Hernes Veranlagung zur Türkensteuer 1542 (Reiners 1935)

Dr. Leo Reiners veröffentlichte am 27. April 1935 diesen wichtigen Artikel im Herner Anzeiger.[1]
Hernes Veranlagung zur Türkensteuer 1542
Eine Fundgrube für die Familienforschung.
Bisher waren als Grundlage für den Nachweis der Ortsansässigkeit der alten Herner Familien das Märkische Schatzbuch von 1486 und die Feuerstättenliste des Amtes Bochum von 1664 bekannt. An die Stelle der Feuerstättenliste trat für den Teil Hernes, der das ehemalige Amt Sodingen umfaßt, das Landprotokoll des Gerichts Castrop, das den Stand vom Jahre 1675 angibt und vor einiger Zeit vom Herner Heimatmuseum aus Privatbesitz erworben wurde. Nun sind aber die meisten alten Herner Familien im Schatzbuch von 1486 noch nicht erwähnt ooer zum minbesten nicht erkennbar, da z. B. öfter nur Vornamen verzeichnet sind. De Kirchenbücher gehen auch nicht über die Zeit der Feuerstättenliste hinaus. Wenigstens die Herner Kirchenbücher beginnen erst 1683, während die Castroper allerdings erheblich weiter zurückgehen. Wenn man noch berücksichtigt, daß der Feuerstättenliste eine Steuermatrikel von 1654 eingefügt ist, so kann bei den Familien, bei denen der Betrag dieser Matrikel vermerkt ist und die im Märkischen Schatzbuch nicht verzeichnet stehen, im allgemeinen höchstens bis 1654 zurückgegangen werden. Daher klaffte bisher zwischen den Verzeichnissen von 1486 und 1664 bzw. 1675 eine erhebliche Lücke. Diese können wir heute durch eine Liste aus dem Jahre 1542 ausfüllen. Sie ist bisher (abgesehen von kleinen Teilen) noch nicht veröffentlicht. Es handelt sich um eine Akte, die die Veranlagung der Bewohner des Oberund Niederamtes Bochum und des Gerichtes Castrop zur Türkensteuer enthält.
Sie befindet sich im Archiv des Hauses Bodelschwingh, das im Stadtarchiv zu Dortmund deponiert ist.[2] Bekanntlich war Soliman im Jahre 1529 von Konstantinopel aus bis vor die Tore Wiens gekommen und hatte die Stadt in mehreren Stürmen zu erobern gesucht. Vor einem Entsatzheere war er aber schließlich zurückgewichen. Daß damit die Türkengefahr nicht gebannt war, erkannte auch Kaiser Karl V. Deshalb schrieb er eine Türkensteuer aus, mit der er den Kampf fortzusetzen gedachte. Mit der Erhebung dieser Steuer beschäftigt sich die Bodelschwinghsche Liste.(Interessanterweise verdankt auch die Feuerstättenliste von 1664 einer Türkensteuer ihr Entstehen. Damals verlangte der Große Kurfürst von den klevisch=märkischen Ständen die Aufbringung einer Steuer als Subsidium für eine Reichsaktion gegen die Türken, die trotzdem 1683 erneut bis Wien kamen. Damals wurde die Zahl der Feuerstätten zur Unterlage der Besteuerung gewählt.)
Die Bodelschwinghsche Türkensteuerakte trägt folgende Aufschrift: „Deß Over Undt Neder Ambiß Bochem Ingesetten (die Eßenschen Stichtshoven Uitgescheden) Turckenstuir Anno XLII Verwilliget umb den IVd. septembris Verordent". Daß die Jahres zahl 42 das Jahr 1542 bezeichnen will, wird bestätigt durch eine spätere Notiz auf der Rückseite der Akte, die lautet: „Türckensteür 1542“. Schon aus der Aufschrift geht hervor, daß nicht alle Eingesessenen des Ober= und Niederamts Bochum verzeichnet sind, denn die Essenschen Stiftshöfe sind ausdrücklich ausgenommen. Das wären für Herne Kremer, Masthoff, Papelmann, Westerbusch und Hubbert. Papelmann sowie ein Kremer und Hupert sind aber trotzdem aufgeführt.
Auch sind Namen nicht zu finden, die schon im Märkischen Schatzbuch vorkamen und in den Listen von 1664 bzw. 1675 erneut verzeichnet sind (z. B. Koppenberg). Die Türkensteuerliste kann also auf restlose Vollständigkeit keinen Anspruch erheben. Dennoch ist sie für die Heimat= und Familiengeschichtsforschung überaus wertvoll, denn sie weist sehr viele Familien, die bisher nur bis höchstens 1654 (Matrikel) feststanden, bis 1542 nach, d. h. über 100 Jahre weiter zurück. Wir kommen dabei nicht nur in die Zeit vor dem Dreißig=jährigen Kriege, sondern sogar in die Zeit vor der Einführung der Reformation in Herne, die erst 1561 begann. Gleichzeitig läßt sich aus der Höhe der Steuerveranlagung — die Steuer wird sich nach der Größe des Grundbesitzes gerichtet haben—, der Freistellung von der Steuer wegen Armut und der Unterscheidung von „Hovener“ u. „Kotter“ ein Schluß auf die wirtschaftliche Stellung der damaligen Eingesessenen tun. Bei der Bezeichnung der Steuerschuld bedeutet g Goldgulden, ort ist eine Münze, die ein Viertel bezeichnet, also hier gleich einem Viertelgulden.
Die Steuerschuldner
Herne
| Die Schmeet | 1 g | Schon 1486 war ein Jan Smydk (unfer Sodingen) verzeichnet, es handelt sich hier um (Frau) Schmidt-Sodingen. |
| Die Voß | 1 1/2 g | Wohl Voß am Gysenberge, 1486 waren schon Thabe Voß und Evert Voß unter Herne und Henrich Voß unter Sodingen aufgeführt |
| Schulte to Soinghe | 1 1/2 g | Schulte-Sodingen ist auch schon 1486 erwähnt. |
| Wosthoff | 2 g | Weusthoff ist auch 1486 schon genannt. |
| Wißman | 1 g | Wiesmann dürfte identisch sein mit Hermann oder Lambert up der Wyesch, die 1486 erwähnt sind. |
| Rutger im Sehrbroike | 2 1/2 g | Sehrbruch an der Wiescherstraße steht im Märkischen Schatzbuch noch nicht verzeichnet. |
| Die Clusener | 1 g | Bereits 1486 erwähnt. |
| Johan Dongelman | 1 1/2 g | desgl. |
| Tabe to Overkamp | 2 g 1 ort | desgl. |
| Bergelman | 3 g | desgl. (als Berthelman) |
| Senghoff | 1 g 1 ort | desgl. |
| Johan Flege | 1/2 g | desgl., sofern Flege mit Johan op den Vlyegen identisch ist. |
| Rensinghoff | nicht | desgl. |
| Sleinckhoff | 1 1/2 g | desgl. |
| Vortman | 1/2 g | desgl. |
| Breylman | 1 1/2 g | desgl., sofern Arnt Keylman nur ein Schreib- oder Lesefehler ist. |
| Johan to Overkamp | 1 g 1 ort | desgl. |
| Kottere | ||
| Die Jäger | 1 ort | bisher erst für 1654 nachgewiesen. |
| Johan in den Aldenhoven | 1 ort | ? |
| Tabe in den Aldenhoven | arm | ? |
| Althoff | 1 ort | bisher erst für 1654 erwähnt. |
| Herse | 1/2 g | als Johan van Hessen bereits 1486 genannt. |
| Cordt Flege | 1 ort | dieser zweite Fleige ist nicht identifizierbar. |
| Slingerman | 1 g | bisher erst für 1654 nachweisbar. |
| Marckman | 1/2 g | ebenfalls. |
| Dyrich Up tem Kampe | 1/2 g | ? |
| Herman Möller | 1 ort | Wischer Moller? 1664 |
| Johan Boicker | 1/2 g | bish. erst für 1654 genannt. |
| Hotte Schomecker | 1 ort | 1486 waren ein Diederich und ein Jan Schomecker erwähnt. |
| Bonenkamp | arm | bisher erst 1654 nachweisbar |
| Gerf Kortnacke | arm | ebenfalls |
| Hinrich Flege | 1 ort | Fleigenschmidt? bisher 1654 genannt. |
| Henneken Banck | arm | ? |
| Die Gruiter | 1 ort | bisher erst für 1654 aufgeführt. |
| Johan Schacht | 1 ort | 1486 war schon ein Henrik Coster Schacht erwähnt, 1664 nicht mehr. |
| Jasper Cremer | 1 ort | 1486 war schon Styne Kremers genannt. |
| Herentrey | 1 g | bish. erst für 1654 erwähnt |
| Hotte Wißman | 1 ort | f. ob.: up der Wyesch 1486 |
| Johan Mum | 1 ort | bish. erst für 1654 bekannt |
| Johan Worsthoff | 1 ort | offenbar ein zweiter Weusthoff. |
| Die Schroer up ten Kerckhove | 1/2 g | ? |
Bauckaw (Baukau)
| Hoveners | ||
| Arndt | 1/2 g | bisher erst für 1654 nachgewiesen. |
| Westerwort | 1 g | desgl., sofern nicht der 1351 erwähnte Knappe der Strünkeder, Worsterwort dieselbe Familie bezeichnet. |
| Lambert Papelman | 1 g | als Paepelenberg 1486 erwähnt. |
| Rutger Lackman | 1/2 g | bisher erst für 1654 nachgewiesen. |
| Johan to Baukau | 1/2 g | Das Märkische Schatzbuch nennt 1486 einen Gerwyn, Henrich und Derick to Boickau. |
| Herman Troßken | 1 g | bisher erst für 1654 nachgewiesen. |
| Telman Gruiter | 1/2 g | ebenfalls. |
| Kolckman | 1 g | schon 1486 erwähnt. |
| Kottere | ||
| Johan im Leimbrincke | 1 ort | bisher erst für 1654 nachgewiesen. |
| Lambert Leichtape | 1 g | ebenfalls. |
| Backhuiß | 1 ort | ?. |
| Kortebuiß | 1 ort | bisher erst für 1654 nachgewiesen. |
| Herman Hangar | arm | ebenfalls (Hangohr). |
| Kerstken Knoip | 1 ort | ebenfalls. |
| Drugekamp | 3 ort | ebenfalls. |
| Knoip Up ter Boickmolen | 1/2 g | ?. |
| Herman im Haßell | arm | als Hasselmann 1654. |
| Arndt Baukau | 1 ort | ? f. ob. über „to Boickau“. |
| Wezell im Hulzhove | arm | 1486 ist schon ein Jan Hulshoff erwähnt. |
| Knopken | arm | ?. |
| De wever | arm | ?. |
| Hinrich Tuselman | arm | bisher erst für 1654 nachgewiesen. |
| Merthen im Haverkampe | arm | bereits 1486 ist ein Gert op den Haverfelde erwähnt. |
| Dirich achter dem Hagen | arm | ?. |
| Hinrich von eir | 1 ort | ?. |
Horsthusen
| Arnt up dem Bramkamp | 1/2 g | ? |
| Trymbuß | 3 ort | 1675 im Landprotokoll unter Sodingen aufgeführt. |
| Eisterneft | 1/2 g | bisher erst 1675 nachgewiesen. |
| Plarsol (?) | 1 ort | ? |
| Kolman | 1/2 g | ? |
| Punge | 1/2 g | bisher erst 1675 nachgewiesen. |
| Herman Honig | 1 ort | ? |
| Sutkamp | 1 g | 1675 |
| Schult in der Lankwort | 1 1/2 g 1 ort | 1486 als Schult in der Lanckwert genannt. |
| Hinrich von Olffen | 1 ort | ? |
| Dirich up dem Roe | 1 ort | ? |
| Johan Honich | 1 ort | ? |
Soyngen (Sodingen)
| Schult to Alstede | 2 g | 1675 genannt. |
| Ulenbrok | 2 g | als Schult in d. Ulenbr(ok) schon 1486 erwähnt. |
| Johan to Alstede | 1 1/2 g | 1675 genannt. |
| Schult tem Gisenberge | 2 g | schon 1486 erwähnt. |
| Molner | 1 g | wohl der Gysenberger Müller. |
| Stam Von Ekell | 3 g | ?. |
| Weßell Kranenbg | 2 g | 1675 ist Kranenberg unter Holthausen erwähnt. |
| Hinrich Menge | 1 ort | ?. |
| Wittenbergh | 1 ort | 1675 seltsamerweise nicht genannt. |
| Johan Kordes | 1 ort | 1675 Cordt. |
Bornyk (Börnig)
| Hinrich up dem Hove | 1 g | 1486 ist schon ein Jan uppen Have erwähnt, 1675 Hoffmann? |
| Die Beemer | 2 g | schon 1486 aufgeführt |
| Sehrbrock | 1 1/2 g | desgl. |
| Johan Baeck | 1 g | bisher erst 1675 Baackh bekannt. |
| Evert Sondagh | 1 g | schon 1486 erwähnt |
| Tynneman | 1/2 g | bisher erst 1675 genannt. |
| Herentrey | 1 1/2 g | desgl. |
| Weßell to Velwigh | 1 1/2 g | 1486 sind ein Bernt van Velaick und ein Wilhem to Velaick aufgeführt. |
| Johan Wever | 1 g | 1675 als Weffer genannt |
| Hinrich up der Bornehove | 1 ort | ? |
| Hinrich Wert | 1/2 g | 1675 als Wirth |
| Gulcker | 1/2 g | 1675 |
| Vortman | 1/2 g |
Holthusen
| Name | Steuer | Bemerkungen |
|---|---|---|
| Hieronymus Schult | 3 g | schon 1486 als Schult von Holthusen erwähnt (= Schulte-Oestrich). |
| Heerman | 1 g | 1486 als Heiderman (= Heiermann zu Börsinghausen?) erwähnt. Die Katasturkarte von 1827 enthält Heermann zu Börsinghausen. |
| Rotger Lowtgh | 1 1/2 g | 1486 als Loedwich aufgeführt. |
| Tilman Up der Twenelhove | 1 g | = Twiff 1673 (oder Tillmann). |
| Dirich Herman | 1/2 g | = Heiermann zu Oestrich?. |
| Lambert Bukman | 1 g | 1675 Böckhmann. |
| Rotger Riße | 1 g | 1675 Risse. |
| Hinrich Honich | 3 ort | 1675 Honnink = Honicke, den 1505 die Werdener Urbare erwähnen. |
| Arnt Ekman | 2 g | schon 1486 ist ein Herman Bickman (wohl Schreib- oder Lesefehler für Eickman) genannt. |
| Hinrich Ekman | 2 g | schon 1486 ist ein Herman Bickman (wohl Schreib- oder Lesefehler für Eickman) genannt. |
| Rotger Tuerich | 2 1/2 g | bisher erst 1675 bekannt. |
| Merten im Grasenkamp | 3 ort | 1675 Graskamp. |
| Herman Tap | 1 1/2 g | schon 1486 wurden 2 Tap erwähnt. |
| Hinrich Nierhoff | 1 g | bisher erst 1675 bekannt. |
| Wenemar Bucht | 1 g | desgl.. |
| Merten Lukman | 1 g | 1675 Löckmann. |
| Rotger Strombergh | 2 g | schon 1486 aufgeführt. |
| Rotger Kreienbergh | 1 ort | desgl. (als Krayenberg). Kranenberg steht in der Türkensteuerliste unt. Sodingen, 1675 unter Holthausen. |
| Johan Strombg | 1/2 g | 1486 ist nur 1 Stromberg aufgeführt (f. ob.). |
| Alef Hupert | 3 ort | schon 1486 als Hubert gen.. |
| Hinrich in der Schuren | 1 ort |
Poppinckhusen (Pöppinghausen)
| Johan to Wenkeng | 3 g | ? |
| Hulß fr. | 2 g | = Hulßman 1486? |
| Dirich Sondagh | 1/2 g | 1675 |
| Dorman | 1/2 g | 1675 Dohmer ? |
| Schult | 2 g | als Schult von Poppinckhusen schon 1486 aufgeführt. |
| Panterynk | 1/2 g | im Märk. Schatzbuch noch nicht enthalten, aber aus der Strünkeder Geschichte für 1528 nachgewiesen. |
| Gestman | 1/2 g | bisher erst aus 1675 bekannt. |
| Leußhacke | 1/2 g | 1486 als Loenshaiche erwähnt. |
| Bramkamp | 1 ort | ? |
Die genauere Nachweisung der Höfe und Kotten in dieser Türkensteuerliste aus der Zeit vor rd. 400 Jahren, die übrigens die Ausstrahlung der Weltgeschichte bis in unser stilles Herne erkennen läßt, werden wir, soweit möglich, noch vornehmen. Dr. L. Reiners.
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Quellen
- ↑ https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21295366
- ↑ Stadtarchiv Dortmund - 310 A-E / Haus Bodelschwingh
