Ruth Litzig (1914-1933) Rekordschwimmerin

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel

Ruth Litzig (* 6. Oktober 1914 in Herne; † 23. August 1933 im Huyssens-Stift in Essen) war eine deutsche Langstreckenschwimmerin und Weltrekordhalterin im Dauerschwimmen. Bekannt wurde sie insbesondere durch ihren Weltrekordversuch im Herner Stichkanal 1932 sowie durch ihren tödlich endenden Rekordversuch im Baldeneysee 1933.[1]

Ruth Litzig
Ruth Litzig
Geboren6. Oktober 1914
in Herne
✝️
Gestorben23. August 1933
in Essen
🪦
FriedhofSüdfriedhof
🏠
Letzte AdresseRosenstraße 11

Ruth Litzig wurde 1914 in Herne geboren. Sie entstammte einer Lehrerfamilie und wuchs in schwierigen familiären Verhältnissen auf. Ihre Kindheit ab dem 8. Lebensjahr war alles andere als einfach. Ihr Vater, Adolf Litzig, wurde 1922 als Lehrer entlassen, weil ihm vorgeworfen wurde, sich an Schülerinnen vergangen zu haben. Seitdem lebte die Familie in schwierigen Verhältnissen. Ruth Litzigs Mutter Gertrud soll später einmal geäußert haben, dass das Elternhaus für die vier Kinder, von denen die einzige Schwester schon als Kind starb, „eine Hölle“ gewesen sein müsse.[2] Bereits als Jugendliche galt sie als talentierte Schwimmerin. Sie war Mitglied des Schwimmvereins SC Wiking Herne und gewann mehrfach Jugend- und Stadtmeisterschaften im Brustschwimmen.[3]

In den frühen 1930er-Jahren gewann das sogenannte „Dauerschwimmen“ große öffentliche Aufmerksamkeit. Weltrekordversuche entwickelten sich zu Massenveranstaltungen mit Volksfestcharakter. Ruth Litzig wurde in diesem Zusammenhang zu einer lokalen Berühmtheit in Herne.

Weltrekord im Herner Stichkanal

Vorbereitung

"Eine Hernerin schwamm 25 Stunden im Kanal
Vor einigen Tagen unternahm die bekannte Her­ner Schwimmerin Frl. Litzig (SC. Wiking) im Her­ner Sommerbad ein Dauerschwimmen von 10 Stun­den. Am Donnerstag um 17 Uhr stieg sie im Kanal­hafen am Bootshaus ins Wasser, um die Zeit auf einen vollen Tag zu steigern. Ununterbrochen schwamm sie vom Startplatz bis zur Zeche Viktor 1/2 in Rauxel und zurück, wobei sie nur Bananen und Erfrischungs­getränke zu sich nahm. Ständig wurde sie von einigen Schwimmern und Bootsfahrern begleitet. Gestern um 18.15 Uhr stieg sie frisch und ohne jegliche Hilfe aus Land. Dienstag will sie einen Angriff auf die Lei­stung von Frl. Luise Koch. Bochum. die 50:12 Stun­den schwamm, unternehmen."[4]

Tage des Rekords

Am 23. August 1932 begann Ruth Litzig im Herner Stichkanal einen Weltrekordversuch im Dauerschwimmen.

Der Herner Stichkanal war ein Seitenarm des Dortmund-Ems-Kanals und verlief zwischen der Zeche Friedrich der Große und der heutigen Bahnhofstraße. Später wurde die Trasse durch die Bundesautobahn 42 überbaut.

Rund 40.000 bis 50.000 Zuschauer verfolgten den Rekordversuch entlang der Kanalufer.[5] Zeitgenössische Zeitungen beschrieben die Veranstaltung als ein Ereignis mit „Volksfestcharakter“.[6]

Litzig schwamm über drei Tage und Nächte hinweg ununterbrochen im Kanalwasser. Schließlich erreichte sie eine Zeit von 73 Stunden und 52 Minuten und stellte damit einen neuen Weltrekord im Dauerschwimmen auf.[7]

Durch diesen Erfolg wurde sie weit über Herne hinaus bekannt. Die lokale Presse bezeichnete sie als „Fräulein Weltrekordlerin aus Herne“.[8]

Rekordversuch im Baldeneysee

Im August 1933 plante Ruth Litzig einen neuen Weltrekordversuch im erst kurz zuvor aufgestauten Baldeneysee in Essen.[9]

Der Versuch wurde von ihrem Verlobten Albert Heßler organisiert, einem lokalen Funktionär der SA.[10] Die Veranstaltung wurde öffentlichkeitswirksam inszeniert. Auf dem Gelände befanden sich Festzelte, Verkaufsstände und Hakenkreuzfahnen. Der Eintritt betrug 20 Pfennig.[11]

Am 17. August 1933 gab der Herner Oberbürgermeister Albert Meister den offiziellen Startschuss.[12]

Das Ziel bestand darin, 100 Stunden ohne Unterbrechung im Wasser zu bleiben. Der Rekordversuch entwickelte sich erneut zu einem Massenspektakel. Tagsüber beobachteten zahlreiche Zuschauer das Geschehen, nachts begleiteten Marschmusik und Lautsprecherdurchsagen die Schwimmerin.[13]

Mit zunehmender Dauer verschlechterte sich jedoch ihr körperlicher Zustand erheblich. Schlechtes Wetter, Wellengang und Unterkühlung führten zu extremer Erschöpfung.[14]

Am 20. August 1933 wurde der Versuch nach etwa 78 bis 79 Stunden abgebrochen.[15] Ruth Litzig wurde bewusstlos aus dem Wasser gezogen und in das Essener Krankenhaus Huyssens-Stift gebracht.[16][17]

Dort starb sie wenige Tage später infolge völliger körperlicher Erschöpfung und Herzversagens.[18]

Öffentliche Reaktionen

Der Tod Ruth Litzigs löste großes öffentliches Aufsehen aus. In der Presse wurde darüber spekuliert, ob wirtschaftliche Interessen und politischer Propagandawille den Rekordversuch unnötig verlängert hätten.[19]

Gegen Albert Heßler und Ruth Litzigs Mutter wurde ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Das Verfahren wurde jedoch später eingestellt.[20][21][22]

Der Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten kritisierte daraufhin öffentlich derartige Rekordveranstaltungen.[23][24]

Beisetzung

Ruth Litzig wurde am 26. August 1933 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Friedhof an der Wiescherstraße in Herne beigesetzt.[25]

Zeitgenössische Zeitungen berichteten von einer „Völkerwanderung“ zum Friedhof.[26]

Erinnerung

Ruth Litzig zählt bis heute zu den bekanntesten Sportlerinnen der Herner Stadtgeschichte.

Im Essener Baldeneysee erinnert bis heute die sogenannte „Ruth-Litzig-Bucht“ an die Schwimmerin.[27]

Ihr Weltrekordversuch im Herner Stichkanal gilt zugleich als Beispiel für die Massenbegeisterung für Extremsportereignisse in der Zwischenkriegszeit sowie für die propagandistische Instrumentalisierung sportlicher Großveranstaltungen während der frühen Zeit des Nationalsozialismus.[28]


Friedhelm Wessel [29]

Weltrekord im Herner Stichkanal - Ruth Litzig

Etwa 50 000 Fahrzeuge befahren pro Tag die A42 zwischen dem Herner Kreuz und dem Anschluss an die A45 in Dortmund. Dabei fällt den Verkehrsteilnehmern auf dem Abschnitt zwischen Herne-Baukau und Börnig (oder umkehrt) gar nicht auf, das hier das Asphaltband etliche Kilometer schnurgerade verläuft. Das hat einen besonderen Grund, denn die Straße wurde hier ab 1968 über dem Bett des ehemaligen Stichkanals errichtet. Damals konnte man die Schachtanlage Friedrich der Große 1/2 noch über den Dortmund-Ems-Kanal mit einem eigenen Kanalabschnitt mit Hafen erreichen.

In den 1930er-Jahren kam das Aus für diesen Abschnitt. Nur noch die Schachtanlage Friedrich der Große mit den Schächten 1 und 2 lag als sogenannte als „nasse Zeche“ an diesem Kanalarm. Bevor aber der Horsthausener Stichkanal leergepumpt wurde, säumten 1932 rund 40 000 Herner die Ufer, denn die 18-jährige Ruth Litzig wagte ab dem 23. August einen Weltrekordversuch im Dauerschwimmen. 74 Stunden blieb das Mitglied des Schwimmvereins Wiking im Kanalwasser. In den Jahren zuvor hatte die junge Frau mehrfach den Titel einer Stadtmeisterin im Brustschwimmen gewonnen.

„Dieser Rekordversuch hat Volksfestcharakter“, schrieb damals die Herner Zeitung. Der Name Ruth Litzig war plötzlich auch in aller Munde. Ein Jahr später wollte die Tochter eines Herner Kaufmannes auf Drängen ihres Freundes Albert Hessler, einer lokalen Nazi-Größe, im gerade fertiggestellten Essener Baldeneysee unter wehenden Hakenkreuzfahnen ihren eigenen Schwimmrekord brechen. 100 Stunden sollte die 19-Jährige im etwa 20 Grad warmen Seewasser bleiben.

Am 18. August 1933 um 11.25 Uhr gab der damalige Herner Oberbürgermeister Albert Meister den Startschuss. Nach „nur“ 79 Stunden gab Ruth Litzig aber auf und wurde völlig entkräftet aus dem See gezogen und ins Essener Huyssenstift gebracht, wo sie 40 Stunden später unter mysteriösen Umständen stirbt. Bei der Einlieferung in das Krankenhaus soll die Mutter dem aufnehmen Arzt gesagt haben: „Ich bringe ihnen die beste Schwimmerin der Welt.“ Worauf der Chefarzt wohl antwortete: „Nein, sie bringen mir eine Sterbende“. In Essen setzte man der Herner Sportlerin aber ein Denkmal. Eine Stelle im Baldeneysee nennt der Volksmund Ruth-Litzig-Bucht. [30]


Weblinks

Verwandte Artikel

Quellen

  1. Wikipedia: „Ruth Litzig“, abgerufen 20. Mai 2026.
  2. Wikipedia: „Ruth Litzig“, Abschnitt „Leben“, abgerufen 20. Mai 2026.
  3. Ralf Piorr: „Ruth Litzig (Dauerschwimmerin)“, WAZ Herne vom 18. August 2018.
  4. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21285472
  5. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21285514
  6. Herner Zeitung, 16. August 1932
  7. Wikipedia: „Ruth Litzig“, Abschnitt „Erster Weltrekord“, abgerufen 20. Mai 2026.
  8. Ralf Piorr: „Junge Hernerin starb an Folgen eines Weltrekordversuchs“, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 18. August 2018.
  9. Marcus Schymiczek: „Tod im Baldeneysee“, Neue Ruhr Zeitung, 7. Juli 2008.
  10. Wikipedia: „Ruth Litzig“, Abschnitt „Zweiter Weltrekord-Versuch“, abgerufen 20. Mai 2026.
  11. Ralf Piorr: „Ruth Litzig (Dauerschwimmerin)“
  12. Wikipedia: „Ruth Litzig“, Abschnitt „Zweiter Weltrekord-Versuch“, abgerufen 20. Mai 2026.
  13. Ralf Piorr: „Ruth Litzig (Dauerschwimmerin)“
  14. Marcus Schymiczek: „Vor 90 Jahren: Rekord-Schwimmerin stirbt im Baldeneysee“, WAZ Essen, 25. August 2023.
  15. Wikipedia: „Ruth Litzig“, Abschnitt „Abbruch und Tod“, abgerufen 20. Mai 2026.
  16. Marcus Schymiczek: „Tod im Baldeneysee“, NRZ, 7. Juli 2008.
  17. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21292073
  18. Die Schwimm-Tragödie im Baldeneysee, WAZ Kultur, 5. Mai 2018.
  19. Wikipedia: „Ruth Litzig“, Abschnitt „Abbruch und Tod“, abgerufen 20. Mai 2026.
  20. Ralf Piorr: „Ruth Litzig (Dauerschwimmerin)“.
  21. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21228884
  22. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21228867
  23. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21228862
  24. Wikipedia: „Ruth Litzig“, Abschnitt „Abbruch und Tod“, abgerufen 20. Mai 2026.
  25. Ralf Piorr: „Ruth Litzig (Dauerschwimmerin)“.
  26. Westdeutsche Allgemeine Zeitung, zitiert nach Ralf Piorr.
  27. WAZ Kultur: „Die Schwimm-Tragödie im Baldeneysee“, 5. Mai 2018.
  28. Marcus Schymiczek: „Tod im Baldeneysee“, NRZ, 7. Juli 2008.
  29. Dieser Text wurde von Friedhelm Wessel zur Verfügung gestellt. Der Text darf nicht ohne Genehmigung verändert oder weitergegeben werden.
  30. Ein Artikel von Friedhelm Wessel