„Caprivis“ Hände waren gefürchtet - Erinnerungen eines alten Eickelers 1964

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Mittwoch, 29. April 1964

"Erinnerungen eines alten Eickelers
„Caprivis“ Hände waren gefürchtet
Hände so groß wie Teller – Berkermanns laute Stimme

Eine der imponierendsten Persönlichkeiten in Eickel der Jahrhundertwende war Pfarrer Schneider, der später Prälat wurde und in Eickel höchstes Ansehen genoss. Ignaz Arend[1], ein alter Eickeler, berichtete von seinen Jugenderlebnissen, in denen der Prälat keine geringe Rolle spielte. Aber Prälat Schneider war nicht das einzige Original. Eickel hat immer schon mehrere solcher unvergesslicher Menschen hervorgebracht. Alt-Eickeler Arend erinnert sich noch gut an Leute, die während seiner Jugendzeit von sich reden machten, die jedem bekannt waren oder von jedem geachtet wurden. Da wäre natürlich an erster Stelle der Amtmann Berkermann zu nennen (von dem später an anderer Stelle noch ausführlich die Rede sein wird). Berkermann hatte eine kräftige Stimme und wußte sie zu nutzen. Oft genug konnte man ihn hören, längst bevor er zu sehen war. Er war ein rühriger und auch gestrenger Herr. In seinem Amt sah er auf Ordnung und duldete keine Schlamperei. Mithelfer, die im Gemeinwesen für Ruhe und Ordnung sorgten, waren ein Polizeikommissar und zwei Polizeibeamte. Später kam noch ein berittener Gendarmerieposten dazu.

An den Namen des Kommissars kann sich unser Gewährsmann nicht mehr erinnern, wohl aber an seine Persönlichkeit. „Wurde es auf einer Festlichkeit zu laut oder zu unruhig“, so erzählt der alte Eickeler, „dann war auch schon gleich der Polizeikommissar zur Stelle. Er war ein Hüne von Kerl und ein Draufgänger, der sich vor nichts fürchtete. Wer mit ihm einmal zusammengeriet, der hätte nach einem zweitenmal kein Bedürfnis mehr. Ich weiß noch gut, wie mir der Mann imponierte. Der hatte eine Hand, die war so groß wie ein mittlerer Teller. Wo die hinlangte, gab es keinen Protest mehr. Sein Spitzname war ‚Caprivi‘[2]. Wenn er wegen einer Streiterei oder sonst eines Anlasses erschien, baute er sich in seiner Größe auf, ließ ohne ein Wort zu sagen die Augen von links nach rechts wandern und verzog nur ein bißchen die Mundwinkel. Da wußten die Übeltäter, daß es höchste Zeit war, um zu verschwinden. Und sie verschwanden auch.“

„Caprivi“ regierte in den Jahren nach der Jahrhundertwende. Damals sah es in Eickel noch idyllischer aus als heute. Der Marktplatz, aufgenommen im Jahre 1904, hatte als Hauptzierde die Statue der Germania. Später wurde sie durch die „Jungfrau von Eickel“ ersetzt. Die Germania fand einen neuen Standort am Eingang zum Volksgarten und kam schließlich nach dem letzten Krieg in den kleinen Ehrenfriedhof im Volksgarten.
1904 beherbergte das Haus vor dem Kirchturm das Geschäft der Geschwister Kramer. Später teilten sich die Ladengeschäfte Metzger Blumenfeld und Sally Baum, der ein Konfektionsgeschäft betrieb. Das Haus rechts daneben ist das Stammhaus der Familie Bresser, in dem sich auch das Schuhgeschäft Stengel befand. Friseur Middel arbeitete schräg über die Straße, und im rechten Haus auf dem Bild konnte man bei Anton Menzel Herrenartikel kaufen. In den vergangenen 60 Jahren hat sich das Bild verändert. Viele der alten Familien aber leben heute immer noch in Eickel. Die Tradition ist erhalten geblieben."

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Quelle

  1. Postbote Arend wurde am 12. Juli 1891 in Eickel geboren und starb am 24. April 1969 in Eickel.)
  2. Vermutl. nach dem Reichskanzler Leo_von_Caprivi