Hafen Friedrich der Große
Der Hafen Friedrich der Große ist ein ehemaliger Zechen- und Industriehafen am Rhein-Herne-Kanal im Herner Stadtteil Horsthausen. Er steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Zeche Friedrich der Große und der Industrialisierung des östlichen Herner Stadtgebietes. Der Hafen diente zunächst vor allem dem Umschlag der auf der Zeche geförderten Steinkohle und später weiteren industriellen Gütern. Mit dem Ende des Steinkohlenbergbaus wandelte sich seine Funktion. Teile des Hafenbereichs werden heute weiterhin für den Güterumschlag genutzt; zugleich ist das Hafenbecken Bestandteil des als Herner Meer bezeichneten Wasser- und Freizeitraumes.
Lage und Entstehung

Der Hafen liegt am östlichen Ende des Herner Abschnitts des Rhein-Herne-Kanals, unmittelbar westlich der Schleuse Herne-Ost. Das Hafenbecken befindet sich auf der Südseite der oberen Haltung und gehört zum Bereich des sogenannten Herner Meeres. In unmittelbarer Nachbarschaft liegen der Liege- und Sportboothafen sowie der ehemalige Hafen der Zeche König Ludwig.
Die Geschichte des Hafens reicht allerdings weiter zurück als die des heutigen Rhein-Herne-Kanals. Die Zeche Friedrich der Große erhielt bereits 1895 einen eigenen Hafen am damaligen Zweigkanal des Dortmund-Ems-Kanals. Die Stadt Herne nennt für dieses Jahr ausdrücklich die Einweihung eines eigenen Hafens am Stichkanal.[2]
Der Zweigkanal war zwischen 1893 und 1896 als Verbindung vom Schiffshebewerk Henrichenburg nach Herne gebaut worden. Er bildete einen Vorläufer des späteren Rhein-Herne-Kanals. Der Kanal endete ursprünglich im Bereich der Herner Zechenanlagen; damit erhielt die Zeche Friedrich der Große eine direkte Verbindung zum Wasserstraßennetz des Ruhrgebiets und zum Dortmund-Ems-Kanal.[3]
Der Hafen der Zeche Friedrich der Große
Der Bau des Hafens war Teil der umfassenden Modernisierung und Verkehrsanbindung der Zeche Friedrich der Große. Das Bergwerk hatte 1870 mit dem Abteufen von Schacht 1 begonnen und bereits 1874 eine Eisenbahnverbindung zum Bahnhof Herne erhalten. Mit zunehmender Förderung gewann neben der Eisenbahn auch der Wasserweg an Bedeutung.[2]
1895 wurde der Hafen der Schachtanlage 1/2 am Zweigkanal in Betrieb genommen. Er ermöglichte den Abtransport der Kohle auf dem Wasserweg und ergänzte damit den Eisenbahnanschluss des Bergwerks. Die Zeche verfügte später über weitere Anlagen am Kanal: Für die Schachtanlage 3/4 wurde 1915 ein eigener Hafenanschluss beziehungsweise Hafenbereich fertiggestellt.[4]
Die Entwicklung des Hafens muss deshalb im Zusammenhang mit der räumlichen Ausdehnung der Zeche gesehen werden. Aus der zunächst einzelnen Schachtanlage 1/2 entwickelte sich im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts ein ausgedehnter Bergwerkskomplex mit mehreren Schächten, Kokereien, Aufbereitungsanlagen und eigenen Verkehrswegen.
Vom Zweigkanal zum Rhein-Herne-Kanal
Mit dem Bau des Rhein-Herne-Kanals zwischen 1906 und 1914 wurde die Wasserstraßenverbindung grundlegend verändert. Der neue Kanal verband den Duisburg-Ruhrorter Hafenbereich mit dem Dortmund-Ems-Kanal bei Henrichenburg und wurde am 17. Juli 1914 für die Schifffahrt eröffnet.[5]
Der bisherige Zweigkanal blieb zunächst bestehen. Die wirtschaftliche Entwicklung führte jedoch dazu, dass der Abschnitt als eigenständige Wasserstraße zunehmend an Bedeutung verlor. Insbesondere die durch den Bergbau verursachten Bergsenkungen belasteten den Unterhalt des alten Kanals.
Für die Geschichte des Hafens ist zwischen dem älteren Hafen der Schachtanlage 1/2 und dem späteren Hafenbereich bei den Anlagen 3/4 zu unterscheiden. Der alte Hafen am Stichkanal wurde 1938 aufgegeben, nachdem der entsprechende Kanalabschnitt stillgelegt und trockengelegt worden war. Die Stadt Herne dokumentiert die Stilllegung des Stichkanals zum 15. Oktober 1937 und die anschließende Entleerung des Gewässers am 12. Januar 1938.[6]
Der heute als Hafen Friedrich der Große bezeichnete Hafenbereich am Rhein-Herne-Kanal ist daher nicht einfach mit dem 1895 eröffneten alten Hafen der Schachtanlage 1/2 gleichzusetzen. Vielmehr entwickelte sich die Hafeninfrastruktur der Zeche entsprechend den Veränderungen des Kanalnetzes und der räumlichen Entwicklung der Schachtanlagen weiter.
Kohlenumschlag und Werksverkehr

Die Hauptaufgabe des Hafens bestand während der Blütezeit des Steinkohlenbergbaus im Umschlag von Massengütern. Im Mittelpunkt stand die Kohle der Zeche Friedrich der Große. Der Hafen stellte damit einen wichtigen Bestandteil der Transportkette zwischen Schachtanlage, Aufbereitung, Zechenbahn und Wasserstraße dar.
Die Bedeutung des Wasserwegs lag insbesondere darin, große Mengen von Massengütern mit vergleichsweise geringem Energieaufwand zu transportieren. Die Kohle konnte vom Zechengelände beziehungsweise von den Aufbereitungsanlagen zur Kaianlage gebracht und dort auf Binnenschiffe verladen werden.
Der Hafen gehörte damit zu einem Netz von Zechenhäfen, das den Rhein-Herne-Kanal und die übrigen westdeutschen Wasserstraßen während der Hochphase des Ruhrbergbaus prägte. Ein amtliches Bezirks- und Hafenverzeichnis von 1956 führt den Hafen Friedrich der Große als Zechenhafen am Rhein-Herne-Kanal auf; auch Mont Cenis wird in diesem Zusammenhang dem Hafen Friedrich der Große zugeordnet.[7]
Verbindung zur Zeche Mont Cenis
Die Bedeutung des Hafens reichte zeitweise über das eigentliche Bergwerk Friedrich der Große hinaus. 1924 wurde eine Anschlussbahn von der Zeche Mont-Cenis zum Hafen Friedrich der Große gebaut. Damit erhielt Mont Cenis eine direkte Verbindung zum Kanalnetz.[8]
Diese Verbindung gewann insbesondere im Zuge der Rationalisierung des Bergbaus an Bedeutung. Die Zeche Mont Cenis wurde später mit Friedrich der Große betrieblich verbunden. Ab 1973 bildeten beide Bergwerke eine gemeinsame Fördereinheit und Bergwerksdirektion. Die Kohlenförderung wurde schließlich auf Friedrich der Große konzentriert.[2]
Der Hafen war damit Bestandteil einer größeren montanindustriellen Verkehrsinfrastruktur, in der Schiene, Wasserstraße und innerbetriebliche Förderanlagen miteinander verbunden waren.
Bergbau und Strukturwandel

Die wirtschaftliche Grundlage des Hafens veränderte sich grundlegend mit dem Niedergang des Steinkohlenbergbaus. Das Verbundbergwerk Friedrich der Große–Mont Cenis stellte am 31. März 1978 die Kohlenförderung ein. Die Schächte wurden anschließend verfüllt.[2]
Mit dem Ende der Kohlenförderung entfiel die ursprüngliche Hauptfunktion des Zechenhafens. Der Hafen wurde jedoch nicht vollständig bedeutungslos. Das Gelände und die vorhandene Wasserstraßeninfrastruktur konnten für neue industrielle Nutzungen weiterverwendet werden.
Das ehemalige Zechengelände Friedrich der Große wurde schrittweise zu einem Industrie- und Gewerbestandort umgestaltet. Dabei blieb der direkte Zugang zum Rhein-Herne-Kanal ein wichtiger Standortvorteil.
Hafenanlage und heutige Nutzung

Der Hafen Friedrich der Große besitzt heute nicht mehr die Funktion eines klassischen Zechenhafens. Die frühere Verbindung von Zechenbahn und Kaianlage ist weitgehend verschwunden. Ein Gleisanschluss an der Kaimauer bestand noch bis 2008; nach seiner Aufgabe wurden die Gleise entfernt. Die dadurch frei gewordene Fläche wird teilweise als Verkehrs- beziehungsweise Abstellfläche genutzt.
Gleichzeitig konnte der Kanalanschluss für neue industrielle Zwecke erhalten werden. Auf dem östlich angrenzenden Industrieareal hat sich unter anderem ein Stahlhandelsunternehmen angesiedelt. Für den Umschlag stehen überdachte Einrichtungen zur Verfügung, sodass die Wasserstraße auch unter modernen Bedingungen in die betriebliche Logistik einbezogen werden kann.[9]
Damit zeigt der Hafen beispielhaft den Wandel eines klassischen Zechenhafens zu einem industriell genutzten Kanalstandort.
Das Herner Meer
Der Hafen Friedrich der Große liegt heute in einem Bereich, der als Herner Meer bezeichnet wird. Hier erweitert sich die Wasserfläche des Rhein-Herne-Kanals durch den Hafen, den Liegebereich und den Vorhafen der Schleuse Herne-Ost zu einem für die Schifffahrt und den Wassersport bedeutenden Gewässerabschnitt.
Nach dem Ende des Bergbaus haben sich in diesem Bereich auch Wassersportvereine angesiedelt. Der ehemalige Hafen- und Liegebereich der Zeche wird dadurch nicht ausschließlich industriell genutzt, sondern ist Bestandteil eines Nebeneinanders von Güterverkehr, Freizeitnutzung und wassergebundener Infrastruktur.
Die Verbindung von Hafen, Schleuse und Sportboothäfen macht das Herner Meer zu einem charakteristischen Abschnitt des Rhein-Herne-Kanals. Der ehemalige Zechenstandort ist hier besonders deutlich als Teil der heutigen, mehrfach genutzten Kulturlandschaft des Ruhrgebiets erkennbar.
Verkehrsgeschichtliche Bedeutung
Der Hafen Friedrich der Große dokumentiert mehrere Entwicklungsphasen der westdeutschen Verkehrsgeschichte. Seine Geschichte reicht von der frühen Anbindung der Herner Montanindustrie an den Dortmund-Ems-Kanal über die Entstehung des Rhein-Herne-Kanals bis zur heutigen Nutzung der Wasserstraße für Industrie und Freizeit.
Besonders deutlich wird dabei die enge Verbindung zwischen Bergbau, Kanalbau und Eisenbahn. Die Zeche Friedrich der Große verfügte über Eisenbahnanschlüsse, eigene Werksbahnen und Hafenanlagen. Durch die Verbindung dieser Verkehrsträger konnte die Förderung auf unterschiedlichen Wegen zu Abnehmern transportiert werden.
Die Lage des Hafens unmittelbar am Rhein-Herne-Kanal war dabei von erheblicher Bedeutung. Der Kanal verband die Zechenstandorte des östlichen Ruhrgebiets mit dem Rhein und den großen westdeutschen Binnenhäfen. Damit war die Herner Montanindustrie in ein überregionales Wasserstraßennetz eingebunden.
Wandel der Hafenlandschaft
Der Hafen Friedrich der Große steht zugleich für den tiefgreifenden Wandel der Herner Industrielandschaft. Wo früher Kohlenwagen, Zechenlokomotiven, Förderanlagen und Binnenschiffe das Bild bestimmten, treffen heute industrielle Gewerbenutzung, moderne Logistik, Wasserstraßenverkehr und Freizeitnutzung aufeinander.
Ein historisches Bild aus der Mitte des 20. Jahrhunderts dokumentiert den Blick über den Zechenhafen auf die Tagesanlagen von Friedrich der Große 3/4 mit Fördergerüsten, Aufbereitung und Kohlenturm. Das Foto befindet sich heute in der Sammlung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum beziehungsweise des Montanhistorischen Dokumentationszentrums.[10]
Die historische Hafenlandschaft ist damit nicht nur durch erhaltene bauliche Strukturen, sondern auch durch fotografische Quellen überliefert.
Einordnung
Der Hafen Friedrich der Große gehört zu den historischen Hafenanlagen Hernes und ist eng mit der Entwicklung des Rhein-Herne-Kanals verbunden. Seine Entstehung steht exemplarisch für die infrastrukturelle Erschließung des Ruhrgebiets durch Wasserstraßen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Von besonderer Bedeutung ist die Unterscheidung zwischen dem 1895 eröffneten Hafen der Schachtanlage 1/2 am alten Zweigkanal und dem späteren Hafenbereich der Anlagen 3/4 am Rhein-Herne-Kanal. Die Entwicklung beider Anlagen verdeutlicht, wie stark die Kanal- und Hafenlandschaft durch Bergsenkungen, den Ausbau des Wasserstraßennetzes und die Veränderungen der Zechenorganisation beeinflusst wurde.
Heute erinnert der Hafen Friedrich der Große an die montanindustrielle Vergangenheit Horsthausens und zugleich an die fortdauernde Bedeutung des Rhein-Herne-Kanals als Verkehrs- und Wirtschaftsweg. Seine heutige Einbindung in das Herner Meer macht ihn darüber hinaus zu einem anschaulichen Beispiel für den Funktionswandel ehemaliger Industriestandorte im Ruhrgebiet.
Literatur und Quellen
- Stadt Herne: Zeche Friedrich der Große. Stadtgeschichte und Bergbaugeschichte.
- Stadt Herne: Zeche Mont-Cenis. Stadtgeschichte und Informationen zur ehemaligen Zeche.
- Manfred Hildebrandt, Ralf Frensel, Jeannette Bodeux, Franz Heiserholt: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne, Band 1, Herne 1997.
- Ralf Piorr (Hg.): Vor Ort. Geschichte und Bedeutung des Bergbaus in Herne und Wanne-Eickel. Herne 2010.
- Bezirks- und Hafenverzeichnis 1956. Statistische Bibliothek des Bundes und der Länder.
- Deutsches Bergbau-Museum Bochum / Montanhistorisches Dokumentationszentrum: Fotosammlung, Zeche Friedrich der Große 3/4, Herne, Inventarnummer 024900330001.
Lesen Sie auch
- Rhein-Herne-Kanal (← Links)
- Hafen König Ludwig (← Links)
- Hafen Julia (← Links)
- Hafen Friedrich der Große 1/2 (← Links)
Quellen
- ↑ https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Herner_Meer_und_alte_Schleusengruppe_Herne-Ost-Rhein-Herne-Kanal_1965_-_1970_HBdia01777.jpg%7CHerner_Meer_und_alte_Schleusengruppe_Herne-Ost-Rhein-Herne-Kanal_1965_-_1970_HBdia01777
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Stadt Herne: Zeche Friedrich der Große, Stadtgeschichte, online abrufbar über das Stadtportal Herne.
- ↑ Manfred Hildebrandt, Ralf Frensel, Jeannette Bodeux, Franz Heiserholt: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne, Band 1, Herne 1997, S. 394 f.
- ↑ Stadt Herne: Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen, Stichwort Friedrich der Große, Anlage zu den Straßenbenennungen; vgl. auch die Darstellung zur Zeche Friedrich der Große.
- ↑ Vgl. zur Geschichte des Rhein-Herne-Kanals die einschlägigen Veröffentlichungen der Wasserstraßenverwaltung sowie die Darstellung des Kanalverlaufs.
- ↑ Manfred Hildebrandt u. a.: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße, Herne 1997, S. 394–395.
- ↑ Bezirks- und Hafenverzeichnis 1956, Statistische Bibliothek des Bundes und der Länder, Abschnitt Rhein-Herne-Kanal, S. 106.
- ↑ Stadt Herne: Zeche Mont-Cenis, Stadtgeschichte und Informationen zur ehemaligen Zeche.
- ↑ Vgl. die Beschreibung des Hafens Friedrich der Große und des angrenzenden Industrieareals in der Bestandsdarstellung des Rhein-Herne-Kanals.
- ↑ Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Montanhistorisches Dokumentationszentrum: Zeche Friedrich der Große 3/4, Herne, Fotografie von Josef Stoffels, Inventarnummer 024900330001, entstanden vermutlich 1950–1960.
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