Kinderkurheim Kappenberg 1925-1931

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Das Kinderkurheim Kappenberg war ein städtisches Kindererholungsheim der Stadt Wanne-Eickel, das in Kappenberg bei Lünen inmitten von Buchenwäldern lag. Die Einrichtung wurde in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre von der Stadt erworben und dem Gesundheitsamt unterstellt. Sie diente insbesondere der Erholung und gesundheitlichen Betreuung erholungsbedürftiger, unterernährter und geschwächter Kinder aus dem stark industrialisierten Wanne-Eickel.

Kinderkurheim Kappenberg
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Entstehung und Erwerb

Die Einrichtung des Kinderheims stand im Zusammenhang mit den gesundheitlichen Folgen der Kriegsjahre und den schwierigen Lebensbedingungen der Kinder in den Industriestädten des Ruhrgebiets. In einer zeitgenössischen Darstellung wurde darauf hingewiesen, dass die Kinder in den dicht bebauten Städten nur eingeschränkten Zugang zu Natur, Licht und frischer Luft hatten. Größere Städte des Industriegebietes richteten deshalb eigene Kinderheime ein. Auch die Kommune Wanne-Eickel mit damals annähernd 100.000 Einwohnern sah hierin eine kommunale Aufgabe.

Das bereits bestehende, gemeinsam mit Wattenscheid betriebene Kinderheim auf Norderney konnte den Bedarf nicht ausreichend decken. Kappenberg bot demgegenüber den Vorteil der vergleichsweise geringen Entfernung von Wanne-Eickel. Das Heim lag etwa 41 Kilometer entfernt, nördlich von Lünen, in der Gemarkung Uebbenhagen an der Borker Str. 14 in Selm-Cappenberg und inmitten von Buchenwäldern. Als wesentliche Heilfaktoren wurden insbesondere Licht, Luft und Wasser angesehen.

Das Anwesen bestand aus einem Haupt- und einem Nebengebäude und lag in einem Park mit Obstanlagen. Im Hauptgebäude befanden sich unter anderem Wasch- und Duschräume, Küche, Vorratsräume, Speise- und Spielsaal, Behandlungs- und Büroräume sowie Räume für das Pflegepersonal. Hinzu kamen gedeckte Veranden und eine Einrichtung für Höhensonne. Im zweiten Obergeschoss lagen die Schlafräume für 25 Mädchen sowie für die Oberin und Schwestern. Das dritte Obergeschoss bot Platz für zwölf Jungen, eine Schwester und ein Isolierzimmer mit zwei Betten. Im Nebengebäude befanden sich weitere Schlafräume für 13 Jungen, eine Schwester und das Dienstpersonal. Eine Luft- und Lichtbadeanlage sowie Zentralheizungen in beiden Gebäuden ergänzten die Ausstattung.

Medizinisches Konzept

Das Kinderheim war nicht ausschließlich als Erholungsstätte konzipiert, sondern sollte auch gesundheitlich geschwächte Kinder behandeln. Vorgesehen waren unter anderem Liegekuren, Luft-, Licht- und Wasserbäder, Höhensonne und Gesundheitsturnen. Für orthopädisches Turnen stand eine entsprechend ausgebildete Helferin zur Verfügung.

Als mögliche Krankheitsbilder beziehungsweise gesundheitliche Probleme wurden zeitgenössisch Blutarmut, Skrofulose, Rachitis und Lymphdrüsentuberkulose genannt. Eine besondere Bedeutung hatte jedoch die Erholung unterernährter und geschwächter Kinder. Das Sonnenlicht wurde dabei ausdrücklich als wesentlicher Bestandteil der Behandlung angesehen.

Die Einrichtung entsprach damit dem zeitgenössischen Verständnis kommunaler Kinder- und Gesundheitsfürsorge, bei dem Aufenthalt in einer naturnahen Umgebung, körperliche Erholung, Ernährung und medizinische Betreuung miteinander verbunden wurden.

Öffentliche Diskussionen

Schon kurz nach dem Erwerb wurde das Kinderheim in der Wanne-Eickeler Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Im Januar 1927 wurde zwar anerkannt, dass die Stadt über zwei Kinderheime verfügte, zugleich wurde das neue Heim Kappenberg hinsichtlich seiner Wirtschaftlichkeit und insbesondere wegen des damaligen Verpflegungssatzes kritisch beurteilt.

Im März 1927 wurde öffentlich über die Zukunft der Einrichtung diskutiert. Kritisiert wurden insbesondere die baulichen Verhältnisse und die Frage, ob die vorhandene Ausstattung eine ausreichende Kindererholungsfürsorge gewährleiste. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass ein Verkauf wegen des zu erwartenden Verlustes schwierig sei. Als Alternative wurde zeitweise die Umwandlung in ein sogenanntes Mütterheim erwogen. Dadurch hätten umfangreiche Umbauten vermieden und die Verwaltungskosten gesenkt werden können.

Diskussion um den Kaufpreis

Der Erwerb von Kappenberg führte 1927 auch zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung. Gegen einen Händler war wegen Äußerungen über den damaligen kommunalen Entscheidungsträger Dr. Maßmann Anklage erhoben worden. Im Mittelpunkt stand unter anderem der Vorwurf, das Kinderheim sei zu teuer gekauft worden.

Im Gerichtsverfahren wurde deutlich, dass der Kauf von den zuständigen kommunalen Vertretungen der beteiligten Gemeinden sowie vom Bezirksausschuss genehmigt worden war. Stadtbaurat Lehnemann schilderte die Besichtigung und die anschließenden Verhandlungen. Nach seiner Aussage hatte er persönlich den Kaufpreis für zu hoch gehalten, den Erwerb jedoch vor dem Hintergrund der damaligen kommunalpolitischen Situation nicht beanstandet.

Als ursprüngliche Forderung des Verkäufers wurden 150.000 Mark genannt; später sei der Preis auf 130.000 Mark reduziert worden.

Das Verfahren endete zunächst mit einer Geldstrafe von 500 Mark gegen den Angeklagten. Das Gericht berücksichtigte bei der Strafzumessung unter anderem, dass in der Öffentlichkeit die Auffassung vertreten worden war, der Kaufpreis für Kappenberg sei sehr hoch beziehungsweise möglicherweise zu hoch gewesen. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt.

Leitung und Unterschlagungsaffäre

Ende 1927 geriet das Kinderheim erneut in die Schlagzeilen. Bei einer Prüfung der Verwaltung wurden Unregelmäßigkeiten in der Kasse festgestellt. Die Leiterin wurde zunächst vom Dienst suspendiert.

Eine amtliche Untersuchung ergab zunächst einen Kassenfehlbetrag von 2.685,59 Mark. Bei der weiteren Prüfung wurden zusätzliche Unterschlagungen in Höhe von 966,61 Mark festgestellt. Von der insgesamt beanstandeten Summe waren 3.119,65 Mark zurückerstattet worden; 532,55 Mark blieben zunächst offen.

Die Angelegenheit beschäftigte auch die Gerichte. 1928 wurde über das Verfahren gegen die ehemalige Leiterin Schwester Hilde berichtet. Die Angeklagte führte ihre Entlassung unter anderem auf ein politisches Intrigenspiel zurück. Das Verfahren wurde zunächst vertagt, da die für die Prüfung benötigten Bücher nicht vorlagen.

1929 wurde berichtet, dass das Verfahren mit einem Freispruch der beschuldigten Leiterin geendet hatte, gegen den die Stadt Berufung eingelegt hatte. Aufgrund einer oberstaatsanwaltlichen Untersuchung sollte die Angelegenheit erneut aufgegriffen werden.

Leitung durch Else Rademacher

Im Februar 1928 wurde Fräulein Else Rademacher (* 20. August 1898 Gummersbach-Vollmerhausen) einstweilig mit der Leitung des städtischen Kinderheims betraut. Ihre Berufung war politisch und konfessionell umstritten. Insbesondere katholische Kreise kritisierten, dass die Leitung einer als „Dissidentin“ bezeichneten Frau übertragen worden war.

Die Auseinandersetzung setzte sich in den folgenden Jahren fort und wurde auch im Zusammenhang mit den Kommunalwahlen politisch instrumentalisiert. Das Zentrum kritisierte 1929 die Leitung des Kinderheims durch eine konfessionslose Leiterin und verband dies mit der Forderung nach einer religiös ausgerichteten Erziehung.

Else Rademacher blieb bis zu ihrem Tod am 18. August 1930 in Remscheid Leiterin der Einrichtung. Ein Nachruf des Oberbürgermeisters würdigte ihre pflichtbewusste und gewissenhafte Tätigkeit, ihr Verständnis für die sozialpädagogischen Aufgaben des Kinderheims und ihren persönlichen Einsatz für die Kinder.

Ausbau und Modernisierung

Trotz der anhaltenden Diskussionen über die Wirtschaftlichkeit wurde Kappenberg Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre baulich weiterentwickelt.

1930 beschloss die Stadt die Errichtung einer Liegehalle mit einer Größe von 5 × 30 Metern sowie eines Planschbeckens von 5 × 10 Metern. Die Gesamtkosten wurden mit 12.080 Mark angegeben.

Im Jahr 1931 wurden umfangreiche Verbesserungen hervorgehoben. Dazu gehörten die innere und äußere Renovierung des Hauptgebäudes, die Vervollständigung des Inventars, der Bau der großen Liegehalle, die Anlage des Planschbeckens, die Verbesserung der Parkanlagen und die Instandsetzung der Spielwiese. Nach Einschätzung des Gesundheitsausschusses wurde dadurch die Bedeutung Kappenbergs als Kindererholungsstätte erheblich gesteigert.

Die Kosten der Veränderungen beliefen sich nach einer weiteren zeitgenössischen Darstellung auf insgesamt 12.016 Mark. Allein die Liegehalle verursachte Kosten von 6.000 Mark. Zusätzlich wurden unter anderem das Gebäude renoviert, die Terrasse tiefer gelegt, Wege gepflastert und die Spielwiese eingefriedet. Die Finanzierung erfolgte neben städtischen Mitteln auch durch Beihilfen der Landesversicherungsanstalt und der Ausgleichsstelle in Münster.

Für den weiteren Betrieb war vorgesehen, künftig ausschließlich das Hauptgebäude mit Kindern zu belegen. Das Nebengebäude sollte dagegen für die notwendigen Isolierräume genutzt werden.

Kinderkuren

Das Kinderheim wurde regelmäßig für mehrwöchige Kinderkuren genutzt. Die Kinder reisten von Wanne-Eickel aus gemeinsam mit dem Pflegepersonal mit der Eisenbahn nach Kappenberg.

Im April 1931 wurde das Heim nach den vorgenommenen Verbesserungen wieder eröffnet. Die Kurkinder fuhren vom Hauptbahnhof Wanne-Eickel nach Kappenberg.

Im August 1931 entsandte das Stadtjugendamt Wanne-Eickel erneut erholungsbedürftige Kinder zu einer sechswöchigen Kur in das Kinderheim Kappenberg. Die Abfahrt war vom Hauptbahnhof Wanne-Eickel vorgesehen.

Wirtschaftlichkeit und Schließung

Die wirtschaftliche Zukunft des Heimes blieb jedoch bis zuletzt problematisch. Bereits 1931 wurde erneut über einen möglichen Verkauf berichtet. Befürworter einer Aufgabe argumentierten, dass die Stadt für die gleichen finanziellen Mittel eine größere Zahl von Kindern in anderen Heimen unterbringen könne.

Demgegenüber verwies die Verwaltung 1931 darauf, dass ein Vergleich der Pflegesätze mit anderen Kinderheimen zu kurz greife. Die von der Stadt über die Ausgleichsstelle in Münster belegten Heime hätten teilweise gleiche oder sogar höhere Pflegesätze. Außerdem seien die Transportkosten zu berücksichtigen. Der Pflegesatz von Kappenberg enthielt allerdings nicht die Verzinsung des Anlagekapitals.

Die Diskussion führte schließlich zur Aufgabe des Heimbetriebs. Am 24. Juni 1932 wurde berichtet, dass die Stadt aus finanziellen Gründen das Kinderheim Kappenberg geschlossen hatte, da die Einrichtung nur noch für Heilkuren genutzt werden konnte.

Das Kinderkurheim Kappenberg spielte auch eine große Rolle bei der Verdrängung leitender Beamter aus dem Dienst im Jahre 1933. Dabei verlor u.a. der zuständige Medizinalrat Dr. Erich Deutsch seine Stellung.

Bedeutung

Das Kinderheim Kappenberg war ein Beispiel für die kommunale Gesundheits- und Kindererholungsfürsorge im Ruhrgebiet der 1920er und frühen 1930er Jahre. Die Stadt Wanne-Eickel versuchte damit, den gesundheitlichen Belastungen entgegenzuwirken, denen Kinder in einer dicht besiedelten und industriell geprägten Großstadt ausgesetzt waren.

Die Geschichte der Einrichtung war zugleich von wiederkehrenden Konflikten geprägt: Neben der medizinischen und sozialen Zielsetzung standen Fragen des Kaufpreises, der Wirtschaftlichkeit, der baulichen Ausstattung, der Leitung und der konfessionellen Ausrichtung im Mittelpunkt öffentlicher und politischer Auseinandersetzungen.

Die Entwicklung von Kappenberg zeigt damit exemplarisch den Wandel der kommunalen Kinderfürsorge in der Zeit zwischen den Weltkriegen: von der Erholung und allgemeinen Kräftigung von Kindern hin zu stärker medizinisch definierten Kuren und einer zunehmend kritischen Betrachtung der Kosten kommunaler Eigenbetriebe.

Literatur und Quellen

  • Zeitgenössische Berichte aus der Wanne-Eickeler Presse, 1927–1932.
  • Berichte über das städtische Kinderheim Kappenberg, insbesondere zur Einrichtung, Ausstattung, Kinderkuren, baulichen Entwicklung und Schließung.
  • Zeitpunkt.NRW, Bericht vom 31. Juli 1931 über eine sechswöchige Kinderkur in Kappenberg.
  • Zeitpunkt.NRW, Bericht vom 24. Juni 1932 über die aus finanziellen Gründen erfolgte Schließung.
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Quellen