Alte Bauerhöfe im Stadtgebiet Wanne-Eickels - Beckmann 1927

Alte Bauerhöfe im Stadtgebiet[1]
Ein Vortrag Pastor Beckmanns im Realgymnasium
Noch bis um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, bevor die Industrie hier einsetzte, bestand das Stadtgebiet von Wanne=Eickel aus großen Ländereien, in denen hier und da, zwischen Busch= und Strauchwerk versteckt, stattliche Herrensitze, große Freihöfe und kleine Bauernkotten versteckt lagen. Sie sind bis auf wenige Überreste verschwunden und ihre Geschichte ist nur einem sehr geringen Teile unserer Bevölkerung bekannt, teils aus Überlieferungen älterer Mitbürger, zum Teil aber auch aus alten Urkunden, die in den Archiven unserer Kirchengemeinden, d. s. Eickel und Crange, sorgfältig gehütet werden. In sehr vielen Fällen ruhen noch wertvolle Aktenstücke in den Truhen und Fächern der alten eingesessenen Familien. Es muss vornehmste Pflicht unserer ortsansässigen Heimatkundigen sein, dort weiter zu forschen und zu schürfen, damit noch manches verborgene Kleinod bekannt gemacht wird und für spätere Jahre erhalten bleibt.
Wir wissen noch so furchtbar wenig aus der Vergangenheit unserer Bauernschaften und Gemeinden, die seit kurzem zu einem einheitlichen Stadtgebilde zusammengeschlossen sind. Gewiss hat die Industrie in hohem Maße dazu beigetragen, dass die alten Ansiedlungen verschwanden und heute nur noch bescheidene Überreste und alte Flurbezeichnungen von der einstigen Größe Zeugnis ablegen. Aber nicht immer veranlasste das Vorwärtsschreiten der Industrie das Aufgeben alter Höfe, sondern häufig waren, besonders in früheren Jahren, die Gründe familiärer und wirtschaftlicher Natur. Verlieren auch heute die alten Ansiedlungen den Glanz der Selbständigkeit, die Gebäude als solche bleiben, doch wenigstens teilweise als äußere Kennzeichen bestehen. Wurde dagegen zur Zeit der alten Eickeler oder Bickerer ein Gut aufgeteilt, so machte man die Wohnstätte dem Erdboden gleich. Der Pflug ging über den Hof, hier und da ragte ein Schutthaufen mit Moos bedeckt hervor. Vorbei — das gegenwärtige Geschlecht geht oft achtlos vorüber und denkt kaum an das, was einst hier war. Und doch muss Verwaltung und Heimatverein hier mit vereinten Kräften aufklärend wirken, damit manch verschwundenes Stück Kulturleben im Heimatgedanken festgehalten wird.
Die vor fast 2 Jahren gegründete Gesellschaft für Heimatkunde hat schon tatkräftig gearbeitet. Erinnert sei nur an die Heimatausstellung während der Werbewoche und an den Vortrag Dr. Rüsewalds über Bodenaltertümer. Samstagabend sprach in der Aula des Realgymnasiums der Eickeler Pastor Beckmann, der sich um die Wanne-Eickeler Lokalforschung sehr verdient gemacht hat. Vor der Stadtwerdung überraschte er uns mit der Veröffentlichung des Eickeler Martinsbuches, das ungemein wertvolles Material aus der Eickeler Geschichte enthält. Einleitend schickte Pastor Beckmann einen Umriss der geschichtlichen Vergangenheit der Mark voraus. Er berichtete kurz über unsere Altvorderen, über ihre Kämpfe mit den Franken u. a. m. Ein mächtiger Fürst soll Tabo von Eickel (Eckelo) gewesen sein, dessen Burg auf dem Platze des nachmaligen Hauses Berg auf der Eickeler Königstraße gestanden haben soll. Nach längeren Ausführungen über das Abhängigkeitsverhältnis des Kirchspiels Eickel zur Grafschaft Bochum kam der Vortragende auf die alten Rittersitze zu sprechen.
Der Hof Eickel ist ein alter Rittersitz, der auf der alten Wallburg des Tabo errichtet worden sein soll. Schon 1275 wurde ein Herr von Eckelo erwähnt, 1277 befindet sich ein Lambert von Ecklo unter den Rittern des Grafen Isenburg=Limburg. Später kam das Gut unter die Oberhoheit der Essener Abtei. Der letzte Träger war Lorenz: andere Herren von Ecklo gehören einer Seitenlinie an. Nachdem die Hugenpoeth für Jahre das Gut besaßen, kam es an die von Strünkede und dann an den Herrn von Oven: 1875 erwarb der Landwirt König das Gut. Es ist heute verschwunden, nur noch die Ortsbezeichnung „auf dem Berge (Borg)“ kündet von ihm.— Der Schultenhof in Eickel ist der ehemalige Wirtschaftshof des Hauses auf dem Berge.—
Das Rittergut, das nächst Eickel die größte Bedeutung hatte, war die Dorneburg. Ihre Glanzzeit erlebte die Schlossherrschaft unter Conrad von Strünkede, der vom Großen Kurfürsten als Ersatz für am Rhein durch Hochwasser verloren gegangene Güter die Gerichtsbarkeit von Eickel erhielt. Seine Familie wurde in der Dorneburger Grabkapelle an der alten evgl. Kirche in Eickel beigesetzt. Der jetzige Bau wurde 1844 errichtet.
Die wenigsten Spaziergänger, die heute hinter dem Eickeler Kinderheim her zur Gartenstadt gehen, wissen, dass dort ein großes Gosewinkel (Gänseecke) gestanden hat, das auch der Familie Hugenpoeth, die die Dorneburg eine Zeit lang besaßen, gehört hat.— Der Vergangenheit anheimgefallen sind ferner die Häuser Lakenbruch und Aschenbruch im Westen unserer Stadt: nur der Namen kündet von ihnen: ihre Stätten sind dem Erdboden gleich gemacht. Zum Schluss erwähnte der Redner noch das Haus Hörstgen oder Horst, das am Wanner Stadtgarten stand und um 1830 niedergerissen wurde, und das Haus Crange, das jüngst in den Besitz der Zeche Unser Fritz überging.
Im nächsten Teil behandelte Pastor Beckmann die großen
Frei= und Erbhöfe
im Stadtgebiet. Seine Ausführungen zeugten von regem Forschungseifer, besonders da er seinen Vortrag noch durch Kriegsüberlieferungen aus den Kriegen der letzten Jahrhunderte und durch alte Gebräuche usw. zu ergänzen wusste. Ganz besonders interessant war es, seine Ansicht über den Adel der Herren to Bickeren zu hören. Er erwähnte, dass das Eickeler Kirchenbuch gefälscht worden sei, und zwar dass mit neuer Tinte eine Bezeichnung „to Bickeren“ in „von Bickeren" umgeändert worden sei.— Weiter: In der Kirchengemeinde Eickel waren 10 Nachkommen der Bickerenhöfe Kirchenmeister.— Adlige wurden in Eickel keine Kirchenmeister. — Er verlas ferner eine Kirchenbucheintragung über den Tod einer adligen Dame (Frau von Düngelen), die wesentlich in der Ausgestaltung von der Sterbenotiz eines Familienmitgliedes der Bickerer Familie abwich.
In Anbetracht des heimatkundlichen Inhaltes des Vortrages hätte der Besuch wesentlich besser sein können. Die Zuhörer dankten mit warmem Beifall.
