Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die entomologische Abteilung (1928)

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
Quellentext
TitelDie einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums. Die entomologische Abteilung.
VerfasserSchneidermeister Hermann Cornelsen
Erschienen inHerner Anzeiger
Datum19. Juli 1928
AnlassEröffnung des Museums für Natur- und Heimatkunde
GegenstandEntomologische Abteilung des Heimatmuseums
Umfang58 Glaskästen, über 3.000 Schmetterlinge
DigitalisatZeitpunkt.NRW

Zur Eröffnung des städtischen Museums für Natur- und Heimatkunde am 19. Juli 1928 stellte der Herner Anzeiger die einzelnen Abteilungen in eigenen Beiträgen vor.[1] Der folgende Text stammt vom Schneidermeister Hermann Cornelsen aus Herne, dessen Schmetterlingssammlung die Stadt angekauft und daraus die entomologische Abteilung gebildet hatte.[A 1]

Cornelsen schreibt als Sammler über seine eigene, inzwischen städtische Sammlung – und macht daraus keinen Hehl: Der Text endet mit dem Wunsch, sie möge den Besuchern Freude bereiten. Fachlich bemerkenswert ist der Hinweis auf die Temperaturformen, also auf Zuchtversuche, bei denen Puppen gezielt Wärme oder Kälte ausgesetzt wurden, um Farbveränderungen hervorzurufen. Das war um 1900 ein vielbeachtetes Experimentierfeld der Schmetterlingskunde.

Der folgende Quellentext gibt den Beitrag im Wortlaut wieder. Die Absatzeinteilung und die Zwischenüberschriften in eckigen Klammern wurden zur besseren Lesbarkeit redaktionell ergänzt; sie stehen so nicht in der Vorlage. Anmerkungen der Redaktion des Wikis sind mit „A" gekennzeichnet.

Die genannten Arten

Prozessionsspinner
Gattung Thaumetopoea. Die Raupen ziehen in Prozessionen und tragen Brennhaare.
Goldafter (Euproctis chrysorrhoea)
Nach Cornelsens Beobachtung verwüsteten die Raupen ganze Eichenwälder, unter anderem in Gladbeck.
Nonne (Psilura monacha)
Heute Lymantria monacha. Cornelsen nennt die dunklen Formen eremita und atra als hier vorkommend.
Totenkopfschwärmer (Acherontia atropos)
Mit seinen Verwandten aus derselben Gattung.
Oleanderschwärmer (Daphnis nerii)
Von Cornelsen als schnellster Flieger bezeichnet, schneller als die Schwalbe.
Thysania agrippina
Mittel- und südamerikanischer Falter mit der größten bekannten Flügelspannweite – nach Cornelsen über 30 Zentimeter.
Atlasspinner (Attacus atlas)
Südostasiatischer Nachtfalter, gemessen an der Flügelfläche der größte Schmetterling.

Quellentext

[Aufbau und Schutz der Sammlung]

Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums.

Die entomologische Abteilung.

Von Schneidermeister Hermann Cornelsen.

Die entomologische Abteilung enthält 58 Glaskästen mit über 3000 paläarktischen (einheimischen) und exotischen Schmetterlingen, welche an der der Eintrittstür gegenüberliegenden Wand angebracht sind.

Zum Schutz gegen die ausbleichende Wirkung des Lichtes werden die Kästen von einem Vorhang verdeckt, der an Besuchstagen abgenommen wird. Also auch die Naturfarbe der oft herrlich gefärbten Tierchen ist nicht lichtecht.

Die Sammlung ist sehr reichhaltig und zeigt nicht nur die hier vorkommenden Schmetterlinge, sondern auch deren Verwandte, wie es die Systematik fordert.

[Schädlinge und ihre Raupen]

Es werden gezeigt: Schmetterlinge, deren Raupen große Schädlinge sind, z. B. der Prozessionsspinner, Goldafter (Euproctis chrysorrhoea), letzterer verwüstete durch seine Raupen, wie die Zeitungen noch vor kurzem berichten konnten und wie ich es in Gladbeck feststellte, ganze Eichenwälder.

Dann Psilura monacha, die Nonne, ebenfalls ein großer Schädling mit seinen hier vorkommenden dunklen bis schwarzen Nebenformen eremita und atra usw.

[Temperaturformen und Schwärmer]

Dann finden wir die sogenannten Temperaturformen der Vanessoiden (Eckflügler), an denen man die Einwirkungen erhöhter bzw. erniedrigter Temperaturen bei der Zucht und auch im Freien an den veränderten Farben wahrnehmen kann.[A 2]

Interessant sind auch der Totenkopf (Acherontia atropos) mit seinen Verwandten styx und eratis, ferner Daphnis nerii, der Oleanderschwärmer, welcher der schnellste Flieger ist, schneller als die Schwalbe.

[Seltenheiten und Exoten]

Für den Kenner interessante große Seltenheiten sind Phragmatoecia roborowftii, Diranura phantoma u. v. a. m.[A 3]

Die Exoten verblüffen einfach! Solche Pracht kann kein Maler darstellen! Herrlich schillernde blaue, blaugrüne, opalfarbige, bizarr gestaltete Tierchen wechseln ab.

Sehr imposant wirken Thysania agrippina und Attacus atlas, die zwei größten Schmetterlinge der Erde.[A 4] Thysania agrippina hat über 30 Zentimeter Flügelspannweite.

[Pläne für den Ausbau]

Die Insektenabteilung des Heimatmuseums soll durch Biologen weiter ausgebaut werden, um die Entwicklungsgänge zeigen zu können. Es sind auch kleine Vorträge vorgesehen, die an dazu bestimmten Tagen im Rahmen der allgemeinen Erläuterung neben der Führung gehalten werden. Vielleicht wird es auch möglich sein, lebende interessante Zuchten zu zeigen.

Auch hier, wie in den anderen Abteilungen besteht das Bestreben, restlos weiterzuarbeiten und mehr zu schaffen. Es ist selbst alten Museen nicht immer möglich, eine so reichhaltige Schmetterlingssammlung vorzuzeigen, wie unser Museum sie schon jetzt von Beginn an besitzt.

[Schlusswort]

Viel Arbeit und Erfahrung gehört dazu, eine solche Sammlung zusammenzubringen. Viel Freude ist aber hier auch der Lohn des Sammlers. Und so hoffe ich bestimmt, dass unsere Sammlung den Besuchern des Heimatmuseums zur Freude gereichen wird.

Erläuterungen

Entomologie
Insektenkunde.
Paläarktis
Tiergeographischer Großraum, der Europa, Nordafrika und das außertropische Asien umfasst. Cornelsens Gleichsetzung mit „einheimisch" ist stark verkürzt: Zur Paläarktis gehören auch Arten, die in Westfalen nie vorkamen.
Systematik
Die wissenschaftliche Ordnung der Lebewesen nach Verwandtschaftsgruppen. Sie erklärt, warum die Sammlung auch nicht heimische Verwandte zeigt.
Spinner
Ältere Sammelbezeichnung für mehrere Nachtfalterfamilien, deren Raupen sich in einem Gespinst verpuppen. Der Begriff steckt in Prozessionsspinner und Atlasspinner.
Schwärmer
Familie kräftig gebauter, schnell fliegender Nachtfalter mit schmalen Flügeln. Dazu gehören Totenkopf- und Oleanderschwärmer.
Vanessoiden
Falter aus der Verwandtschaft der Gattung Vanessa – Edelfalter wie Admiral, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge und C-Falter.
Temperaturformen
Abweichende Färbungen, die entstehen, wenn Puppen während der Entwicklung ungewöhnlicher Wärme oder Kälte ausgesetzt werden. Um 1900 ein verbreitetes Versuchsfeld der Schmetterlingszucht.
Nebenform
Von der Grundform abweichende Farb- oder Zeichnungsvariante innerhalb einer Art.
Brennhaare
Feine, leicht abbrechende Haare mancher Raupen. Sie lösen bei Hautkontakt Reizungen aus und machen etwa Eichenprozessionsspinner bis heute zum Problem.

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Anmerkungen

  1. Der Hauptbeitrag zur Museumseröffnung nennt als Anschrift Grabenstraße 5.
  2. Der bisherige Verweis führte auf den Eckflügel-Kleinspanner, einen Spanner. Gemeint sind die Vanessoiden, also Edelfalter der Verwandtschaft von Admiral, Kleinem Fuchs und Tagpfauenauge. Der irreführende Verweis wurde entfernt.
  3. Mehrere Artnamen sind in der Vorlage entstellt. Bei „Phragmatoecia roborowftii" ist Phragmatoecia roborowskii zu vermuten, bei „Diranura" die Gattung Dicranura; der zweite Namensteil bleibt unklar. Auch „eratis" im vorigen Abschnitt lässt sich keiner Acherontia-Art sicher zuordnen. Die Lesungen sollten am Digitalisat geprüft werden.
  4. In der Vorlage „Attacus allas".

Quellen