Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel - Teil III: Von der Industriebrache zum neuen Quartier

Seit den 1980er Jahren entwickelte sich in Herne ein neues Verständnis des Strukturwandels. Die ehemaligen Zechenflächen sollten nicht einfach verschwinden. Vielmehr sollten aus den industriellen Hinterlassenschaften neue Wirtschaftsstandorte, Wohngebiete, Grünflächen und kulturelle Einrichtungen entstehen.
Eine besondere Bedeutung gewann dabei die Internationale Bauausstellung Emscher Park.
Die Internationale Bauausstellung Emscher Park
Die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) wurde 1989 begonnen und 1999 abgeschlossen. Ihr Ziel war es, die Industrielandschaft des nördlichen Ruhrgebiets ökologisch, wirtschaftlich, städtebaulich und kulturell neu zu entwickeln.
Dabei wurde ein grundlegender Perspektivwechsel vollzogen. Die industrielle Vergangenheit sollte nicht vollständig beseitigt werden. Stattdessen sollten ausgewählte Zeugnisse erhalten und mit neuen Nutzungen verbunden werden.
Zu den zentralen Zielen gehörten die Entwicklung des Emscher Landschaftsparks, die ökologische Erneuerung der Region, die Wiedernutzung von Industriebrachen, die Aufwertung von Wohnsiedlungen und die Entwicklung neuer Arbeitsplätze.[1]
Für Herne eröffnete diese Entwicklung neue Möglichkeiten.
Die Siedlung Teutoburgia
Die Siedlung Teutoburgia ist ein frühes Beispiel für die Neubewertung des industriellen Erbes.
Die zwischen 1909 und 1923 entstandene Bergarbeitersiedlung war ursprünglich unmittelbar mit der Zeche Teutoburgia verbunden. Nach dem Ende des Bergbaus hätte sie ihren ursprünglichen funktionalen Zusammenhang verloren.
Im Rahmen der IBA Emscher Park wurde die Siedlung zwischen 1989 und 1998 umfassend saniert. Sie gilt heute als bedeutendes Beispiel für den Erhalt einer historischen Bergarbeitersiedlung.[2]
Damit wurde aus einem Relikt der Bergbauzeit ein Bestandteil der heutigen Stadtgeschichte und Stadtidentität.
Mont-Cenis als Modellprojekt
Besonders umfangreich war die Entwicklung des ehemaligen Zechengeländes Mont-Cenis.
Nach der Stilllegung 1978 und dem Abbruch der Zechenanlagen wurde das Gelände zu einer der bedeutendsten Konversionsflächen Hernes.
Die Entwicklung verband mehrere Ziele:
- Sanierung einer ehemaligen Industriebrache
- Schaffung neuer Arbeitsplätze
- Ansiedlung öffentlicher Einrichtungen
- Schaffung von Wohnraum
- Anlage von Grünflächen
- Nutzung regenerativer Energie
- Aufwertung des Stadtteils Sodingen
Auf dem Gelände entstand die Akademie Mont-Cenis des Landes Nordrhein-Westfalen.
Das Gebäude erhielt eine rund 20.000 Quadratmeter große Glashülle. Die Architektur verbindet den historischen Namen des Zechenstandortes mit einer völlig neuen Nutzung.[3]
Neben der Akademie entstanden Wohnungen, Geschäfte, öffentliche Einrichtungen und ein Stadtteilpark.
Damit wurde aus dem ehemaligen Zechenstandort eine neue städtebauliche Mitte für Sodingen.
Industriekultur und kulturelle Nachnutzung
Nicht alle erhaltenen Industriegebäude wurden wirtschaftlich genutzt. Einige erhielten kulturelle Funktionen.
Flottmann-Hallen
Die Flottmann-Hallen gehören zu den bedeutenden erhaltenen Zeugnissen der industriellen Vergangenheit Hernes.
Aus den ehemaligen Produktionsanlagen der Flottmann-Werke entwickelte sich ein Kulturstandort. Die Industriearchitektur wurde damit nicht beseitigt, sondern in einen neuen städtischen Zusammenhang gestellt.
Künstlerzeche Unser Fritz
Eine besonders markante Nachnutzung entstand auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Unser Fritz.
Nach dem Ende des Bergbaus wurde der Standort schrittweise zu einem Ort der Kunst. Seit 2002 wird die Künstlerzeche durch einen Förderverein getragen. Die Räumlichkeiten dienen Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen.[4]
Die ehemalige Arbeitsstätte der Bergleute wurde damit zu einem Ort künstlerischer Produktion und kultureller Begegnung.
Gewerbegebiete auf ehemaligen Zechenflächen
Parallel zur Industriekultur setzte die wirtschaftliche Nutzung ehemaliger Zechenflächen ein.
Der Gewerbepark Friedrich der Große ist hierfür ein Beispiel. Seit Mitte der 1980er Jahre siedelten sich dort zahlreiche Betriebe an.[5]
Diese Entwicklung war für die Stadt von großer Bedeutung, weil sie Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen an Standorten schaffen sollte, die zuvor vom Bergbau geprägt gewesen waren.
Der Strukturwandel bedeutete somit nicht die vollständige Abkehr von gewerblicher und industrieller Produktion. Vielmehr änderte sich deren Form.
Emscher und ökologische Erneuerung
Eine zweite große Säule des Strukturwandels war die ökologische Erneuerung.
Die Emscher war während der Hochphase der Industrialisierung zu einem stark belasteten Abwasserlauf geworden. Mit dem Rückgang der Montanindustrie und dem Emscher-Umbau wurde es möglich, die Gewässerlandschaft grundlegend neu zu gestalten.
In Herne investierte die Emschergenossenschaft insgesamt rund 434 Millionen Euro in den Emscher-Umbau. Rund 30 Kilometer Kanalisation wurden gebaut, um das Abwasser künftig unterirdisch abzuleiten.[6]
Damit änderte sich die Funktion der Emscher grundlegend.
Aus einem technisch belasteten Entwässerungssystem wurde wieder ein Gewässer, das Bestandteil der Landschaft und der Stadtentwicklung sein kann.
Neue Freiräume
Mit der ökologischen Erneuerung entstanden neue Grün- und Freiräume.
Die Emscher-Promenade verbindet inzwischen verschiedene Städte der Region. Auf Herner Stadtgebiet wurde die Promenade 2025 um knapp zwei Kilometer erweitert.[7]
Die Entwicklung zeigt, dass der Strukturwandel nicht allein ein wirtschaftlicher Vorgang ist. Auch Landschaft, Wasser und Freiraum haben ihre Funktion verändert.
Shamrock Park
Ein weiteres Beispiel für die Umnutzung eines ehemaligen Industriestandortes ist der Shamrock Park.
Auf dem ehemaligen Gelände der RAG-Hauptverwaltung in Herne-Mitte entsteht seit 2018 ein neues Quartier. Das rund 100.000 Quadratmeter große Areal soll unterschiedliche Nutzungen miteinander verbinden.[8]
Damit wird ein weiterer Schritt sichtbar: Die Flächenkonversion beschränkt sich nicht mehr auf Gewerbegebiete. Ehemalige Industrieflächen werden zunehmend zu gemischten Quartieren mit Arbeiten, Dienstleistungen, Bildung und Wohnen.
Der Wandel des Stadtbildes
Durch diese Projekte veränderte sich das Erscheinungsbild Hernes nachhaltig.
An die Stelle zahlreicher Fördertürme, Zechenmauern, Kokereien und Industrieanlagen traten Gewerbegebiete, Parks, Kulturstandorte und neue Quartiere.
Gleichzeitig blieb ein Teil der industriellen Architektur erhalten.
Das heutige Stadtbild besteht deshalb aus mehreren historischen Schichten. Neben den alten Dorfkernen stehen Gründerzeitviertel, Bergarbeitersiedlungen, Nachkriegsbebauung, ehemalige Industrieanlagen und moderne Neubauquartiere.
Diese Mischung ist ein unmittelbares Ergebnis des Strukturwandels.
Lesen Sie weiter: Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel - Teil IV: Herne im Strukturwandel des 21. Jahrhunderts
Lesen Sie auch
- Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel - Teil II: Kohlekrise und Niedergang der Montanindustrie (← Links)
- Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel (← Links)
Quellen
- ↑ Karl Lauschke: Darstellung zur Internationalen Bauausstellung Emscher Park. LWL, Westfälische Geschichte. Online unter: https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Stadtbezirk Sodingen. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtfakten/Stadtbezirke/Stadtbezirk-Sodingen/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Das Stadtteilzentrum Mont-Cenis. Online unter: https://www.herne.de/Kultur-und-Freizeit/Tourismus/Sehenswürdigkeiten/Akademie-Mont-Cenis/Das-Stadtteilzentrum.html (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Künstlerzeche Unser Fritz. Online unter: https://www.herne.de/Kultur-und-Freizeit/Tourismus/Sehenswürdigkeiten/Künstlerzeche-Unser-Fritz/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Stadtbezirk Sodingen. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtfakten/Stadtbezirke/Stadtbezirk-Sodingen/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Emschergenossenschaft: Bilanz: Emscher-Umbau in Herne, 6. Januar 2022. Online unter: https://www.eglv.de/medien/bilanz-emscher-umbau-in-herne/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Emschergenossenschaft: Erweiterung der Emscher-Promenade in Herne, 14. Februar 2025. Online unter: https://www.eglv.de/medien/erweiterung-der-emscher-promenade-in-herne/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Aktive Gestaltung des Strukturwandels. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Zukunftsimpuls-Herne-2025/Arbeit-und-Wirtschaft/Aktive-Gestaltung-des-Strukturwandels/ (Abruf: 24. September 2026).
