Sally Baum (1879-1965) Kaufmann
Sally Baum (* 11. Februar 1879 in Herne; ✡ 21. März 1965 in Eickel) war ein jüdischer Kaufmann, Unternehmer und Vertreter des jüdischen Gemeindelebens in Wanne-Eickel. Er betrieb von 1904 bis 1938 ein bekanntes Kaufhaus am Eickeler Markt und gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den prägenden Kaufleuten des Stadtteils Eickel. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde Baum entrechtet, verfolgt und nach der Reichspogromnacht in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Nach seiner Emigration nach Palästina kehrte er 1950 nach Eickel zurück. Heute gilt Sally Baum als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte Herne-Eickels. Sein ehemaliges Geschäftshaus am Eickeler Markt gehört zu den wichtigsten Erinnerungsorten jüdischen Lebens in der Stadt.
Leben
Herkunft und frühe Jahre
Samuel Baum wurde als Sohn des Ehepaares Abraham Ephraim Baum (1850 - 1910) und Regine Baum (geb. Hellwitz) (1853 - 1940) in Herne geboren. Über die Kindheit und Jugend von Sally Baum sind nur wenige Einzelheiten überliefert. Bekannt ist, das er spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Eickel kam. Zu jener Zeit entwickelte sich Eickel durch Bergbau, Industrie und den raschen Bevölkerungsanstieg zu einem bedeutenden Handelsstandort im westlichen Ruhrgebiet.
Wie viele jüdische Kaufleute jener Zeit erkannte Baum die wirtschaftlichen Möglichkeiten der wachsenden Industriestadt. In Eickel entstand um den historischen Markt herum ein lebendiges Geschäftsviertel mit Textilhandlungen, Kaufhäusern, Gaststätten und Handwerksbetrieben. Jüdische Unternehmer spielten dabei eine wichtige Rolle. Familien wie Baum, Nußbaum, Rindskopf, Frank oder Gans prägten den lokalen Einzelhandel entscheidend mit.

Das Kaufhaus am Eickeler Markt
1904 eröffnete Sally Baum am Eickeler Markt 6 ein Kaufhaus für Knaben-, Herren- und Sportkonfektion. Das Geschäft entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem bekannten Bekleidungshaus in Eickel.
Das Kaufhaus lag im Zentrum des Stadtteils und profitierte vom regen Marktbetrieb sowie vom wirtschaftlichen Aufstieg Wanne-Eickels während der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Die Lage am Markt machte das Geschäft zu einem festen Bestandteil des öffentlichen Lebens.
Sally Baum galt als angesehener Kaufmann. Er engagierte sich in der Kaufmannsvereinigung und unterstützte den Turnerbund Eickel. Wie viele jüdische Geschäftsleute verstand er sich zugleich als deutscher Staatsbürger, Eickeler Bürger und Angehöriger der jüdischen Religion.
Zeitgenössische Quellen beschreiben ihn als honorierten Repräsentanten des jüdischen Lebens in Eickel. Sein Kaufhaus gehörte zu den bekannten Geschäften der Stadt und war über Jahrzehnte hinweg ein Teil des alltäglichen Straßenbildes am Eickeler Markt.
Verheiratet war Baum mit Hedwig (Eva) geb. Cahn (* 6. Mai 1881 in Hattingen; ✡5. November 1930 in Bad Nauheim). Sie hatten eine Tochter: Edith Baum Schames * 9. Dezember 1912 in Eickel; ✡12. Juni 2010 in Flushing, Queens, New York, USA.
Jüdisches Leben in Eickel
Die jüdische Gemeinde
Die jüdische Bevölkerung in Herne und Wanne-Eickel war vergleichsweise klein, spielte wirtschaftlich und gesellschaftlich jedoch eine bedeutende Rolle. Viele Familien waren im Handel tätig und betrieben Kaufhäuser, Textilgeschäfte oder Lebensmittelhandlungen.
Die meisten jüdischen Einwohner verstanden sich als integrierte deutsche Bürger. Sie engagierten sich in Vereinen, unterstützten lokale Organisationen und nahmen aktiv am öffentlichen Leben teil.
Auch Sally Baum war tief in das gesellschaftliche Leben Eickels eingebunden. Er gehörte zur liberalen jüdischen Bürgerschicht des Ruhrgebiets, die sich stark mit ihrer Heimatstadt identifizierte.
Politisches und gesellschaftliches Engagement
Sally Baum war Vorsitzender der Ortsgruppe des „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (C.V.) in Wanne-Eickel. Diese Organisation setzte sich gegen Antisemitismus ein und verteidigte die staatsbürgerlichen Rechte jüdischer Deutscher.
Bereits während der Weimarer Republik engagierte sich Baum öffentlich gegen antisemitische Tendenzen. Nach der Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau im Jahr 1922 beteiligte sich der Kaufmännische Verein Wanne-Eickel unter seinem Vorsitz an einer großen Demonstration gegen politischen Extremismus.
Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus verschärfte sich die Lage für die jüdischen Einwohner Wanne-Eickels zunehmend. Sally Baum versuchte dennoch, die Rechte jüdischer Bürger mit juristischen Mitteln zu verteidigen. Er dokumentierte Boykottmaßnahmen, informierte andere jüdische Geschäftsleute und suchte den Kontakt zu Behörden.
Quellen aus jener Zeit zeigen, dass Baum zu den wenigen gehörte, die öffentlich und organisiert gegen die Diskriminierung vorgingen. Er meldete Boykotte an die Berliner Zentrale des Central-Vereins und organisierte Informationsveranstaltungen für jüdische Bürger aus Wanne-Eickel, Herne und den Nachbarstädten.
Verfolgung in der NS-Zeit
Boykott und wirtschaftliche Zerstörung
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 verschlechterte sich die Situation jüdischer Geschäftsleute dramatisch. Auch in Wanne-Eickel organisierten NSDAP-Mitglieder Boykotte gegen jüdische Geschäfte.
Sally Baum beschrieb später die Atmosphäre jener Jahre als dauerhaft von Hass und Einschüchterung geprägt. Kunden wurden am Betreten jüdischer Geschäfte gehindert, Geschäftsinhaber öffentlich beleidigt und wirtschaftlich isoliert.
Trotz einzelner juristischer Erfolge nahm der Druck immer weiter zu. Die Nationalsozialisten versuchten systematisch, jüdische Unternehmer aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen.
Im März 1938 musste Sally Baum sein Kaufhaus am Eickeler Markt aufgeben. Damit endete nach mehr als drei Jahrzehnten die Geschichte eines der bekanntesten jüdischen Geschäfte Eickels.
Reichspogromnacht und KZ-Haft
Während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden auch in Wanne-Eickel jüdische Bürger misshandelt, verhaftet und deportiert.
Sally Baum wurde zusammen mit anderen jüdischen Männern in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. In späteren Erinnerungen schilderte er die brutalen Misshandlungen während des Transports und bei der Ankunft im Lager.
Der Weg vom Bahnhof zum Lager sei, so Baum später, ein „Martyrium“ gewesen. SA- und SS-Männer hätten die Gefangenen mit Knüppeln und Peitschen getrieben.
Nach mehreren Wochen wurde Baum im Dezember 1938 wieder entlassen. Viele jüdische Männer kamen nur unter der Bedingung frei, Deutschland schnellstmöglich zu verlassen.
Emigration nach Palästina
Im Februar 1939 emigrierte Sally Baum nach Palästina. Damit entkam er der späteren systematischen Vernichtung der europäischen Juden. Am 23. Januar 1946 wurde er Israelischer Staatsbürger.
Die Emigration bedeutete jedoch den Verlust seiner wirtschaftlichen Existenz, seiner Heimat und seines gesellschaftlichen Umfeldes. Wie viele jüdische Emigranten musste Baum ein völlig neues Leben beginnen.
Während des Holocaust wurden große Teile der jüdischen Gemeinden in Herne und Wanne-Eickel zerstört. Zahlreiche ehemalige Nachbarn, Freunde und Geschäftsleute wurden deportiert und ermordet.
Sally Baum überlebte die Shoah im Exil.
Rückkehr nach Eickel
Im Juni 1950 kehrte Sally Baum nach mehr als zehn Jahren Exil nach Eickel zurück. Seine Rückkehr galt als außergewöhnlich, da nur wenige jüdische Emigranten dauerhaft in ihre frühere Heimatstadt zurückkehrten.

Zeitungsberichte jener Jahre beschrieben Baum als einen Mann, der trotz des erlittenen Unrechts „voller Heimweh“ nach Eickel zurückgekehrt sei. Er erklärte, er wolle versuchen zu vergessen, um wieder in Frieden leben zu können.
Die Rückkehr verdeutlicht die starke emotionale Bindung, die Baum an Eickel hatte. Trotz Verfolgung, Enteignung und KZ-Haft blieb der Stadtteil für ihn Heimat.
Bis zu seinem Tod lebte Sally Baum wieder in Eickel.
Tod
Sally Baum starb am 21. März 1965 im Alter von 86 Jahren in Eickel.
Mit ihm verschwand eine der letzten Persönlichkeiten, die das jüdische Geschäftsleben des alten Wanne-Eickel noch aus eigener Erfahrung repräsentierten.
Erinnerungskultur
Eickeler Markt 6
Das ehemalige Kaufhausgebäude am Eickeler Markt 6 ist heute ein wichtiger Erinnerungsort jüdischer Geschichte in Herne. Im Rahmen des Projekts „Nahtstellen, fühlbar, hier…“ erinnert eine Gedenktafel an Sally Baum und das zerstörte jüdische Leben in Eickel.
Der Ort gehört zu mehreren dezentralen Erinnerungsstätten in Herne und Wanne-Eickel, die an ehemalige jüdische Geschäfte, Familien und Synagogen erinnern.
In Stadtführungen und historischen Projekten wird das Gebäude regelmäßig als Beispiel für die einstige Bedeutung jüdischer Kaufleute im Ruhrgebiet genannt.
Bedeutung für die Stadtgeschichte
Die Geschichte Sally Baums steht exemplarisch für das Schicksal vieler jüdischer Kaufleute im Ruhrgebiet:
- wirtschaftlicher Aufstieg in der Zeit der Industrialisierung,
- gesellschaftliche Integration,
- Ausgrenzung und Verfolgung während der NS-Zeit,
- Verlust von Heimat und Existenz,
- sowie die schwierige Erinnerung nach 1945.
Zugleich verweist seine Biographie auf die besondere Geschichte Eickels als Handels- und Arbeiterstadt. Das ehemalige Kaufhaus am Markt erinnert bis heute daran, dass jüdisches Leben jahrzehntelang selbstverständlich zum Alltag Wanne-Eickels gehörte.
Sally Baum gilt deshalb als eine zentrale Figur der jüdischen Stadtgeschichte Hernes.
Literatur und Quellen
- Stadtarchiv Herne: Bestand „Jüdisches Leben in Herne und Wanne-Eickel“.
- Ralf Piorr: Erinnerungsorte – Shoah-Denkmal. Zum Gedenken an die Opfer der Shoah aus Herne und Wanne-Eickel. Stadt Herne, 2010.
- Projekt „Nahtstellen, fühlbar, hier…“, Stadt Herne.
- Audiotour Eickel „Von Burgen und vom Brauen“, Stadtmarketing Herne.
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