Herner Hafen - Baukauer & Strünkeder Hafen
Der Herner Hafen war ein historischer Hafen am westlichen beziehungsweise südwestlichen Endpunkt des Herner Stichkanals, eines zwischen 1893 und 1896 errichteten Zweigkanals des Dortmund-Ems-Kanals. Die Hafenanlage lag im Bereich von Baukau beziehungsweise Horsthausen nahe der heutigen Bahnhofstraße und in unmittelbarer Nähe von Schloss Strünkede. In historischen Darstellungen erscheint die Anlage auch als Baukauer Hafen, Stichhafen oder Strünkeder Hafen. Diese Bezeichnungen stehen für denselben Hafenstandort am Ende des Stichkanals.
Der Hafen entstand mit dem Ausbau Hernes zur Bergbau- und Industriestadt und stellte zusammen mit dem Stichkanal eine frühe Verbindung des Herner Industriegebietes mit dem westfälischen Kanalnetz her. Neben seiner Bedeutung für den Güterverkehr entwickelte sich der Endpunkt des Stichkanals zu einem Ort der öffentlichen Schifffahrt und des Ausflugsverkehrs. Mit der Stilllegung des Stichkanals 1937 und der Trockenlegung im Januar 1938 verlor auch der Herner Hafen seine Funktion. [1]
Entstehung des Stichkanals
Vor dem Kanalbau wurde diese Trasse bis 1882 als Eisenbahnstrecke von der Königlich-Westfälischen Eisenbahn-Gesellschaft genutzt. Am westlichen Ende lag der Herner Bahnhof dieser Eisenbahngesellschaft.

Die Entstehung des Hafens ist unmittelbar mit dem Bau des Stichkanals verbunden. Der Zweigkanal wurde zwischen 1893 und 1896 als Verlängerung des Dortmund-Ems-Kanals in Richtung Herne angelegt. Er führte vom Bereich des späteren Hafens der Zeche Friedrich der Große 3/4 über Horsthausen bis zu seinem Endpunkt an der heutigen Bahnhofstraße. Die Wasserstraße war etwa sieben Kilometer lang und erschloss das Herner Industriegebiet auf dem Wasserweg. [2]
Die Stadt Herne beschreibt den Endpunkt des Kanals ausdrücklich als einen Hafen. Die spätere Kanalstraße erhielt ihren Namen nach ihrer Lage an diesem früheren Endstück des Dortmund-Ems-Kanals. [3]
Der Hafen war damit Bestandteil eines größeren Verkehrsprojektes, das den Herner Raum an das entstehende westfälische Kanalnetz anschloss. Der Wasserweg eröffnete für die aufkommende Montanindustrie eine zusätzliche Möglichkeit, Massengüter zu transportieren.
Lage

Der Herner Hafen befand sich am äußersten Ende des Stichkanals im Bereich der heutigen Bahnhofstraße. Der Kanal endete dort in der Nähe von Schloss Strünkede. Die historische Lage lässt sich heute nur noch schwer unmittelbar erkennen, da der Kanalabschnitt nach seiner Stilllegung verfüllt und später von der Trasse der A 42 überformt wurde. [4]
Der Hafenstandort lag damit nicht am späteren Rhein-Herne-Kanal, sondern an dessen historischem Vorgänger beziehungsweise dessen Vorläufer. Erst mit dem Bau des Rhein-Herne-Kanals ab 1906 änderten sich die wasserverkehrlichen Verhältnisse im Herner Raum grundlegend.
Historische Bildquellen überliefern den Hafen unter anderem als Baukauer Hafen. Eine Aufnahme beziehungsweise Reproduktion aus dem Jahr 1902 zeigt den Hafen am Stichkanal. In einer späteren Bildüberlieferung wird außerdem die Bezeichnung Stichhafen verwendet. [5]
Namensgebrauch

Die Bezeichnung des Hafens ist in den historischen Quellen nicht einheitlich. Neben Herner Hafen finden sich insbesondere die Bezeichnungen Baukauer Hafen, Stichhafen und Strünkeder Hafen.
Der Ausdruck Baukauer Hafen erklärt sich aus der Lage des Hafens im Bereich des damaligen Ortsteils beziehungsweise der Gemeinde Baukau. Der Name Stichhafen nimmt unmittelbar auf seine Lage am Ende des Stichkanals Bezug. Die Bezeichnung Strünkeder Hafen steht dagegen im Zusammenhang mit der Nähe zu Schloss Strünkede.
Für die historische Betrachtung handelt es sich dabei nicht um mehrere voneinander unabhängige Hafenanlagen. Vielmehr bezeichneten die unterschiedlichen Namen denselben Hafen am Endpunkt des Stichkanals.
Von diesem Hafen ist insbesondere der weiter östlich gelegene Hafen der Zeche Friedrich der Große 1/2 zu unterscheiden. Dieser diente dem Bergwerksbetrieb und bildete eine eigene Hafenanlage. Der Herner Endhafen und der Zechenhafen lagen zwar am selben Wasserweg, waren jedoch hinsichtlich ihrer Funktion und örtlichen Zuordnung nicht identisch.
Funktion und Verkehr

Der Stichkanal wurde vor allem im Zusammenhang mit dem Transport von Massengütern und dem Bergbau genutzt. Eine besondere Bedeutung hatte die Wasserverbindung für die Zeche Friedrich der Große, deren Schachtanlagen durch den Kanal miteinander verbunden wurden. Der Kanal ermöglichte den Transport zwischen den Schachtanlagen 1/2 in Horsthausen und 3/4 im Bereich Börnig. [6]
Der Herner Hafen am Kanalende war jedoch nicht lediglich eine betriebliche Umschlagstelle der Zeche. Seine Lage am Endpunkt der Wasserstraße machte ihn zugleich zu einem wichtigen Anlaufpunkt für die örtliche Schifffahrt.
Mit der zunehmenden Nutzung des Kanals entwickelte sich der Bereich auch zu einem beliebten Ausflugsziel. Historische Fotografien überliefern Ausflugsdampfer auf dem Stichkanal. Die Wasserfläche wurde darüber hinaus für den Wassersport genutzt.
Der 1920 gegründete Wassersportverein Herne 1920 verfügte bereits 1924/25 über eine erste Bootshalle am ehemaligen Herner Stichkanal. Die Vereinsüberlieferung befindet sich heute teilweise im Stadtarchiv Herne. [7]
Der Hafen als Ausflugsziel


Neben seiner wirtschaftlichen Funktion gewann der Stichkanal eine erhebliche Bedeutung für die Freizeitgestaltung der Herner Bevölkerung. Ausflugsfahrten mit Dampfschiffen gehörten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Erscheinungsbild des Kanals.
Der Stichkanal entwickelte sich dadurch zu einem ungewöhnlichen Element der städtischen Freizeitkultur. Während die Kanalanlagen ursprünglich vor allem dem Güterverkehr dienten, wurden ihre Ufer und Wasserflächen zunehmend auch für Spaziergänge, Wassersport und Ausflugsfahrten genutzt.
Eine besondere Bekanntheit erlangte der Kanal durch den Dauer-Schwimmweltrekord der Hernerin Ruth Litzig im August 1932. Sie schwamm auf dem Stichkanal über einen Zeitraum von mehr als drei Tagen und stellte dabei einen Weltrekord im Dauerschwimmen auf. [8]
Der Hafenbereich bildete damit einen Bestandteil jener öffentlichen Nutzung des Kanals, die über seine ursprüngliche Funktion als Güterverkehrsweg hinausging.
Verbindung mit dem Rhein-Herne-Kanal
Eine grundlegende Veränderung brachte der Bau des Rhein-Herne-Kanals. Der neue Kanal wurde zwischen 1906 und 1914 gebaut und verband das westliche Ruhrgebiet mit dem Rhein und dem Dortmund-Ems-Kanal. Der Rhein-Herne-Kanal erreichte den Bereich des Herner Stichkanals und übernahm damit einen Teil der Funktion der älteren Wasserstraße.
Der Stichkanal blieb zunächst dennoch bestehen. Während der Rhein-Herne-Kanal den neuen überregionalen Wasserweg bildete, diente der ältere Kanal weiterhin als Verbindung bis zum Herner Hafen und insbesondere als Transportweg zwischen den Anlagen der Zeche Friedrich der Große.
Damit bestand über mehrere Jahrzehnte ein Nebeneinander zweier unterschiedlicher Wasserstraßenfunktionen: Der Rhein-Herne-Kanal bildete die neue Hauptverbindung durch das Ruhrgebiet, während der Stichkanal als Abzweig bis zum Herner Endhafen weitergeführt wurde.
Bergsenkungen und Ende des Hafens
Die Existenz des Hafens und des Stichkanals war von Anfang an mit den besonderen geologischen und bergbaulichen Bedingungen des Ruhrgebietes verbunden. Der intensive untertägige Abbau führte zu Bergsenkungen, die auch die Wasserstraße beeinträchtigten.
Die Unterhaltung des Stichkanals wurde zunehmend aufwendig. Nach Angaben der Stadt Herne begannen im Juli 1933 Verhandlungen über eine Stilllegung. Die Stadt Herne widersetzte sich zunächst der Aufgabe, weil der Stichkanal weiterhin als Verbindung zum Dortmund-Ems-Kanal und zum Rhein-Herne-Kanal angesehen wurde. Außerdem bestanden in der Bevölkerung erhebliche Interessen an der Aufrechterhaltung der beliebten Dampferfahrten. [9]
Die wirtschaftlichen und technischen Argumente setzten sich schließlich durch. Der Stichkanal wurde am 15. Oktober 1937 stillgelegt. Am 12. Januar 1938 wurde das Wasser abgelassen. Damit endete auch die Geschichte des Herner Hafens als schiffbarer Hafenanlage. [10]
Vom Hafen zur Autobahn
Nach der Trockenlegung wurde das Kanalbett verfüllt. Der ehemalige Kanalverlauf blieb jedoch als topographische Struktur noch längere Zeit erkennbar.
Später wurde die Trasse des ehemaligen Stichkanals für den Bau der Bundesautobahn 42 genutzt. Insbesondere der Abschnitt östlich der Bahnhofstraße folgt dem historischen Verlauf der Wasserstraße. Damit wandelte sich der Standort innerhalb weniger Jahrzehnte von einer Wasserverkehrsanlage zu einem Bestandteil der modernen Straßenverkehrsinfrastruktur.
Die historische Hafenlandschaft ist dadurch heute weitgehend verschwunden. An die frühere Funktion erinnern unter anderem Straßennamen wie die Kanalstraße sowie die Bezeichnung des Kleingartenvereins Im Stichkanal. [11]
Auch die Hafen-Apotheke in Horsthausen bewahrt mit ihrem Namen die Erinnerung an den ehemaligen Hafenbereich. Bereits eine historische Darstellung zur Herner Apothekengeschichte verweist ausdrücklich auf den Zusammenhang zwischen der Bezeichnung der Apotheke und dem früheren Hafen der Zeche Friedrich der Große am Stichkanal. [12]
Historische Bedeutung
Der Herner Hafen am Ende des Stichkanals gehört zu den frühesten Hafenanlagen im heutigen Stadtgebiet. Seine Entstehung steht für die Entwicklung Hernes von einer durch Landwirtschaft und einzelne Gewerbebetriebe geprägten Siedlungslandschaft zu einem bedeutenden Industriestandort.
Der Hafen war Teil eines Verkehrssystems, das Bergwerk, Eisenbahn und Wasserstraße miteinander verband. Gleichzeitig zeigt seine Geschichte die Ambivalenz der industriellen Entwicklung: Die Wasserstraße, die durch den Bergbau wirtschaftlich notwendig geworden war, wurde letztlich gerade durch die Folgen des Bergbaus – insbesondere die Bergsenkungen – in ihrer Existenz gefährdet.
Von besonderer Bedeutung ist außerdem die Freizeit- und Sozialgeschichte des Ortes. Der Hafen und der Stichkanal waren nicht nur Arbeits- und Verkehrsraum, sondern auch ein öffentlicher Erlebnisraum. Schifffahrt, Wassersport, Ausflugsfahrten und Großereignisse wie der Weltrekord von Ruth Litzig machten den Kanal zu einem Bestandteil des städtischen Lebens.
Abgrenzung zum Hafen Friedrich der Große 1/2
Der Herner Hafen am Ende des Stichkanals und der Hafen Friedrich der Große 1/2 sind trotz ihrer engen räumlichen und funktionalen Verbindung nicht als identische Anlagen zu betrachten.
Der Herner Hafen beziehungsweise Baukauer Hafen lag am Ende des Stichkanals an der heutigen Bahnhofstraße. Er war der allgemeine Hafenbereich am Kanalendpunkt und wurde auch für die örtliche Schifffahrt und den Ausflugsverkehr genutzt.
Der Hafen der Zeche Friedrich der Große 1/2 lag dagegen weiter östlich beziehungsweise im Bereich der Schachtanlage und diente dem unmittelbaren Bergwerksbetrieb. Beide Anlagen gehörten zum selben historischen Wasserstraßensystem, waren jedoch unterschiedliche Hafenstandorte.
Diese Unterscheidung ist für die Darstellung der Herner Hafengeschichte wesentlich.
Heutiger Zustand
Vom ehemaligen Herner Hafen ist heute keine erhaltene Hafenanlage mehr vorhanden. Das Gelände wurde vollständig überformt. Der historische Stichkanal ist in diesem Bereich verfüllt und seine Trasse wird teilweise von der A 42 genutzt.
Die frühere Bedeutung des Ortes lässt sich daher heute vor allem anhand historischer Karten, Fotografien, Straßennamen und archivalischer Überlieferungen nachvollziehen. Besonders wertvoll sind die Bildbestände des Stadtarchivs Herne, die den Stichkanal und den Hafen noch in seiner ursprünglichen Nutzung zeigen.
Der ehemalige Hafenstandort ist damit ein Beispiel für einen vollständig verschwundenen Bestandteil der Herner Industrie- und Verkehrsgeschichte, dessen Spuren jedoch in der heutigen Stadtlandschaft und im historischen Gedächtnis weiterbestehen.
Archive
- Dortmund-Ems-Kanal - Abt. Dortmund - Strecke Herne - Zweigkanal - Lageplan - Hafen Herne - 1891-1893 -1 : 1000, 64 x 99, Zeichnung, KSM IV Nr. 271e Landesarchiv NRW Abt. Münster Karte Nr. A-04532 (siehe oben)
Literatur und Quellen
- Stadt Herne: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen. Bearbeitet von Manfred Hildebrandt, Ralf Frensel, Jeannette Bodeux und Franz Heiserholt. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne, Band 1, Herne 1997, S. 394–395.
- Kanalstraße. Informationen zur Geschichte des ehemaligen Stichkanals.
- Stadt Herne: Unterlagen des Wassersportvereins Herne 1920 im Stadtarchiv.
- Historischer Verein Herne/Wanne-Eickel: Hundert Jahre Herner Apothekengeschichte.
- Nuss: Veröffentlichungen zur Geschichte des Dortmund-Ems-Kanals und des Herner Stichkanals.
- Knöll: Veröffentlichungen zur Geschichte des Herner Kanalwesens, 1928.
- Meyerhoff: Veröffentlichungen zur Herner Stadt- und Verkehrsgeschichte, 1963.
Lesen Sie auch
Quellen
- ↑ Stadt Herne: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne, Band 1, Herne 1997, S. 394–395.
- ↑ Stadt Herne: Kanalstraße, in: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße, Herne 1997, S. 394–395.
- ↑ Stadt Herne: Kanalstraße, Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen.
- ↑ Stadt Herne: Kanalstraße, in: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße, Herne 1997, S. 394–395.
- ↑ Bildarchiv der Stadt Herne, historische Aufnahmen zum Stichkanal und zum „Stichhafen“.
- ↑ Vgl. Stadt Herne: Kanalstraße, in: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße, Herne 1997, S. 394–395.
- ↑ Stadt Herne: Unterlagen des WSV Herne jetzt im Stadtarchiv, inHerne, 19. April 2022.
- ↑ Bildarchiv der Stadt Herne; historische Darstellungen zum Stichkanal und zum Schwimmweltrekord von Ruth Litzig.
- ↑ Stadt Herne: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße, Herne 1997, S. 394–395.
- ↑ Stadt Herne: Kanalstraße, in: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße, Herne 1997, S. 394–395.
- ↑ Stadt Herne: Kanalstraße, Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen.
- ↑ Historischer Verein Herne/Wanne-Eickel: Hundert Jahre Herner Apothekengeschichte, Abschnitt „Hafen-Apotheke“, Stadtarchivüberlieferung.
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