Monument auf dem jüdischen Friedhof in Baukau

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Das Monument auf dem jüdischen Friedhof in Baukau ist eine Gedenkstätte auf dem Jüdischer Friedhof am Hoverskamp im Herner Stadtteil Baukau. Das Monument erinnert an die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgten und ermordeten jüdischen Menschen aus Herne.

Besonders ist die Entstehungsgeschichte des Monuments: Es besteht aus den Steinen des ersten Herner Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus, das am 11. September 1949 auf dem Neumarkt errichtet worden war. Nachdem dieses Denkmal 1959 im Zuge der Umgestaltung des Neumarktes abgebrochen worden war, stellte die Stadt Herne das Material der jüdischen Gemeinde zur Verfügung. Auf dem jüdischen Friedhof wurde daraus eine neue Gedenkstätte errichtet. Die ursprüngliche Gedenkinschrift wurde dabei durch eine ausdrücklich auf die jüdischen Opfer bezogene Inschrift ersetzt.

Das erste Mahnmal auf dem Neumarkt

Das Denkmal an der Schaeferstraße

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstand in Herne frühzeitig der Wunsch nach einem öffentlichen Erinnerungsort für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Am 11. September 1949 wurde auf dem Neumarkt zur Schaeferstraße hin ein von der Stadt Herne errichtetes Mahnmal eingeweiht. Die Enthüllung erfolgte durch Oberbürgermeister Josef Walter in Anwesenheit des britischen Stadtkommandanten Major Hardy.

Das Denkmal bestand aus einem steinernen Bruchsteinsockel mit einer Bronzetafel und einer darüber angebrachten bronzenen Opferschale. Die Gedenktafel trug die Inschrift:

„Die Toten mahnen die Lebenden.
Ehre den Kämpfern gegen Tyrannei
1933–1945“

Das Mahnmal war allgemein den Opfern des nationalsozialistischen Regimes und den Menschen gewidmet, die gegen die nationalsozialistische Herrschaft gekämpft hatten.

Abbruch des Neumarkt-Mahnmals

Bereits zehn Jahre nach seiner Errichtung wurde das Mahnmal wieder entfernt. Anfang März 1959 wurde der Neumarkt im Zusammenhang mit der Errichtung eines Parkplatzes umgestaltet. Das dortige Mahnmal wurde abgebrochen.

Die Herner Zeitung berichtete am 5. März 1959 unter der Überschrift „Mahnmal vom Neumarkt verschwunden“ über den Abbruch. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Stadt ein neues Mahnmal auf dem Platz vor dem Arbeitsamt plante. Die Steine des abgebrochenen Mahnmals sollten jedoch nicht beseitigt werden.

Nach einem Beschluss des Hauptausschusses des Herner Rates wurden die Steintrümmer der jüdischen Gemeinde zur Verfügung gestellt. Aus diesem Material sollte auf dem jüdischen Friedhof eine neue Gedenkstätte entstehen.[1]

Damit wurde ein Teil des ersten Herner Nachkriegsmahnmals erhalten und zugleich in einen neuen historischen Zusammenhang gestellt.

Das Monument auf dem jüdischen Friedhof

Zugang zum jüdischen Friedhof in Baukau

Das aus dem Material des Neumarkt-Mahnmals errichtete Monument erhielt seinen neuen Standort auf dem jüdischen Friedhof am Hoverskamp in Baukau.

Die ursprüngliche Inschrift des Neumarkt-Mahnmals wurde nicht übernommen. Stattdessen erhielt das Monument eine neue Bronzetafel mit einer ausdrücklich auf die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus bezogenen Widmung.

Die Inschrift lautet:

„ZUM GEDENKEN AN UNSERE JÜDISCHEN BRÜDER UND SCHWESTERN,
DIE IN DEN JAHREN 1933–1945 INFOLGE
NATIONALSOZIALISTISCHEN TERRORS
UMS LEBEN GEKOMMEN SIND.“

Damit wurde aus dem allgemeinen Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft eine Gedenkstätte für die jüdischen Opfer des NS-Terrors.

Der jüdische Friedhof am Hoverskamp

Der Standort des Monuments besitzt eine besondere historische Bedeutung. Der jüdische Friedhof am Hoverskamp gehört zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen jüdischen Lebens in Herne.

Bereits '1878 erwarben Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft, darunter Salomon Weinberg und weitere Gemeindemitglieder, ein Grundstück außerhalb der damaligen Stadt zur Anlage eines Begräbnisplatzes. Die Anlage wurde vermutlich 1879 als privater Begräbnisplatz eingerichtet. Zwischen 1900 und 1914 wurde ein etwa 932 m² großer Teil des Geländes mit einer Mauer eingefasst.[2]

Auf dem Friedhof befinden sich rund 120 erhaltene Grabsteine. Die ältesten Grabsteine stehen im Bereich des ursprünglichen Friedhofsteils. Die Grabinschriften sind vielfach zweisprachig in Hebräisch und Deutsch ausgeführt und dokumentieren damit auch die Entwicklung und gesellschaftliche Stellung der jüdischen Gemeinde Herne im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.[3]

Der Friedhof wurde 2008 als Baudenkmal in die Denkmalliste der Stadt Herne eingetragen.[4]

Bedeutung der Gedenkstätte

Das Monument steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde Herne und ihrer Vernichtung während der nationalsozialistischen Herrschaft.

Die jüdische Gemeinde Herne hatte sich im 19. Jahrhundert zu einer festen Einrichtung des städtischen Lebens entwickelt. Ihre Mitglieder waren in Handel, Gewerbe, freien Berufen und im gesellschaftlichen Leben der Stadt tätig. Die Zahl der jüdischen Einwohner erreichte in den 1920er und frühen 1930er Jahren mehrere hundert Personen.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 begann die systematische Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Die jüdischen Einwohner wurden aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben verdrängt, enteignet und schließlich deportiert. Ein großer Teil der in Herne verbliebenen jüdischen Bevölkerung wurde in die Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Das Monument erinnert an diese Menschen, ohne ihre Namen einzeln aufzuführen. Die Verbindung mit dem jüdischen Friedhof schafft dabei einen unmittelbaren räumlichen Zusammenhang zwischen den Toten der jüdischen Gemeinde und denjenigen, die infolge des nationalsozialistischen Terrors ermordet wurden.

Das Monument als Zeugnis zweier Erinnerungsepochen

Die Besonderheit des Monuments liegt nicht allein in seiner Funktion als Gedenkstätte. Auch seine materielle Geschichte ist Teil der Herner Erinnerungskultur.

Der Stein des Monuments stammt ursprünglich aus dem 1949 errichteten allgemeinen Mahnmal auf dem Neumarkt. Dieses stand für die unmittelbare Nachkriegserinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.

1959 wurde das Material weiterverwendet und auf dem jüdischen Friedhof neu aufgestellt. Die ursprüngliche Widmung wurde dabei verändert. Aus dem allgemeinen Gedenken an die Opfer der NS-Herrschaft wurde eine ausdrücklich auf die jüdischen Opfer bezogene Gedenkstätte.

Das Monument ist deshalb zugleich ein Zeugnis der frühen bundesdeutschen Erinnerungskultur. Es dokumentiert den Übergang von einem allgemeinen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu einer stärker nach Opfergruppen differenzierten Erinnerung.

Zusammenhang mit dem neuen Mahnmal an der Bebelstraße

Die Verlegung des Neumarkt-Mahnmals im Jahr 1959 steht außerdem in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entstehung des Denkmals Genius und Hydra an der Bebelstraße.

Während das Material des alten Mahnmals für die Errichtung der jüdischen Gedenkstätte weiterverwendet wurde, entstand an der Bebelstraße ein neues Denkmal. Die von Zoltan Székessy geschaffene Bronzeplastik wurde am 20. September 1959 eingeweiht und erhielt die Widmung:

„Zur Ehre und zum Gedenken der Opfer im Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft 1933–1945.“

Damit entstanden 1959 in Herne zwei unterschiedliche Erinnerungsorte aus der Geschichte desselben ersten Nachkriegsmahnmals: Das Material des alten Denkmals wurde auf dem jüdischen Friedhof weiterverwendet, während an der Bebelstraße ein neues künstlerisches Mahnmal errichtet wurde.

Das Monument befindet sich heute innerhalb des geschlossenen jüdischen Friedhofs und ist damit nicht jederzeit öffentlich zugänglich. Dadurch ist seine Funktion als öffentlich wahrnehmbarer Erinnerungsort an die jüdische Leidensgeschichte in Herne eingeschränkt. Um das Gedenken stärker in den öffentlichen Raum der Stadt zu tragen, wurde am 9. November 2010 auf dem zentral gelegenen Willi-Pohlmann-Platz das Shoah-Denkmal eingeweiht. Dort finden die zentralen Gedenkveranstaltungen der Stadt Herne zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung statt. Die Geschichte und Entstehung dieses Denkmals wird auf der eigenen Wiki-Seite Shoah-Denkmal Herne (2010) dargestellt.

Schändungen des Friedhofs

Der jüdische Friedhof am Hoverskamp wurde nach 1945 wiederholt geschändet. Zwischen dem 18. April und dem 18. Mai 1974 wurden 38 Grabsteine umgestürzt. Einige Grabsteine wurden dabei irreparabel beschädigt, bei anderen wurden die Inschriften zerstört oder unlesbar gemacht.

Weitere Schändungen wurden 1975, 1979 und 2007 registriert.[5]

Die wiederholten Schändungen gehören zur Geschichte des Friedhofs und zeigen, dass die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auch nach 1945 von antisemitischen Übergriffen begleitet wurde.

Erhaltung

Der jüdische Friedhof am Hoverskamp wurde am 9. Juni 2008 als Baudenkmal unter Schutz gestellt. Ziel des Denkmalschutzes ist unter anderem die Erhaltung des historischen Erscheinungsbildes des Friedhofs mit seinen Grabsteinen und der historischen Einfriedung.[6]

Das Monument bildet innerhalb dieser historischen Anlage einen eigenständigen Erinnerungsort an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus.

Literatur und Quellen

  • Manfred Hildebrandt: „…bey den spätesten Nachkommen in beständig gutem Andenken zu erhalten…“ – Denkmäler in Herne und Wanne-Eickel, in: Der Emscherbrücher, Band 14, Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel e. V., Herne 2008, S. 57–77.
  • Kurt Tohermes: „Jüdischer Friedhof am Hoverskamp in Baukau“</ref>
  • Elfi Pracht-Jörns: Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Teil V: Regierungsbezirk Arnsberg. Beiträge zu den Bau- und Kunstdenkmälern von Westfalen, Band 1.3, J. P. Bachem Verlag, Köln 2005, S. 178–187.
  • Herner Zeitung, 5. März 1959: „Mahnmal vom Neumarkt verschwunden“.

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Einzelnachweise

  1. ↑ Herner Zeitung, 5. März 1959: „Mahnmal vom Neumarkt verschwunden“; wiedergegeben bei Manfred Hildebrandt/Jürgen Hagen: „Die Toten mahnen“, in: Herne von damals bis heute.
  2. ↑ Elfi Pracht-Jörns: Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Teil V: Regierungsbezirk Arnsberg, Köln 2005, S. 178–187.
  3. ↑ Kurt Tohermes: „Jüdischer Friedhof am Hoverskamp in Baukau“
  4. ↑ Denkmalliste der Stadt Herne, Baudenkmal Nr. 704, Eintragung vom 9. Juni 2008.
  5. ↑ Kurt Tohermes: „Jüdischer Friedhof am Hoverskamp in Baukau“, in: Herne von damals bis heute – Digitales Geschichtsbuch für Herne und Wanne-Eickel.
  6. ↑ Denkmalliste der Stadt Herne, Baudenkmal Nr. 704, Eintragung vom 9. Juni 2008.