Lichtburg (Herne)
Der letzte Vorhang fiel 1999. Damit endete die Ära der alten Herner Lichtspielhäuser.



Zum Namen „Lichtburg"
Bedeutung und Herkunft
Der Name „Lichtburg" setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen, die beide aus der Kinosprache des frühen 20. Jahrhunderts stammen. „Licht" verweist auf die zeitgenössische Bezeichnung „Lichtspielhaus" oder „Lichtspieltheater" – das technische Prinzip, durch projiziertes Licht bewegte Bilder auf eine Leinwand zu werfen, war in den 1910er und 1920er Jahren das Leitmotiv der gesamten Branche. „Burg" wiederum sollte Größe, Festlichkeit und einen palastartigen Charakter vermitteln; vergleichbare Wortbildungen jener Epoche sind „Filmpalast", „Lichtspielpalast" oder „Gloria-Palast". Zusammengenommen bezeichnet der Name also einen besonders repräsentativen Lichtspielort.[2]
In der Architekturgeschichte erhielt der Name eine zusätzliche, fast wörtliche Bedeutung. Die 1929 in Berlin-Gesundbrunnen eröffnete Lichtburg von Rudolf Fränkel galt als Musterbeispiel der sogenannten „Architektur der Nacht" oder „Licht-Architektur": Die fünfzehn vertikalen Fensterbänder des zylindrischen Eckturms wurden nachts von je rund 1.500 Glühbirnen erleuchtet, drei Suchscheinwerfer auf dem Dach beleuchteten den Himmel, und ein 1,20 Meter hoher roter Schriftzug „Lichtburg" leuchtete über der Dachkante. Das Gebäude verkörperte damit selbst das Prinzip des Kinos – die Projektion von Licht in die Dunkelheit.[3]
Die Essener Lichtburg, die am 18. Oktober 1928 als bis dahin größtes Kino Deutschlands eröffnet wurde, verdankt ihren Namen zudem einem Wortspiel mit ihrem Standort: Sie steht am zentralen Burgplatz. Die Stadtverwaltung und private Investoren hatten den Platz als „Großstadt-Architektur aus einem Guss" geplant; das neue Lichtspielhaus sollte dem Stadtkern „urbanes Flair verleihen".[4]
Verbreitung in Deutschland
Der Name wurde nach 1928 zu einer der populärsten Kinobezeichnungen in Deutschland. Die bekanntesten Häuser:
- Lichtburg Essen (eröffnet 18. Oktober 1928, heute mit 1.250 Plätzen größter Kinosaal Deutschlands, seit 1998 unter Denkmalschutz)
- Lichtburg Berlin (eröffnet 25. Dezember 1929 in der Gartenstadt Atlantic, 1970 abgerissen)
- Lichtburg Düsseldorf an der Königsallee (das Haus existierte bereits seit 1910 unter wechselnden Namen, hieß ab 1931 „Lichtburg", geschlossen 2004)
- Lichtburg Oberhausen (eröffnet 13. März 1931, seit 1998 Spielort der Internationalen Kurzfilmtage)
- Lichtburg Quernheim (eröffnet 25. Dezember 1952, kleinster deutscher Ort mit eigenem Kino)
- Lichtburg Ulm (eröffnet 1952)
Bemerkenswert ist die zeitliche Häufung um 1928–1931: In wenigen Jahren entstanden in mehreren Großstädten gleichzeitig Häuser dieses Namens. Der Erfolg der Essener Lichtburg dürfte hier eine Vorbildwirkung entfaltet haben.[2]
Lichtburgen im Ruhrgebiet
Das Ruhrgebiet hatte eine außergewöhnlich hohe Dichte an Häusern dieses Namens. Neben Essen und Oberhausen gab es Lichtburgen unter anderem in:
- Bochum-Wattenscheid (Bochumer Straße 132, mit zunächst 465, später 500 Plätzen, ab 1934 nachweisbar)[5]
- Wanne-Eickel (Hauptstraße 256): Das Haus eröffnete 1911 als Thalia, hieß ab 1925 „Modernes Theater" und wurde nach einem Umbau 1929 als „Lichtburg" wiedereröffnet. Eröffnungsfilm war Fritz Langs Die Frau im Mond. Vor dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Familie Zinn das Haus. Der reguläre Kinobetrieb endete im Mai 1964.[6]
- Wetter (Ruhr), seit den 1930er Jahren als Familienbetrieb.
Die hohe Dichte erklärt sich aus der besonderen Bedeutung des Kinos für das industrielle Massenpublikum. In nahezu jeder größeren Ruhrgebietsstadt entstand zwischen Ende der 1920er und Mitte der 1950er Jahre mindestens ein Haus mit diesem traditionsreichen Namen.
Die Lichtburg in Herne im überregionalen Kontext
Die Herner Lichtburg auf der Bahnhofstraße fügt sich nahtlos in diese Tradition ein. Das Haus selbst geht auf ein 1905 errichtetes Lichtspielhaus zurück, das nach einem Großbrand 1913 ein Jahr später wiedereröffnet wurde. 1927 erfolgte ein Umbau zum „Capitol-Theater" – auch dies ein typischer Kinoname jener Zeit. Erst beim erneuten Umbau 1930 wurde das Haus unter dem Namen „Lichtburg" eröffnet.[7]
Die Wahl gerade dieses Namens im Jahr 1930 ist mit Blick auf die genannte Chronologie gut nachvollziehbar: Die Essener Lichtburg war zwei Jahre zuvor mit großem Aufsehen eröffnet worden, die Berliner Lichtburg ein Jahr zuvor, und in Wanne-Eickel hatte gerade das Moderne Theater unter neuem Namen Lichtburg wiedereröffnet. Der Begriff stand zu diesem Zeitpunkt also bereits für ein modernes, repräsentatives Kino erster Güte – ein Anspruch, dem das Haus auf der Bahnhofstraße bis zu seiner Schließung 1999 als letztes Lichtspielhaus Alt-Hernes gerecht zu werden suchte.
Lichtburg prägte 94 Jahre lang das Bild der Bahnhofstraße mit
13 Lichtspielhäuser lockten einst in der guten, alten Kinozeit die Besucher in die Häuser. Genau 94 Jahre war die Lichtburg nicht nur Kino, sondern auch Theatersaal oder auch schon mal Laufsteg, denn dort fanden zweitweise auch Theateraufführungen statt, weil es in Herne keinen entsprechenden Aufführungsort gab. Das Bekleidungshaus Sinn lud hier nämlich interessierte Besucher zu Modenschauen mit Rahmenprogrammen ein. Die Schauen, die in den 1960-/70er-Jahre hier stattfanden, zauberten dabei nicht nur bei den überwiegend weiblichen Besucher ein verzücktes Lächeln in die Gesichter. Höhepunkte waren damals meist die exklusiven Brautmodenschauen.
Begonnen hatte Herner Lichtspieltheater-Ära im Jahre mit dem 1905 erbaute Kino auf der Bahnhofstraße. Zweimal im Laufe der Jahrzehnte wechselte das Theater aber den Namen. Nach einem Großbrand im Jahre 1913 wurden Kino und Saalbau jedoch ein Jahr später wieder neueröffnet. 13 Jahre danach erfolgte der Umbau zum „Capitol-Theater“. 1930 zogen erneut Handwerker in das Haus aus der Gründerzeit ein. Als der Umbau abgeschlossen war, eröffnete das Kino wieder unter dem ursprünglichen Namen „Lichtburg“. Um dem Zeitgeist Rechnung zu tragen, erfolgte 1947 ein weiterer Um- und Anbau. Nun waren hier auch Theateraufführungen möglich.
1954 hatte Karl von Schulte das Kino erworben, er ließ das Lichtspieltheater 1967 erneut umgestalten.
Einen werbewirksamen Gag hatte sich die Geschäftsührung 1972 einfallen lassen. Alle Bürger, die in diesem Jahr ihren 75. Geburtag feierten, konnten, weil die Stadt Herne eine Festwoche aus Anlass des 75-Jährigen beging, umsonst in die „Lichtburg“. Mehrfach gab es in der fast 100-Jährigen Lichtburggeschichte Promibesuch. So weilten in der Lichtburg einst Roy Black, der hier für seinen Film „Kinderarzt Dr. Fröhlich“ am 16. März 1972 warb und Georg Nader in den 1960er-Jahren mit seinem Jerry Cotton-Streifen an der Bahnhofstraße. Aber auch Robert Fuller (Am Fuß der Blauen Berge und Komiker Heinz Erhardt gaben sich hier einst ein kurzes Stelldichein.
Der wohl schwergewichtigste Filmstar, der ab dem 29. September 1980 in Besucher in das Herner Kino auf der Bahnhofstraße locken sollte, wog genau 38 Tonnen, es war der Schnauzen-Volvo N 12 N, der im Film „Theo gegen den Rest der Welt“ eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Das Filmgefährt konnte man während der Herner Premiere auf dem Platz vor dem damaligen Straßenverkehrsamt an der Ecke Hermann-Löns-Straße bewundern, während sich in dem Kino das Publikum den Streifen mit Marius Müller-Westernhagen und Guido Gagliardi genoss. Das Drehbuch dieses Kinofilmes stammte von dem aus Herne stammenden Autoren Matthias Seelig, das Regisseur Peter F. Bringmann verfilmt hatte.
Mit der Schließung des letzten Herner Lichtspieltheaters im Jahre 1999 begann eine fünfjährige kinolose Zeit. Erst 2004 eröffnet ein neues, mordernes Haus – die Kinowelt – am Berliner Platz.
Folgende Kinos gab es einst in Alt-Herne: Scala, Lichtburg, Astoria, Gloria, Schauburg, Kammer-Lichtspiele (auf der Bahnhofstraße), das „Rex“ auf der Neustraße, „Corso-Theater“ auf der Bismarckstraße, das „Union-Theater“ in Horsthausen an der Scharnhorst-/Blücherstraße, das „Residenz“ und das „Alhambra“ an der Mont-Cenis-Straße in Sodingen, weitere Lichtspielhäuser gab es zeitweise an der Hafenstraße (heute Nordstraße) und an der Roonstraße (im ehemaligen Casino Friedrichseck). [8]
Meine Erinnerungen an die Lichtburg in Herne:
Ich bin eher durch Zufall auf den Job damals in der Lichtburg aufmerksam geworden. Wir sind damals, so 1995, regelmäßig Donnerstags in die Lichtburg gegangen, um uns die neuesten Filme anzuschauen. Irgendwann im Oktober 1996 hing an der Kasse ein Zettel, dass ein Filmvorführer gesucht wird. Mein erster Gedanke war "Klasse, Filme schauen und dafür noch bezahlt werden". So hab ich mich dann im Oktober 1996 beworben und habe dann bis Mitte 1999 dort gearbeitet.
In der Lichtburg gab es zwei Vorführräume für die 4 Kinos. Für die Kinos 2 und 3 im hinteren Bereich lag der Vorführraum im Keller, Der Vorführraum für Kino 1 und 4 lag auf dem Dach. Die Bilder wurden mittels Spiegeltechnik in die jeweiligen Kinos umgeleitet. Die Maschinen stammen aus den 1950er Jahren. Es waren die Projektoren Ernemann VII bis IX von Zeiss. Die Maschinen waren wassergekühlt.
Als Jugendlicher, damals 22 Jahre, war das alles super spannend. Da die Lichtburg früher ein Theater war, gab es noch einige zusätzliche Räume (Umkleiden, Orchestergraben in Kino 1). Die Bilder stammen aus beiden Vorführräumen, das eine Bild zeigt mich bei der Arbeit. Die Treppe war im Hinterhof und der Zugang zum Vorführraum für Kino 1 und 4. Im Winter war es sehr heikel, dort hochzukommen,wenn mann dann noch einen Film über der Schulter hatte.
Arndt Klups
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Bild aus dem Vorführraum für Kino 1 und 4 [9]]]
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Bild aus dem Vorführraum für Kino 1 und 4 [9]]]
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Arndt Klups bei der Arbeit am Projektor [9]]]
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Die Treppe im Hinterhof zum Vorführraum für Kino 1 und 4 [9]]]
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Quellen
- ↑ Foto von Friedhelm Wessel
- ↑ 2,0 2,1 Lichtburg. Sammelartikel zur Namensbedeutung und zu einzelnen Häusern. Englischsprachige Wikipedia, abgerufen Mai 2026, en.wikipedia.org/wiki/Lichtburg.
- ↑ Lichtburg (Berlin). Deutschsprachige Wikipedia, de.wikipedia.org/wiki/Lichtburg_(Berlin); siehe auch Sylvaine Hänsel, Angelika Schmitt (Hrsg.): Kinoarchitektur in Berlin 1895–1995. Reimer, Berlin 1995, ISBN 978-3-496-01129-3.
- ↑ Lichtburg (Essen). Deutschsprachige Wikipedia, de.wikipedia.org/wiki/Lichtburg_(Essen); Christoph Wilmer: Die Lichtburg in Essen (= Rheinische Kunststätten, Heft Nr. 524). Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 2011, ISBN 978-3-86526-056-7.
- ↑ Datenbankeintrag im Kinowiki, Bochum Lichtburg Wattenscheid.
- ↑ Wolfgang Berke: Das Buch zur Stadt Wanne-Eickel 2. Zur Wanne-Eickeler Kinogeschichte und zur dortigen Lichtburg, vgl. den Wiki-Artikel Lichtspielhäuser und Kinos.
- ↑ Friedhelm Wessel im Wiki-Artikel Lichtburg (Herne).
- ↑ Ein Artikel von Friedhelm Wessel
- ↑ 9,0 9,1 9,2 9,3 Ein Foto von Arndt Klups
