Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die vorgeschichtliche Abteilung (1928)
Zur Eröffnung des städtischen Museums für Natur- und Heimatkunde am 19. Juli 1928 stellte der Herner Anzeiger die einzelnen Abteilungen in eigenen Beiträgen vor.[1] Der folgende Text über die vorgeschichtliche Abteilung stammt von Karl Brandt – jenem arbeitslosen Anstreicher, dessen unentgeltlich überlassene Sammlung 1926 den Grundstock des Museums gebildet hatte und der inzwischen als Museumsverwalter angestellt war.
Entsprechend selbstbewusst ist der Ton. Brandt widerspricht der verbreiteten Ansicht, die Herner Gegend sei fundarm, und beansprucht für sein Haus bei den altsteinzeitlichen Beständen den zweiten Rang in Westfalen hinter dem Universitätsmuseum Münster. Zugleich benennt er beiläufig, was fehlt: Die fränkischen Funde vom Gysenberg liegen in Dortmund, die römischen Münzen von Schloss Strünkede sind der Heimatsammlung verloren.
Der folgende Quellentext gibt den Beitrag im Wortlaut wieder. Die Absatzeinteilung und die Zwischenüberschriften in eckigen Klammern wurden zur besseren Lesbarkeit redaktionell ergänzt; sie stehen so nicht in der Vorlage. Anmerkungen der Redaktion des Wikis sind mit „A" gekennzeichnet.
Die Kulturperioden im Überblick
Brandt verwendet die Periodenbegriffe seiner Zeit. Zur Orientierung, mit den heute gebräuchlichen Zeitansätzen für Mitteleuropa:
- Altsteinzeit (Paläolithikum)
- Bis etwa 9600 v. Chr., zeitgleich mit den Eiszeiten. Im Museum: Steinwerkzeuge, Abgüsse, vor allem die Knochen eiszeitlicher Säugetiere aus Emscher und Lippe.
- Jungsteinzeit (Neolithikum)
- Etwa 5500 bis 2200 v. Chr. Im Museum: Feuersteinklingen und -pfeilspitzen, geschliffene Beile, Äxte und Meißel von drei Fundplätzen nahe der Stadtgrenze, dazu Modelle.
- Bronzezeit
- Etwa 2200 bis 800 v. Chr. Im Museum: Gebrauchsgegenstände sowie Schmuck – Armbänder, Ringe und eine ziselierte Gewandnadel.
- Eisenzeit
- Ab etwa 800 v. Chr., ihre jüngere Stufe ist die Latènezeit. Im Museum nach Brandts eigener Angabe nur wenig: ein Bronzebeschlag und Keramikscherben aus einer Höhle im Hönnetal.
- Römische Kaiserzeit und fränkische Zeit
- Als Überleitung zur schriftlichen Überlieferung: römische Altertümer aus westdeutschen Lagern und Fotos einer Fundstelle am Gysenberg.
Einzelne Fundstücke
- Moschusochsenschädel, gefunden an der Emscher bei Herne – von Brandt als Glanzstück der Sammlung bezeichnet
- Römische Bronzemünze, in Herne gefunden, überlassen von Rektor Decker
- Bronzebeschlag aus einer Höhle im Hönnetal, der späten Latènezeit zugeordnet
- Geweihäste vom Rothirsch aus Emscher, Lippe und Bochum, als Übergangsform zwischen Alt- und Jungsteinzeit gedeutet
- Ziselierte Gewandnadel der Bronzezeit
Quellentext
[Ein Museum für die Bodenfunde der Heimat]
Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums.
Die vorgeschichtliche Abteilung.
Von Museumsverwalter Karl Brandt.
Unser noch junges und in den ersten Anfängen steckendes Museum hat es sich zur Aufgabe gestellt, alle erreichbaren kulturgeschichtlichen Bodenfunde zu bergen und der Bevölkerung vorzuführen.
Früher hieß es immer, unsere Gegend ist nicht reich an Bodenfunden; sie hat keine Traditionen. Diese Anschauung hat nicht recht behalten! Ständig stellten und stellen sich vorzeitliche Bodenfunde in unserem Museum ein, die andere Forscher überall erwartet hatten, nur nicht in der Gegend von Herne.
So haben wir im Laufe der Zeit aus der bisher ältest-bekannten Kulturperiode, der Altsteinzeit, die zeitlich in dem sog. Eiszeitalter sich abspielte, so viel heimisches Material zusammengetragen, wie außer dem Universitätsmuseum in Münster kein anderes Museum in Westfalen. Die Bedeutung dieser Funde dürfte die Tatsache erhellen, dass sehr namhafte Fachmänner unsere Funde in wissenschaftlichen Werken publizierten.[A 1]
[Welche Kulturperioden vertreten sind]
An Bodenfunden aus der Vorzeit kommen in kulturgeschichtlicher Beziehung Belegstücke aus der Altsteinzeit, Jungsteinzeit, Bronzezeit und vorgeschichtlichen Eisenzeit in Frage.[A 2] Es befinden sich aus allen genannten Kulturperioden Relikte in unserem Museum. Aus der einen Zeit mehr, aus der anderen weniger.
Allerdings stammen nicht sämtliche Ausstellungsstücke aus der Heimat, denn je weiter wir in kulturgeschichtlicher Beziehung zurückgehen, desto weiter haben wir unsere Sammlungen in räumlich-geographischer Beziehung zu erweitern.
Ferner ist in Betracht zu ziehen, dass sich die Funde aus der Vorzeit gleichbleiben, vorausgesetzt, dass es sich um Stücke aus derselben Kulturperiode handelt. Doch ist zu berücksichtigen, dass eine fortschreitende Entwicklung innerhalb einer fraglichen Kulturperiode deutlich vorhanden ist.
[Die Altsteinzeit und die eiszeitlichen Tiere]
Die Altsteinzeit oder die Zeit des zugehauenen Steines eröffnet den Reigen der vorzeitlichen Kulturepochen.[A 3] Nicht nur die Waffen und Werkzeuge aus Stein gelangten zur Ausstellung, sondern an Hand von Abgüssen lernt der Besucher die wichtigsten Vorzeitmenschenrassen kennen.[A 4]
Daneben wurden auch die Jagdtiere dieser Menschen ausgestellt. Denn von der Tierwelt war der Vormensch der Altsteinzeit unbedingt abhängig. Diese umfangreiche Sammlung eiszeitlicher Säugetiere ist unser Stolz! Zumal sämtliche Knochen an Emscher und Lippe gefunden worden sind.
Als Glanzstück dieser schönen Sammlung hat der Moschusochsenschädel zu gelten, der an der Emscher bei Herne gefunden worden ist. Der Moschusochse lebt heute nur noch in Grönland. Im Eiszeitalter war er auch bei uns beheimatet.
[Übergang zur Jungsteinzeit]
Als Übergang von der Altsteinzeit zur Jungsteinzeit, oder der Zeit des geschliffenen Steines, werden Äste aus den Geweihen von Rothirschen gewertet, wovon wir eine Anzahl besitzen, die sämtlich aus unserer nächsten Nähe stammen (Emscher, Lippe und Bochum).
[Die Jungsteinzeit]
Belegstücke aus der Jungsteinzeit (6000—2000 v. u. Zeitr.) können wir eine Masse zeigen.[A 6] Sie stammen von drei Fundplätzen, die leider 300 Meter von Hernes Grenzen entfernt liegen.
Aus diesen jungsteinzeitlichen Siedlungen konnten über 50 gute Messerchen aus Feuerstein, wunderschöne Pfeilspitzen aus Feuerstein und Tausende von Abfallsplittern von Feuerstein geborgen werden, die eine rege Werktätigkeit der Jungsteinzeitmenschen bezeugen.[A 7]
Diese Fundplätze lieferten ein Material, wie sonst kein Platz zwischen Lippe und Ruhr.[A 8] Geschliffene Steinbeile, Äxte und Meißel sind zahlreich vorhanden. Modelle von jungsteinzeitlichen Häusern, Gräbern, Bohrmaschinen usw. demonstrieren die Originalstücke.
[Die Bronzezeit]
Bronzezeitliche Relikte werden die Besucher in erhöhtem Maße fesseln. Das gleißende Metall löst ja ganz andere Wirkungen aus wie der kalte Stein. Neben täglichen Gebrauchsgegenständen können wir auch Schmuck aus jenen fernen Vorzeittagen zeigen, wie Armbänder, Ringe und Gewandnadeln. Da ist zum Beispiel eine Gewandnadel, deren Kopf äußerst sauber vermittels Ziselierarbeiten verziert worden ist.
Bronze ist eine Mischung von Kupfer und Zinn (meistens 90% Kupfer und 10% Zinn). Die Bronze bot natürlich eine größere Gestaltungsmöglichkeit als die Werkstoffe der Steinzeit, und so kommt es, dass uns in der Bronzezeit vielgestaltige Werkzeuge, Waffen und Schmuckgegenstände entgegentreten. Die Bronzezeit leitete einen gewaltigen Kulturaufstieg ein, welcher in der nachfolgenden Eisenzeit noch verstärkt wurde.
[Die vorgeschichtliche Eisenzeit]
Die nun beginnende vorgeschichtliche Eisenzeit (etwa 800 v. u. Zeitr.) hat bekanntlich überall wenig Spuren zurückgelassen. So können auch wir nur wenig aus dieser Kulturperiode zeigen. Noch lange in die Eisenzeit hinein wurde Bronze verarbeitet.
Aus einer Höhle im Hönnetale stammt ein Bronzebeschlag. Die Höhle wurde nur in Zeiten der Gefahr aufgesucht, und zwar von Menschen der späten vorgeschichtlichen Eisenzeit. (La-Tène-Periode, 400 v. u. Z. bis zum Jahre 1 unserer Zeitrechnung.)[A 9]
Aus derselben Höhle stammen eine Menge Tongeschirrscherben, die zum Teil einfach verziert sind. Knochen verzehrter Tiere lassen die Nahrung der Eisenzeitleute erkennen (Reh, Schwein).
[Römische und fränkische Funde]
Den Abschluss unserer vorgeschichtlichen Abteilung bildet eine kleine Sammlung römischer Altertümer, die aus westdeutschen Römerlägern stammen. Darunter eine römische Bronzemünze, die in Herne gefunden worden ist (Rektor Decker).
Auch auf Schloss Strünkede wurden früher römische Münzen gefunden, die aber der Heimatsammlung verloren gingen. Erwähnt sei, dass Schloss Berge bei Buer jüngst auch römische Relikte lieferte. Eine sehr bemerkenswerte Tatsache, die auf das hohe Alter unserer Burgen weist!
Überleitend zur geschichtlichen Zeit stellten wir fränkische Fundstücke aus, darunter Fotos einer Fundstelle, die in früheren Jahren am Giesenberge entdeckt worden ist. (Die Funde sind in Dortmund!)[A 10]
[Ausblick]
Wenn wir heute der Bevölkerung schon einiges bieten können, so haben wir die feste Zuversicht, in absehbarer Zeit den Hernern ein Museum vorzuführen, das sich mit vielen angesehenen Museen vergleichen kann!
Dafür werden die Stadtverwaltung und die mit der Betreuung des Museums beauftragten Männer mit allen Kräften sorgen! Ferner sind wir überzeugt, dass auch die Herner Bevölkerung uns weiterhin unterstützen wird. Auf zu neuer Arbeit und zu neuen Erfolgen!
Erläuterungen
- v. u. Zeitr., v. u. Z.
- „Vor unserer Zeitrechnung", gleichbedeutend mit „v. Chr.". Die konfessionsneutrale Form war in wissenschaftlichen und in arbeiterbildnerischen Zusammenhängen der Zeit gebräuchlich.
- Relikt
- Hier im Sinne von Überrest, Fundstück – nicht in der heutigen fachsprachlichen Bedeutung.
- Feuerstein (Silex)
- Hartes Kieselgestein, das beim Schlagen scharfkantig bricht. Grundwerkstoff für steinzeitliche Klingen und Pfeilspitzen.
- Abschlag, Absplitter
- Beim Zurichten eines Steinwerkzeugs abgetrennte Splitter. Ihr massenhaftes Vorkommen an einem Platz belegt, dass dort gearbeitet wurde.
- Geschliffener Stein
- Kennzeichen der Jungsteinzeit. Beile und Äxte wurden nicht mehr nur zugeschlagen, sondern glatt geschliffen und teilweise durchbohrt.
- Ziselieren
- Verzieren einer Metalloberfläche durch Punzen und Meißel, ohne Material abzutragen.
- Gewandnadel (Fibel)
- Nadel zum Zusammenhalten der Kleidung, in Bronze- und Eisenzeit häufig kunstvoll gestaltet und ein wichtiges Datierungsmittel.
- Latènezeit
- Jüngere Eisenzeit Mitteleuropas, benannt nach dem Fundort La Tène am Neuenburger See. Etwa 450 v. Chr. bis zur Zeitenwende.
- Moschusochse
- Wildrind der arktischen Tundra. In den Kaltzeiten war es auch in Mitteleuropa verbreitet.
- Römerlager
- Befestigte Militärlager der römischen Armee, in Westdeutschland etwa Haltern, Oberaden oder Xanten.
Weiter hier
- Die feierliche Einweihung des neuen Heimatmuseums (19. Juli 1928)
- Das Herner Heimatmuseum im neuen Heim (1928)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die Geologie (1928)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Das Herbarium (1928)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die entomologische Abteilung (1928)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die kultur=historische Abteilung des Heimatmuseums (1928)
Verwandte Artikel
- Emschertal-Museum (← Links)
- Das Herner Heimatmuseum im neuen Heim (1928) (← Links)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die Geologie (1928) (← Links)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Das Herbarium (1928) (← Links)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die entomologische Abteilung (1928) (← Links)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die kultur=historische Abteilung des Heimatmuseums (1928) (← Links)
- Die feierliche Einweihung des neuen Heimatmuseums (19. Juli 1928) (← Links)
Anmerkungen
- ↑ In der Vorlage folgt hier „br>" – ein unvollständiges Zeilenumbruch-Tag, das im Artikel als Text sichtbar war.
- ↑ In der Vorlage „vorgeschichtlichen Eiszeit". Gemeint ist die Eisenzeit, die weiter unten als eigene Periode behandelt wird.
- ↑ In der Vorlage steht nach „zugehauenen" ein überzähliges Gleichheitszeichen.
- ↑ Der Rassenbegriff der physischen Anthropologie, den Brandt hier verwendet, entspricht dem Sprachgebrauch seiner Zeit und gilt in der Forschung längst als überholt.
- ↑ Bildunterschrift der Zeitung. Die zugehörige Abbildung ist im Wiki bisher nicht eingebunden. In der Vorlage endet das Wort als „Moschusochsenschäde!!".
- ↑ In der Vorlage „(6—2000 v. u. Zeitr.)"; offenbar sind beim Satz drei Nullen ausgefallen.
- ↑ In der Vorlage „Abfallspitter".
- ↑ In der Vorlage fehlt hier ein Wort: „wie sonst ein Platz zwischen Lippe und Ruhr". Aus dem Zusammenhang ergänzt.
- ↑ In der Vorlage „La Teneperiode".
- ↑ Zu dieser Fundstelle vgl. Herr von Sodingen.
