Hafen Julia
Der Hafen Julia ist ein Industrie- und Umschlaghafen am Rhein-Herne-Kanal im Herner Stadtteil Baukau. Er entstand im Zusammenhang mit der Eröffnung des Rhein-Herne-Kanals im Jahr 1914 und diente zunächst der Zeche Julia zum Umschlag ihrer Steinkohle. Der Hafen liegt am nördlichen Ufer des Kanals und gehört heute zum Hafensystem Herne-Wanne.[1]
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wandelte sich der Hafen von einem reinen Zechenhafen zu einem Bestandteil eines größeren Verbundes aus Bergwerk, Aufbereitungsanlagen, Zechenbahn und Wasserumschlag. Heute wird der Hafen weiterhin industriell genutzt und ist insbesondere mit der Aufbereitung und dem Umschlag von Massengütern verbunden.[2]
Lage
Der Hafen Julia befindet sich am nördlichen Ufer des Rhein-Herne-Kanals im nordwestlichen Herner Stadtgebiet. Er liegt im Bereich zwischen Wanne-Eickel und Herten und gehört zum zusammenhängenden Hafengebiet Herne-Wanne. Der Rhein-Herne-Kanal bildet hier eine bedeutende industrielle Verkehrsachse zwischen dem Rhein und dem Dortmund-Ems-Kanal.[2]
Die Lage des Hafens war für die Zeche Julia von besonderer Bedeutung. Das Bergwerk lag im Stadtteil Baukau, während der Kanal südlich beziehungsweise südwestlich der Tagesanlagen verlief. Mit der Errichtung des Hafenbeckens entstand damit eine direkte Verbindung des Bergwerks zum westdeutschen Wasserstraßennetz.
Entstehung im Zusammenhang mit dem Rhein-Herne-Kanal
Der Rhein-Herne-Kanal wurde nach rund achtjähriger Bauzeit 1914 für die Schifffahrt freigegeben. Von Anfang an war er auf den Transport großer Mengen industrieller Rohstoffe ausgerichtet. Neben Kohle wurden unter anderem Erze, Baustoffe und Mineralöl auf dem neuen Wasserweg befördert.[3]
Für die im Ruhrgebiet ansässigen Zechen eröffnete der Kanal neue Möglichkeiten des Kohleabsatzes. Die Harpener Bergbau AG, zu deren Besitz die Zeche Julia gehörte, ließ deshalb für das Bergwerk einen eigenen Hafen anlegen.
Mit der Eröffnung des Rhein-Herne-Kanals entstand 1914 der Hafen Julia an der Nordseite des Kanals.[1] Die Anlage war von Beginn an als Umschlagplatz für die auf Julia geförderte Kohle konzipiert.
Verbindung zwischen Zeche und Hafen
Die räumliche Trennung zwischen den Tagesanlagen der Zeche Julia und dem Hafen erforderte eine eigene Transportverbindung. Zunächst wurde dafür eine Drahtseilbahn errichtet. Sie verband das Bergwerk mit dem am Kanal gelegenen Hafen und ermöglichte den kontinuierlichen Transport der Kohle zum Wasserumschlag.[4]
Die Drahtseilbahn war eine für den Ruhrbergbau typische Lösung. Sie erlaubte es, größere Mengen Schüttgut unabhängig vom Straßenverkehr über eine festgelegte Trasse zu transportieren.
Die Anlage blieb jedoch nicht dauerhaft bestehen. Mit der Rationalisierung des Bergwerks und insbesondere dem Bau der gemeinsamen Aufbereitungsanlage der Zechen Julia und Recklinghausen änderte sich auch die innerbetriebliche Transportorganisation.
Der Hafen im Zechenverbund Julia–Recklinghausen
In den 1920er Jahren geriet der Ruhrbergbau zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Die Absatzkrise führte zu Rationalisierungen, Zusammenlegungen und zur Aufgabe einzelner Tagesanlagen. Auch die Zeche Julia war von dieser Entwicklung betroffen.
1928 wurden die Zechen Julia und Zeche Von der Heydt zusammengelegt. Wenig später erfolgte eine engere betriebliche Zusammenarbeit mit der Zeche Recklinghausen. Ziel war es, Förderung, Aufbereitung und Transport wirtschaftlicher zu organisieren.
In den Jahren 1930 und 1931 entstand nördlich des Rhein-Herne-Kanals eine gemeinsame Zentralaufbereitungsanlage für die Zechen Julia und Recklinghausen II. Der Hafen Julia wurde Bestandteil dieses neuen Produktions- und Transportverbundes.[5]
Die Bedeutung des Hafens nahm damit erheblich zu. Er war nicht mehr lediglich die Wasserverladestelle einer einzelnen Zeche, sondern Teil einer technisch weitgehend zentralisierten Kohlenaufbereitung.
Zentralaufbereitung und Kohlenwäsche
Die neue Zentralaufbereitungsanlage diente dazu, die geförderte Rohkohle von taubem Gestein und anderen Fremdstoffen zu trennen sowie die Kohle nach Korngröße und Qualität zu sortieren.
Die Aufbereitung konnte große Mengen Kohle verarbeiten. Für die Anlage werden Kapazitäten von bis zu 5.000 Tonnen Kohle täglich genannt.[6]
Der Hafen war dabei das Bindeglied zwischen Landtransport und Wasserweg. Kohle konnte aus dem Zechenverbund zur Aufbereitung gebracht, dort verarbeitet und anschließend über den Rhein-Herne-Kanal abtransportiert werden.
Die ursprünglich für die Verbindung zwischen Julia und Hafen eingesetzte Drahtseilbahn wurde im Zuge dieser Entwicklung durch eine leistungsfähigere Kettenbahn ersetzt.[4]
Oberkettenbahn
Die neue Transportanlage war Teil eines umfangreichen Systems von Kettenbahnen, das die Zechen Julia und Recklinghausen mit der Zentralaufbereitung verband. Die Konstruktion war weitgehend eingehaust und führte teilweise über den Rhein-Herne-Kanal und die Emscher.
Die Kettenbahn ermöglichte einen kontinuierlichen Transport der Kohle zwischen den verschiedenen Betriebsanlagen. Damit konnte der Kohlenstrom von der Förderung über die Aufbereitung bis zum Hafen stärker automatisiert werden.
Die Transportbrücken bildeten zeitweise ein auffälliges technisches Bauwerk in der Landschaft nördlich des Rhein-Herne-Kanals. Die Gesamtanlage der Kettenbahnen erreichte eine Länge von mehreren Kilometern.[4]
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage durch Bombentreffer beschädigt. Nach Kriegsende wurde sie wiederhergestellt und erneut in Betrieb genommen.[7]
Der Hafen als Kohleumschlagplatz
Der eigentliche Zweck des Hafens blieb trotz der Veränderungen die Verbindung des Bergwerks- und Aufbereitungsbetriebs mit dem Wasserweg.
Über den Rhein-Herne-Kanal konnte die aufbereitete Kohle zu Abnehmern und anderen Umschlagplätzen transportiert werden. Damit war der Hafen Teil jener Infrastruktur, die den Ruhrbergbau mit den großen Absatzgebieten am Rhein und darüber hinaus verband.
Historische Darstellungen zeigen den Hafen mit seinen Verladeeinrichtungen und der für die Bergbauhäfen typischen Kombination aus Kaimauer, Lagerflächen, Förderanlagen und Transportwegen.
Der Hafen Julia gehörte damit zu den zahlreichen Zechenhäfen, die nach der Eröffnung des Rhein-Herne-Kanals entstanden und wesentlich zum Ausbau der Massengutlogistik im Ruhrgebiet beitrugen.
Zweiter Weltkrieg
Der industrielle Verbund aus Zeche, Aufbereitung und Hafen bestand auch während des Zweiten Weltkriegs weiter. Die Tagesanlagen der Zeche Julia wurden jedoch 1944 durch Luftangriffe schwer beschädigt.[1]
Auch die Transportanlagen waren vom Krieg betroffen. Nach dem Krieg mussten beschädigte Anlagen wiederhergestellt werden, bevor der industrielle Betrieb schrittweise normalisiert werden konnte.
Niedergang der Zechenfunktion
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Ruhrbergbaus. Kohle verlor zunehmend gegenüber anderen Energieträgern an Bedeutung. Gleichzeitig stiegen die Kosten der Förderung.
1957 begann die engere Zusammenführung der Zechen Julia und Recklinghausen. Die Förderung der Zeche Julia wurde schließlich auf die Anlagen in Recklinghausen konzentriert.
Am 15. Juni 1961 wurden die Tagesanlagen der Zeche Julia stillgelegt. Ab dem 30. Juni desselben Jahres wurde am Standort Julia keine eigene Förderung mehr betrieben; die Kohle wurde unter Tage zur Zeche Recklinghausen transportiert.[1]
Die Schächte der Zeche Julia wurden in den folgenden Jahren aufgegeben und bis 1965 verfüllt. Damit endete auch die ursprüngliche Funktion des Hafens als unmittelbarer Zechenhafen.
Weiterbestehen als Industriehafen
Mit dem Ende des Bergwerks verschwand der Hafen jedoch nicht. Seine Lage am Rhein-Herne-Kanal und seine vorhandene Infrastruktur ermöglichten eine weitere industrielle Nutzung.
Der ehemalige Zechenhafen wurde Bestandteil des Hafensystems Herne-Wanne. Im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Zechenhäfen konnte er damit seine Funktion als Umschlagplatz grundsätzlich bewahren.
Bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Hafen weiterhin mit dem Umschlag von Massengütern in Verbindung gebracht. Historische Untersuchungen nennen für den Zechenhafen Julia einen jährlichen Kohleumschlag von etwa 0,5 bis 1 Million Tonnen für die Zeit um 1980 bis 1986.[8]
Heutige Nutzung
Der Hafen Julia ist heute Bestandteil des Hafens Herne-Wanne. Im Wasserstraßenverkehrskonzept Nordrhein-Westfalen wird der Hafen Julia als eigener Teil des Hafens Herne-Wanne ausgewiesen. Als Betreiber wird die BAV Aufbereitung GmbH genannt, die mit der Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH verbunden ist.[2]
Die heutige Nutzung steht damit weiterhin in der Tradition des Standortes: Wo früher die Kohle der Zeche Julia für den Abtransport aufbereitet und verladen wurde, werden heute weiterhin industrielle Massengüter über die Wasserstraße bewegt.
Der Hafen verfügt über die für einen modernen trimodalen Industriestandort wichtige Verbindung von Wasserstraße und Landverkehr. Das Hafengebiet Herne-Wanne ist darüber hinaus an das Eisenbahnnetz und das Straßennetz angebunden.[2]
Der Hafen im Wandel der Zeit
Die Geschichte des Hafens Julia lässt sich in mehrere Entwicklungsphasen gliedern:
- 1914–1920er Jahre: Zechenhafen der Zeche Julia und Umschlagplatz für Steinkohle
- 1920er Jahre: zunehmende Rationalisierung des Bergwerks
- 1930/31: Einbindung in die gemeinsame Zentralaufbereitung von Julia und Recklinghausen
- 1930er–1950er Jahre: Ausbau des technischen Transportverbundes mit Kettenbahn und Aufbereitung
- 1961: Ende des Tagesbetriebs der Zeche Julia
- 1960er–1980er Jahre: Weiterbetrieb des Hafens als industrieller Umschlagplatz
- seit dem späten 20. Jahrhundert: Integration in das Hafensystem Herne-Wanne
- Gegenwart: industrielle Nutzung und Umschlag von Massengütern
Damit gehört der Hafen Julia zu den Beispielen, an denen sich der Strukturwandel des Ruhrgebiets besonders deutlich ablesen lässt. Die ursprüngliche Verbindung von Zeche, Aufbereitung, Bahn und Hafen ist weitgehend verschwunden; die Verkehrsinfrastruktur selbst blieb jedoch für neue industrielle Nutzungen erhalten.
Bedeutung für die Stadt- und Industriegeschichte
Der Hafen Julia besitzt für die Geschichte Hernes eine besondere Bedeutung, weil sich an ihm mehrere Entwicklungen der regionalen Industriegeschichte miteinander verbinden.
Mit dem Bau des Rhein-Herne-Kanals erhielt die Zeche Julia einen direkten Zugang zur bedeutendsten künstlichen Wasserstraße des mittleren Ruhrgebiets. Die Verbindung von Bergwerk und Hafen war ein entscheidender Bestandteil der Rationalisierung des Kohletransports.
In den 1930er Jahren wurde der Standort zu einem Knotenpunkt eines komplexen technischen Systems aus Zechenbahn, Kettenbahn, Zentralaufbereitung, Kohlenwäsche und Hafen. Die industrielle Landschaft beschränkte sich damit nicht mehr auf das eigentliche Zechengelände, sondern erstreckte sich über mehrere Kilometer bis zum Rhein-Herne-Kanal und weiter nach Recklinghausen.
Heute steht der Hafen Julia zugleich für den Übergang vom klassischen Zechenhafen zum modernen Industriehafen. Seine Funktion hat sich verändert, die Bedeutung der Lage am Rhein-Herne-Kanal ist jedoch erhalten geblieben.
Siehe auch
- Zeche Julia
- Zeche Von der Heydt
- Rhein-Herne-Kanal
- Osthafen (Wanne)
- Westhafen (Wanne)
- Hafen Friedrich der Große
- Hafen König Ludwig
- Häfen in Herne
Literatur und Quellen
- Joachim Huske: Die Steinkohlenzechen im Ruhrrevier. Daten und Fakten von den Anfängen bis 2005. Deutsches Bergbau-Museum, Bochum 1998.
- Norbert Meier: Die Zechen Recklinghausen, Julia und von der Heydt. Steinkohlenbergbau in Recklinghausen-Süd und Herne. Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier, Recklinghausen 2016.
- Robert Dreger: Zeche „Julia“ – Beispiel für Aufstieg und Niedergang des Steinkohlenbergbaues im Ruhrgebiet. In: Herne – unsere Stadt, Jg. 4, 1967, Nr. 1/2, S. 3–12.
- Landtag Nordrhein-Westfalen: Wasserstraßenverkehrskonzept Nordrhein-Westfalen. Vorläufiger Schlussbericht.
- Stadtarchiv Herne: Bild- und Dokumentationsbestände zur Zeche Julia, zur Zentralaufbereitung und zur Oberkettenbahn.
- Historischer Verein Herne/Wanne-Eickel e.V.: Der Bote, Nr. 18, 2022.
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Joachim Huske: Die Steinkohlenzechen im Ruhrrevier. Daten und Fakten von den Anfängen bis 2005. Deutsches Bergbau-Museum, Bochum 1998, S. 555–556.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Landtag Nordrhein-Westfalen: Wasserstraßenverkehrskonzept Nordrhein-Westfalen. Vorläufiger Schlussbericht, S. 242.
- ↑ Westdeutscher Rundfunk: Riviera im Pott – Zuhause am Rhein-Herne-Kanal, Stand 13. August 2020.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Ruhrzechenaus: Seilbahnen – Transportanlagen der Zechen.
- ↑ Nachweise zu Josef Wentzler: 1930–1931 Zentral-Aufbereitungsanlage für die Zechen Julia und Recklinghausen II am Hafen Julia.
- ↑ Ralf Piorr: Darstellung der Geschichte der Zechen Julia und Recklinghausen sowie der Zentralaufbereitung; Bildarchiv Herne.
- ↑ Stadtarchiv Herne; historische Dokumentation zur Oberkettenbahn der Zechen Julia und Recklinghausen.
- ↑ Achilles: Zechensterben – Hafensterben. Strukturwandel in ..., 1985/86, Übersicht der Zechenhäfen.
Lesen Sie auch
Quellen
| Dieser Artikel, diese genealogische oder textliche Zusammenstellung bzw. dieses Bild wird von Andreas Janik (ehem. Johann-Conrad) für das Wiki der Herner Stadtgeschichte zur Verfügung gestellt und unterliegt dem Urheberrecht. Bei einer Verwendung dieser Abbildung und/oder dieses Textes - auch als Zitat - außerhalb des Wikis der Herner Stadtgeschichte ist die Genehmigung beim Autor einzuholen. |
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