der Einsatz der letzten Dampflokomotiven.[3]
Die neuen Krananlagen
Der Ausbau des Hafens führte auch zu einer Modernisierung der Umschlagtechnik.
Am nördlichen Ufer des Stichkanals wurde 1927 eine Anlage aus drei nahezu baugleichen elektrischen Brücken- und Wippkränen errichtet. Sie ersetzte beziehungsweise ergänzte das ältere Portalkransystem.
Einer dieser Kräne war der spätere Krumme Hund, der bei der Hafenverwaltung als Kran 4 geführt wurde.
Die neue Krantechnik ermöglichte eine effizientere Bewegung der Lasten und war gegenüber den bisherigen Portalkränen unter anderem durch eine geringere Seillänge, eine geringere erforderliche Motorleistung bei der Einziehbewegung und eine größere Stabilität gekennzeichnet.[4]
Das neue Hafenbecken und die dazugehörigen Anlagen wurden im Oktober 1928 für den Umschlagbetrieb freigegeben.
Wanne-Eickel und der Westhafen
Mit der kommunalen Neuordnung von 1926 veränderten sich auch die Eigentumsverhältnisse der Hafengesellschaft. Am 1. April 1926 schlossen sich die politischen Gemeinden Wanne, Eickel und Röhlinghausen zur Stadt Wanne-Eickel zusammen.
Die Hafenbetriebsgesellschaft wurde damit zu einem gemeinsamen Unternehmen der beteiligten Kommunen. Der Westhafen entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem wichtigen Bestandteil der Wirtschafts- und Verkehrsinfrastruktur der jungen Stadt Wanne-Eickel.
Seine Bedeutung beschränkte sich dabei nicht auf den eigentlichen Hafen. Über die Hafenbahn, die Umschlaganlagen und die angeschlossenen Bergwerke war der Westhafen unmittelbar mit dem Arbeits- und Wirtschaftsleben der Stadt verbunden.
Der Westhafen nach dem Zweiten Weltkrieg
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Kohleumschlag die wichtigste Aufgabe des Westhafens.
Gleichzeitig änderten sich die technischen Anforderungen. Der Krumme Hund wurde ab 1945 auch im Bereich der Kohleseparationsanlage eingesetzt. Dort blieb er bis 1997 in Betrieb.
Der Hafen wurde damit zunehmend Bestandteil einer komplexeren Kette aus Kohleanlieferung, Aufbereitung, Mischung und Weitertransport.
Mit dem langfristigen Rückgang des Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet begann jedoch auch für den Westhafen eine grundlegende Veränderung.
Strukturwandel und Ende des klassischen Hafenbeckens
Der Niedergang des Ruhrbergbaus führte zu einem erheblichen Rückgang des traditionellen Kohleumschlags. Gleichzeitig gewann der kombinierte Verkehr von Straße, Schiene und Wasserstraße an Bedeutung.
In den 1990er Jahren entstanden deshalb Überlegungen, den Westhafen grundlegend umzustrukturieren. Bereits 1994 begannen Planungen für ein Güterverkehrszentrum (GVZ) auf dem Hafengelände.[5]
Ein wesentlicher Schritt war die Verfüllung des Stichhafenbeckens. Die Arbeiten begannen 1996. Auf dem ehemaligen Hafenbecken sollte ein moderner Logistikstandort entstehen.
Damit verschwand ein wesentlicher Teil des historischen Hafenbeckens. Der Westhafen wandelte sich von einem klassischen Hafen für Massengüter zu einem kombinierten Logistikstandort.
Containerterminal
Auf dem verfüllten Hafenareal entstand das Container-Terminal Herne (CTH). Es wurde von einer Tochtergesellschaft der Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH betrieben.
Der neue Standort sollte den Transport von Gütern zwischen Schiff, Eisenbahn und Straße miteinander verbinden. Damit knüpfte die moderne Nutzung des Hafens an die ursprüngliche Funktion als Verkehrsschnittstelle an, allerdings mit völlig veränderten Gütern und Transporttechniken.
Das Containerterminal nahm 2002 den Betrieb auf.[6]
Im Zuge der weiteren Entwicklung wurde das Terminal ausgebaut. Die Endausbaustufe mit zwei modernen Portalkränen wurde am 6. Februar 2013 offiziell eingeweiht.
Der Verlust des „Krummen Hundes“
Die Modernisierung des Westhafens hatte auch Folgen für die historischen Hafenanlagen.
Der auf dem ehemaligen Hafenareal verbliebene Brücken- und Wippkran Kran 4, der als „Krummer Hund“ bekannt geworden war, stand der geplanten weiteren Entwicklung des Containerterminals im Weg.
Der Kran war 1999 als Baudenkmal in die Denkmalliste der Stadt Herne aufgenommen worden. Die Unterschutzstellung wurde 2002 durch ein Urteil des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen bestätigt.
Da die WHE nach eigenen Angaben weder die finanziellen noch die räumlichen Möglichkeiten für eine Verlegung und Restaurierung sah, wurde der Kran 2011 aus der Denkmalliste gestrichen.
Trotz verschiedener Rettungsinitiativen und einer Petition an den Landtag Nordrhein-Westfalen wurde der Kran im März 2012 abgebrochen. Am 14. März 2012 war der „Krumme Hund“ endgültig Geschichte.
Der Abbruch markierte symbolisch das Ende einer Epoche des Westhafens. An die Stelle der historischen Umschlagtechnik traten moderne Containerkräne.
Der Westhafen heute
Vom ursprünglichen Hafenbecken ist heute nur noch ein Teil der historischen Hafenstruktur erhalten. Nach der Verfüllung des Stichhafens konzentriert sich der Hafenbetrieb auf die Kaimauer am Rhein-Herne-Kanal und die modernen Umschlaganlagen.
Der Westhafen wird weiterhin von der Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH (WHE) betrieben. Neben dem Containerumschlag gehören weiterhin Massengüter zu den Umschlaggütern.Vgl. Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH; Rhein-Herne-Kanal und Hafenanlagen.
Damit besteht am Standort weiterhin die ursprüngliche Funktion als Verbindung zwischen Wasserweg und Landverkehr. Die technische und wirtschaftliche Ausrichtung hat sich jedoch grundlegend verändert: Aus dem Kohlehafen der Bergbauzeit wurde ein moderner Logistikstandort.
Bedeutung für die Stadt- und Industriegeschichte
Der Westhafen gehört zu den bedeutenden Zeugnissen der Industrie- und Verkehrsgeschichte Wanne-Eickels und Hernes.
Seine Entwicklung lässt sich zugleich als Spiegel der wirtschaftlichen Veränderungen des Ruhrgebiets lesen:
- 1911–1914: Bau des Hafens im Zusammenhang mit dem Rhein-Herne-Kanal
- 1914–1920er Jahre: Aufbau des Kohleumschlags
- 1926/27: Erweiterung des Hafenbeckens
- 1927/28: Modernisierung der Kran- und Umschlaganlagen
- Nach 1945: Ausbau und Nutzung für Kohleseparation und Massengüter
- ab den 1990er Jahren: Umstrukturierung zum Logistikstandort
- 1996: Beginn der Verfüllung des Stichhafenbeckens
- 2002: Inbetriebnahme des Containerterminals
- 2012: Abbruch des historischen Krans „Krummer Hund“
- 2013: Einweihung der erweiterten Containerterminalanlage
Der Westhafen steht damit beispielhaft für den Wandel vom Kohleumschlagplatz zum modernen trimodalen Logistikstandort.
Straßenname „Am Westhafen“
Die heutige Straße Am Westhafen erinnert an die historische Hafenanlage. Sie wurde am 14. November 1974 durch den Rat der Stadt Wanne-Eickel benannt.
Das Stadtgebiet liegt im heutigen Stadtbezirk Wanne und Ortsteil Crange.[7]
Die Straßenbezeichnung ist damit zugleich ein Hinweis auf die historische Bedeutung des Areals.
Siehe auch
- Rhein-Herne-Kanal
- Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH
- Krummer Hund (Portalkran) Wanne
- Container-Terminal Herne
- Osthafen Wanne
Literatur
- Architekturführer Herne 1987, S. 41. Nr. 33.
- Elbers 1951, S. 119 ff.
- Kröger 1961, S. 29 ff.
- Krome 1963, S. 14 ff.
- Krome 1971, S. 9 - 15 u. Luftbild (S. 8).
- Oehler 1927, S. 103 - 118.
- Manfred Hildebrandt, Ralf Frensel, Jeannette Bodeux, Franz Heiserholt (Bearb.): Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne, Band 1, Herne 1997.
- Georg Eggenstein, Herbert Niewerth, Arnulf Siebeneicker (Hrsg.): 100 Jahre Rhein-Herne-Kanal. Die Wasserstraße mitten durchs Revier. Klartext Verlag, Essen 2014.
- Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH: 100 Jahre WHE.
Weblinks
• Geschichte der Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH • „Am Westhafen“ – Stadt Herne, Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen
Lesen Sie auch
- Am Westhafen (← Links)
- Rhein-Herne-Kanal (← Links)
- Krummer Hund (Portalkran) Wanne (← Links)
- Osthafen (Wanne) (← Links)
- Schleuse Wanne-Eickel (← Links)
Quellen
- ↑ Stadt Herne: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne, Band 1, Herne 1997, S. 57.
- ↑ Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH: 100 Jahre WHE.
- ↑ Vgl. Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH: 100 Jahre WHE.
- ↑ Georg Eggenstein, Herbert Niewerth, Arnulf Siebeneicker (Hrsg.): 100 Jahre Rhein-Herne-Kanal. Die Wasserstraße mitten durchs Revier, Essen 2014, S. 96–99.
- ↑ Vgl. Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen, Unternehmensgeschichte.
- ↑ Vgl. Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH: Unternehmensgeschichte.
- ↑ Stadt Herne: Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen, Eintrag „Am Westhafen“.

