Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die kultur=historische Abteilung des Heimatmuseums (1928)
Zur Eröffnung des städtischen Museums für Natur- und Heimatkunde am 19. Juli 1928 stellte der Herner Anzeiger die einzelnen Abteilungen in eigenen Beiträgen vor.[1] Der folgende Text stammt von Anton Rieke, Knappschaftsbürovorsteher und Betreuer der kulturhistorischen Abteilung.
Anders als die übrigen Beiträge der Serie ist dieser kein Bestandsbericht, sondern ein Aufruf – schon die Überschrift ist als Frage an die Leser formuliert. Rieke räumt ein, dass Herne spät dran ist, zählt die Wege auf, über die alter Hausrat verlorengegangen ist, und wirbt um Stücke aus Herner Familienbesitz. Dabei formuliert er nebenbei einen bemerkenswerten Sammlungsgrundsatz: Beim Händler solle man nicht kaufen, denn dort sei ein Stück bereits gerettet – und ohne bekannte Herkunft dem Museum ohnehin fremd. Jedes aufgenommene Stück solle den Namen des früheren Besitzers tragen.
Die Klage über abgewanderte Bestände findet sich auch im Hauptbeitrag zur Museumseröffnung; dort werden Witten, Bochum und Dortmund genannt, hier Dortmund, Essen, Recklinghausen und Bochum.
Der folgende Quellentext gibt den Beitrag im Wortlaut wieder. Die Absatzeinteilung und die Zwischenüberschriften in eckigen Klammern wurden zur besseren Lesbarkeit redaktionell ergänzt; sie stehen so nicht in der Vorlage. Anmerkungen der Redaktion des Wikis sind mit „A" gekennzeichnet.
Was gesucht wurde
Rieke nennt als Sammlungsgebiete:
- Alte Möbel – genannt werden Himmelbett, Truhe, Brautkoffer, Schrank und Sorgenstuhl
- Gebrauchsgegenstände aus Kupfer, Zinn, Bronze und Glas – etwa Kranenkannen, Humpen und Kuchenteller
- Alte Bilder und Bücher
- Denkmäler und Urkunden vergangener Zeiten
Wie die Stücke verlorengingen
Als Ursachen zählt Rieke auf: Brand, Abbruch, Vernichtung, Wegzug, gedankenloses Verkaufen an Händler, Abgabe an Liebhaber sowie Abwanderung in auswärtige Museen – genannt werden Dortmund, Essen, Recklinghausen und Bochum. Hinzu kommt die Zweckentfremdung im eigenen Haus: der Brautschrank in den Keller verbannt, die Truhe als Haferkiste, der Kleiderschrank für das Pferdegeschirr.
Quellentext
[Die Frage bei der Gründung]
Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums.
Wer steuert aus Urväter Hausrat bei?
Die kultur=historische Abteilung des Heimatmuseums.
Von Knappschaftsbürovorsteher Rieke.
Bei der Gründung des Herner Museums entstand in der Befürchtung, dass das alte Ackerstädtchen Herne, arm an Kunst, wenig Sammelwerte bietet, die Frage: Soll auch eine Sammlung von Altertümern angegliedert werden?
Einstimmig wurde dieses beschlossen. Denn was ist ein Museum, mag es in geologischer, naturwissenschaftlicher oder technischer Hinsicht noch so viel bieten, für den Durchschnittsbesucher ohne Himmelbett, Truhe, Koffer, Schrank, Sorgenstuhl, alte Denkmäler und Urkunden vergangener Zeiten?
[Warum alte Möbel erzählen]
Ein eigenes Gefühl, ein gewisses Heimweh beschleicht uns in Betrachtung dieser Dinge. Bieten sie doch einen besonderen Reiz, darzustellen, wie unsere Vorfahren gelebt, gewohnt und ihr Heim geschmückt haben.
Einfach in der Form und diese den Bedürfnissen angepasst, solide in der Bauart, innen wie außen von demselben Stoff, sind sie ein Spiegelbild und Charakterzug von Hersteller und Besitzer, nicht einer Mode angepasst, sondern bestimmt für die Vererbung auf die nachkommenden Geschlechter.
Sie sollten zugleich ein Familienarchiv sein, denn Schrank, Truhe, Brautkoffer und Himmelbett trugen Namen und Jahre der Verbindung des jungen Paares. Das Himmelbett häufig noch eine Bitte um des Himmels Segen.
Zur Herstellung der heutigen Möbel gehören Architekt, Schreiner, Bildhauer, Anstreicher und Maschinen. Alles in einer Person verkörperte der Meister aus früherer Zeit. Ein vielseitiger Künstler.
[Was schon verloren ist]
Spät, reichlich spät, kommt Herne, soweit die Sammlung von Altertümern in Frage steht. Leider ist schon manches Stück verschwunden, sei es durch Brand, Abbruch, Vernichtung, Verzug oder durch gedankenloses Verkaufen an Händler, durch Abgabe an Liebhaber oder durch Abwanderung in Museen, die schon früher auf den Plan erschienen sind, z. B. Dortmund, Essen, Recklinghausen und Bochum.
Manch schöner Schrank, einst die Zierde des Brautwagens, aufgestellt in der besten Stube, die ständig mit Sand bestreut war und nur in Strümpfen betreten werden durfte, wurde von der modernen Tochter als nicht für ihre Möbel passend, zu einem profanen Zweck in den Keller verdammt.
Die Truhe, der Brautkoffer, einst angefüllt mit selbst gesponnenem Leinen, dienen als Haferkiste für die Pferde und als Kasten für das Schweinefutter. Der schöne Kleiderschrank mit dem wuchtigen Gesimse, den geschnitzten Türen dient der Aufbewahrung des Pferdegeschirres.
Verschwunden, verkauft oder sogar vertauscht gegen gleiche Stücke aus Emaille oder Glas sind die schönen alten zinnenen Kranenkannen, Humpen, Kuchenteller, die Zeugen einstiger froher Familienfeste.
Und doch gibt's noch so manches schöne Stück zu retten, mag es auch an prächtigen, sogenannten Museumsstücken gemessen, schlicht und bescheiden erscheinen. Nicht bei Händlern sollen wir kaufen, denn was sich dort befindet, ist schon gerettet, vor dem Verderben und dem Untergang bewahrt und außerdem unserem Museum heimatsfremd; zudem fehlt ihm der poetische Hauch, gewissermaßen die Jungfräulichkeit, die den ehrwürdigen, aus Staub und Moder hervorgezogenen Zeugen der Vergangenheit anhaftet.
[Was gesammelt wird]
In stiller, eifriger Arbeit sind schon manche Schätze gesammelt, die uns ein Bild heimischer Art geben. Zweifellos befindet sich doch noch vieles im Verborgenen.[A 1]
Wir sammeln alte Möbel, Gebrauchsgegenstände aus Kupfer, Zinn, Bronze, Glas, alte Bilder und Bücher. Wo sind die Gegenstände besser der Zukunft erhalten als im Museum? Jedes Stück wird mit dem Namen des früheren Besitzers versehen, so daß es gewissermaßen in der Familie weiterlebt.
[Aufruf an die Bürgerschaft]
An jeden Herner Bürger ergeht die Bitte, an der Ausgestaltung des Museums mitzuwirken, um dadurch Heimatkunde und Heimatliebe zu fördern.
Erläuterungen
- Altertümer
- Zeitgenössische Bezeichnung für kulturgeschichtliche Sammlungsstücke aller Art – Hausrat, Geräte, Möbel, Urkunden.
- Knappschaft
- Berufsständische Kranken- und Rentenversicherung der Bergleute. Der Bürovorsteher leitete dort eine Geschäftsstelle.
- Sorgenstuhl
- Bequemer Lehnstuhl mit hoher Rückenlehne und Seitenwangen, in dem man sich zurücklehnen und „seine Sorgen vergessen" konnte.
- Himmelbett
- Bett mit vier Pfosten und darüber gespanntem Betthimmel. Die Vorhänge hielten Zugluft ab.
- Brautwagen, Brautkoffer, Brauttruhe
- Zur Aussteuer gehörende Möbel, die beim Umzug der Braut ins neue Haus auf einem geschmückten Wagen mitgeführt wurden. Sie trugen häufig Namen und Hochzeitsjahr des Paares.
- Kranenkanne
- Zinnkanne mit einem Zapfhahn (Kran) am unteren Rand, aus der bei Festen ausgeschenkt wurde.
- Humpen
- Großes Trinkgefäß mit Deckel, meist aus Zinn oder Steinzeug.
- Gute Stube, beste Stube
- Der nur zu besonderen Anlässen genutzte Wohnraum. Das Bestreuen des Dielenbodens mit feinem Sand war eine verbreitete Form der Reinhaltung und wurde zu Mustern geharkt.
- Gesims
- Waagerecht vorspringendes Bauglied, hier der profilierte Abschluss oben am Schrank.
- Verzug
- Wegzug, Umzug an einen anderen Ort.
- Zinn
- Weiches Metall, aus dem bis ins 19. Jahrhundert ein Großteil des besseren Tafelgeschirrs bestand. Es wurde vielfach durch Emaille und Glas verdrängt und eingeschmolzen.
- Provenienz
- Herkunft eines Sammlungsstücks. Riekes Grundsatz, jedes Stück mit dem Namen des Vorbesitzers zu versehen und nicht beim Händler zu kaufen, entspricht dem, was heute Provenienzdokumentation heißt.
Weiter hier
- Die feierliche Einweihung des neuen Heimatmuseums (19. Juli 1928)
- Das Herner Heimatmuseum im neuen Heim (1928)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die Geologie (1928)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die vorgeschichtliche Abteilung (1928)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Das Herbarium (1928)
- Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die entomologische Abteilung (1928)
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Anmerkungen
- ↑ In der Vorlage fehlt hier der Satzschluss: „…die uns ein Bild heimischer Art geben zweifellos befindet sich doch noch vieles im Verborgenen."
