Röhlinghausen - einst und jetzt (1926)

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
Quellentext
TitelRöhlinghausen einst und jetzt
VerfasserKonrektor Heitkamp
Erschienen inWanne-Eickeler Zeitung
AnlassStadtwerdung Wanne-Eickels
GegenstandRöhlinghausen
DigitalisatZeitpunkt.NRW

Zum 1. April 1926 wurde Wanne-Eickel zur Stadt erhoben. Aus diesem Anlass veröffentlichte die Wanne-Eickeler Zeitung mehrere geschichtliche Beiträge über die zusammengeschlossenen Gemeinden.[1] Einer davon stammt von Konrektor Heitkamp und ist Röhlinghausen gewidmet.

Der Beitrag ist kein chronologischer Abriss, sondern ein Rundgang: Heitkamp führt den Leser vom Oestern über das Tiefenbruch und die Höfe Röhlinghaus und Stratmann bis ins Lakenbruch und stellt an jeder Station die erinnerte Landschaft dem Zustand von 1926 gegenüber. Damit ist der Text vor allem eine Quelle für die Wahrnehmung des industriellen Umbruchs durch die Zeitgenossen – Zeche Pluto, Zeche Königsgrube, die Kolonie Pluto und die Bahndämme haben die bäuerliche Struktur binnen weniger Jahrzehnte überformt.

Der folgende Quellentext gibt den Beitrag vollständig und im Wortlaut wieder. Die Absatzeinteilung und die Zwischenüberschriften in eckigen Klammern wurden zur besseren Lesbarkeit redaktionell ergänzt; sie stehen so nicht in der Vorlage. Anmerkungen der Redaktion des Wikis sind mit „A" gekennzeichnet.

Stationen des Rundgangs

Oestern
Ehemals Eichenhain mit der Quelle des Baumbaches, später Wildbann der Kurfürsten von Brandenburg und der Könige von Preußen – 1926 Standort der Zeche Pluto und des Bahndamms der Rheinischen Eisenbahn. Erinnert im Straßennamen „Wilbe".
Tiefenbruch
Höfegruppe mit Teich und Heckenwegen (Funkes, Caspers, Bennebusch, Möllers gen. Knop, Rademachers) – 1926 überbaut von der Kolonie Pluto; erhalten sind Roland-, Tiefenbruch- und Kuhstraße sowie einzelne Bauernhäuser.
Höfe Röhlinghaus und Stratmann
Alter Besitz des Klosters Werden und des Stifts Essen mit niederer Gerichtsbarkeit – Stratmanns Hof 1926 zum Volkshaus umgebaut, die Scheune zur Turnhalle und zum Festsaal.
Hüller Bach
Früher klares Gewässer mit Fischen und Wasservögeln – 1926 in ein neues Bett verlegt und von Zechenabwässern geprägt.
Lakenbruch
Festes Haus der Herren von Aschenbrok zum Schutz gegen die Herren von Dahlhausen – 1926 spurlos verschwunden, an der Stelle steht die Zeche Königsgrube.

Quellentext

[Vom Urwald zur Eisenbahnlandschaft]

Röhlinghausen einst und jetzt

Von Konrektor Heitkamp

Als vor vielen hundert Jahren in dem Urwald, der sich von der Emscherniederung her nach Süden zog, der erste Ansiedler einen Teil rodete und in der Rodung, nach der er Rodling— Röhlinghaus genannt wurde,[A 1] seine Wohnung baute, da ahnte er wohl nicht, dass dereinst durch diese einsame Gegend Schienenstränge und Eisenbahndämme, ihren Weg nehmen würden.

Wo sein Blick damals durch Bruch und Wald gehemmt wurde, da stellen sich demselben heute die Bahndämme entgegen. Sie kreuzen die Gemeinde nach Norden und Süden, nach Osten und Westen und kaum eine anderer[A 2] Ort wird auf diese Weise in so viele Teile und Teilchen zersplittert.

So kommt es, dass von den landschaftlichen Schönheiten aus früherer Zeit fast nichts mehr zu erkennen ist. Und doch hat es in unserer Gemeinde manchen hübschen Winkel gegeben.

[Das Oestern – Hain, Opferstein und Wildbann]

Wo heute die Zeche Pluto steht und sich der Bahndamm der alten rheinischen Eisenbahn erhebt, im sogenannten Oestern, da lag ehedem ein Hain, in dem uralte Eichen ihre Häupter erhoben, in dem in grauer Vorzeit die Priester und Priesterinnen des Wodan ihres Amtes walteten.[A 3] Hier war die Quelle des Baumbaches, der durch die Wiesen hinter den Beamtenhäusern der Zeche seinen Lauf nahm und an Brunkhorsts gen. Haumann, Steinbergs und Göddenhofs Hof vorbei zum Hüller Mühlenbach floss.

Hier tranken Hirsch und Reh, und in den Wipfeln sangen die gefiederten Sänger ihre lieblichen Weisen. Die Alten erinnern sich noch gut des Opfersteins mit seinen Blutrinnen, der später von den Erdmassen des Bahndammes verschüttet wurde.

Hier war denn später der Wildbann der Kurfürsten von Brandenburg und der Könige von Preußen. Nur der Name „Wilbe" erinnert noch an Waldestiefe und geheimnisvolles Leben der Waldtiere. Dann bebauten große Bauern hier ihre Scholle: die Blankes, Terkamps, Pins, Beisemanns.

Manches könnten die noch bestehenden Häuser vom Fleiß der Alten und von fröhlichen Gebehochzeiten erzählen, auf denen die Teilnehmer ihren dicken Reis bei den Nachbarn aßen, und zu dem sie die Löffel selbst mitbringen mussten.

[Das Tiefenbruch]

Folgen wir dann der Schulstraße an Vietinghof vorbei, so kommen wir in das Tiefenbruch. Da wohnten die Funkes, Caspers, Bennebusch, Möllers gen. Knop und Rademachers.

In der Mitte der Höfe lag ein Teich, der ein kleines Wässerlein dem Baumbache zusandte. In ihm wuschen bei fröhlichem Sange die Mädchen die Rüben und Runkeln und aus ihm trank das Vieh, wenn es abends von der Weide kam.

Wie friedlich lagen die Häuser da in dichtem Grün. Schmale Wege von Weißdorn und Haselnuss begrenzt zogen sich an lieblichen Wiesen vorbei von einem Hofe zum andern. Alte Birnbäume und Eschen beschatteten die Häuser, und die ersteren bieten dem Auge noch heute ein gar freundliches Bild namentlich im Schnee und zur Blütezeit.

Von dem Heckenwege, der die Höfe der Tiefenbruchs mit denen der Steinbergs, Gildenhofs, Bembolts, Bönnebruchs verband, findet der Wanderer leider keine Spur mehr und doch waren sie durch das Band treuer Nachbarschaft in Freud und Leid miteinander verbunden.

[Kolonie Pluto und die Höfe Röhlinghaus und Stratmann]

Heute liegt hier die neue Kolonie Pluto, und nur der Name der Roland=, Tiefenbruch= und Kuhstraße und die alten Bauernhäuser der Funkes und Caspers mit ihren alten Birnbäumen und Eschen erinnern an die alte beschauliche Zeit.

Wenn wir von diesem Ostteil nach Südosten wandern, so sehen wir ragende Buchen. Sie beschatteten die großen Höfe der Röhlinghaus und Stratmanns. Diese gehörten in alten Zeiten dem Kloster Werden und dem Stift Essen und ihre Besitzer übten im Namen derselben die niedere Gerichtsbarkeit aus.

Der älteste der beiden ist nicht mehr vorhanden, und der vorletzte Besitzer baute nicht weit von der alten Stelle einen schönen neuen Hof, dessen heutiger Besitzer auch aus derselben alten Familie stammt.

Stratmanns Hof ist in unser Volkshaus umgebaut, das noch im letzten Jahre hübsche Gartenanlagen bekam. Die Scheune ist in eine geräumige Turnhalle, die auch als Festsaal benutzt wird, umgewandelt und auf dem großen Spielplatz, vor dem früher der Garten lag, tummeln sich heute unsere Kinder und üben sich Sportvereine.

[Der Hüller Bach und das Lakenbruch]

Nach Westen fließt der Hüller Bach vorbei. In seinem neuen Bette wälzt sich trübes Zechenwasser dahin und nichts erinnert mehr daran, dass früher klares Wasser, auf dem Enten und Gänse ihr Spiel trieben und in dem sich Fische mancherlei Art tummelten, dorther floss und an seinem Ufer Erlen und Weiden ihre Zweige neigten.

Von den Feldern, die früher zu Stratmanns Hof gehörten, sind nur noch geringe Reste vorhanden, die heute von Kleingärtnern bearbeitet werden. Siedlungs=, Privat= und Gemeindehäuser sind dort errichtet worden.

Zu einem anderen Ortsteil müssen wir unsere Schritte noch lenken, das ist das Lakenbruch. Hier hatten die Herren von Aschenbrok sich ein festes Haus zum Schutze gegen ihren Nachbarn, den Herren von Dahlhausen erbaut. (Wegen der Aschenbrocks verweisen wir auf einen besonderen Beitrag in dieser Ausgabe. D. Red.)[A 4] Von ihm ist keine Spur mehr vorhanden, denn an der alten Stätte ist die Zeche Königsgrube erbaut worden.

[Schlusswort]

So erinnern nur noch Überreste an alte schöne Zeiten, aber dass echter Bürgersinn und Liebe zur Heimat auch heute hier eine Stätte haben, davon zeugen die beiden stattlichen Kirchen, schöne Schulhäuser und gutausgebaute Straßen. Ein Zeichen aber auch dafür, dass die Väter sich der Entwickelung nicht verschlossen und hinter der fortschreitenden Kultur nicht zurück blieben.

Möge dieser Sinn auch ferner erhalten bleiben und unser liebes Röhlinghausen in der neuen Stadt ein Plätzchen an der Sonne erhalten.

Konrektor Heitkamp

Erläuterungen

Bruch
Feuchtes, zeitweise überschwemmtes Niederungsgelände, oft mit Erlen und Weiden bestanden. Die Ortsteilnamen Tiefenbruch und Lakenbruch gehen darauf zurück.
Hain
Kleiner, lichter Wald; in der Heimatliteratur häufig mit vorchristlichen Kultstätten in Verbindung gebracht.
Wildbann
Das dem Landesherrn vorbehaltene Recht zur Jagd in einem bestimmten Bezirk. Zugleich Bezeichnung für das so geschützte Gebiet selbst.
Niedere Gerichtsbarkeit
Zuständigkeit für geringere Streitigkeiten und Vergehen. Sie war hier mit dem Hofbesitz verbunden und wurde im Namen des Klosters Werden beziehungsweise des Stifts Essen ausgeübt.
Gebehochzeit
Ländliche Hochzeitsfeier, zu der die Gäste Gaben beisteuerten. Das mitgebrachte Essgeschirr – hier die Löffel – gehörte zum Brauch.
Volkshaus
Gemeinschaftshaus für Vereins-, Bildungs- und Festveranstaltungen einer Gemeinde.
Kolonie
Werkssiedlung einer Zeche für die Belegschaft, meist in unmittelbarer Nähe des Schachts errichtet.
Scholle
Ackerland; sinnbildlich der bäuerliche Grundbesitz.
Runkeln
Runkelrüben, als Viehfutter angebaut.
Konrektor
Stellvertreter des Rektors an einer Volksschule.

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Anmerkungen

  1. Die hier gegebene Herleitung des Ortsnamens aus „Rodung" entspricht der Heimatliteratur der Zeit. Ortsnamen auf -hausen werden in der Namenforschung in der Regel auf einen Personennamen zurückgeführt.
  2. Im Original so; gemeint ist „kaum ein anderer Ort".
  3. Vorchristliche Kultstätten und „Opfersteine" gehören zum festen Motivbestand der Heimatliteratur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ein archäologischer Nachweis für eine solche Anlage im Oestern ist nicht bekannt.
  4. Redaktioneller Einschub der Wanne-Eickeler Zeitung von 1926, nicht des Verfassers.

Quellen