Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel - Teil I: Vom Agrarraum zur Industriestadt

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Der heutige Strukturwandel der Stadt Herne lässt sich nur verstehen, wenn man zunächst die Entstehung der Industriestadt betrachtet. Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das Gebiet von Herne, Wanne und Eickel überwiegend ländlich geprägt. Landwirtschaft, einzelne Gutshöfe, Handwerk und kleine dörfliche Siedlungen bestimmten das Erscheinungsbild. Innerhalb weniger Jahrzehnte veränderte der Steinkohlenbergbau diese Landschaft grundlegend. Aus Dörfern wurden Industriestädte, aus Bauernhöfen Zechenstandorte und aus verstreuten Siedlungen ein dicht besiedelter Ballungsraum.

Die spätere Stadt Herne entstand dabei aus mehreren ursprünglich selbstständigen Gemeinden und Städten. Die Entwicklung von Herne und Wanne-Eickel verlief teilweise parallel, teilweise aber auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Gemeinsam war beiden Räumen die enge Verbindung von Steinkohlenbergbau, Eisenbahn, Gewerbe und Bevölkerungswachstum.

Die Landschaft vor der Industrialisierung

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Gebiet von Herne, Wanne und Eickel wesentlich durch die Landwirtschaft bestimmt. Die Emscher und ihre Nebenläufe durchzogen eine feuchte Niederungslandschaft. Die Siedlungen bestanden überwiegend aus einzelnen Höfen, Kotten und kleinen Dorfkernen.

Herne war ursprünglich ein bäuerlich geprägter Ort. Auch Baukau, Sodingen, Börnig, Holthausen, Eickel, Wanne und Röhlinghausen besaßen zunächst ihren eigenen dörflichen Charakter. Die späteren Stadtteile entwickelten sich erst infolge der Industrialisierung zu dicht bebauten Wohn- und Arbeitsgebieten.

Eine entscheidende Voraussetzung für die spätere Entwicklung war der Ausbau der Eisenbahn. 1847 erhielt Herne einen Bahnhof an der Köln-Mindener Eisenbahn. Die Eisenbahn stellte eine schnelle Verbindung zu den großen Städten und Industriegebieten her und wurde zugleich für den Transport von Kohle und Rohstoffen von grundlegender Bedeutung.[1]

Beginn des Steinkohlenbergbaus

Der entscheidende Einschnitt erfolgte mit dem Übergang vom oberflächennahen Gewerbe zur industriellen Gewinnung der Steinkohle.

In Herne begannen 1857 auf dem Hof des Bauern Sengenhoff die Abteufarbeiten für die Zeche Shamrock. 1860 wurde dort erstmals Kohle gefördert. Die Zeche entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der bedeutendsten Industriebetriebe der Stadt.[2]

Auch in den benachbarten Gemeinden setzte die Entwicklung ein. Im Raum Wanne-Eickel entstanden unter anderem die Zeche Königsgrube, Zeche Pluto und Zeche Unser Fritz. Im östlichen Stadtgebiet folgten die Zeche Friedrich der Große, Zeche Mont-Cenis und später Zeche Teutoburgia.

Damit entstand innerhalb weniger Jahrzehnte eine für das Ruhrgebiet typische Bergbaulandschaft.

Bergbau und Bevölkerungswachstum

Die Zechen benötigten Arbeitskräfte. Zunächst kamen diese überwiegend aus der näheren Umgebung. Mit dem weiteren Ausbau des Bergbaus wurden jedoch zunehmend Arbeitskräfte aus anderen Teilen Deutschlands und später auch aus den deutschen Ostgebieten und aus Polen angeworben.[3]

Der Bevölkerungszuwachs veränderte die bisherigen Dörfer grundlegend. Wohnhäuser, Arbeiterwohnungen, Geschäfte, Gaststätten, Schulen und Kirchen entstanden in großer Zahl. Die neuen Siedlungsbereiche orientierten sich häufig an den Zechen und den Verkehrswegen.

Die industrielle Stadt entwickelte sich deshalb nicht nach einem einheitlichen städtebaulichen Plan. Vielmehr wuchs sie aus zahlreichen einzelnen Siedlungskernen zusammen.

Zechen als Mittelpunkt des Lebens

Die Bedeutung der Zechen ging weit über die Arbeitswelt hinaus. Der Bergbau prägte das soziale Leben, die Infrastruktur und die Identität ganzer Stadtteile.

Die Zechenunternehmen errichteten oder unterstützten Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen. Gleichzeitig entstanden Bergmannsvereine, Knappenvereine, Sportvereine und andere Vereinigungen, deren Mitglieder häufig über den Arbeitsplatz miteinander verbunden waren.

Die Zeche Mont-Cenis nahm 1875 die Förderung auf und prägte über ein Jahrhundert lang den Stadtteil Sodingen. Die Stadt Herne bezeichnet den Bergbau dort ausdrücklich als prägend für die Entwicklung der Ortsteile.[4]

In Börnig entstand zwischen 1909 und 1923 die Siedlung Teutoburgia nach dem Vorbild der englischen Gartenstadtbewegung. Die Siedlung zeigt bis heute, wie eng industrielle Arbeitswelt und Wohnungsbau miteinander verbunden waren.[5]

Wanne-Eickel als Industriestadt

Auch Wanne und Eickel entwickelten sich zu bedeutenden Bergbau- und Industriestandorten.

Neben dem Bergbau gewann die Eisenbahn eine herausragende Bedeutung. Der Bahnhof Wanne-Eickel entwickelte sich zu einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt. Die Verbindung von Bergbau, Eisenbahn und Gewerbe führte zu einem starken Bevölkerungswachstum.

1926 entstand durch die Zusammenlegung der Ämter Wanne und Eickel die Stadt Wanne-Eickel. 1955 überschritt sie die Grenze von 100.000 Einwohnern und erhielt damit den Status einer Großstadt.[6]

Herne hatte die Marke von 100.000 Einwohnern bereits 1933 überschritten.[7]

Industrielle Infrastruktur

Die Entwicklung beschränkte sich nicht auf den Bergbau. Mit der Kohle entstanden zahlreiche Zulieferbetriebe und weitere Industriezweige.

Ein wichtiges Beispiel sind die Flottmann-Werke. Das Unternehmen produzierte Maschinen und Werkzeuge insbesondere für den Bergbau und wurde dadurch selbst Teil der montanindustriellen Wirtschaftsstruktur.

Auch die Energieversorgung war eng mit dem Bergbau verbunden. Die Geschichte der späteren Stadtwerke Herne begann mit einer von der Zeche Shamrock betriebenen Gasanstalt. 1866 wurde deren Errichtung beantragt; bereits im selben Jahr wurde die Anlage fertiggestellt. 1869 bildete sie die Grundlage für die erste öffentliche Straßenbeleuchtung Hernes.[8]

Die Industriestadt im frühen 20. Jahrhundert

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich das Gebiet vollständig verändert. Zechen, Eisenbahnlinien, Fabriken, Kanäle und dicht bebaute Wohnviertel bestimmten das Bild.

Der Bergbau war zur wirtschaftlichen Grundlage der Städte geworden. Gleichzeitig entstanden erhebliche Belastungen. Bodensenkungen, Rauch, Abwässer und industrielle Emissionen gehörten zum Alltag.

Die Auswirkungen des Bergbaus auf die Stadt waren teilweise so erheblich, dass Gebäude gegen Bergschäden besonders gesichert werden mussten. Bereits 1905 wurde berichtet, dass öffentliche Gebäude in Herne wegen der durch den Bergbau verursachten Bodensenkungen verankert wurden.[9]

Die Industriestadt hatte damit bereits jene wirtschaftlichen und ökologischen Abhängigkeiten entwickelt, deren Folgen sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders deutlich zeigen sollten.

Vom Wachstum zur Abhängigkeit

Die Industrialisierung hatte Herne und Wanne-Eickel zu wirtschaftlich bedeutenden Städten gemacht. Gleichzeitig entstand eine starke Abhängigkeit von wenigen Industriezweigen.

Bergbau, Eisenbahn, Maschinenbau und Zulieferindustrie waren eng miteinander verbunden. Diese Konzentration erwies sich während der späteren Kohlenkrise als entscheidende Schwäche.

Solange die Kohleförderung expandierte, brachte die Konzentration Wachstum und Beschäftigung. Als der Steinkohlenbergbau jedoch in eine dauerhafte Krise geriet, waren die Auswirkungen deshalb nicht auf einzelne Unternehmen beschränkt. Sie erfassten nahezu alle Bereiche des städtischen Lebens.

Damit war bereits die Grundlage für den späteren Strukturwandel gelegt.

Lsen Sie weiter: Strukturwandel in Herne und Wanne-Eickel - Teil II: Kohlekrise und Niedergang der Montanindustrie

Lesen Sie auch

Quellen

  1. ↑ Stadt Herne: Stadtgeschichte, Eintrag 1847. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtgeschichte/ (Abruf: 24. September 2026).
  2. ↑ Stadt Herne: Stadtgeschichte, Chronik der Entwicklung des Bergbaus in Herne. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtgeschichte/Bergbau/ (Abruf: 24. September 2026).
  3. ↑ Historischer Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.: Sozialdemokraten in Herne – von den Anfängen bis zum Verbot 1933, Darstellung der Entwicklung von Bergbau, Zuwanderung und Arbeiterschaft. Online im Vereinswiki: https://wiki.hv-her-wan.de/ (Abruf: 24. September 2026).
  4. ↑ Stadt Herne: Zeche Mont-Cenis. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtgeschichte/Bergbau/Zeche-Mont-Cenis/ (Abruf: 24. September 2026).
  5. ↑ Stadt Herne: Stadtbezirk Sodingen. Die Zeche Teutoburgia nahm 1911 die Förderung auf; die Siedlung entstand zwischen 1909 und 1923 und wurde zwischen 1989 und 1998 saniert. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtfakten/Stadtbezirke/Stadtbezirk-Sodingen/ (Abruf: 24. September 2026).
  6. ↑ Stadt Herne: Stadtgeschichte, Chronik der Entwicklung von Wanne-Eickel. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtgeschichte/ (Abruf: 24. September 2026).
  7. ↑ Stadt Herne: Stadtgeschichte, Chronik 1933. Online unter: https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtgeschichte/ (Abruf: 24. September 2026).
  8. ↑ Historischer Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.: Der Bote, Nr. 13, 2021, Beitrag zur Geschichte der Stadtwerke Herne und der frühen Gasversorgung.
  9. ↑ Indiana Tribüne, Indianapolis, 28. Dezember 1905, Bericht über Gebäudeverankerungen gegen bergbaubedingte Bodensenkungen in Herne. Wiedergegeben im Historischen Verein Herne / Wanne-Eickel e. V., Verankerte Stadt, https://wiki.hv-her-wan.de/Verankerte_Stadt (Abruf: 24. September 2026).