Stadtkinderheim Norderney 1921-1974

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.


2016
2024

Das Kinderheim Wanne-Eickel/Wattenscheid auf der Ostfriesischen Nordseeinsel Norderney

1921 kaufte der Landkreis Gelsenkirchen die Norderneyer Villa Edda, den ehemaligen Sommersitz des Reichskanzler Bernhard von Bülow[1] [2] und läßt das Gebäude zu einem Kinderheim umbauen.

Es diente bis 1981 vor allem der "Erholung" bedürftiger Schulkinder in den Städten Wanne-Eickel und Wattenscheid. So wurde es für ca. 80 Kinder ausgerichtet, welche ganzjährig ca. sechs Wochen "erholt" wurden. 1950 waren insgesamt 573 Kinder aus Wanne-Eickel in einer Kur in Pflege.

Nach dem Verkauf an einen Investor beherbert es heute das Hotel Meeresburg[3].

Zeitschicht

Stadt Wattenscheid
Unser Kinderheim in Norderney.
Die neue Zeit hat auch in der Jugendfürsorge Wandel geschaffen. Wenn wir heute Vergleiche ziehen zwischen dem, way vor dem Kriege und heute auf diesem Gebiete von dem Reich, Staat und den Gemeinden geleistet wird, so können wir zu unserer Freude feststellen, daß ein großer Fortschritt gegenüber früher vorhanden ist. Die Folgen des Krieges haben sich gerade bei der Jugend gezeigt und uns gezwungen, neue Bahnen zu gehen. Erfreulicher Weise ist aber auch die Einstellung derjenigen, denen die Jugend anvertraut ist, heute anders als vor dem Kriege. Große Kreise der Bevölkerung arbeiten mit, die Schäden des Krieges wieder gutzumachen, welche die Jugend erlitten hat. Es ist uns bekannt, daß die Meinungen über die Mittel und den Weg, welche zur Beseitigung der Schäden angewandt und gegangen werden, bei den offiziellen Stellen und dem Laientum verschieden sind. Die einen legen mehr Wert auf die leibliche Fürsorge, die andern ziehen die geistige Fürsorge vor. Es ist zweckmäßig und erforderlich, beides zu tun und dafür Sorge zu tragen, daß die Jugend körperlich gesundet, da nur in einem gesunden Körper sich ein gesunder Geist entwickeln kann.
6 Kilometer von der ostfriesischen Küste liegt die Insel Nordernen als bekanntes Nordseebad. Vor dem Kriege war es nur wenigen vergönnt, in den heilenden Fluten der Nordsee Erholung und Heilung zu finden. Nach dem Kriege sind eine ganze Anzahl Städte und Landkreise dazu übergegangen, auf Nordernen Kindererholungsheime zu errichten. Lei¬der muß gesagt werden, daß die Gäste, welche die Kur als Ver¬gnügen betrachten, nicht sonderlich über diese Fürsorgetätigkeit der Kommunalverwaltungen erfreut sind, sie fühlen sich„belästigt“, sie sind nicht mehr so unter sich, und die Badeverwaltung glaubt den Klagen dieser Kurgäste dadurch Rechnung tra­gen zu müssen, daß sie besondere Vorschriften für die Kinderheime erläßt. Wer in diesem Sommer Gelegenheit hatte, einmal einen Kindertransport nach Norderney zu machen, mußte feststellen, daß die Badeverwaltung sehr viel Verständnis zeigt für die Bedürfnisse der erwachsenen Badegäste, während die Kinderheime sich stiefmütterlich behandelt fühlen müssen.

Wenn dauernd 800 Kinder in den Heimen aus Norderney untergebracht sind, und diese Kinder vorwiegend aus der Bevölkerungsschicht des Reiches kommen, die durch den Krieg und seine Folgen am meisten gelitten haben, dann ist es Aufgabe aller Stellen, auch der Badeverwaltung, alles zu tun, damit durch die finanziellen Opfer, welche die Städte und Gemeinden bringen, der größte Erfolg aus dem Gebiete der leiblichen Jugendfürsorge erzielt wird.

Der frühere Landkreis Gelsenkirchen hatte ein Kinderheim errichtet, das z. Zt. den beiden Städten Wanne=Eickel und Wattenscheid gehört. Das Heim war, bevor es seinem jetzigen Zweck zugeführt wurde, in dem Besitze des Fürsten von Bülow, des früheren Reichskanzlers und diente als Sommer­aufenthalt der Fürstin. Wie im großen sich eine Revolution vollzogen hat und täglich vollzieht, so auch hier. Früher diente das Haus einer einzigen Person, heute ist das Heim dauernd mit 75 Kindern aus Wanne=Eickel und Wattenscheid belegt.
Früher fand nur eine einzige Person Erholung, heute finden jährlich ein haldes Tausend Kinder Kräftigung und Stärkung ihrer schwachen Körper, und das ist gut so. Das Heim liegt an der Westküste der Insel, nur etliche Meter vom Strande entfernt. Das ewige Brausen des Meeres, die kommende und gehende Flut wiegt die Kinder in den Schlaf. Aus den Spiel= und Liegesälen hat man eine herrliche Aussicht auf das Meer und die westlich liegende Insel Inist, das gemeinsame Bad in den Fluten, die Spielstunden in den Dünen und am Strand werden den in der Heimat und im elternlichen Hause von Glücksgütern und freudigen Stunden wenig gesegneten Kindern eine dauernde Jugenderinnerung bleiben. Das Heim macht nach außen hin einen sehr freundlichen Eindruck. Die Inneneinrichtung muß noch vollkommener werden, Schlafraum ist genügend vorhanden. Als Mangel wird empfunden, daß kein eigenes Warmwasserbad vorhanden ist, und die Kinder das städtische Bad in Anspruch nehmen müssen. Speisung, Wartung und Pflege ist, soweit es der Laie beurteilen kann, gut. Die ärztliche Betreuung während der Kur untersteht einem Badearzt, im übrigen werden die Kinder vor­ und nachher von den beiden Stadtärzten, Medizinalrat Dr. Paulstich, Wattenscheid und Dr. Deutsch, Wanne=Eickel, untersucht und überwacht. Die sonstige Verwaltung untersteht einer Schwester, welcher eine Anzahl Fürsorge= und Küchenpersonal beigegeben ist. Als das Heim noch dem Landkreis Gelsenkirchen gehörte, wurde es getrennt nach Knaben und Mädchen belegt, jetzt ist eine Aenderung eingetreten, Knaben und Mädchen zusammen finden Erholung. Die Schlaf= und Speiseräume sind selbstverständlich getrennt. Wir wissen, daß in bestimmten Kreisen diese Maßnahme der gemeinschaftlichen Erholungskursen von Knaben und Mädchen nicht gern gesehen, ja sogar bekämpft wird. Das darf jedoch eine Kommunalverwaltung nicht abhalten, das zu tun, was von ärztlicher Seite als richtig und gut anerkannt wird. Die gemeinschaftlichen Kuren ermöglichen es, bei denjenigen Kindern, bei denen im Einzelfall eine Doppelkur nötig ist diese auch durchzuführen.
Wie alles im Leben unvollkommen ist, so ist es auch bei unserm Kinderheim. Aufgabe der beiden Städte muß es sein, es so auszubauen, daß es jeder Kritik standhält. Es dürfen nicht die finanziellen Gesichtspunkte in den Vordergrund des Handelns gestellt worden, soweit es möglich ist, können sie Berücksichtigung finden. Hauptaufgabe muß es sein, eine Jugendfürsorge zu betreiben, die eine Gewähr dafür bietet, daß baldigst die Wunden des Krieges geheilt, daß dort, wo durch irgend eine andere Ursache körperliche und sittliche Gefahren für die Jugend auftreten, sie beseitigt werden. Wenn unser Kinder­heim dazu mit beiträgt, dann erfüllt es seinen Zweck.[4]

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Literatur

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Quellen