Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel - Teil II: Kohlekrise und Niedergang der Montanindustrie

Der Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel begann nicht erst mit der letzten Zechenschließung. Seine Ursachen reichen bis in die 1950er Jahre zurück. Mit dem Ende des wirtschaftlichen Wachstums der Nachkriegszeit geriet der deutsche Steinkohlenbergbau zunehmend unter Druck.
Die folgenden Jahrzehnte waren durch Rationalisierung, Zechenzusammenlegungen, Förderstilllegungen und einen drastischen Abbau von Arbeitsplätzen gekennzeichnet.
Die Kohlenkrise
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Bergbau zunächst nochmals eine besondere Bedeutung. Kohle war für den Wiederaufbau der Bundesrepublik unverzichtbar.
Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Erdöl und anderen Energieträgern sowie dem wachsenden Import preisgünstiger Steinkohle änderten sich jedoch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
1958 wurde die Krise auch in Herne sichtbar. Die Stadtchronik verzeichnet für dieses Jahr eine zunehmende Krise des Bergbaus und Feierschichten.[1]
Für eine Stadt, deren Wirtschaftsleben in hohem Maße vom Bergbau abhängig war, war dies ein Einschnitt von grundsätzlicher Bedeutung.
Rationalisierung statt sofortiger Stilllegung
Der Niedergang erfolgte nicht überall plötzlich. Zunächst versuchten die Bergbaugesellschaften, die Förderung durch technische Rationalisierung, Zusammenlegung von Betrieben und Konzentration auf leistungsfähige Anlagen wirtschaftlicher zu gestalten.
Dadurch sank die Zahl der Beschäftigten bereits lange vor der endgültigen Schließung vieler Zechen.
Die Entwicklung bedeutete, dass eine Zeche trotz weiter bestehender Förderung immer weniger Arbeitsplätze bereitstellte. Damit verlor der Bergbau schrittweise seine Funktion als Massenarbeitgeber.
Die ersten Zechenstilllegungen
In Herne und Wanne-Eickel begann bereits in den 1960er Jahren die Auflösung der alten Zechenlandschaft.
Die Zeche Königsgrube stellte 1961 die Förderung ein. Die Tagesanlagen wurden in den folgenden Jahren weitgehend beseitigt; 1974 wurden die verbliebenen Tagesanlagen abgebrochen.[2]
Die ehemaligen Zechenflächen stellten die Kommunen vor eine neue Aufgabe. Wo zuvor Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen entstanden waren, lagen nun große, teilweise belastete Flächen ohne unmittelbare Nutzung.
Damit begann die Flächenkonversion als wesentlicher Bestandteil des Strukturwandels.
Mont-Cenis und Friedrich der Große
Besonders einschneidend war die Entwicklung in Sodingen.
Die Zeche Mont-Cenis hatte den Stadtteil über ein Jahrhundert geprägt. 1978 wurde die Zeche geschlossen. Im gleichen Jahr endete mit der Stilllegung der Zeche Friedrich der Große die Kohlenförderung in Herne endgültig.[3]
Damit verlor Herne innerhalb weniger Jahrzehnte die wirtschaftliche Grundlage, auf der die Stadt seit dem 19. Jahrhundert gewachsen war.
Die Schließungen bedeuteten jedoch nicht nur den Verlust von Arbeitsplätzen. Die Zechen waren auch soziale und städtebauliche Zentren gewesen. Mit ihrem Ende mussten ganze Stadtteile neue Funktionen entwickeln.
Wanne-Eickel und der Niedergang des Bergbaus
Auch Wanne-Eickel war stark vom Rückgang des Bergbaus betroffen.
Die Zechen Königsgrube, Pluto und Unser Fritz gehörten zu den prägenden Betrieben der Stadt. Die Stilllegung der Anlagen entzog den umliegenden Stadtteilen wichtige Arbeitsplätze.
Bei der Zeche Unser Fritz wurde die Förderung schrittweise reduziert. 1970 wurden die Anlagen Consol und Unser Fritz zu einer gemeinsamen Werksdirektion zusammengeführt. Die letzte Seilfahrt auf Unser Fritz fand 1993 statt.[4]
Damit dauerte der Rückzug aus dem Bergbau in einzelnen Bereichen bis weit in die 1990er Jahre.
Die kommunale Neugliederung von 1975
Der Niedergang der Montanindustrie fiel zeitlich mit der kommunalen Neugliederung zusammen.
Am 1. Januar 1975 wurden Herne und Wanne-Eickel zur neuen Stadt Herne zusammengeschlossen.[5]
Der Zusammenschluss war Teil der landesweiten kommunalen Neugliederung und nicht allein eine Reaktion auf die Krise des Bergbaus. Dennoch musste die neue Stadt nun die Strukturprobleme zweier stark montanindustriell geprägter Städte gemeinsam bewältigen.
Die neue Stadt verfügte über eine große Bevölkerung, eine dichte Infrastruktur und zahlreiche Industrieflächen. Gleichzeitig verlor sie einen wesentlichen Teil ihrer traditionellen wirtschaftlichen Grundlage.
Folgen für Beschäftigung und Bevölkerung
Die Folgen des Strukturwandels zeigten sich insbesondere auf dem Arbeitsmarkt.
Der Rückgang des Bergbaus und der damit verbundenen Industrien führte zu einem Verlust zahlreicher Arbeitsplätze. Gleichzeitig konnten neue Branchen diesen Verlust zunächst nicht vollständig ausgleichen.
Die demografische Entwicklung verschärfte die Situation. Zwischen 1975 und 2010 nahm die Bevölkerung langfristig ab. Besonders deutlich war der Rückgang bei Kindern und Jugendlichen, während der Anteil älterer Menschen zunahm.[6]
Für die Stadt bedeutete dies eine doppelte Herausforderung: Einerseits mussten neue Arbeitsplätze geschaffen werden, andererseits veränderten sich die Anforderungen an Schulen, Wohnungen, Infrastruktur und soziale Einrichtungen.
Vom Zechengelände zur Industriebrache
Die stillgelegten Zechen hinterließen große Flächen.
Diese Flächen waren nicht ohne weiteres nutzbar. Neben Gebäuderesten und technischen Anlagen konnten Bodenbelastungen, Aufschüttungen und Bergbaufolgen vorhanden sein.
Ein besonders deutliches Beispiel war das Gelände der Zeche Mont-Cenis. Nach der Stilllegung wurden die meisten Zechengebäude abgebrochen. Zurück blieb eine große Industriebrache, deren spätere Entwicklung eine umfassende Sanierung voraussetzte.[7]
Damit wurde die Frage der Altlasten und Flächenentwicklung zu einem zentralen Thema der kommunalen Stadtplanung.
Erste Antworten auf den Strukturwandel
Die Stadt reagierte zunächst vor allem mit der Entwicklung neuer Gewerbeflächen.
Auf dem Gelände der Zeche Friedrich der Große entstand seit Mitte der 1980er Jahre ein Gewerbepark. Dort siedelten sich zahlreiche Unternehmen an.[8]
Damit entstand ein neues Prinzip: Die ehemaligen Zechenflächen sollten nicht ausschließlich als Erinnerung an die Vergangenheit bewahrt, sondern wirtschaftlich wieder nutzbar gemacht werden.
Die industrielle Vergangenheit wurde damit zum Ausgangspunkt einer neuen wirtschaftlichen Nutzung.
Vom Abbruch zur Erinnerungskultur
Gleichzeitig änderte sich die Bewertung der industriellen Hinterlassenschaften.
Während in den ersten Jahren viele Anlagen als veraltet und störend betrachtet und beseitigt wurden, setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Zechenanlagen, Arbeitersiedlungen und technische Gebäude einen historischen Wert besitzen.
Diese Entwicklung führte zur Entstehung einer regionalen Industriekultur.
Der Strukturwandel erhielt damit eine zweite Dimension: Nicht mehr allein die wirtschaftliche Umnutzung, sondern auch die Bewahrung und Vermittlung der industriellen Vergangenheit wurde zu einem Bestandteil der Stadtentwicklung.
Lesen Sie weiter: Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel - Teil III: Von der Industriebrache zum neuen Quartier
Lesen Sie auch
- Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel - Teil I: Vom Agrarraum zur Industriestadt (← Links)
- Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel (← Links)
Quellen
- ↑ Stadt Herne: Stadtgeschichte, Eintrag 1958. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtgeschichte/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Zeche Königsgrube. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtgeschichte/Bergbau/Zeche-Koenigsgrube/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Stadtbezirk Sodingen. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtfakten/Stadtbezirke/Stadtbezirk-Sodingen/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Künstlerzeche Unser Fritz. Online unter: https://www.herne.de/Kultur-und-Freizeit/Tourismus/Sehenswürdigkeiten/Künstlerzeche-Unser-Fritz/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Stadtgeschichte, Eintrag 1975. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtgeschichte/ (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Kommunaler Bildungsbericht 2011, Kapitel Bevölkerungsentwicklung 1975–2010. Stadt Herne, 2011.
- ↑ Stadt Herne: Wie die Akademie Mont-Cenis entstand. Online unter: https://www.herne.de/Kultur-und-Freizeit/Tourismus/Sehenswürdigkeiten/Akademie-Mont-Cenis/Entstehung.html (Abruf: 24. September 2026).
- ↑ Stadt Herne: Stadtbezirk Sodingen. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtfakten/Stadtbezirke/Stadtbezirk-Sodingen/ (Abruf: 24. September 2026).
