Landkreis Gelsenkirchen

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Der Landkreis Gelsenkirchen war ein von 1885 bis 1926 bestehender Landkreis im Regierungsbezirk Arnsberg der preußischen Provinz Westfalen. Er entstand durch die Teilung des stark gewachsenen Landkreises Bochum und umfasste zunächst neben den Gemeinden im engeren Gelsenkirchener Raum auch die späteren Städte und Stadtteile Wanne, Eickel und Röhlinghausen. Für die Geschichte des heutigen Herner Stadtgebietes ist der Landkreis Gelsenkirchen deshalb von besonderer Bedeutung.

Seine Geschichte steht unmittelbar im Zusammenhang mit der Industrialisierung des westlichen Ruhrgebiets, dem Ausbau des Bergbaus und der Eisenbahn sowie der damit verbundenen starken Bevölkerungszunahme. Die kommunale Entwicklung der Ämter Wanne und Eickel innerhalb des Landkreises führte schließlich 1926 zur Bildung der selbstständigen Stadt Wanne-Eickel.

Entstehung

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Bevölkerung des Landkreises Bochum infolge des Aufschwungs von Bergbau und Industrie stark zu. Eine Neuordnung der Verwaltung wurde dadurch erforderlich. Zum 1. Juli 1885 wurde aus den westlichen Teilen des Landkreises Bochum der neue Kreis Gelsenkirchen gebildet. Sitz des Landratsamtes war Gelsenkirchen.

Zum neuen Kreis gehörten neben den Städten Gelsenkirchen und Wattenscheid mehrere Ämter. Eines der bedeutendsten für die spätere Entwicklung des heutigen Herne war das Amt Wanne.

Das Amt Wanne war erst 1875 aus den Gemeinden Bickern, Crange, Eickel, Holsterhausen und Röhlinghausen gebildet worden. Es gehörte zunächst zum Landkreis Bochum und kam 1885 mit diesem Verwaltungsbezirk zum neugebildeten Kreis Gelsenkirchen.Wanne und Eickel im Landkreis Gelsenkirchen.

Für die Entwicklung Wanne-Eickels war die Zugehörigkeit zum Landkreis Gelsenkirchen von grundlegender Bedeutung. Die fünf Gemeinden des Amtes Wanne lagen in einem Raum, der sich durch den Steinkohlenbergbau, neue Industrieanlagen und vor allem durch den Eisenbahnbau innerhalb weniger Jahrzehnte von einer überwiegend ländlich geprägten Landschaft zu einer dicht besiedelten Industrieregion entwickelte.

Die 1847 eröffnete Köln-Mindener Eisenbahn und der Bahnhof Wanne bildeten einen wichtigen Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung. Der Eisenbahnknoten wurde in den folgenden Jahrzehnten erheblich ausgebaut und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Eisenbahnstandorte des mittleren Ruhrgebiets.

Teilung des Amtes Wanne

Die zunehmende Größe der Gemeinden führte zu einer weiteren Verwaltungsreform. Am 1. November 1891 schieden Eickel und Holsterhausen aus dem Amt Wanne aus und bildeten das neue Amt Eickel. Das Amt Wanne bestand danach aus den Gemeinden Bickern, Crange und Röhlinghausen.

Damit bestanden innerhalb des Landkreises Gelsenkirchen zwei unmittelbar benachbarte Verwaltungsbereiche, aus denen später die Stadt Wanne-Eickel hervorgehen sollte.

Aus Bickern wird Wanne

Eine wichtige Änderung erfolgte am 13. August 1897. Die Gemeinde Bickern übernahm den Namen Wanne, der bereits seit mehreren Jahrzehnten als Bezeichnung des Amtes und des Eisenbahnhofs verwendet wurde. Damit setzte sich die Bezeichnung Wanne zunehmend auch als Ortsname durch.
Das Amt Wanne bestand zunächst weiterhin aus Wanne, Crange und Röhlinghausen. Am 28. Oktober 1906 wurde Crange nach Wanne eingemeindet. Das Amt Wanne umfasste damit nur noch die Gemeinden Wanne und Röhlinghausen.

Im benachbarten Amt Eickel wurde Holsterhausen zum 1. April 1910 nach Eickel eingemeindet. Damit bestand auch das Amt Eickel nur noch aus der Gemeinde Eickel.

Die Entwicklung des Landkreises

Der Landkreis Gelsenkirchen selbst verlor während seines Bestehens wiederholt Gebiete an die wachsenden Städte.
Am 1. Januar 1896 schied Gelsenkirchen aus dem Kreis aus und wurde selbstständiger Stadtkreis. Der bisherige Kreis Gelsenkirchen wurde nun als Landkreis Gelsenkirchen bezeichnet. Das Landratsamt blieb jedoch in Gelsenkirchen.
1897 wurde Bickern in Wanne umbenannt. 1900 erhielt auch das Amt Braubauerschaft den Namen Bismarck. Eine besonders einschneidende Verkleinerung des Landkreises erfolgte zum 1. April 1903, als Bismarck, Bulmke, Heßler, Hüllen, Schalke und Ückendorf in die Stadt Gelsenkirchen eingemeindet wurden.
Während der Landkreis dadurch im Norden und Westen erheblich an Fläche verlor, entwickelten sich Wanne, Eickel und Röhlinghausen zu dicht besiedelten Industrie- und Bergbaugemeinden.

Bevölkerungsentwicklung und Industrialisierung

Die Entwicklung des Amtes Wanne verdeutlicht besonders eindrucksvoll den Wandel innerhalb des Landkreises. Während das Amt 1885 noch 18.881 Einwohner zählte, waren es 1895 bereits 19.206. Durch die fortschreitende Industrialisierung stieg die Einwohnerzahl bis 1910 auf 52.159 und bis 1925 auf 54.424 Einwohner.
Der starke Bevölkerungsanstieg war eine unmittelbare Folge des industriellen Ausbaus. Steinkohlezechen, Kokereien, Eisenbahnanlagen, Gewerbebetriebe und die damit verbundene Wohnbebauung veränderten die Landschaft grundlegend.
Auch Eickel entwickelte sich in dieser Zeit zu einem bedeutenden Bergbauort. Die industrielle Entwicklung führte zu einem erheblichen Zuzug von Arbeitskräften aus anderen Teilen Deutschlands und aus den östlichen preußischen Provinzen.
Die Verwaltung des Landkreises hatte damit zunehmend die Aufgaben einer industriell geprägten Region zu bewältigen: Verkehrswege, Schulwesen, Armenfürsorge, Gesundheitswesen, kommunale Infrastruktur und die Ordnung der rasch wachsenden Siedlungen gewannen erheblich an Bedeutung.

Verwaltungsgliederung 1891

Nach der Bildung des Amtes Eickel umfasste der Kreis sechs Ämter und insgesamt 20 Gemeinden. Zu den Verwaltungsbezirken gehörten unter anderem:

Amt Gemeinden
Amt Braubauerschaft Braubauerschaft, Bulmke, Hüllen
Amt Eickel Eickel, Holsterhausen
Amt Schalke Heßler, Schalke
Amt Ückendorf Ückendorf
Amt Wanne Bickern, Crange, Röhlinghausen
Amt Wattenscheid Eppendorf, Günnigfeld, Höntrop, Leithe, Munscheid, Sevinghausen, Westenfeld

Hinzu kamen die amtsfreien Städte Gelsenkirchen und Wattenscheid.

1926

Unmittelbar vor der Auflösung des Landkreises war die Verwaltungsstruktur bereits erheblich verändert. Der Landkreis bestand noch aus drei Ämtern und insgesamt elf Gemeinden. Für den späteren Raum Wanne-Eickel waren insbesondere folgende Ämter von Bedeutung:

Amt Gemeinden
Amt Eickel Eickel
Amt Wanne Wanne, Röhlinghausen
Amt Wattenscheid Eppendorf, Günnigfeld, Höntrop, Leithe, Munscheid, Sevinghausen, Westenfeld

Wattenscheid war inzwischen amtsfrei.

Landräte

An der Spitze des Landkreises standen während seines Bestehens mehrere Landräte beziehungsweise kommissarische Verwaltungsbeamte:

Amtszeit Landrat
1885–1891 Constanz von Baltz
1891–1902 Wilhelm Hammerschmidt
1903–1920 Alfred zur Nieden
1920–1921 Fritz Graf (kommissarisch)
1921–1925 Ewald Moll (auftragsweise)

Die Landratsverwaltung befand sich während des Bestehens des Kreises beziehungsweise Landkreises in Gelsenkirchen.

Der Weg zur Stadt Wanne-Eickel

Die kommunale Entwicklung im Landkreis Gelsenkirchen führte unmittelbar zur Bildung der Stadt Wanne-Eickel.
Nach der Eingemeindung Cranges nach Wanne bestand das Amt Wanne aus den Gemeinden Wanne und Röhlinghausen. Das Amt Eickel bestand nach der Eingemeindung Holsterhausens nur noch aus Eickel. Damit hatten sich die Verwaltungsgrenzen weitgehend den tatsächlichen Siedlungs- und Wirtschaftsverhältnissen angepasst.
Die drei Gemeinden Wanne, Eickel und Röhlinghausen waren inzwischen zu einem zusammenhängenden industriellen Siedlungsraum geworden. 1925 lebten allein im Amt Wanne 54.424 Menschen.
Die preußische Gebietsreform des Jahres 1926 zog daraus die Konsequenz. Durch das Gesetz über die Neuregelung der kommunalen Grenzen im rheinisch-westfälischen Industriebezirke wurde der Landkreis Gelsenkirchen zum 1. April 1926 aufgelöst.
Die Gemeinden Wanne, Röhlinghausen und Eickel wurden zu der neuen kreisfreien Stadt Wanne-Eickel vereinigt. Die übrigen Gemeinden des ehemaligen Landkreises wurden überwiegend anderen neugebildeten oder erweiterten Städten zugeordnet; insbesondere gingen Eppendorf, Günnigfeld, Höntrop, Leithe, Munscheid, Sevinghausen und Westenfeld an die kreisfreie Stadt Wattenscheid.
Damit endete zwar die Geschichte des Landkreises Gelsenkirchen, zugleich entstand aber mit Wanne-Eickel eine neue kommunale Einheit, deren Entwicklung wesentlich innerhalb dieses Landkreises vorbereitet worden war.

Bedeutung für die Geschichte Herne-Wanne-Eickels

Für die heutige Stadt Herne besitzt der Landkreis Gelsenkirchen eine besondere historische Bedeutung. Ein erheblicher Teil des heutigen Stadtgebietes gehörte zwischen 1885 und 1926 zu diesem Landkreis.
Die Entwicklung lässt sich vereinfacht in folgenden Stufen darstellen:

Zeitraum Verwaltungszugehörigkeit
bis 1875 Amt Herne, Landkreis Bochum
1875–1885 Amt Wanne, Landkreis Bochum
1885–1891 Amt Wanne, Landkreis Gelsenkirchen
1891–1926 Ämter Wanne und Eickel, Landkreis Gelsenkirchen
ab 1. April 1926 kreisfreie Stadt Wanne-Eickel
ab 1. Januar 1975 Stadt Herne

Die heutige Stadt Herne ist damit das Ergebnis einer langen Folge von Verwaltungsänderungen, in deren Mitte die 41-jährige Zugehörigkeit Wanne-Eickels zum Landkreis Gelsenkirchen steht. Die Verwaltungsgrenzen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren dabei eng mit der industriellen Entwicklung des Ruhrgebiets verbunden.

Einordnung in die regionale Geschichte

Der Landkreis Gelsenkirchen gehört zu jener Generation preußischer Landkreise, deren Entstehung unmittelbar durch die Industrialisierung des Ruhrgebiets geprägt wurde. Seine Geschichte zeigt exemplarisch, wie die traditionelle kommunale Ordnung des 19. Jahrhunderts durch das schnelle Wachstum von Bergbau, Eisenbahn und Industrie unter Veränderungsdruck geriet.
Gerade im Raum Wanne-Eickel wird dieser Wandel besonders deutlich: Aus den ländlich geprägten Gemeinden Bickern, Crange, Eickel, Holsterhausen und Röhlinghausen entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein dicht besiedelter Industrieraum. Die Verwaltungsreformen von 1891, 1897, 1906 und 1910 waren jeweils Reaktionen auf diese Entwicklung. Die Bildung der kreisfreien Stadt Wanne-Eickel im Jahr 1926 stellte schließlich den Abschluss dieser Entwicklung dar.
Der Landkreis Gelsenkirchen war somit eine wichtige Vorstufe zur späteren Stadtgeschichte von Wanne-Eickel und damit auch zur heutigen Stadt Herne.

Quellen

  • Gelsenkirchener Geschichten Wiki: Landkreis Gelsenkirchen.
  • Gelsenkirchener Geschichten Wiki: Wanne-Eickel.
  • Reekers, Stephanie: Die Gebietsentwicklung der Kreise und Gemeinden Westfalens 1817–1967. Aschendorff, Münster 1977.
  • Bünermann, Martin; Köstering, Heinz: Die Gemeinden und Kreise nach der kommunalen Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen. Deutscher Gemeindeverlag, Köln 1975.
  • Stein, Bernhard; Kamp, Karl: Heimatkunde der Kreise Bochum Stadt und Land, Gelsenkirchen Stadt und Land, Hattingen und Witten.
  • Universität Duisburg-Essen: historische Untersuchung zur administrativen Entwicklung von Herne und Wanne-Eickel.
  • Historische Statistik / GESIS: Angaben zur Entwicklung der Landkreise und Stadtkreise.

Weblinks

  • Gelsenkirchener Geschichten Wiki: Landkreis Gelsenkirchen
  • Landkreis Gelsenkirchen bei territorial.de
  • Landkreis Gelsenkirchen – Wikipedia

Verwandte Artikel

Einzelnachweise