Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums - Die Geologie (1928)

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
Quellentext
TitelDie einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums. Die Geologie.
VerfasserStudienrat Dr. Dißmann
Erschienen inHerner Anzeiger
Datum19. Juli 1928
AnlassEröffnung des Museums für Natur- und Heimatkunde
GegenstandGeologische Abteilung des Heimatmuseums
DigitalisatZeitpunkt.NRW

Zur Eröffnung des städtischen Museums für Natur- und Heimatkunde am 19. Juli 1928 stellte der Herner Anzeiger neben dem Rückblick auf die Gründungsgeschichte auch die einzelnen Abteilungen in eigenen Beiträgen vor.[1] Der folgende Beitrag über die geologische Abteilung stammt von deren Betreuer, dem Studienrat Dr. Dißmann, der zugleich die wissenschaftliche Leitung des Museums innehatte.

Dißmann schreibt weniger einen Bestandsbericht als einen Werbetext für sein Fach: Er führt den Leser von den Kräften, die den Boden umgestalten, über das Karbon mit seinen Steinkohlenmooren und die Kreidezeit bis zu den skandinavischen Eismassen der Eiszeit – und endet dort, wo die vorgeschichtliche Abteilung ansetzt.

Der folgende Quellentext gibt den Beitrag im Wortlaut wieder. Die Absatzeinteilung und die Zwischenüberschriften in eckigen Klammern wurden zur besseren Lesbarkeit redaktionell ergänzt; sie stehen so nicht in der Vorlage. Anmerkungen der Redaktion des Wikis sind mit „A" gekennzeichnet.

Die erdgeschichtlichen Stationen des Beitrags

Dißmann verwendet die Zeitbegriffe seiner Epoche. Zur Orientierung:

Silur
Erdaltertum, etwa 444 bis 419 Millionen Jahre vor heute. Aus ihm nennt der Text die Graptolithen.
Karbon (Steinkohlenzeit)
Etwa 359 bis 299 Millionen Jahre vor heute. In ihm entstand die Steinkohle des Ruhrgebiets – im Text der Schwerpunkt.
Kreide
Etwa 145 bis 66 Millionen Jahre vor heute. Ihre Ablagerungen bilden nördlich von Bochum das Deckgebirge über dem Steinkohlengebirge.
Tertiär
Ältere Bezeichnung für den Zeitraum von etwa 66 bis 2,6 Millionen Jahren vor heute, heute in Paläogen und Neogen unterteilt. Im Text als Zeit des Auftretens der Säugetiere genannt.
Diluvium
Ältere Bezeichnung für das Pleistozän, also die Eiszeiten der letzten rund 2,6 Millionen Jahre. Im Text die Zeit des ersten Menschen in der Region.

Quellentext

[Der heimatliche Boden]

Die einzelnen Abteilungen des Heimatmuseums.

Die Geologie.

Von Studienrat Dr. Dißmann.

Der Teil unserer Umwelt, der wohl am engsten mit dem Begriff Heimat verknüpft ist, ist der heimatliche Grund und Boden. Gilt das schon allgemein für jede Landschaft, in der die heimatliche Erde den sie bewohnenden Menschen Nahrung für ihn und seine Haustiere liefert und ihm Raum und Wasser für seine Siedlungen stellt, so trifft das in erhöhtem Maße zu in einer Gegend, in der Bodenschätze in reicher Fülle einen ausschlaggebenden Einfluß ausüben auf das Wirtschafts= und Erwerbsleben des ganzen Gebietes.

Mit Recht nimmt daher in einem Heimatmuseum unseres rheinisch=westfälischen Bergbau= und Industriebezirkes die Darstellung der Geologie der Heimat einen breiten Raum ein. Denn die Geologie ist es, die uns mit ihren vielfachen Hilfsmitteln Aufschluß gibt über den heimatlichen Boden, seine Beschaffenheit und Form, seine Entstehung und sein Werden, über die Kräfte, die ihn umgestalten und umlagern vom rinnenden Wassertropfen bis zum emsig schaffenden Menschen.

[Aufgabe der geologischen Abteilung]

Alles das erzählt draußen in der Natur dem aufmerksamen Beobachter die Erdgeschichte. Aber nicht immer ist es leicht, aus den Dokumenten und Pergamenten des scheinbar toten Bodens das Richtige herauszulesen, all das Lebendige und Ruhe= und Rastlose, das diesen Boden von jeher bewegt hat und ihn immer wieder umgestalten wird, zu immer neuen Leben tragenden Bildern und Formen.

Da nun soll das Heimatmuseum helfen. Mit Gesteins= und Erdproben, mit Fundstücken von Versteinerungen und Mineralien, mit Erläuterung durch Wort und Schrift und schließlich durch Abbildungen und Modelle mancherlei Art wird dem Beschauer die uralte, lebendige Geschichte des Heimatbodens näher gebracht.

[Die Kräfte, die den Boden umgestalten]

Zunächst muß da gezeigt werden, wie außerordentlich mannigfache Kräfte ständig an der Arbeit sind, die Erdoberfläche umzugestalten und zu verändern; wie einerseits selbst die härtesten Gesteine im Laufe der Zeiten dem Verfall und der Zersetzung anheimfallen, anderseits sich aus den Trümmern zerfallener und gelöster Gesteine wieder neue bilden; wie der Vulkanismus seinerseits ganz andere neue Gesteinsarten schafft, und wie gebirgsbildende Kräfte hohe Gebirge emportürmen, die wiederum der Abtragung anheimfallen.[A 1]

Das Leben früherer Zeiträume blieb uns erhalten in den versteinerten Resten der Lebewesen, die als sogenannte Versteinerungen in der mannigfachsten Bildungs= und Erhaltungsart uns Kunde geben davon, ob die sie einhüllenden Gesteine in einem Meer oder einem See, als Fluß= oder gar als Landablagerung entstanden sind.[A 2]

[Karbon und Steinkohle]

Im Mittelpunkt vieler derartig entstandener Gesteinsschichten steht natürlich hier für uns die Steinkohle, und daher muß ihre Darstellung und die des Karbons, als der Erdzeit, in der sie entstand, in der geologischen Abteilung einen breiten Raum einnehmen.

Ausgedehnte Wallmoore auf einem sich senkenden und sich hebenden Tiefland betteten ihre Ablagerungen von Torf und Faulschlamm zwischen mächtige Ton= und Sandmassen des Meeres und des Landes.[A 3] Alles verfestigte sich im Laufe von Jahrmillionen zu Steinkohle, Tonschiefer und Sandstein.

Ganz besondere Pflanzengattungen, die in der heutigen Vegetation bei uns kaum eine Rolle spielen, standen damals in ungeheuerer Ueppigkeit auf dem feuchten Boden und wurden uns in Abdrücken in den weichen Schlammmassen in schönster Deutlichkeit erhalten.

[Kreidezeit, Deckgebirge und Eiszeit]

Da aber von Bochum ab nordwärts die Schichten des Steinkohlengebirges von den im Meere der Kreidezeit entstandenen Gesteinen des sogenannten Deckgebirges und noch jüngeren Ablagerungen überdeckt sind, so bieten dem für die geologische Geschichte der Heimat Interessierten auch diese Schichten eine Fülle von anziehenden und belehrenden Tatsachen und Erscheinungen. Besonders fällt uns an ihnen stellenweise ein außerordentlich großer Reichtum an Versteinerungen auf, der auf eine mannigfache, zahlreiche Lebewelt in dem damals hier flutenden Meere schließen lässt.

Viele Jahrtausende später wiederum, nach der Landwerdung unseres Gebietes, überzogen gewaltige, aus Skandinavien kommende Eismassen unsere heimische Landschaft und hinterließen nach ihrem Zurückweichen gewissermaßen als Gastgeschenk mächtige Moränenablagerungen mit großen nordischen Geschieben und mannigfachem anderen Material.[A 4]

Die Tierwelt, die damals das wieder eisfrei gewordene Gebiet besiedelte, war eine von unserer heutigen noch stark abweichende, wie uns ihre gewaltigen Überreste aus Emscher= und Lippeablagerungen erzählen.

[Der Blick nach Süden ins Sauerland]

Während so in unserer Heimat nach Norden hin das Steinkohlengebirge von Kreideschichten und noch jüngeren Ablagerungen überdeckt ist, treten dem Wanderer, der von hier südwärts das Sauerland aufmerkenden Sinnes durchquert, hinwiederum ältere Gesteinsschichten entgegen.

Sandsteine, Schiefer und Kalke bilden starkgefaltet die waldreichen Berge und Plateaus des Sauerlandes und zeigen stellenweise durch großen Fossilienreichtum ihre Entstehung in einem uralten Meere an.

[Vom Silur bis zum Menschen]

Alle diese erwähnten Epochen sind eingegliedert in eine geschlossene Uebersicht der Jahrmillionen alten Erdgeschichte, wie sie uns besonders in der Entwicklung der Lebewelt in ihren interessanten Resten entgegentritt.

Eine außerordentliche Fülle von Lebewesen teils abenteuerlichster Gestalten tritt uns in diesen langen Entwicklungsreihen entgegen, von den eigentümlichen, uralten Graptolithen des Silur bis zum Auftreten der Säuger im Tertiär.[A 5]

Nach ihnen kam dann im Diluvium auch der Mensch in unsere Gegend, und sein erstes Auftreten leitet hinüber zum Abschluß der Geologie und zugleich zum ältesten Kapitel der Menschheitsgeschichte, der sogenannten Vorgeschichte oder Prähistorie.

Erläuterungen

Steinkohlengebirge
Bergmännisch und geologisch die Schichtenfolge des Karbons, in der die Kohlenflöze liegen.
Deckgebirge
Die jüngeren Schichten, die das Steinkohlengebirge überlagern. Nördlich von Bochum sind das vor allem Kreidegesteine; sie machten den Bergbau dort erst mit tieferen Schächten möglich.
Flöz
Plattenförmige Gesteinsschicht, hier die Kohlenschicht zwischen Nebengestein.
Faulschlamm
Sauerstoffarmer, organisch reicher Bodenschlamm. Aus ihm entstehen bei Verfestigung kohlenstoffreiche Gesteine.
Moräne
Von einem Gletscher mitgeführtes und beim Abschmelzen abgelagertes Gesteinsmaterial.
Geschiebe
Vom Eis über weite Strecken transportierte Gesteinsblöcke. Die „nordischen Geschiebe" stammen aus Skandinavien.
Graptolithen
Ausgestorbene, koloniebildende Meerestiere des Erdaltertums. Ihre versteinerten Reste dienen als Leitfossilien.
Leitfossil
Versteinerung einer Art, die nur in einem eng begrenzten Zeitraum vorkam und deshalb die Datierung einer Gesteinsschicht erlaubt.
Vulkanismus
Die Gesamtheit der Vorgänge, bei denen Gesteinsschmelze aus dem Erdinneren an die Oberfläche gelangt.
Prähistorie
Vorgeschichte, also die Zeit vor dem Einsetzen schriftlicher Überlieferung.

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Anmerkungen

  1. In der Vorlage steht vor „die wiederum" ein Punkt statt eines Kommas.
  2. In der Vorlage „Lebewsen".
  3. Die Vorlage schreibt „Wallmoore". Der Zusammenhang – Torfbildung in den Steinkohlenwäldern – legt „Waldmoore" nahe; die Lesung sollte am Digitalisat geprüft werden.
  4. Zwischen dem Ende der Kreidezeit und dem Vorstoß des skandinavischen Inlandeises liegen nach heutigem Kenntnisstand mehr als 60 Millionen Jahre, nicht „viele Jahrtausende".
  5. In der Vorlage „in Tertiär".

Quellen