Flottmann-Hallen

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
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Die Flottmann-Hallen in Herne sind ein bedeutendes Industriedenkmal des Ruhrgebiets und heute ein überregional bekanntes Kultur- und Veranstaltungszentrum. Die denkmalgeschützte Anlage an der Straße des Bohrhammers entstand zwischen 1908 und 1909 als repräsentativer Teil der Produktionsstätten der Flottmann-Werke AG, eines der wichtigsten Bergbauzulieferunternehmen Deutschlands. Die erhaltenen Hallen zählen zu den herausragenden Beispielen der vom Jugendstil beeinflussten Reformarchitektur im Ruhrgebiet und dokumentieren zugleich die industrielle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Hernes im 20. Jahrhundert.

Flottmann-Hallen
Frank Vincentz 2011[1]
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Erbaut1908
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Auch bekannt alsFlottis
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Vorgeschichte


Die Geschichte der Flottmann-Hallen ist untrennbar mit der Geschichte der Flottmann-Werke verbunden. Das Unternehmen geht auf Friedrich Heinrich Flottmann zurück, der 1869 in Bochum einen metallverarbeitenden Betrieb gründete. Nach seinem Tod führte die Familie das Unternehmen weiter. Entscheidende Bedeutung gewann die Firma durch die Entwicklung des Druckluft-Bohrhammers, für den Otto Heinrich Flottmann 1904 ein Patent erhielt. Diese Erfindung revolutionierte die Arbeitsweise im Bergbau und trug wesentlich zur Mechanisierung der Kohlegewinnung bei.

Bereits 1902 war das Bochumer Werk durch einen Großbrand schwer beschädigt worden. Die Unternehmensleitung entschied sich daraufhin für eine Verlagerung nach Herne. Ausschlaggebend waren die guten Verkehrsanbindungen, ausreichende Erweiterungsflächen sowie die Unterstützung durch die Stadtverwaltung. Noch im selben Jahr begann auf einem zuvor weitgehend unbebauten Gelände an der damaligen Flottmannstraße die Produktion.

Bau der Werksanlagen

Mit dem rasanten Wachstum des Unternehmens entstand zwischen 1908 und 1909 ein repräsentativer Neubaukomplex. Die Dortmunder Architekten Georg Schmidtmann (1851-1913)[2] und Julius Klemp (1856-1925) entwarfen Schmiede, Schlosserei sowie Ausstellungs- und Versandhalle in einer modernen Reformarchitektur mit deutlichen Jugendstileinflüssen. Die Gebäude zeichneten sich durch helle Produktionsräume, großzügige Fensterflächen und für damalige Verhältnisse fortschrittliche Arbeitsbedingungen aus.

Die Anlage galt als Musterbetrieb ihrer Zeit. Während in vielen Industriebetrieben noch zwölfstündige Arbeitstage üblich waren, arbeiteten die Beschäftigten bei Flottmann bereits in kürzeren Schichten. Die Architektur sollte nicht nur funktionalen Anforderungen genügen, sondern auch den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens sichtbar machen.

Ein besonderes Wahrzeichen wurde das kunstvoll gestaltete Jugendstil-Werkstor. Das schmiedeeiserne Tor war ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen worden und wurde von Otto Heinrich Flottmann erworben. Es entwickelte sich zu einem markanten Symbol des Unternehmens und gehört heute zu den bekanntesten Einzelobjekten auf dem Gelände.

-> Flottmann-Tor

Die Flottmann-Werke als Motor der Industrialisierung Hernes

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich Flottmann zu einem der bedeutendsten Arbeitgeber Hernes. Die Nachfrage nach Druckluft-Bohrhämmern und anderen Maschinen für den Bergbau stieg kontinuierlich. Bereits vor 1914 beschäftigte das Unternehmen rund 1.000 Mitarbeiter und unterhielt internationale Niederlassungen, unter anderem in Südafrika. Herne erhielt in dieser Zeit den Beinamen „Stadt der Bohrhämmer“.

Während der 1920er Jahre expandierte das Unternehmen weiter. Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, der Erwerb von Konkurrenzunternehmen sowie die Erschließung neuer Absatzmärkte im Straßen-, Eisenbahn- und Bauwesen stärkten die wirtschaftliche Stellung der Firma. Kurz vor der Weltwirtschaftskrise arbeiteten mehr als 1.500 Menschen im Werk.

Die Flottmann-Werke prägten nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Stadtbild. Rund um die Fabrik entstanden Arbeiterwohnungen und soziale Einrichtungen. Das Unternehmen gehörte zu den prägenden Industriebetrieben der jungen Stadt Herne.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Die Geschichte der Flottmann-Werke ist auch mit den politischen Entwicklungen der NS-Zeit verbunden. Unternehmensleiter Otto Heinrich Flottmann bekannte sich bereits früh zur nationalsozialistischen Bewegung und profitierte später von seiner Nähe zum Regime. Das Unternehmen erhielt Aufträge im Rahmen staatlicher Bau- und Rüstungsprogramme.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden zahlreiche Beschäftigte zum Kriegsdienst eingezogen. Ihr Ausfall wurde teilweise durch Zwangsarbeiter ersetzt. Auf dem Werksgelände entstand ein Barackenlager für mehrere hundert Menschen, die unter schwierigen Bedingungen leben und arbeiten mussten. Die Aufarbeitung dieses Kapitels erfolgte erst Jahrzehnte später.

Obwohl das Werksgelände gegen Ende des Krieges von Bomben getroffen wurde, blieben wesentliche Teile der Anlage erhalten. Nach dem Kriegsende drohte zunächst die Demontage des Werkes durch die britische Besatzungsmacht. Diese konnte jedoch verhindert werden, sodass die Produktion wieder aufgenommen werden konnte.

Nachkriegszeit und Niedergang

In den Jahren des Wiederaufbaus profitierte Flottmann vom hohen Bedarf der Kohle- und Stahlindustrie. Das Unternehmen erweiterte sein Sortiment um Kompressoren und weitere Drucklufttechnik. Die wirtschaftliche Entwicklung blieb zunächst positiv.

Mit der einsetzenden Bergbaukrise geriet das Unternehmen jedoch zunehmend unter Druck. Die Nachfrage nach klassischer Bergbautechnik ging zurück, neue Geschäftsfelder konnten nicht in ausreichendem Umfang erschlossen werden. Während Flottmann 1969 noch sein hundertjähriges Firmenjubiläum feierte, verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation in den folgenden Jahren erheblich.

Mitte der 1970er Jahre befand sich das Unternehmen in einer existenzbedrohenden Krise. Die Zahl der Beschäftigten sank drastisch. Nach mehreren erfolglosen Rettungsversuchen wurde die Produktion am historischen Standort schließlich 1983 eingestellt. Damit endete nach mehr als acht Jahrzehnten die industrielle Nutzung des Geländes.

Rettung des Industriedenkmals

Bereits 1980 hatte die Stadt Herne das Werksgelände erworben. Nach der Stilllegung plante man zunächst den vollständigen Abriss der Fabrikanlagen. Lediglich die wirtschaftlichen Folgen und die hohen Unterhaltungskosten schienen gegen eine Erhaltung zu sprechen. Die Abrissarbeiten waren teilweise bereits vorbereitet.

Durch den Einsatz von Denkmalpflegern, Lokalpolitikern und schließlich auch des nordrhein-westfälischen Stadtentwicklungsministeriums konnten die wichtigsten Gebäude jedoch gerettet werden. Die Ausstellungs- und Versandhalle, die Schmiede und die Schlosserei wurden als denkmalwürdig eingestuft und unter Schutz gestellt. Damit blieb ein seltenes Zeugnis früher Industriearchitektur des Ruhrgebiets erhalten.

Umwandlung zum Kulturzentrum

1985 beschloss der Rat der Stadt Herne, die erhaltenen Hallen als öffentliche Freizeit-, Kultur- und Begegnungsstätte zu nutzen. Nach Umbau- und Sanierungsmaßnahmen wurden die Flottmann-Hallen im Oktober 1986 offiziell eröffnet. Kunst, Theater, Musik und Sport hielten Einzug in die ehemaligen Produktionsräume.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich die Flottmann-Hallen zu einem festen Bestandteil der Kulturlandschaft des Ruhrgebiets. Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, Theaterproduktionen, Tanzveranstaltungen, Konzerte, Kabarettprogramme und Festivals prägen seitdem das Profil des Hauses. Auch die Ruhrtriennale nutzte die Hallen mehrfach als Veranstaltungsort.

Besondere Bekanntheit erlangte die Anlage zudem als Fernsehproduktionsort. Zwischen 1997 und 2000 wurden hier zahlreiche Folgen der WDR-Talkshow „Mittwochs mit …“ aufgezeichnet.

Das Gelände heute

Nach einer Bodensanierung entstand 2008–2010 auf dem ehemaligen Fabrikgelände ein Naherholungspark.[3] Zwischen 2008 und 2010 wurde das ehemalige Werksgelände umfassend umgestaltet. Auch entstand im nun parkähnlichen Außengelände ein Skulpturenpark. Hier sind Arbeiten von Heinrich Brockmeier (Zeit des Schweigens), Peter Schwickerath (Stahlschitt), Reiner Seliger (sesto) und Andreas Bee (Homburger) zu sehen. Neben dem Haupteingang ist eine von Thomas Baumgärtel in Pochoir-Technik gesprayte Banane zu finden. Gleichzeitig kehrte das restaurierte historische Flottmann-Tor auf das Areal zurück und wurde unter einer schützenden Konstruktion wieder aufgestellt.

Heute sind die Flottmann-Hallen Bestandteil der Route der Industriekultur und zählen zu den wichtigsten Kulturstandorten Hernes. Sie verbinden die Erinnerung an die industrielle Vergangenheit der Stadt mit einer zeitgenössischen Nutzung als Ort für Kunst, Kultur und Begegnung. Die erhaltenen Gebäude dokumentieren zugleich die Geschichte eines Unternehmens, das über Jahrzehnte hinweg die wirtschaftliche Entwicklung Hernes entscheidend geprägt hat.

Der Rat der Stadt Herne hat am 15. Oktober 2013 auf Vorschlag der Verwaltung alle in der Nazi-Zeit von den Städten Herne und Wanne-Eickel verliehenen Ehrenbürgerschaften in einem „symbolisch-politischen Akt” einstimmig aberkannt. So auch die Ehrenbürgerschaft Otto Heinrich Flottmanns. Anlass war die NS-Vergangenheit des Unternehmers.

Ziel der Stadt Herne sei es nicht, betont der damalige Oberbürgermeister Horst Schiereck, Stadtgeschichte von unbequemen Fakten zu bereinigen und damit die Flottmann-Hallen womöglich umbenennen zu wollen. Ziel sei es aber, sich mit der Stadtgeschichte „noch stärker als bisher öffentlich auseinanderzusetzen”. Die Verbindung der Flottman-Hallen zum Nationalsozialismus wurde durch eine Gedenktafel sowie in einer Dauerausstellung in der Kultureinrichtung sichtbar gemacht.[5] [6] [7]

Bilder

DENKMAL NR. 2

  • Flottmannwerke; ehem. Werkshallen
  • Flottmannstraße, Herne Mitte
  • Erbaut: 1908/1909
  • Architektur: Schmidtmann & Kley
  • Details: Es handelt sich um einen Teilkomplex der ehemaligen Werksanlagen der Maschinen-Fabrik Flottmann, eine Gruppe von fünf nebeneinander liegenden, gleichlangen Hallenbauten.
    Die ehem. Werkshallen sind mit ihrer Jugendstil-Gestaltung von hervorragendem künstlerischem Wert. Besonders hervorzuheben ist das schmiedeeiserne Jugendstil-Werkstor, das sich von 1905 bis 1967 ursprünglich als Haupttor an der Flottmannstraße befand. Das Tor befindet sich nach erfolgter Restaurierung heute zwischen den Flottmannhallen und den Parkplätzen. Die Werkshallen und das Flottmanntor stellen ein wichtiges Zeugnis für die Entwicklungsgeschichte der Arbeits- und Produktionsverhältnisse sowie der Geschichte des Fabrikbaus am Anfang des 20. Jahrhunderts dar.

Ausstellungen in den Flottmann-Hallen

Dauerausstellungen

Flottmann – Eine Geschichte des Reviers

Seit 2015 wird im Foyer der Flottmann-Hallen eine Dauerausstellung zur Geschichte der Flottmann-Werke, ihres Gründers Heinrich Flottmann und der Industrialisierung Hernes gezeigt. Die Ausstellung wurde von Ralf Piorr konzipiert.

Sonder- und Kunstausstellungen

1995

2010

  • Wasser – Ausstellung des Herner Künstlerbundes

2011

  • returning to the surface – Yvonne Kendall und Henning Eichinger
  • Die Sammlung Gunhild Söhn

2012

  • 2. Europäische Jugendkunstausstellung

2013/2014

  • Ornamental Structures (Kooperation mit der Städtischen Galerie Herne)

2014

  • Bernd Damke – Gemälde aus 30 Jahren
  • 3. Europäische Jugendkunstausstellung

2015

  • 1 + 1 = zweierlei – Peter Könitz und Hermann EsRichter
  • Ausstellung von Peter Schwickerath und Norbert Thomas

2016/2017

  • Mit den Augen denken – Retrospektive des Bildhauers Rudolf Knubel

2017

  • Konstruktion – Zeichen – Erzählung – Hans Joachim Albrecht und Petra Ellert
  • Wahrhafte Unterstellungen – Künstlerische Forschung des YoungLab der TU Dortmund
  • Die Kraft der reinen, ungemischten Farbe – Thomas P. Kausel

2018

  • Holz und Kohle – David Nash
  • roundabout about round – Inge Gutbrod

2019

  • KUR – Julia Arztmann und Sylvie Hauptvogel
  • DUO – Skulpturen und Objekte
  • Gemeinsam sind wir zwei – Annette Wimmershoff und Hanns Armborst
  • Zwischen Staunen und Entsetzen – Jürgen Grislawski

2020

  • Transparenz und Dichte – Westdeutscher Künstlerbund
  • SALIGIA – Die sieben Todsünden

2021

  • setzen stellen legen – Matthias Stuchtey und Franziska Reinbothe
  • Les amis

2022

  • sichtbar bleiben
  • [CUFH] – Nicola Schrudde

2022/2023

  • Arena – Reiner Seliger

2023

  • Spuren
  • RaumWechsel

2024

  • Islands within the Net – Von Unterflurwarten und Erdfunkstellen – Peter Behrbohm

2025

  • Form und Fassung – Jáchym Fleig und Armin Hartenstein

2025/2026

  • Anders als daheim – Yevgeniya Safronova und Petra Deta Weidemann

2026

  • REFLECTIONS – Rita Rohlfing

Regelmäßige Ausstellungsformate

  • Kuboshow Kunstmesse
  • Ausstellungen des Herner Künstlerbundes
  • Ausstellungen des Westdeutschen Künstlerbundes
  • Europäische Jugendkunstausstellungen
  • Hochschul- und Akademieprojekte
  • Skulpturenpark-Projekte auf dem Außengelände
  • Ausstellungen im Rahmen von RUHR.2010
  • Kunstprojekte der Ruhrtriennale

Weblinks

Literatur

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Einzelnachweise