Ruth Schlottmann 1926-2020 Sozialpolitikerin
Ruth Schlottmann, geborene Lorenz (* 13. August 1926; † 8. Juli 2020 in Herne), war eine Herner Kommunalpolitikerin der SPD und über viele Jahrzehnte eine prägende Mitarbeiterin und Zeitzeugin der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Sie gehörte zu jener Generation, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs am Wiederaufbau der demokratischen und sozialen Organisationen in Herne beteiligt war.
Schlottmann trat 1946 der Arbeiterwohlfahrt bei. Unmittelbar nach dem Krieg arbeitete sie als Sekretärin im Büro der Herner SPD. Dieses Büro war damals zugleich Geschäftsstelle der AWO, sodass sie bereits in jungen Jahren unmittelbar mit dem organisatorischen und sozialen Wiederaufbau beider Organisationen verbunden war. Die AWO bezeichnete sie später als eine Zeitzeugin der „Stunde null“.
Von 1956 bis 1969 gehörte sie als SPD-Mitglied der Stadtverordnetenversammlung beziehungsweise dem Rat der Stadt Herne an. Damit war sie über mehr als ein Jahrzehnt an der kommunalpolitischen Entwicklung der Stadt beteiligt.
Herkunft und frühe Jahre
Ruth Schlottmann wurde am 13. August 1926 geboren. Ihr Geburtsname war Lorenz. Die öffentlich zugängliche Traueranzeige weist als Sterbeort Herne aus. Sie starb am 8. Juli 2020 im Alter von 93 Jahren.
Über ihre Kindheit und Jugend sowie ihre schulische und berufliche Ausbildung sind bislang nur wenige gesicherte Quellen veröffentlicht. Die biographisch wichtigen Spuren ihres Lebens beginnen vor allem mit ihrem Eintritt in die AWO im Jahr 1946.
Dieses Jahr war für die deutsche Arbeiterwohlfahrt von besonderer Bedeutung. Die 1933 von den Nationalsozialisten verbotene Organisation wurde nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft wieder aufgebaut. Auch in Herne begann die AWO ihre Arbeit unter den schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit neu.
Neubeginn der AWO nach 1945
Schlottmann gehörte zu den Menschen, die diesen Wiederaufbau unmittelbar miterlebten und organisatorisch unterstützten. 1946 wurde sie Mitglied der AWO und arbeitete gleichzeitig als Sekretärin im Büro der Herner SPD. Da SPD und AWO zu dieser Zeit über eine Bürogemeinschaft verbunden waren, war ihre Tätigkeit von Anfang an sowohl politisch-organisatorisch als auch sozial ausgerichtet.
Die AWO beschrieb später, Schlottmann habe die Reorganisation des Verbandes „aus dem Nichts“ mitgestaltet. Ihre Arbeit beschränkte sich dabei nicht auf die Büroorganisation. Sie war auch an den sozialen Initiativen beteiligt, mit denen die Herner Arbeiterwohlfahrt auf die Not der unmittelbaren Nachkriegszeit reagierte.
In den ersten Nachkriegsjahren gehörten unter anderem die Versorgung bedürftiger Menschen, die Unterstützung von Familien und Kindern, die Betreuung älterer Menschen sowie die Organisation von Erholungsmaßnahmen zu den wichtigen Aufgaben der AWO.
Die damalige Arbeit fand unter Bedingungen statt, die sich grundlegend von denen späterer Jahrzehnte unterschieden. Zerstörte Infrastruktur, Wohnungsnot, Lebensmittelknappheit, Flüchtlinge und Vertriebene sowie die Rückkehr von Kriegsgefangenen und Soldaten bestimmten das soziale Leben. Die AWO musste daher zunächst vielfach unmittelbare Not lindern, bevor sich langfristige sozialpolitische Strukturen entwickeln konnten.
Kommunalpolitik
Neben ihrer Tätigkeit für die AWO engagierte sich Ruth Schlottmann politisch in der SPD.
Von 1956 bis 1969 war sie mit Unterbrechung Stadtverordnete im Herner Rat. Damit gehörte sie während einer entscheidenden Phase des Wiederaufbaus und des wirtschaftlichen Strukturwandels dem kommunalen Parlament an.
Ihre Tätigkeit fiel in die Amtszeit des langjährigen Herner Oberbürgermeisters Robert Brauner (1951–1974). In diesen Jahren wandelte sich Herne von der klassischen Bergbaustadt zunehmend zu einer Stadt mit einer stärker diversifizierten Wirtschafts- und Sozialstruktur.
Die kommunalpolitische Arbeit war zugleich eng mit der Entwicklung der sozialen Infrastruktur verbunden. Die Stadt musste auf die Folgen des Strukturwandels, die Veränderung der Bevölkerungsstruktur und den wachsenden Bedarf an Einrichtungen für Kinder, Familien und ältere Menschen reagieren.
Schlottmann gehörte damit zu einer Generation von Kommunalpolitikerinnen, die kommunale Sozialpolitik nicht nur unter parteipolitischen Gesichtspunkten, sondern als konkrete Aufgabe der Stadtgesellschaft verstanden.
Sozialpolitisches Engagement
Das politische Engagement Ruth Schlottmanns blieb eng mit ihrer Tätigkeit für die AWO verbunden.
Die Arbeiterwohlfahrt entwickelte sich in Herne nach 1945 von einer Organisation der unmittelbaren Nachkriegshilfe zu einem dauerhaft tätigen Wohlfahrtsverband. Schlottmann erlebte und begleitete diese Entwicklung über einen Zeitraum von mehr als sieben Jahrzehnten.
Die AWO nennt sie ausdrücklich als Mitgestalterin zahlreicher sozialer Initiativen der Nachkriegszeit. Damit gehört sie zu den weniger bekannten, für die praktische Entwicklung der Herner Wohlfahrtspflege jedoch wichtigen Persönlichkeiten.
Ihre Tätigkeit zeigt zugleich, wie eng in der Nachkriegszeit kommunalpolitisches Engagement, Sozialdemokratie und Arbeiterwohlfahrt miteinander verbunden waren. Die AWO verstand sich nicht allein als Trägerin sozialer Dienstleistungen, sondern auch als Mitglieder- und Interessenverband.
Verbindung zu Else Drenseck
Eine enge Verbindung bestand zu Else Drenseck, der langjährigen Herner SPD-Kommunalpolitikerin und führenden Persönlichkeit der AWO.
Drenseck gehörte seit 1946 dem Herner Rat an und war von 1964 bis zur kommunalen Neugliederung Bürgermeisterin der Stadt. Sie engagierte sich besonders für die Sozial- und Jugendpolitik und war maßgeblich am Ausbau der AWO in Herne beteiligt.
Schlottmann und Drenseck arbeiteten über Jahrzehnte im Umfeld der Herner AWO zusammen. Ein von der AWO veröffentlichtes Erinnerungsfoto zeigt Ruth Schlottmann gemeinsam mit Else Drenseck und Bärbel Zeitler. Die Aufnahme gehört zu den bildlichen Zeugnissen der frühen Herner AWO-Geschichte.
Die Verbindung beider Frauen steht beispielhaft für die Entwicklung der Herner Wohlfahrtspflege nach 1945: Während Drenseck zunehmend politische Verantwortung übernahm, war Schlottmann sowohl organisatorisch als auch sozialpolitisch in der praktischen Arbeit des Verbandes tätig.
Tätigkeit im Else-Drenseck-Seniorenzentrum
Ein weiterer wichtiger Abschnitt ihres Lebens war mit dem später nach Else Drenseck benannten Else-Drenseck-Seniorenzentrum in Herne-Börnig verbunden.
Schlottmann war dort sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich tätig. Damit blieb sie auch nach ihrer kommunalpolitischen Tätigkeit eng mit der praktischen sozialen Arbeit verbunden.
Das 1971 eröffnete Altenzentrum war aus den sozialpolitischen Vorstellungen der AWO hervorgegangen. Es verband Altenwohnungen, Altenwohnheim und stationäre Pflege und sollte älteren Menschen möglichst lange ein selbstständiges Leben ermöglichen.
Für Schlottmann schloss sich damit ein Kreis: Ihre Tätigkeit für die AWO hatte 1946 unter den Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit begonnen; Jahrzehnte später arbeitete sie in einer modernen Einrichtung der Altenhilfe, die ebenfalls aus der Entwicklung der Herner AWO hervorgegangen war.
Zeitzeugin der AWO-Geschichte
Im hohen Alter wurde Ruth Schlottmann selbst zu einer wichtigen Zeitzeugin der Geschichte der Herner Arbeiterwohlfahrt.
2018, im Alter von 92 Jahren, berichtete sie im Rahmen des AWO-Projektes „100 Jahre – 100 Geschichten“ gemeinsam mit Heinz Drenseck über ihre Erinnerungen. Die Westfälische Hochschule Gelsenkirchen dokumentierte ihre Lebensgeschichte. Der Beitrag trägt den Titel „Ruth Schlottmann – AWO-Zeitzeugin der ‚Stunde null‘“.
Dabei griff sie auf ihr persönliches Fotoalbum zurück und erinnerte sich an die Anfänge ihrer Arbeit. Die überlieferten Erinnerungen sind deshalb nicht nur eine persönliche Lebensgeschichte, sondern zugleich eine Quelle zur Geschichte der Herner AWO.
Besonders wertvoll ist die Perspektive einer unmittelbar Beteiligten: Schlottmann erlebte den Wiederaufbau der Organisation nicht aus späterer historischer Distanz, sondern als junge Mitarbeiterin selbst mit. Ihre Erinnerungen ergänzen damit die schriftliche Überlieferung aus Vereinsunterlagen, Zeitungen und kommunalen Quellen.
74 Jahre Mitgliedschaft in der AWO
Ruth Schlottmann gehörte der Arbeiterwohlfahrt seit 1946 an. Zum Zeitpunkt ihres Todes im Jahr 2020 blickte sie damit auf 74 Jahre Mitgliedschaft zurück.
Ihre Biographie umfasst damit nahezu die gesamte Nachkriegsgeschichte der AWO in Herne: vom organisatorischen Neubeginn nach dem Ende des Nationalsozialismus über den Ausbau der kommunalen und freien Wohlfahrtspflege bis zu den modernen Einrichtungen der Altenhilfe.
Die AWO erinnerte in ihrem Nachruf ausdrücklich daran, dass Schlottmann sowohl die organisatorische Neuordnung des Verbandes nach 1945 als auch zahlreiche soziale Initiativen mitgeprägt hatte.
Tod
Ruth Schlottmann starb am 8. Juli 2020 in Herne. Sie wurde 93 Jahre alt. Die Traueranzeige nennt ihren Geburtsnamen Lorenz und bestätigt die Lebensdaten 13. August 1926 bis 8. Juli 2020.
Die AWO Herne würdigte sie in ihrem Verbandsmagazin und erinnerte insbesondere an ihre Tätigkeit seit 1946, ihre Mitwirkung am Wiederaufbau der Organisation und ihre spätere ehren- und hauptamtliche Arbeit im Else-Drenseck-Seniorenzentrum.
Bedeutung für die Herner Stadtgeschichte
Ruth Schlottmann gehört zu denjenigen Persönlichkeiten, deren Bedeutung weniger in einem einzelnen herausragenden politischen Amt als in der jahrzehntelangen Kontinuität ihres Engagements liegt.
Ihre Biographie verbindet drei Bereiche der Herner Nachkriegsgeschichte:
- den demokratischen Neubeginn nach 1945,
- den Aufbau der Arbeiterwohlfahrt und ihrer sozialen Einrichtungen,
- sowie die kommunale Sozialpolitik der Stadt Herne.
Als junge Frau erlebte sie 1946 den Wiederaufbau der AWO aus unmittelbarer Nähe. Als Stadtverordnete wirkte sie von 1956 bis 1969 an der kommunalen Entwicklung Hernes mit. Später arbeitete sie im Else-Drenseck-Seniorenzentrum auch praktisch in der Altenhilfe. Noch im hohen Alter stellte sie ihre Erinnerungen für die historische Überlieferung zur Verfügung.
Damit steht Ruth Schlottmann exemplarisch für eine Generation von Frauen, die nach 1945 am Aufbau demokratischer und sozialer Strukturen beteiligt waren, deren Namen in der öffentlichen Erinnerung jedoch deutlich weniger präsent sind als die der politischen Spitzenvertreter.
Ihre Lebensgeschichte ist deshalb zugleich ein Stück Geschichte der Arbeiterwohlfahrt in Herne, der Herner SPD und der kommunalen Sozialpolitik nach 1945.
Literatur und Quellen
- Historischer Verein Herne/Wanne-Eickel e. V.: 1926. Biographische Angaben zu Ruth Schlottmann.
- Historischer Verein Herne/Wanne-Eickel e. V.: 2020. Nachruf und biographische Angaben zu Ruth Schlottmann.
- Arbeiterwohlfahrt: Ruth Schlottmann – AWO-Zeitzeugin der „Stunde null“. Im Rahmen des Projektes AWO. 100 Jahre. 100 Geschichten.
- Arbeiterwohlfahrt Ruhr-Mitte: AWO aktuell, Ausgabe 1/2020, Nachruf auf Ruth Schlottmann.
- Herne – unsere Stadt, Oktober 1964: Dokumentation der Kommunalwahl vom 27. September 1964.
- FUNKE Medien NRW: Traueranzeige Ruth Schlottmann, 11. Juli 2020.
Verwandte Artikel
- Stadtverordneten-Versammlung Herne 1956-1961 (← Links)
- Stadtverordneten-Versammlung Herne 1964-1969 (← Links)
Quellen
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