Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel - Teil IV: Herne im Strukturwandel des 21. Jahrhunderts

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Mit dem Ende des klassischen Bergbaus war der Strukturwandel nicht abgeschlossen. Im 21. Jahrhundert änderte sich vielmehr sein Charakter.

Die Stadt musste nun neue wirtschaftliche Schwerpunkte entwickeln. Gleichzeitig gewannen Dienstleistungen, Gesundheitswirtschaft, Logistik, Bildung, Wissenschaft, Digitalisierung und Klimaanpassung an Bedeutung.

Seit den 2020er Jahren werden zudem große ehemalige Industrieflächen für neue Technologie- und Wissensstandorte entwickelt.

Wandel der Wirtschaftsstruktur

Die heutige Wirtschaftsstruktur Hernes ist wesentlich vielfältiger als während der Hochphase des Bergbaus.

Die Stadt nennt unter anderem Logistik, Chemie, Maschinenbau, Handel, Tourismus sowie Medizin und Gesundheitswirtschaft als wichtige Bereiche. Allein im Gesundheitswesen arbeiten nach Angaben der Stadt mehr als 8.000 Menschen.[1]

Damit ist die Wirtschaft nicht mehr von einem einzigen dominierenden Industriezweig abhängig.

Herne als Logistikstandort

Eine neue wirtschaftliche Funktion erhielt Herne durch seine Lage im Zentrum des Ruhrgebiets.

Autobahnen, Eisenbahn, der Rhein-Herne-Kanal und die Nähe zu den großen Absatzmärkten machen die Stadt für Logistikunternehmen interessant.

Nach Angaben der Stadt entstanden allein seit 2017 durch die Erweiterung des UPS-Zentraldepots sowie die Ansiedlung von Duvenbeck und Nordfrost mehr als 1.000 neue Arbeitsplätze in der Logistik.[2]

Damit entwickelte sich aus der früheren Transportfunktion des Industriezeitalters eine moderne Logistikstruktur.

Gesundheitswirtschaft

Die Gesundheitswirtschaft ist inzwischen ein bedeutender Beschäftigungsbereich der Stadt.

Krankenhäuser, Arztpraxen, therapeutische Einrichtungen und weitere medizinische Dienstleistungen bilden einen wichtigen Teil der heutigen Wirtschaftsstruktur.

Diese Entwicklung steht beispielhaft für den Übergang von der industriellen Produktion zu stärker dienstleistungsorientierten Beschäftigungsformen.

Bildung und Wissenschaft

Ein weiterer Schwerpunkt des Strukturwandels ist die Entwicklung Hernes zum Bildungs- und Wissenschaftsstandort.

Seit 2018 befindet sich die Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen in Herne. Damit erhielt die Stadt eine neue Funktion im Hochschulbereich.

Hinzu kommen weitere Einrichtungen aus Forschung und Wissenstransfer. Die Entwicklung des FunkenbergQuartiers soll diese Funktionen künftig stärker miteinander verbinden.

FunkenbergQuartier

Das FunkenbergQuartier ist eines der wichtigsten innerstädtischen Strukturwandelprojekte der Gegenwart.

Das Areal liegt in unmittelbarer Nähe zum Herner Bahnhof. Dort befinden sich beziehungsweise entstehen unter anderem die Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung, das Transformationszentrum für Georessourcen und Ökologie sowie weitere gewerbliche Nutzungen.

2026 wurden darüber hinaus Pläne für Wohnungsbau vorgestellt. Damit soll das Quartier nicht ausschließlich als Arbeits- und Bildungsstandort, sondern als gemischtes Stadtquartier entwickelt werden.[3]

Für die Entwicklung des östlichen FunkenbergQuartiers erhielt die Projektplanung im Februar 2026 eine Drei-Sterne-Bewertung im Rahmen des 5-StandorteProgramms und erfüllte damit die Voraussetzungen für die weitere Förderantragstellung.[4]

Das FunkenbergQuartier steht damit für eine neue Generation der Flächenentwicklung: Wissenschaft, Forschung, Gewerbe, Wohnen und Freiraum sollen miteinander verbunden werden.

General Blumenthal

Eine noch größere Bedeutung besitzt das Gelände der ehemaligen Zeche General Blumenthal.

Das Areal ist die größte zusammenhängende Flächenreserve der Stadt. Der Rat der Stadt Herne beschloss bereits im Juni 2020, das Gelände für wissens- und technologieorientierte gewerbliche Nutzungen zu entwickeln.[5]

Das ursprüngliche Konzept sah eine Verbindung von Forschung, Entwicklung und Produktion vor. Inzwischen wird die Entwicklung unter dem Namen Blumenthal hoch3 weitergeführt.

Geplant ist ein High- und Green-Tech-Quartier mit wissens- und technologieorientierten Dienstleistungen, einem hohen Grünanteil und einer möglichen Seilbahnanbindung an den Hauptbahnhof Wanne-Eickel.[6]

2023 wurde hierfür die Blumenthal-Entwicklungsgesellschaft Herne gegründet.[7]

2024 erhielt die Stadt rund vier Millionen Euro aus dem 5-StandorteProgramm für die weitere Entwicklung des Areals.[8]

2025 wurde das Projekt in den Kreis der Projekte der Internationalen Gartenausstellung 2027 im Ruhrgebiet aufgenommen.[9]

Im September 2026 wurde der aktuelle Entwurf des Rahmenplans vorgestellt. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Entwicklung weiterhin in der Planungs- und Beteiligungsphase. Eine endgültige Realisierung der Gesamtplanung war noch nicht abgeschlossen.[10]

Industrie bleibt Bestandteil des Strukturwandels

Der Strukturwandel bedeutet nicht, dass industrielle Produktion aus Herne verschwunden ist.

Mit neuen Unternehmen in Maschinenbau, Chemie, Logistik und Mobilität entstanden neue Formen industrieller Beschäftigung.

Ein Beispiel ist die Ansiedlung des Schienenfahrzeugherstellers Stadler auf dem Gelände der ehemaligen Zeche General Blumenthal. Dort soll die Instandhaltung von Schienenfahrzeugen erfolgen.[11]

Der Strukturwandel ist daher nicht mit einer vollständigen Deindustrialisierung gleichzusetzen. Vielmehr verändert sich die Art industrieller Produktion.

Digitalisierung

Neben dem wirtschaftlichen und ökologischen Wandel ist die Digitalisierung zu einem weiteren Transformationsprozess geworden.

Die Stadt Herne baut digitale Infrastruktur, Glasfasernetze und digitale Verwaltungsangebote aus. Damit verändert sich auch die Arbeits- und Lebenswelt der Stadt.

Der digitale Wandel unterscheidet sich vom klassischen Strukturwandel dadurch, dass er nicht auf einzelne Industrieflächen beschränkt ist. Er betrifft Verwaltung, Handel, Bildung, Dienstleistungen, Industrie und private Haushalte gleichermaßen.

Ökologischer Strukturwandel

Die Renaturierung der Emscher gehört zu den sichtbarsten Veränderungen.

Der Umbau des Gewässersystems hat die Voraussetzungen geschaffen, Wasserläufe, Grünzüge und neue Wege miteinander zu verbinden.

Damit wird ein Teil jener Landschaft zurückgewonnen, die durch die Industrialisierung über Jahrzehnte stark verändert worden war.

Der ökologische Strukturwandel verbindet sich zunehmend mit Klimaanpassung. Neue Grünflächen, entsiegelte Flächen, Gewässer und klimaangepasste Quartiere sollen künftig auch zur Verbesserung des Stadtklimas beitragen.

Arbeitsmarkt im 21. Jahrhundert

Der Wandel der Wirtschaftsstruktur zeigt sich inzwischen auch auf dem Arbeitsmarkt.

Für September 2025 meldete die Stadt Herne mit 53.064 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen neuen Höchststand. Gegenüber dem Vorjahr bedeutete dies einen Zuwachs von 985 Beschäftigten beziehungsweise 1,9 Prozent.[12]

Gleichzeitig besteht weiterhin eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit. Die Folgen des alten Strukturwandels sind damit nicht vollständig überwunden.[13]

Bevölkerungsentwicklung

Der Strukturwandel ist auch mit dem demografischen Wandel verbunden.

Der langfristige Bevölkerungsrückgang der vergangenen Jahrzehnte hat die Stadt vor neue Aufgaben gestellt. Während früher Schulen, Wohnungen und Infrastruktur wegen des starken Wachstums ständig erweitert werden mussten, steht heute häufiger die Anpassung bestehender Strukturen im Vordergrund.

Gleichzeitig verändern Zuwanderung und neue Bevölkerungsgruppen die Stadtgesellschaft. Herne ist damit weiterhin eine Einwanderungsstadt, wie sie es bereits während der Industrialisierung gewesen war.

Der Unterschied besteht darin, dass Migration heute nicht mehr überwiegend durch die Nachfrage der Zechen nach Arbeitskräften bestimmt wird.

Stadtfinanzen und Strukturwandel

Die wirtschaftlichen Folgen des Strukturwandels wirken bis heute auf die kommunalen Finanzen.

Der Verlust großer Industriebetriebe bedeutete den Wegfall von Arbeitsplätzen und Teilen der Gewerbesteuerbasis. Gleichzeitig mussten stillgelegte Industrieflächen saniert, Infrastruktur erhalten und neue Wirtschaftsstandorte entwickelt werden.

Die Stadt konnte in den vergangenen Jahren ihre wirtschaftliche Basis verbreitern. Nach Angaben der Stadt führten neue Ansiedlungen und eine verbesserte wirtschaftliche Entwicklung unter anderem 2018 und 2019 zu positiven Jahresabschlüssen.[14]

Die finanzielle Situation bleibt dennoch eine langfristige Herausforderung.

Bilanz des Strukturwandels

Der Strukturwandel von Herne und Wanne-Eickel umfasst inzwischen mehr als sechs Jahrzehnte.

Sein Ausgangspunkt war die Krise einer Wirtschaftsstruktur, die die Städte seit dem 19. Jahrhundert geprägt hatte. Der Niedergang des Bergbaus führte zum Verlust zahlreicher Arbeitsplätze und veränderte die sozialen und städtebaulichen Strukturen.

Gleichzeitig entstanden neue Möglichkeiten.

Aus ehemaligen Zechenflächen wurden Gewerbeparks, Kulturstandorte, Grünflächen, Wohnquartiere und Bildungsstandorte. Mont-Cenis, Teutoburgia, die Künstlerzeche Unser Fritz und die Flottmann-Hallen stehen für unterschiedliche Formen des Umgangs mit dem industriellen Erbe.

Mit dem FunkenbergQuartier und insbesondere mit Blumenthal hoch3 befindet sich Herne inzwischen in einer weiteren Entwicklungsphase. Forschung, Technologie, Wohnen, Gewerbe, Grün und neue Mobilität sollen dort miteinander verbunden werden.

Der Strukturwandel hat Herne deshalb nicht von einer Industriestadt zu einer vollständig nachindustriellen Stadt gemacht. Vielmehr entstand eine Stadt, in der industrielle Produktion, Logistik, Gesundheitswirtschaft, Dienstleistungen, Wissenschaft, Kultur und neue Technologien nebeneinander bestehen.

Die industrielle Vergangenheit bleibt dabei sichtbar. Sie ist einerseits Ursache zahlreicher bis heute wirkender Probleme, andererseits aber auch ein bedeutender Bestandteil der Identität und des baulichen Erbes der Stadt.

Der Strukturwandel ist deshalb 2026 nicht abgeschlossen. Er hat lediglich seinen Charakter verändert: Aus dem ursprünglichen Kampf gegen den Verlust der Montanindustrie ist zunehmend die Aufgabe geworden, aus den Hinterlassenschaften der Industrie eine tragfähige Stadt der Zukunft zu entwickeln.

Literatur und Quellen

  • Hans-Werner Wehling: Stadt Herne. Städte und Gemeinden in Westfalen, Band 30. Münster 2023.
  • Stadt Herne: Stadtgeschichte und Chronik. Stadt Herne.
  • Stadt Herne: Bergbauära in Herne – Kohleförderung auf elf Zechen. Stadt Herne.
  • Stadt Herne: Aktive Gestaltung des Strukturwandels. Stadt Herne.
  • Stadt Herne: General Blumenthal XI – vom Zechengelände zum Innovationsquartier. Stadt Herne.
  • Stadt Herne: Kommunaler Bildungsbericht 2008. Stadt Herne.
  • Stadt Herne: Kommunaler Bildungsbericht 2011. Stadt Herne.
  • Emschergenossenschaft: Veröffentlichungen zum Emscher-Umbau in Herne.
  • Regionalverband Ruhr: Veröffentlichungen zur Internationalen Bauausstellung Emscher Park und zum Emscher Landschaftspark.
  • Historischer Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.: ', insbesondere Beiträge zur Industrie-, Wirtschafts- und Stadtgeschichte.
  • Historischer Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.: Vereinswiki, verschiedene Beiträge zur Industrie- und Stadtgeschichte.

Lesen Sie auch

Quellen

  1. ↑ Stadt Herne: Aktive Gestaltung des Strukturwandels. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Zukunftsimpuls-Herne-2025/Arbeit-und-Wirtschaft/Aktive-Gestaltung-des-Strukturwandels/ (Abruf: 24. September 2026).
  2. ↑ Stadt Herne: Aktive Gestaltung des Strukturwandels. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Zukunftsimpuls-Herne-2025/Arbeit-und-Wirtschaft/Aktive-Gestaltung-des-Strukturwandels/ (Abruf: 24. September 2026).
  3. ↑ Stadt Herne: Pläne für Wohnen im FunkenbergQuartier vorgestellt, 14. April 2026. Online unter: https://www.herne.de/Meldungen/News-Detailansicht_289728.html (Abruf: 24. September 2026).
  4. ↑ Stadt Herne: Drei Sterne für FunkenbergQuartier, 27. Februar 2026. Online unter: https://www.herne.de/Meldungen/News-Detailansicht_286852.html (Abruf: 24. September 2026).
  5. ↑ Stadt Herne: General Blumenthal XI – vom Zechengelände zum Innovationsquartier. Online unter: https://www.herne.de/Wirtschaft-und-Infrastruktur/Stadtplanung/General-Blumenthal/ (Abruf: 24. September 2026).
  6. ↑ Stadt Herne: Blumenthal hoch3 – vom Zechengelände zum Innovationsquartier. Online unter: https://www.herne.de/Wirtschaft-und-Infrastruktur/Stadtplanung/General-Blumenthal/ (Abruf: 24. September 2026).
  7. ↑ Stadt Herne: Projektgesellschaft für General Blumenthal ist gegründet, 29. September 2023. Online unter: https://www.herne.de/Meldungen/News-Detailansicht_232773.html (Abruf: 24. September 2026).
  8. ↑ Stadt Herne: Stadt Herne erhält Fördergelder für das Blumenthal-Areal, 28. Oktober 2024. Online unter: https://www.herne.de/Meldungen/News-Detailansicht_287557.html (Abruf: 24. September 2026).
  9. ↑ Stadt Herne: IGA 2027: Blumenthal ist Zukunftsprojekt im Revier, 28. August 2025. Online unter: https://www.herne.de/Meldungen/News-Detailansicht_275264.html (Abruf: 24. September 2026).
  10. ↑ Stadt Herne: Rahmenplanentwurf für „Blumenthal hoch3“ vorgestellt, 10. September 2026. Online unter: https://www.herne.de/Meldungen/News-Detailansicht_299392.html (Abruf: 24. September 2026).
  11. ↑ Stadt Herne: Aktive Gestaltung des Strukturwandels. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Zukunftsimpuls-Herne-2025/Arbeit-und-Wirtschaft/Aktive-Gestaltung-des-Strukturwandels/ (Abruf: 24. September 2026).
  12. ↑ Stadt Herne: Bündnis für Arbeit: Neuer Beschäftigungsrekord in Herne, 24. April 2026. Online unter: https://www.herne.de/Meldungen/News-Detailansicht_290562.html (Abruf: 24. September 2026).
  13. ↑ Stadt Herne: Bündnis für Arbeit und Ausbildung. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Zukunftsimpuls-Herne-2025/Arbeit-und-Wirtschaft/Bündnis-für-Arbeit-und-Ausbildung/ (Abruf: 24. September 2026).
  14. ↑ Stadt Herne: Arbeit und Wirtschaft. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Zukunftsimpuls-Herne-2025/Arbeit-und-Wirtschaft/ (Abruf: 24. September 2026).


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