Die Bautätigkeit im kommenden Baujahre 1929 (Herner Anzeiger 19.02.1929)
Die von Dr. Leo Reiners redaktionell betreute Zeitung - Herner Anzeiger - widmete am 19. Februar 1929 in einen besonderen Artikel auf projektierte Neubaumaßnahmen in der Stadt Herne für das Jahr 1929.[1]
Die Bauvorhaben im kommenden Baujahre.
Entwurfssarbeiten In den Baustuben der Herner Architekten. — 4 Siedlungen der Ketteler Baugenossenschaft.
Es hat sich in den Kreisen der Baufachleute, der Architekten sowohl als auch der Bauunternehmer, eine recht gedrückte Stimmung eingestellt. Der Grund dazu ist zum Teil in der schwierigen, jedenfalls noch nicht zuversichlichen Lage des Geldmarktes gegeben. Hauptsächlich aber herrscht vor der überall, fielfach mit den schärfsten Ausdrücken geäußerte Unwille über die ungerechte Verwendung des Hauszinssteuerauskommens:
Weil durch das Hauszinssteueraufkommen der große Verwaltungsapprarat genährt werden muß, weil die Besoldung der Beamten, vom höchsten, dem Staatssekretär, bis zum Boten und der Putzfrau, weil der ganze Bürobedarf, Heizung und Beleuchtung den einkommerden Geldstrom versickern lassen müssen. Wenn der innnerhin große Rest, der dann noch übrig bleibt, nur in voller Summe zur Finanzierung von Wohnhausneubauten verwerdet werden würde, dann würde niemand Unwillen äußern. Denn — Gesetze verwalten sich nicht von selbst. Das anerkennt jeder einsichtige Staatsbürger. Aber ein sehr großer Teil des Geldes, für das nur einzig und allein Wohnungen gebaut werden sollen, das wird zu zwei Fünfteln für den Steuerausgleich anderer Steuergesetze „umgeschrieben“ und dem Wohnhausneubau entzogen. Letzten Endes kommt nur der dritte Teil des gesamten Hauszinssteuerauskommens zum Wohnhausbau zur Verwendung. Und dieses restliche Drittel wird auch noch ungerecht verteilt, wie das vielfach nachgewiesen worden und dem Reiche längst vorgehalten worden ist.
Trotz des Pessimismus, der sich aus dem ungenügenden Kapitalzufluß aufbaut, hat die Herner Bauwelt für das Jahr 1929 eine Reihe von Plänen entworfen und zur Genehmigung von Hauszinssteuerdarlehen bzw. zur Bauerlaubnis der Stadtverwaltung vorgelegt. Die ersten Wohnhausneubauten dieses Jahres sind der
Ketteler=Baugenossenschaft
genehmigt. Sobald Tauwetter die Inangriffnahme der Bauarbeiten erlaubt, wird mit der Ausführung begonnen. Alles dazu ist vorbereitet. Die Entwürfe der neuen Siedlung sind vom Architekten Albert Fimpler aufgestellt worden. Der Bauplatz dafür liegt in Börnig an der Holthauser Grenze neben dem katholischen Krankenhause und gegenüber dem im vorigen Jahre neuerbauten Jugendheim an der Widumer Straße[2]. Eine zweite, neue Siedlung ist an die Kaiserstraße neben dem Kommunalfriedhof projektiert. Die Entwürfe hierzu bearbeiten die Architekten Drolshagen und Kraus. Für eine dritte neue Siedlung, das ware demnach einschließlich der Siedlung an der Mont=Cenis=Straße
die vierte,
soll auf ein Gelände an der Scharnhorst= Ecke Ziethenstraße zu stehen kommen.
Im Innern der Stadt, an der
Wilhelmstraße,
interessiert zunächst das in den nächsten Wochen in Angriff zu nehmende Bauvorhaben für das Elektrohaus Pott, Wilhelmstraße 7. Die Entwürfe dazu hat gleichfalls Architekt Albert Fimpler bearbeitet.
Es wird ein Wohn= und Geschäftshaus mit vier Vollgeschossen. Darin und in hofseitigen Anbauten werden zwei Läden mit den zugehörigen Nebenräumen, zwei Werkstätten, zwei Lagerräumen, drei Autogaragen, dazu in den drei Obergeschossen je eine Wohnung zu fünf, vier und zwei Räumen und zwei Wohnungen zu drei Räumen eingerichtet. Jede der Wohnungen, auch die kleinste, wird für sich abgeschlossen (was eigentlich, gegen früher zwar nicht, aber heute geradezu selbstverständlich ist!) und erhält allen Zubehör einschl. Baderaum, Balkon usw. Für die Außenfront ist kleinformatiger Klinker gewählt.
Das Grundstück Wilhelmstraße 21 des Sattlermeisters Ludw. Engelke wird straßenseitig voll ausgebaut. Die Baulücke zum Nachbar Faber wird verschwinden. Dem Straßenbilde wird eine Wohltat erwiesen. Mit der zuzubauenden Lücke wird das bestehende ältere Haus Nr. 21 völlig umgebaut, auf dreieinhalb Geschosse ausgestockt und das Ganze erhält eine einheitliche, neue Front. Im Erdgeschoß des neuen Bauteiles wird ein Laden und in den oberen Geschossen werden drei je drei Räume und das nötige neuzeitliche Zubehör umfassende Wohnungen eingerichtet. Die Pläne auch hierfür hat Architekt Albert Fimpler aufgestellt.
Sodann sind in dessen Baustube die Entwürfe zum Neubau eines Metzgerei= und Wohngebäudes, zu einer Siedlung für eine hiesige Baugenossenschaft und für einen Cafeumbau in Bearbeitung. Ebenfalls von Fimpler stammen die Pläne zu einem Wohnhause in die Baulücke Leibnitzstraße 8 für Franz Kaiser. Die Straßenfront wird in kleinformatige Klinkerverblendung gesaßt. Es werden darin, auf drei Vollgeschosse verteilt, eine Wohnung zu vier, zwei Wohnungen zu drei und zwei zu zwei Zimmern, sämtlich abgeschlossen und mit allem erwünschten Zubehör eingerichtet.
Die von Fimpler ferner ausgearbeiteten Entwürfe als
Abschluß des großen Wohnhausblocks Ecke Bebel- und Freiligrathstraße[3]
bis hin zu den städtischen Markthallen, jedoch sechs Meter davon entfernt, werden in diesem Jahre ausgeführt. In drei einzelnen Häusern ergeben sich je vier Wohnungen zu fünf, vier und drei Räumen mit allem Zubehör. Für Schneidermeister August Horstbrink wird gegenüber der Marmorschleiferei Rings an der
Wiescherstraße
ein größeres Geschäfts= und Wohnhaus gleichfalls nach Fimplerschen Entwürfen ausgeführt. Für die Straßenfront sind kleinformatige Klinker gewählt. Vorgesehen sind in dem Gebäude zwei Läden mit Büros usw., eine Wohnung zu fünf, zwei Wohnungen zu drei und zwei zu zwei Räumen samt Zubehör. Das Dachgeschoß wird voll auszubauen sein. Für Frd. Zimmermann wird, auch durch Fimpler, an der
Poststraße
eine Maschinenbau=Werkstätte von 32 zu 10 Meter Größe gebaut werden. Die Außenwände sind massiv zu errichten geplant. Die flache Dachkonstruktion kommt auf eisernen, freitragenden Bindern zu liegen.
Von Seiten der Architekten Drolshagen und Kraus werden die Entwürfe zur
Vervollständigung der Waisenhaus=Neubaugruppe
aufgestellt. Es werden die Wohnhausneubauten des Gemeinnützigen Bauvereins im Weiterbau gefördert und demnächst auch die Entwürfe für die Bauten der Ketteler=Baugenossenschaft an der Kaiserstraße zur Ausführung gelangen. Eine größere Anzahl weiterer Bauprojekte lst teils zur Genehmigung der Hauszinsteuerhypotheken eingereicht bzw. noch in Bearbeitung.
Architekt August Hesse hat im ganzen sechs Entwürfe zu Wohnhausneubauten in verschiedenen Stadtteilen ausgearbeitet und zur Genehmigung eingereicht. Die Bauausführung ist indessen nur dann, wie in zahlreichen anderen Fällen möglich, wenn den berechtigten Erwartungen auf Gewährung der Hauszinssteuerdarlehen entsprochen wird. Durch Architekten Hesse kommt in dessen in nächster Zeit, sobald es die Witterung erlaubt, der völlige
Umbau des Strickmannschen Saalbaues
in der Shamrockstraße zur Ausführung. Der jetzt schon eindrucksvolle Saal wird um 15 Meter zur vorderen Eingangstür verlängert. Das alte Zwischengebaude wird vorher abgebrochen. Und das durch Ankauf erweiterte Grundstück wird ausgenutzt, um darauf moderne Toilettenanlagen einzurichten. Der Saalumbau wird im Juni bereits gebrauchsfertig hergestellt sein. Danach wird der Saalbau einheitlich ausgemalt werden.
Architekt Rauchfuß hat für das Stadtgebiet Herne die Entwürfe zu acht bis zwölf Ein- und Zweifamilienhäusern aufgestellt und zur Genehmigung bzw. Beleihung mit Hauszinssteuermitteln eingereicht. Es war an diese Gesuche gleichfalls die dringende Erwartung geknüpft, daß die Zuschüsse für solch landhausmäßige Siedlungsprojekte auch merklich flüssig gemacht werden. Denn letzten Endes soll eine Stadt nicht einem Häusermeer gleich sein.
Ein 44 Wohnungen umfassendes Bauvorhaben für die Erben Schlenkhoff
hat Architekt Eugen Spenger aufgestellt. Das baureife Grundstück Ecke Schaefer- und Goethestraße soll restlos bebaut werden. Hauszinssteuermittel sind dafür nicht erforderlich. Die geplanten Wohnungen sollen aus vier, fünf und sechs Räumen bestehen. Dieses recht interessante Bauvorhaben dürfte mit einem Schlage zu einer vollen Bebauung des in Frage stehenden, mit dem Grundstück der Oberrealschule zusammenhängenden Baublocks führen. Es ist aber fraglich, ob das Projekt voll zur Durchführung kommt, weil ein Teil des Baugeländes der Erweiterung des Schulgrundstückes dienlich wäre.
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Quellen
- ↑ Vgl. Online Quelle auf Zeitpunkt.NRW
- ↑ heute stehen dort die "Widumer Höfe" genannten Neubauten.
- ↑ Vgl.: Bebelstraße 22, Bebelstraße 24, Poststraße 1-7 Freiligrathstraße 5
