Die Entstehung der Stadt Wanne-Eickel (1926)

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel

Die Entstehung der Stadt Wanne-Eickel (1926)

Die Stadt Wanne-Eickel entstand am 1. April 1926 im Zuge einer umfassenden kommunalen Neuordnung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets. Durch das Gesetz über die Neuregelung der kommunalen Grenzen im rheinisch-westfälischen Industriebezirk (§§ 6 bis 8) wurden die bisherigen Ämter Wanne und Eickel aufgelöst und zu einer neuen kreisfreien Stadt vereinigt.

Die Stadtgründung stellte den Endpunkt einer jahrzehntelangen Entwicklung dar, die durch Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und zunehmende wirtschaftliche Verflechtungen der Gemeinden geprägt war. Gleichzeitig war sie Teil einer groß angelegten Verwaltungsreform im Ruhrgebiet, mit der der preußische Staat die stark gewachsenen Industrieregionen organisatorisch neu strukturieren wollte.

Historischer Hintergrund

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden die späteren Stadtteile Wanne, Eickel, Röhlinghausen und Crange aus ländlich geprägten Gemeinden mit überwiegend agrarischer Struktur. Die Situation veränderte sich grundlegend mit dem Beginn des industriellen Bergbaus im Ruhrgebiet.

Insbesondere der Ausbau des Steinkohlenbergbaus sowie der Bau wichtiger Eisenbahnverbindungen führten zu einem raschen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Eröffnung des Bahnhofs Wanne als bedeutender Eisenbahnknotenpunkt der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft machte den Ort zu einem zentralen Verkehrspunkt im nördlichen Ruhrgebiet.

Parallel dazu entstanden zahlreiche Bergwerke in der Umgebung, unter anderem in Eickel und Röhlinghausen. Der industrielle Aufschwung führte zu einem starken Bevölkerungswachstum und zu einer zunehmenden Verdichtung der Siedlungsstruktur.

Die ehemals selbstständigen Gemeinden entwickelten sich wirtschaftlich und infrastrukturell immer stärker zu einem zusammenhängenden urbanen Raum. Verwaltungsgrenzen entsprachen zunehmend nicht mehr den tatsächlichen wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen der Bevölkerung.

Verwaltungsgeschichtliche Entwicklung

Die Verwaltung der Region war bis zum frühen 20. Jahrhundert in zwei Ämter gegliedert:

Das Amt Wanne wurde 1875 gebildet und gehörte zum Kreis Bochum. Die Gemeinden Crange und Röhlinghausen wurden im Zuge der kommunalen Neuordnung in das Amt integriert.

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte kam es zu mehreren Veränderungen der kommunalen Grenzen. So wurde Crange 1905 nach Wanne eingemeindet, während Holsterhausen 1910 nach Eickel eingegliedert wurde. Dadurch entwickelte sich das Amt Eickel faktisch zu einer Verwaltungseinheit mit nur einer Gemeinde.

Die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung führte dazu, dass sich die Orte Wanne und Eickel immer stärker annäherten. Industrieanlagen, Verkehrswege und Wohnsiedlungen verbanden die Gemeinden zunehmend miteinander.

Die kommunale Neuordnung des Ruhrgebiets

Nach dem Ersten Weltkrieg gewann die Diskussion über eine grundlegende Reform der kommunalen Verwaltung im Ruhrgebiet an Bedeutung. Viele Gemeinden waren durch das schnelle Wachstum der Industriezeit organisatorisch überfordert.

Die preußische Staatsregierung verfolgte daher das Ziel, größere und leistungsfähigere Verwaltungseinheiten zu schaffen. Insbesondere im Ruhrgebiet sollten zahlreiche kleinere Gemeinden zu größeren Städten zusammengefasst werden.

Im Oktober 1925 legte die preußische Regierung dem Landtag einen Gesetzentwurf zur Neuordnung der kommunalen Grenzen im rheinisch-westfälischen Industriebezirk vor. Zu den wichtigsten politischen Akteuren gehörten:

  • Ministerpräsident Otto Braun
  • Innenminister Carl Severing

Beide Politiker gehörten der Sozialdemokratischen Partei an und verfolgten eine Politik der Verwaltungsmodernisierung und der Stärkung kommunaler Selbstverwaltung.

Der Gesetzentwurf sah unter anderem die Vereinigung der Gemeinden Wanne, Eickel und Röhlinghausen zu einer neuen Stadt vor.

Die Gründung der Stadt Wanne-Eickel

Das Gesetz über die kommunale Neuordnung wurde am 26. Februar 1926 vom preußischen Landtag verabschiedet. Es trat am 1. April 1926 in Kraft.

Mit diesem Datum wurden die bisherigen Ämter Wanne und Eickel aufgelöst und die Gemeinden zu der neuen Stadt Wanne-Eickel vereinigt.

Die neue Stadt erhielt den Status eines Stadtkreises und war damit nicht mehr Teil eines Landkreises, sondern direkt der Provinzialverwaltung unterstellt.

Zur Stadt gehörten:

  • Wanne
  • Eickel
  • Röhlinghausen
  • Crange

Die neue Verwaltung musste aus den bestehenden kommunalen Strukturen erst aufgebaut werden. Dies betraf unter anderem:

  • die Einrichtung einer zentralen Stadtverwaltung
  • die Bildung eines gemeinsamen Stadtrates
  • die Neuorganisation der kommunalen Behörden
  • die Zusammenführung der bisherigen Verwaltungen

Auch räumlich stellte die Organisation der Verwaltung zunächst eine Herausforderung dar, da geeignete Verwaltungsgebäude erst geschaffen oder erweitert werden mussten.

Wirtschaftliche Struktur der neuen Stadt

Die wirtschaftliche Grundlage der neuen Stadt bildeten vor allem drei zentrale Bereiche:

  • der Steinkohlenbergbau
  • der Eisenbahnverkehr
  • die Binnenschifffahrt

Der Bahnhof Wanne entwickelte sich zu einem der wichtigsten Rangierbahnhöfe des Ruhrgebiets. Gleichzeitig spielte der Rhein-Herne-Kanal eine bedeutende Rolle für den Güterverkehr der Region.

Diese drei wirtschaftlichen Säulen wurden später symbolisch durch die Figurengruppe des sogenannten Drei-Männer-Ecks dargestellt, die einen Bergmann, einen Eisenbahner und einen Binnenschiffer zeigt.

Die starke industrielle Prägung der Stadt führte zu einem weiteren Wachstum der Bevölkerung und zu einer Ausweitung der städtischen Infrastruktur.

Bedeutung und weitere Entwicklung

Die Stadt Wanne-Eickel entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem wichtigen industriellen Zentrum des nördlichen Ruhrgebiets.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich das Bevölkerungswachstum zunächst fort. Im Jahr 1955 überschritt die Einwohnerzahl die Grenze von 100.000 Einwohnern, womit Wanne-Eickel den Status einer Großstadt erreichte.

Visionär

Hermann Schaefer führte die dörfliche Gemeinde Herne zu einer aufstrebenden Stadtgemeinde. Wie Visionär er dabei dachte zeigt folgendes Zitat auf:

"Daß bezüglich einer Wiedervereinigung von Wanne und Eickel mit Herne in irgend einer Form jüngst Verhandlungen geschwebt haben, ersah ich aus den Zeitungen. Ich meine, man sollte allerseits, unter Hintansetzung zu überwindender Bedenken, zur Vereinigung schreiten. Im Mittelpunkt Deutschlands, dem Industrie=Revier, darf man nur großzügig handeln." [1]

Rund 53 Jahre später wird dies durch die Vereinigung der beiden Städte Herne und Wanne-Eickel tatsache.

Am 1. Januar 1975 wurde Wanne-Eickel mit der Nachbarstadt Herne zur neuen Stadt Herne zusammengeschlossen.

Trotz dieser späteren Eingliederung bleibt die Stadtgründung von 1926 ein zentraler Abschnitt der regionalen Geschichte.

Lokale Identität und das „Wanne-Eickeler Gefühl“

Trotz der administrativen Entstehung der Stadt durch eine staatliche Gebietsreform entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten eine eigenständige lokale Identität, die häufig als „Wanne-Eickeler Gefühl“ beschrieben wird.

Dieses Gemeinschaftsgefühl speiste sich aus mehreren Faktoren: der gemeinsamen Arbeitswelt des Bergbaus und der Eisenbahn, der engen räumlichen Nachbarschaft der Stadtteile sowie einem ausgeprägten lokalen Vereinsleben. Besonders Sportvereine, Knappenvereine, Stadtgesellschaften und Stadtteilfeste trugen dazu bei, dass sich eine gemeinsame städtische Öffentlichkeit herausbildete.

Dabei blieb jedoch ein charakteristischer Zug erhalten, der von Zeitzeugen und Lokalhistorikern immer wieder mit einem gewissen Augenzwinkern beschrieben wird: Das Bekenntnis zur gemeinsamen Stadt ging oft mit einer ebenso lebendigen Pflege der jeweiligen Ortsteilidentitäten einher. Nicht selten verstand man sich zugleich als Wanne-Eickeler – und ganz selbstverständlich weiterhin als Wanner, Eickeler, Röhlinghauser oder Cranger.

Gerade diese Mischung aus lokalem Stolz, bodenständigem Humor und einer gewissen Gelassenheit gegenüber administrativen Veränderungen wird bis heute häufig als Teil des besonderen „Wanne-Eickeler Gefühls“ angesehen.

Literatur und Quellen

  • Freistaat Preußen: "Gesetz über die Neuregelung der kommunalen Grenzen im rheinisch-westfälischen Industriebezirke". In: Gesetzsammlung für Preußen 1926, Nr. 9, 01. März 1926, S. 53-78 [2] Digital unter www.lwl.org

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Quellen