Neustraße 27 - Herne

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
Neustraße 27
Bild: Andreas Janik September 2026
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Erbautv. 1890
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Auch bekannt alsKaufhaus Feuerstein
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Das Wohnhaus Neustraße 27 befindet sich an der Neustraße in der Herner Innenstadt. Als Bauherr und erster Bewohner des Hauses ist der Maurermeister Hermann Ludwig Heinrich Berke (* 21. September 1852 Ickern, † 7. März 1918 Herten-Scherlebeck) überliefert. Seine Tätigkeit als Bauhandwerker verweist zugleich auf die Bedeutung des örtlichen Baugewerbes während der baulichen Entwicklung Hernes im späten 19. Jahrhundert. Dessen Vater war der Wirt Berke, der die Gaststätte im Haus Shamrockstraße 44 (Ouzo's) 1876 errichtete.

Die Neustraße wurde am 15. November 1881 durch die Gemeindevertretung Herne benannt. Sie entstand in einer Zeit, in der sich Herne infolge des Bergbaus und des damit verbundenen Bevölkerungswachstums zunehmend zu einem städtisch geprägten Wohn- und Geschäftszentrum entwickelte.[1]

Baugeschichte

Hermann Berke als Bauherr

Der Maurermeister Hermann Berke ließ das Haus Neustraße 27 also errichten.

Die Errichtung eines Wohnhauses durch einen Maurermeister ist in den Zusammenhang der baulichen Entwicklung Hernes im ausgehenden 19. Jahrhundert einzuordnen. Mit der Industrialisierung stieg der Bedarf an Wohnraum erheblich. Handwerksmeister und Bauunternehmer waren an dieser Entwicklung beteiligt und errichteten zum Teil auch eigene Wohnhäuser.

1892 waren als Bewohner:

Magd Marie Röthemeyer, Händler Valentin Hannemann, Magd Lina Saak, Hauer Wilhelm Troste, Kesselschmied Fr. Knepel, Hauer Philipp Klein, Heizer Carl Budde, Hauer Michael Lax, Hauer Joh. Schimanski, Hauer Fr. Ratay, Hauer Gottlieb Lonoth, Hauer Fr. Adamski, Hauer Alex. Rigorowitz.

1894:

Maurermeister Herm. Berke E, Magd Alwine Jostmeier, Kaufmann Anton Behme, Haushälterin Mina Müller, Hauer Wilhelm Becker, Lehrhauer Aug. John, Schuhmacher Ferdinand Ulbrich, Hauer Gottlieb Lomoth, Fabrikarbeiter Karl Budde, Hauer Gottl. Dlugokenski, Schichtl. Gustav Dlugokenski, Hauer Gottlieb Czepan, Haushälterin Gottliebe Czepan, Schichtl. Fritz Czepan, Hauer Ludwig Schmidt, Schichtl. Gustav Brosch, Hauer Karl Zapalinski, Schichtlöhner Wilh. Reznick, Schichtl. Ludwig Moschkelewski, Hauer Gottl. Teubert.

Im Adressbuch 1899 ist Hermann Berke allein im Haus Nr. 18 angegeben, 1901-1904 fehlt für das Haus der gesamte Eintrag.

Vermutlich wurde das alte Haus entweder durch das heutige ersetzt oder erneuert.

Anzeige vom 3. August 1904 im General-Anzeiger Dortmund

Gustav Kraushaar

1905 ist nun unter der Hausnummer 27 der "Bureaubeamter" Gustav Kraushaar Eigentümer. Es folgen in der Aufzählung: Verkäuferin Agnes Kronen, Dienstmagd Tony Goerke, Witwe Agnes Hölting, Bureaugehülfe Otto Hölting, Buchhalter August Hopp, Witwe Johann Lucius, Buchhalter Hermann Bindig, Böttcher Johann Gue, Handlanger und Maurer Carl van Eycke's, Schlosserlehrling Egmont Lucius, Fabrikarb. Julius Wißke, Fabrikarb. Joh. Veller.

Gustav Kraushaar wurde am 9. Dezember 1872 in Dortmund-Schüren als Sohn des Steigers Friedrich Kraushaar und dessen Ehefrau Emilie Rath geboren. Sein Bruder Richard Kraushaar (1859-1946) heiratete 1893 in Herne und wurde Kaufmann. Seit dem 10. Juni 1888 war er im im Hauptbüro der Hibernia als beamteter Mitarbeiter beschäftigt.[2]

Am 24. März 1898 heiratet er in Lünen Helene Christine Friederike Wunderlich (* 10. November 1871 Lünen). Ihre Eltern waren Lehrer Friedrich Wunderlich und Bertha Brees.[3]

Damals wohnte er mit seiner Familie im nicht mehr bestehenden Haus Neustraße 43. Hier wurde auch am 14. August 1900 ihr Sohn Gustav geboren, der aber schon nach 14 Tagen am 28. August 1900 verstarb.[4]

Wie bei vielen Zechenbeamten zu dieser Zeit war es schon fast üblich über nebenberufliche Tätigkeiten einen weiteren Berufszweig zu nutzen. Kraushaar wurde Bücherrevisor, heute als Steuerberater bekannt.

Am 3. Oktober 1917 berichtet die Kölnische Zeitung:

"In unser Handelsregister Abt. 4 B ist heute unter Nr. 587 die Firma Nordwest­deutsche Speisewagen­-Gesellschaft vereinigter Bahnhofswirte, Gesell­schaft mit beschränkter Haftung in Dortmund, eingetragen. Gegenstand des Unternehmens ist die Anschaffung von Speise­wagen für den Eisenbahn­verkehr und der Betrieb der Bewirtschaftung für Speisewagen im Eisenbahn­verkehr. Das Stammkapital beträgt 700000 Mark. Ge­schäftsführer ist der Bücher­revisor Gustav Kraushaar in Herne. Der Gesellschafts­vertrag ist am 6. Mai 1907 festgesellt. Zur Vertretung der Gesellschaft ist ein Geschäfts­führer ermächtigt. Der Ge­sellschaftsvertrag ist durch Beschluß der Generalver­sammlung vom 25. Februar 1908 in den§§-und 9, vom 30. März 1909 in den§§ 2. 9, 14, vom 4. April 1910 in den§§ 6, 16, 19, vom 17. März 1914 inbetreff der Abschrei­bung auf den Betriebsmitteln, vom 7. Juni 1917 inbetreff der Verlegung und der Be­stellung des Geschäftsführers Kraushaar geändert. Bekannt­machungen der Gesellschaft erfolgen durch den Deutschen Reichsanzeiger.(53
Dortmund, 27. Aug. 1917. Königliches Amtsgericht."

Am 13. Juni 1916 vermeldet die Kölnische Zeitung:

"In unser Handelsregister * Abt. B ist heute bei der unter Nr. 587 eingetragenen Firma Nordwestdeutsche Speisewagen-Gesellschaft vereinigter Bahnhofswirte, Gesellschaft mit beschränk­ter Haftung In Dortmund, folgendes eingetragen:
Durch den Beschluß der Gesellschafter vom 14. Mai 1918 ist die Gesellschaft auf­gelöst. Der bisherige Ge­schäftsführer, Bücherrevisor Gustav Kraushaar zu Herne, ist zum Liquidator bestellt. Dortmund, 1. Juni 1918. Kgl. Amtsgericht.(48"[5]

Im Adressbuch von 1926 ist vermerkt:

27 E Kraushaar, Gust., Bücherrevisor, Kraushaar, Erich, Elektriker   Idelberger, Wilhelm, Kaufm.   Nagel, Luise, Dienstmädchen   Feuerstein, Moritz, Händler   Meller, Leo, Angestellter   Faßberg, L., Lehrling   Schröder, Antonie, Ww.   Balding, Wilhelm, Ing.   Lerch, Wilhelm, Schneider   Lerch, Franz, Presser  Lerch, Maria, Kassiererin

Kaufhaus Feuerstein

Zwischen 1920 und 1922 übersiedelte die Möbel-Ausstattungs-Firma M. Feuerstein von der Neustraße 16 hierher. Hier firmiete er bis zu seiner Zwangsemigration. Moshe (Moritz) Feuerstein wurde am 26. Dezember 1878 in Perehinske/Ukraine geboren. Er heiratete 1907 in Kalusch/Ukraine Dvora (geb. Bergwerk) geb. 10. Jul. 1884. Moshe Feuerstein starb 1967 in Petach Tikwa/Israel, Dvora 1974.

Am 15. Juni 1907 zog das junge Paar nach Herne.

Ein bemerkenswertes und rares Zeugnis von Zivilcourage während der Novemberpogrome 1938 im Ruhrgebiet ist familiär überliefert.[6]

Herne, 9. November 1938: Während die SA und Nationalsozialisten in Herne und Wanne-Eickel jüdische Geschäfte plünderten, stellten sich Bürger aus der Nachbarschaft schützend vor Moritz Feuersteins Laden. Sie verhinderten aktiv, dass die Randalierer die Schaufenster einschlugen.

Die Rettung der Thorarolle
In der selben Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zündete die SA die Synagoge in Herne an. Während das Gebäude niederbrannte, riskierte Moritz Feuerstein sein Leben, brach in die brennende Synagoge ein und rettete eine heilige Thorarolle vor den Flammen und versteckte diese[7]. Am Morgen (10. November 1938) stellten die Nationalsozialisten fest, dass das Geschäft unversehrt geblieben war. Da die Solidarität der Bevölkerung den NS-Schergen ein Dorn im Auge war, verhafteten sie Moritz Feuerstein umgehend. Er wurde im Rahmen der reichsweiten Massenverhaftungen jüdischer Männer in das Konzentrationslager Sachsenhausen (oder in einigen Parallelfällen nach Dachau) verschleppt. Ziel dieser Lagerhaft war es, die Inhaber zur Aufgabe („Arisierung“) ihrer Geschäfte und zur Auswanderung zu zwingen. Dieses geschah.

Bekanntmachung.
In unser Handelsregister Abt. A ist am 1. März 1939 bei der unter Nr. 876 eingetragenen Firma Moritz Feuerstein, Mödel- und Warenhaus in Herne, folgendes eingetragen wor­den: Die Firma ist erloschen.
Amtsgericht Herne.[8]

Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager gelang ihm die Flucht aus dem Deutschen Reich. Er emigrierte in das damalige Mandatsgebiet Palästina. Er nahm dabei die gerettete Thorarolle aus Herne mit auf seine Flucht. Dadurch überstand dieses bedeutende religiöse Erbe der jüdischen Gemeinde Herne die NS-Zeit unbeschadet und befindet sich heute in Israel.

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Quelle

  1. ↑ Stadt Herne: Straßenverzeichnis, Eintrag „Neustraße“.
  2. ↑ https://zeitpunkt.nrw
  3. ↑ Trauregister Lünen Nr. 14/98
  4. ↑ Beigesetzt am 31. August 1900.
  5. ↑ https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/9427053
  6. ↑ [1]
  7. ↑ HISTORISCHES Frank Göttmann (Hrsg.): HANDBUCH DER JÜDISCHEN GEMEINSCHAFTEN IN WESTFALEN UND LIPPE, Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg. E-Book Münster 2021. S. 450 https://www.lwl.org/hiko-download/OA AR/Herne (Hildebrandt) 443-451.pdf&ved=https://www.lwl.org/hiko-download/HiKo_Neue_Folge_012_(2021).pdf&usg=AOvVaw3ddpFSDrw8Nsw7aIdW4htT
  8. ↑ https://zeitpunkt.nrw