Otto Kuhn (1893-1974) Politiker (KPD) NS-Verfolgter und Stadtrat
Otto Kuhn (* 21. Juni 1893 in Elbing, Westpreußen; † 3. Juli 1974 in Herne) gehörte in der Weimarer Republik zu den prägenden kommunistischen Kommunalpolitikern Hernes. Der gelernte Schlosser vertrat die KPD von 1924 bis 1933 ununterbrochen in der Herner Stadtverordnetenversammlung. Zugleich war er Gewerkschafter und Betriebsrat. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er wiederholt verfolgt, misshandelt und inhaftiert; zuletzt verschleppten ihn die Nationalsozialisten in Konzentrationslager. Er überlebte den Todesmarsch aus Sachsenhausen.
Nach seiner Ausbildung zum Schlosser engagierte sich Kuhn zunächst im Deutschen Metallarbeiterverband. 1912 trat er der SPD bei; 1917 gehörte er zu den Mitbegründern der USPD. Anfang Oktober 1921 zog er nach Herne und arbeitete zunächst bei Flottmann. 1924 wurde er Mitglied der KPD. Im selben Jahr nahm er eine Tätigkeit als Schlosser bei der Stadt Herne auf.
Von 1924 bis 1933 gehörte Kuhn für vier Wahlperioden der Herner Stadtverordnetenversammlung an. Zeitweise führte er die KPD-Fraktion. Neun Jahre war er außerdem Beigeordneter im Magistrat der Stadt. Seine kommunalpolitische Arbeit war eng mit seinem gewerkschaftlichen Engagement verbunden: Kuhn war Betriebsratsvorsitzender der Stadtverwaltung und über mehrere Jahre Vorsitzender des örtlichen Gemeindearbeiterverbandes. Eine KPD-Kandidatenliste zur Reichs- und Preußischen Landtagswahl 1928 führte ihn als „Gemeindearbeiter, Herne“.
Gewalt gegen Otto Kuhn vor 1933
Otto Kuhn war bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme politischer Gewalt ausgesetzt. Der Herner Anzeiger berichtete am 18. Juni 1932 über einen nächtlichen Überfall auf den kommunistischen Stadtverordneten. Nach einer kommunistischen Versammlung im Lokal Strickmann verließ Kuhn kurz nach Mitternacht gemeinsam mit seiner Frau das KPD-Parteibüro in der Neustraße 49. Dem Bericht zufolge griffen ihn etwa 50 SA-Männer an, die mit Schlagringen, Eisenstangen und Messern bewaffnet waren. Kuhn erlitt acht Messerstiche an Kopf und Armen sowie mehrere Kopfverletzungen und wurde bewusstlos zurückgelassen. Er kam in das katholische Krankenhaus; der Bericht bezeichnete seinen Zustand als bedenklich.
Die Zeitung stellte den Angriff in den Zusammenhang mit einem vorangegangenen Überfall auf den SA-Mann Wilhelm Nixdorf, für den sie Kommunisten verantwortlich machte. Unabhängig von dieser Darstellung zeigt der Bericht, wie weit die politische Straßengewalt in Herne bereits im Sommer 1932 eskaliert war.[1]
Die Zerschlagung der Arbeiterorganisationen nach dem 30. Januar 1933 traf Kuhn unmittelbar. Am 1. März 1933 wurde er festgenommen und bis Ende Juni im Herner Polizeigefängnis festgehalten. Dabei wurde er schwer misshandelt; ein späterer Krankenbericht dokumentiert erhebliche Kiefer- und Kopfverletzungen sowie ausgeschlagene Zähne. Seine Beschäftigung bei der Stadt Herne endete am 15. April 1933.
Kuhn setzte seine politische Arbeit für die inzwischen verbotene KPD fort. Im Oktober 1933 wurde er erneut verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einem Jahr und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung beteiligte er sich weiter am Widerstand gegen das NS-Regime und kam 1936 abermals in Haft. Im August 1944 nahm man ihn im Zuge einer erneuten Verhaftungswelle gegen bekannte KPD-Funktionäre fest. Über das Polizeigefängnis Herne wurde er in das KZ Papenburg und anschließend in das KZ Sachsenhausen verschleppt.
Als Sachsenhausen im April 1945 geräumt wurde, musste Kuhn auf den Todesmarsch in Richtung Schwerin. Dort wurde er von alliierten Truppen befreit. Sein Lebensweg steht beispielhaft für die Verbindung von kommunaler Interessenvertretung, Gewerkschaftsarbeit und politischem Widerstand in der Herner Arbeiterbewegung.
Nach dem demokratischen Neuanfang wurde Otto Kuhn 1947 bis nach 1950 noch besoldeter Stadtrat Hernes, [2][3] und bis 1956 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung für die KPD.
Otto Kuhn starb am 3. Juli 1974 in Herne.
Ämter
- Stadtverordneten-Versammlung Herne 1924-1928
- Stadtverordneten-Versammlung Herne 1928-1929
- Stadtverordneten-Versammlung Herne 1929-1933
- Stadtverordneten-Versammlung Herne 1933
- Stadtverordneten-Versammlung Herne 1952-1956
Quellen
- - [DGB-Geschichtswerkstatt Herne / „UnRechtsOrt Polizeigefängnis Herne 1933–1945“, besonders die biografische Darstellung zu Otto Kuhn sowie der Hinweis auf den Krankenbericht im Stadtarchiv Herne.
- - [HSPV NRW: Werkstattbericht der DGB-Geschichtswerkstatt](https://www.hspv.nrw.de/index.php?eID=dumpFile&f=112940&t=f&token=2f8d09577963e5305b484b9d88ae6fe95183f566), mit Kurzbiografie zu Kuhn.
- - [Friedrich-Ebert-Stiftung, *Schlesische Arbeiter-Zeitung*, 1928](https://library.fes.de/breslau/schlesische-arbeiterzeitung/pdf/1928/1928-105.pdf), Kandidatenliste mit „Otto Kuhn, Gemeindearbeiter, Herne“.
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Quellen
- ↑ Quelle: „Vorgeschmack des Dritten Reiches in Herne“, Herner Anzeiger, 18. Juni 1932.
- ↑ Vgl.: UnRechtsOrt Polizeigefängnis Herne 1933–1945
- ↑ Im Adressbuch von 1954 als Stadtrat a.D. bezeichnet.
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