SC Westfalia Herne 04 – Die ersten 35 Jahre Vereinsgeschichte (1904–1939)

SC Westfalia Herne 04 – Die ersten 35 Jahre Vereinsgeschichte (1904–1939)
Der Sport-Club Westfalia 04 Herne wurde am 13. Juni 1904 im Rittersaal von Schloss Strünkede gegründet. Aus einer kleinen Gemeinschaft sportbegeisterter junger Männer entwickelte sich innerhalb von dreieinhalb Jahrzehnten ein Mehrspartenverein, dessen Fußballmannschaft 1934 den Aufstieg in die Gauliga Westfalen erreichte und sich damit in der höchsten deutschen Spielklasse etablierte. Die Jubiläumsberichte des Herner Anzeigers aus den Jahren 1929 und 1939 dokumentieren diese Entwicklung aus zeitgenössischer Sicht.
Die Gründung im Jahr 1904
Die Anfänge des Vereins gingen auf Willy Stens[1] zurück. Er stammte aus Steele und absolvierte in Herne ein Volontärjahr bei der Firma Baum. Als Mitglied des dortigen Ballspielvereins Steele 03[2] brachte er die Idee eines eigenen Sportvereins nach Herne. Gemeinsam mit Hermann Kortenhaus und weiteren Bekannten setzte er den Plan um.
Am 13. Juni 1904 versammelten sich nach dem überlieferten Gründungsprotokoll 13 Herren auf Schloss Strünkede, um über die Gründung eines Sportvereins zu beraten. Die erste Hauptversammlung fand am 17. Juni statt. Dabei wurde über den Namen des zunächst namenlosen Clubs abgestimmt. Zur Auswahl standen unter anderem Sport-Club „Westfalia“ Herne, Sport-Club „Preußen“ Herne, Ballspielverein Herne und Herner Sportverein. Einstimmig entschieden sich die Anwesenden für den Namen Sport-Club „Westfalia“.
Die Jubiläumsschrift von 1929 nennt 16 Gründungsmitglieder (Vorstandsmitglieder 1904) : Willy Stens (1. Vorsitzender - 1906), Hermann Kortenhaus (1. Gerätewart), Fritz Eichholz, Willy Kleine (2. Gerätewart), Fritz Hirdes (2. Vorsitzender), Heinrich Brennholt (Schriftführer & Kassierer), Gustav Lichterfeld, Fritz Bromen, Gustav Sassenberg (1. Spielwart), Leopold Senger, Fritz Köhler, Alfons Delsing, Emil Schweizer, Bernhard Krein, Willy Böker und Heinrich Dorlöchter.
Der junge Verein widmete sich zunächst vor allem dem Fußball.
- Anfrage Spielwiese für den neuen Verein:
Sportclub Westfalia Herne
Herne i. W., den 28. Dezember 1904
An das Bürgermeisteramt Herne
Wir bitten hierdurch ergebenst, uns gütigst die Erlaubnis zur Abhaltung von Ballspielen auf der an der Schlachthausstraße gelegenen Städtischen Wiese erteilen zu wollen.
Es ist diese Wiese die einzige, welche sich für unseren Sport eignet, und da dieselbe sonst unbenutzt daliegt, das projektierte Schlachthaus aber vorläufig noch nicht gebaut wird, hoffen wir, daß Sie uns unsere Bitte gewähren. Unsere eifrigen Bemühungen eine zweckmäßige Wiese zu finden, sind erfolglos, ohne eine solche ist ein Sportclub nicht existenzfähig.
Fast allerorts, wo noch kein Städtischer Sportplatz vorhanden ist, stellen die Städt. Verwaltungen den Vereinen größtenteils unentgeltlich, Wiesen zur Verfügung. In einer Stadt wie Herne war ein Sportclub längst ein Bedürfnis und liegt ab nun in Ihrer Hand, den jungen Sportclub zum Blühen zu bringen. Im Falle Ihrer Erlaubniserteilung möchten wir auch den auf der Wiese gelegenen Schuppen mitbenutzen.
wir bitten höflichst, uns Ihre Antwort möglichst ....[3]
- Nachfrage Spielwiese für den neuen Verein:
Sportclub Westfalia Herne
Herne i. W. den 13. Januar 1905
Bürgermeisteramt Herne. Wir kommen heute auf Ihr geehrtes Schreiben vom 30. v. Mts. J. [?] III 7181 zurück und teilen Ihnen ergebenst mit, daß unsere letzte Versammlung beschlossen hat, die Wiese zu pachten? Wir möchten Sie jedoch nochmals fälligst bitten, in Erwägung zu ziehen, ob es nicht möglich ist, den Pachtzins zu ermäßigen. Wir bemerken wiederholt, dass man in allen anderen Städten, [?] Herne vollständig ebenbürtig, teilweise sogar noch unterlegen sind, den Sportvereinen in jeder Beziehung die weitgehendsten concessionen? macht. Selbstverständlich müssen wir uns Ihrem Beschlusse fügen und sehen diesen gern möglichst umgehend entgegen. [4]
In den ersten Jahren musste sich die Mannschaft gegen etablierte Vereine aus dem Ruhrgebiet behaupten. Zu ihren Gegnern gehörten unter anderem der BV Steele, der SV Castrop 02, der MBV Linden, der SC Dahlhausen und Preußen Wanne. Ihr erster Gegner überhaupt war nach der Chronik am 21. Mai 1905 gegen den BV Castrop (0:3). Nach diesen anfänglichen Niederlagen stellten sich zunehmend sportliche Erfolge ein. Der erster Sieg gelang dann am 28. Mai 1905 gegen SV Unser Fritz Gelsenkirchen (3:0).
Erste Erfolge und Ausbau des Vereins
Ein wichtiger Schritt gelang 1906 mit dem ersten Spiel- und Sportfest, das in Anwesenheit des damaligen Bürgermeisters Dr. Büren stattfand. Nach Darstellung des Jubiläumsberichts von 1939 trug diese Veranstaltung dazu bei, den Verein im sportlichen und gesellschaftlichen Leben Hernes zu verankern.
1908 gewann die erste Fußballmannschaft die Meisterschaft der zweiten Klasse und stieg in die damalige Spitzenklasse auf. Dort konnte sich die Mannschaft zunächst behaupten, musste nach Spielerabgängen jedoch wieder absteigen. In den folgenden Jahren blieb Westfalia im regionalen Fußball aktiv und errang weitere Erfolge.
Auch die Leichtathletik spielte früh eine wichtige Rolle. Zu den erfolgreichen Sportlern gehörten die Brüder Hirdes. 1912 wurde eine Tennisabteilung gegründet. Damit begann sich der Club über den reinen Fußballbetrieb hinaus zu einem Mehrspartenverein zu entwickeln.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs veränderten sich die Bedingungen des Vereinslebens grundlegend. Zahlreiche Mitglieder wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Ende Dezember 1914 fand noch eine Generalversammlung statt, bei der Theodor Holtsträter zum Vorsitzenden gewählt wurde. Anschließend trat das Vereinsleben in den Hintergrund. Der 1929 eingeweihte Gedenkstein auf dem damaligen Sportplatz erinnerte an die im Krieg gefallenen Vereinsmitglieder.
Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg
Nach Kriegsende nahm das Vereinsleben wieder an Umfang zu. Die Rückkehr ehemaliger Mitglieder und das wachsende Interesse am Sport führten zu einer erheblichen Vergrößerung des Clubs. Gleichzeitig mussten organisatorische Schwierigkeiten und die wirtschaftlichen Folgen der Nachkriegszeit bewältigt werden.
Sportlich entwickelte sich insbesondere die Fußballabteilung weiter. 1921 gelang der Aufstieg in die Liga. Die Mannschaft spielte in den folgenden Jahren wiederholt um den Aufstieg in höhere Spielklassen, scheiterte jedoch mehrfach knapp.
Zu den bedeutenden Begegnungen jener Zeit zählte das 1:1 gegen die ungarische Berufsspielermannschaft Kispesti. Nach dem Bericht von 1939 verfolgten rund 6.000 Zuschauer das Spiel bei Regenwetter. Die Begegnung galt dem damaligen Chronisten als Beleg für die wachsende Popularität des Fußballs in Herne.
Die französische Besatzungszeit und die Krise von 1923
Die französische Besetzung des Ruhrgebiets ab Januar 1923 stellte den Verein vor erhebliche Schwierigkeiten. Der Jubiläumsbericht von 1929 schildert behördliche Einschränkungen, nicht genehmigte Versammlungen, Durchsuchungen und Verhaftungen von Vereinsmitgliedern. Auch der reguläre Vereinsbetrieb war dadurch beeinträchtigt.
Am 10. Februar 1923 konnte eine Versammlung nach dem überlieferten Protokoll wegen der fehlenden Genehmigung der Besatzungsbehörde nicht stattfinden. Am 13. März 1923 beschloss eine Mitgliederversammlung die formelle Auflösung des Vereins; als Liquidator wurde der Sparkasseninspektor Banling eingesetzt. Der Sportbetrieb kam dennoch nicht vollständig zum Erliegen.
Am 19. Januar 1924 hielt der Club nach einer längeren Unterbrechung wieder eine Versammlung ab. Erst mit dem Ende der Besatzungszeit und der allmählichen wirtschaftlichen Stabilisierung konnten sich die Vereinsstrukturen wieder festigen.
Das 25-jährige Jubiläum 1929
Im Juni 1929 beging Westfalia Herne sein 25-jähriges Bestehen mit einer umfangreichen Sportwoche. Die zeitgenössische Berichterstattung imHerner Anzeiger vom 1. Juni 1929[5] dokumentiert das Programm vom 2. bis zum 9. Juni.
Vorgesehen waren Fußball-, Hockey- und Handballspiele, Tenniswettkämpfe sowie Leichtathletikveranstaltungen. Am 5. Juni fand der Staffellauf „Quer durch Herne“ statt. Den Abschluss bildeten weitere Jubiläumswettkämpfe und Veranstaltungen auf den verschiedenen Sportstätten.

Zu den Höhepunkten gehörten die Enthüllung einer Ehrentafel, die Weihe einer Vereinsfahne und die Einweihung eines Gedenksteins für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Mitglieder. Die Fahne war von der Firma Maria Groß gestiftet worden. Der Fabrikant Wilhelm Linnenbrügger stiftete den Gedenkstein; das Fundament wurde vom Bauunternehmer Friedrich Schrader junior unentgeltlich errichtet.
Das Jubiläum fiel mit einem sportlichen Erfolg der Fußballmannschaft zusammen. Nach mehreren vergeblichen Anläufen hatte die erste Mannschaft die Gruppenmeisterschaft gewonnen und den Aufstieg in eine höhere Spielklasse erreicht. Der *Herner Anzeiger* würdigte diese Entwicklung als Ergebnis langjähriger Vereinsarbeit.
Vom Fußballclub zum Mehrspartenverein
Im Rückblick auf die ersten 25 Jahre hob der Chronist G. A. Dawin besonders den Ausbau der verschiedenen Abteilungen hervor. Neben Fußball und Leichtathletik waren Hockey, Handball und Tennis feste Bestandteile des Vereinslebens geworden. Auch Schwimmen und weitere sportliche Betätigungen ergänzten das Angebot; die Geher- und Schwimmabteilungen bestanden 1929 allerdings nicht mehr.
Die Leichtathletikabteilung hatte sich über Herne hinaus einen Namen gemacht. Der Verein organisierte unter anderem den 25-Kilometer-Lauf und -Gehwettbewerb Herne–Bochum–Herne sowie den Staffellauf „Quer durch Herne“. Auch die Hockeymannschaft nahm an überregionalen Begegnungen teil. Im Handball und in der Jugendarbeit bemühte sich der Verein, weitere Sportmöglichkeiten zu schaffen.
Eine wichtige Rolle spielte der Vorsitzende Hermann Kracht, der das Amt 1925 übernommen hatte. Gemeinsam mit weiteren Vorstandsmitgliedern prägte er die organisatorische Entwicklung des Clubs. Der Chronist hob insbesondere die Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen und die Bedeutung der Jugendarbeit hervor.
Im August 1925 war zudem eine Vereinigung mit dem Sportverein „Fortuna“ vollzogen worden. Diese Verbindung gehörte zu den organisatorischen Veränderungen der folgenden Jahre. Die Vereinsgeschichte dieser Zeit war von Wachstum, sportlichen Ambitionen und dem Bemühen geprägt, den Club dauerhaft auf eine breitere Grundlage zu stellen.
Der Weg in die höchste Spielklasse

Nach dem Jubiläum von 1929 setzte die sportliche Aufwärtsentwicklung der Fußballmannschaft fort. Die Mannschaft stieg 1930 erneut auf und spielte anschließend in der Ruhrbezirksliga. In den folgenden Jahren konnte sie sich jedoch nicht durchgehend in der Spitzengruppe behaupten.
Mit der Neuordnung des deutschen Fußballs nach 1933 entstand die Gauliga Westfalen als höchste Spielklasse der Region. Westfalia war bei deren erster Zusammensetzung zunächst nicht vertreten. Erst 1934 gelang über die Meisterschaft in der Bezirksklasse und die anschließende Aufstiegsrunde der Sprung in die Gauliga.
Am 9. September 1934 wurde das Stadion am Schloss Strünkede eröffnet. Die neue Anlage bot dem Verein eine größere Spielstätte für den inzwischen gewachsenen Zuschauerzuspruch. Nach dem Jubiläumsbericht von 1939[6] waren die Arbeiten weitgehend von Vereinsmitgliedern und Kräften des freiwilligen Arbeitsdienstes unter der Leitung des Bauführers Kloß ausgeführt worden.
Die Bedeutung des Stadions zeigte sich in den folgenden Jahren bei großen Fußballveranstaltungen. Der Bericht von 1939 verwies auf das Spiel gegen Schalke 04 am 5. Februar desselben Jahres, zu dem mehr als 25.000 Zuschauer gekommen sein sollen.
Das 35-jährige Jubiläum 1939
Zehn Jahre nach dem silbernen Jubiläum zog der Herner Anzeiger erneut Bilanz. Der Bericht zum 35-jährigen Bestehen stellte fest, dass sich der Verein in nahezu allen Abteilungen weiterentwickelt hatte. Besonders hervorgehoben wurde die erste Fußballmannschaft, die sich in der Gauliga Westfalen behauptet hatte.
In der Saison 1936/37 erreichte Westfalia die Vizemeisterschaft hinter dem FC Schalke 04. In den folgenden Spielzeiten belegte die Mannschaft weitere Plätze im oberen und mittleren Tabellenbereich. Damit hatte sich der Club innerhalb weniger Jahre von einem regionalen Verein zu einer festen Größe im westfälischen Spitzenfußball entwickelt.
Auch Handball und Leichtathletik wurden 1939 weiterhin als bedeutende Abteilungen beschrieben. Die Vereinschronik erinnerte an frühere Erfolge und an Sportler, die den Namen Westfalia über die Stadtgrenzen hinausgetragen hatten.
Der Bericht würdigte außerdem den Ausbau der Platzanlage und die organisatorische Arbeit des Vorstands. Zugleich spiegelte er die nationalistische Sprache und politische Deutung seiner Entstehungszeit wider. Aussagen über „Volk und Vaterland“ oder die Rolle des Sports im nationalsozialistischen Staat sind deshalb als zeitgenössische Selbstdarstellung zu lesen, nicht als neutrale historische Bewertung.
Bedeutung der Jubiläumsberichte
Die Berichte von 1929 und 1939 zeigen, wie sich Westfalia Herne innerhalb von 35 Jahren entwickelte: von einer kleinen, 1904 auf Schloss Strünkede gegründeten Sportgemeinschaft zu einem Mehrspartenverein mit einer leistungsfähigen Fußballabteilung und einer eigenen großen Sportstätte.
Sie dokumentieren zugleich die Schwierigkeiten, die der Verein während des Ersten Weltkriegs, der wirtschaftlichen Krisen und der französischen Besatzungszeit bewältigen musste. Die Entwicklung beruhte nach Darstellung der damaligen Chronisten auf dem Einsatz zahlreicher Mitglieder, ehrenamtlicher Funktionsträger und Sportler.
Das 25-jährige Jubiläum von 1929 markierte den sportlichen Aufstieg und die Festigung der Vereinsstruktur. Zum 35-jährigen Bestehen 1939 stand Westfalia bereits in der Gauliga Westfalen und verfügte mit dem Stadion am Schloss Strünkede über eine bedeutende Sportanlage. Die beiden Jubiläumsschriften sind damit wichtige zeitgenössische Quellen zur Vereins-, Sport- und Stadtgeschichte Hernes.
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Quellen
- ↑ Stens als Spieler des BV Steele 1903.Obere Reihe zweite von links.
- ↑ https://www.steele-0309.de/der-verein/
- ↑ Übertragung: Gertrud Frohberger, Gisela Brück-Sprengel und Axel Stiebling (†)
- ↑ Übertragung: Gertrud Frohberger, Gisela Brück-Sprengel und Axel Stiebling (†)
- ↑ https://zeitpunkt.nrw
- ↑ https://zeitpunkt.nrw



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