Munizipalität / Mairie Herne
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Die Munizipalität Herne (auch Mairie Herne) war eine kommunale Verwaltungseinheit, die während der napoleonischen Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingerichtet wurde. Sie gehörte zum Großherzogtum Berg und war Teil des Ruhrdepartements. An ihrer Spitze stand ein Maire, dessen Amt dem eines Bürgermeisters entsprach. Die Munizipalität umfasste neben Herne mehrere umliegende Gemeinden, darunter Baukau, Eickel, Bickern und Röhlinghausen. Ihre Verwaltungsorganisation bildete eine wesentliche Grundlage für die spätere preußische Bürgermeisterei Herne.[1]
Historische Voraussetzungen
Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte Herne zur historischen Grafschaft Mark. Die örtlichen Verwaltungsverhältnisse waren durch landesherrliche, gerichtliche und gutsherrliche Zuständigkeiten geprägt. Die Verwaltung einzelner Angelegenheiten erfolgte unter anderem durch Rezeptoren, also Einnehmer, sowie durch örtliche Gerichtsbeamte.
Eine wichtige Rolle spielte dabei das Gericht Strünkede. Auch Eickel verfügte über eigene historisch gewachsene Verwaltungs- und Gerichtsstrukturen. Die örtliche Verwaltung war eng mit der Gerichtsherrschaft und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Region verbunden.
Mit der französischen Expansion und der Neuordnung der deutschen Territorien unter Napoleon Bonaparte änderten sich diese Verhältnisse grundlegend. Nach dem Frieden von Tilsit 1807 wurde die Grafschaft Mark aus dem preußischen Staatsverband herausgelöst. Im Zuge der Neuordnung wurde sie 1808 in das Großherzogtum Berg eingegliedert. Die neue Staatsverwaltung führte eine stärker zentralisierte Organisation ein, die sich am französischen Verwaltungssystem orientierte.[1][2]

Einrichtung der Munizipalität
Verwaltungsorganisation im Großherzogtum Berg
Die Verwaltungsreformen des Großherzogtums Berg sahen eine Gliederung in größere Verwaltungsbezirke und kleinere kommunale Einheiten vor. Die örtlichen Verwaltungseinheiten wurden als Munizipalitäten beziehungsweise Mairien bezeichnet. An ihrer Spitze stand ein Maire, der die örtlichen Verwaltungsgeschäfte führte und zugleich staatliche Aufgaben wahrnahm.
Herne wurde 1807 zu einer Mairie erhoben. Die Eingliederung in das Großherzogtum Berg und die damit verbundene Neuorganisation der Verwaltung erfolgten im Zusammenhang mit der territorialen Neuordnung von 1808. Herne gehörte zum Kanton Bochum im Arrondissement Dortmund des Ruhrdepartements.[2][1]
Die Bezeichnung Mairie bezeichnete sowohl das Amt des Maire als auch den Verwaltungsbezirk beziehungsweise den Sitz der örtlichen Verwaltung. Die Begriffe Munizipalität und Mairie wurden in der historischen Überlieferung teilweise nebeneinander verwendet.
Die Munizipalität war keine selbstständige kommunale Körperschaft nach heutigen Maßstäben. Der Maire war in die staatliche Verwaltungshierarchie eingebunden und unterstand den übergeordneten Behörden. Die örtliche Verwaltung diente damit sowohl der Regelung kommunaler Angelegenheiten als auch der Umsetzung staatlicher Anordnungen.
Räumlicher Umfang
Der Verwaltungsbezirk Herne umfasste elf Gemeinden, die sich über Teile des heutigen Herner Stadtgebiets und des späteren Stadtgebiets Wanne-Eickels erstreckten. Dazu gehörten:
- Baukau
- Bickern
- Bladenhorst
- Crange
- Eickel
- Herne
- Hiltrop
- Holsterhausen
- Horsthausen
- Pöppinghausen
- Röhlinghausen
Nicht zum Verwaltungsbezirk Herne gehörten die Gemeinden Börnig, Holthausen und Sodingen. Sie waren der Mairie Castrop zugeordnet.[1]
Diese Zuordnung verdeutlicht, dass das heutige Stadtgebiet Herne aus mehreren historisch unterschiedlichen Verwaltungsräumen hervorgegangen ist. Während Herne, Baukau und Eickel zur Mairie Herne gehörten, lagen andere heute eingemeindete Ortsteile zunächst in einem anderen Verwaltungsbezirk.
Die späteren Grenzen der Stadt Herne und der Stadt Wanne-Eickel entwickelten sich aus diesen älteren territorialen und kommunalen Zusammenhängen. Die napoleonische Verwaltungsorganisation war dabei eine wichtige Zwischenstufe.
Amtsträger der Munizipalität
Christoph Wilhelm Natorp
Als erster Maire von Herne wird Christoph Wilhelm Natorp genannt. Er entstammte einer Familie, deren Mitglieder im Ruhrgebiet als Beamte und Geistliche tätig waren. Vor seiner Ernennung hatte Natorp bereits als Einnehmer Verwaltungsaufgaben in Herne wahrgenommen. Er folgte 1797 dem langjährigen Rezeptor Kipp.[2]
Natorp stand an der Spitze der neu eingerichteten Mairie Herne. Sein Beigeordneter war Caspar Henrich Steelmann, der bereits seit 1797 als Steuereinnehmer im Bereich des Gerichts Alt- und Neugericht Strünkede und Eickel tätig war.[1]
Natorp blieb auch nach seiner Ablösung als Maire in der Verwaltung tätig und übernahm weiterhin Aufgaben als Einnehmer. Seine Amtszeit markiert den Übergang von der älteren örtlichen Verwaltungsorganisation zur napoleonischen Mairie.
Caspar Henrich Steelmann

Hauptartikel: Caspar Henrich Steelmann (1766–1836) Maire
Caspar Henrich Steelmann wurde am 25. Mai 1766 in Eickel als Sohn von Georg Wilhelm Steelmann und Catharina Maria Jäger geboren. Seine Taufe fand in der evangelischen Gemeinde Eickel statt. Zu seinen Taufpaten gehörte Caspar Arnold von Oven, Sekretär in Orsoy. Weitere Paten waren Jobst Jäger aus Eickel sowie Magdalena Mönch und Magdalena Gerdut Nockers aus Röhlinghausen.[1]
Steelmann war bereits vor der napoleonischen Verwaltungsreform in der Region tätig. Seit 1797 wirkte er als Steuereinnehmer im Bereich des Gerichts Alt- und Neugericht Strünkede und Eickel. Darüber hinaus war er für Steuerangelegenheiten im Kanton Bochum zuständig.[1]
Im Zuge der Einrichtung der Mairie Herne übernahm Steelmann zunächst die Stellung des Beigeordneten unter Maire Christoph Wilhelm Natorp. Die lokalhistorische Darstellung in Herne – unsere Stadt berichtet, dass Steelmann 1810 das Amt des Maire übernahm. Er verlegte seinen Wohnsitz und das Büro der Mairie Herne nach Eickel.[2]
Die Verlegung des Verwaltungssitzes ist für die Geschichte Eickels von besonderer Bedeutung. Obwohl Herne der namensgebende Mittelpunkt des Verwaltungsbezirks war, wurden die Amtsgeschäfte zeitweise von Eickel aus geführt. Die Verwaltung war somit nicht dauerhaft an den Ort gebunden, dessen Namen sie trug.
Steelmann blieb auch nach dem Ende der französischen Herrschaft in der kommunalen Verwaltung tätig. Nach dem Übergang der Region an Preußen unterstützte er zunächst den Bochumer Bürgermeister Dr. Jacobi. Im Februar 1817 wurde Steelmann zum Bürgermeister von Bochum gewählt. Er verwaltete anschließend Bochum und Herne in Personalunion. Diese Verbindung bestand bis 1835. Das Büro der Bürgermeisterei Herne befand sich in dieser Zeit in Bochum.[3]
Caspar Henrich Steelmann starb am 10. Februar 1836. Seine Amtszeit verbindet damit die napoleonische Mairie mit der frühen preußischen Kommunalverwaltung. Seine Herkunft aus Eickel und die zeitweilige Verlegung des Verwaltungssitzes dorthin machen ihn zu einer wichtigen Person der gemeinsamen Verwaltungs- und Ortsgeschichte Hernes und Eickels.[3]
Verwaltung und Aufgaben
Der Maire und seine Beigeordneten
Der Maire leitete die örtliche Verwaltung und war für die Durchführung der staatlichen Anordnungen verantwortlich. Er bearbeitete kommunale Angelegenheiten und stand in Verbindung mit den übergeordneten Behörden des Großherzogtums Berg.
Unterstützt wurde der Maire durch Beigeordnete. Für Herne ist zunächst Caspar Henrich Steelmann als Beigeordneter Natorps überliefert. Spätere Amtsinhaber und Beigeordnete sind in der lokalhistorischen Veröffentlichung des Historischen Vereins dokumentiert.[1][3]
Die Amtsführung war durch die staatliche Verwaltungsordnung vorgegeben. Die Munizipalität verfügte daher nicht über die politische Eigenständigkeit einer heutigen Stadtverwaltung.
Der Munizipalrat
Zur kommunalen Organisation gehörte ein Munizipalrat. Nach der lokalhistorischen Überlieferung bestand das Gremium aus acht Mitgliedern. Seine Aufgabe war die Beratung des Maire in örtlichen Verwaltungsangelegenheiten.
Die Mitglieder wurden im Rahmen der staatlich geregelten Verwaltungsorganisation eingesetzt. Für den 15. August 1809 ist eine feierliche Vereidigung in Dortmund überliefert. Die Sitzungen des Rates fanden jährlich ab Mitte September statt.[1]
Der Munizipalrat war kein Stadtparlament im heutigen Sinne. Seine Tätigkeit war in das zentralisierte napoleonische Verwaltungssystem eingebunden. Dennoch dokumentiert seine Einrichtung den Wandel hin zu einer formalisierten kommunalen Verwaltung.
Steuerverwaltung
Die Steuerverwaltung gehörte zu den wichtigen Aufgaben der örtlichen Amtsträger. Bereits vor der Einrichtung der Mairie waren in Herne Rezeptoren und Einnehmer tätig. Auch Steelmann war in diesem Bereich beschäftigt.
Seine Tätigkeit als Steuereinnehmer im Gebiet Strünkede und Eickel seit 1797 sowie seine Zuständigkeit für Steuerangelegenheiten im Kanton Bochum zeigen, dass die kommunale Verwaltung eng mit der Finanzverwaltung verbunden war.[1]
Die Neuordnung unter französischer Herrschaft führte diese Aufgaben in einer stärker zentralisierten Verwaltungsstruktur zusammen. Die örtlichen Amtsträger waren dabei für die Umsetzung der übergeordneten Vorgaben verantwortlich.
Personanstandsregister

Zivilstandregister Maire Herne
Ende der napoleonischen Verwaltung
Mit der Niederlage Napoleons und dem Rückzug der französischen Verwaltung im Jahr 1813 endete die napoleonische Herrschaft in der Region. Die preußische Verwaltung wurde schrittweise wiederhergestellt. Nach den Vereinbarungen des Wiener Kongresses fiel das Gebiet 1815 endgültig an Preußen zurück.[3]
Das Ende des Munizipalsystems bedeutete nicht, dass sämtliche örtlichen Verwaltungsstrukturen sofort verschwanden. Die unter französischer Herrschaft geschaffenen Verwaltungsbezirke bildeten eine Grundlage für die nachfolgende preußische Organisation.
Steelmann spielte bei diesem Übergang eine wichtige Rolle. Er blieb in der Verwaltung tätig und wurde 1817 zum Bürgermeister von Bochum gewählt. In der Folge führte er die Bürgermeistereien Bochum und Herne gemeinsam. Die Personalunion bestand bis 1835. Während dieser Zeit befand sich das Büro der Bürgermeisterei Herne in Bochum.[3][2]
Nach Steelmanns Tod im Jahr 1836 übernahm Leutnant Hollweg die Verwaltung der Bürgermeisterei Herne und verlegte deren Sitz wieder nach Herne.[2]
1844 wurde die Bürgermeisterei in das preußische Amt Herne überführt. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es zu zusätzlichen Veränderungen der Verwaltungsgrenzen. 1875 wurde das Amt Herne geteilt; das Amt Wanne entstand als eigenständige Verwaltungseinheit.[2]
Historische Bedeutung
Die Munizipalität Herne war eine wichtige Etappe in der Entwicklung der kommunalen Verwaltung des heutigen Herner Stadtgebiets. Sie steht für den Übergang von älteren landesherrlichen und gerichtlichen Verwaltungsformen zu einer stärker zentralisierten und formalisierten Kommunalverwaltung.
Die napoleonische Neuordnung führte zur Einrichtung einer Mairie mit einem Maire an der Spitze und einem beratenden Munizipalrat. Die Verwaltungsstruktur blieb zwar an die übergeordneten Behörden gebunden, beeinflusste jedoch die Organisation der nachfolgenden preußischen Bürgermeisterei.
Besondere Bedeutung kommt der Verbindung zwischen Herne und Eickel zu. Caspar Henrich Steelmann stammte aus Eickel, war dort bereits vor der Einrichtung der Mairie als Steuereinnehmer tätig und verlegte während seiner Amtszeit den Verwaltungssitz der Mairie Herne nach Eickel. Später verwaltete er Herne und Bochum in Personalunion. Seine Laufbahn verdeutlicht die enge Verflechtung der örtlichen Verwaltungsräume im frühen 19. Jahrhundert.
Für die Stadtgeschichte ist außerdem die Abgrenzung zur Mairie Castrop von Bedeutung. Während Baukau, Eickel, Bickern und weitere Gemeinden zur Mairie Herne gehörten, waren Börnig, Holthausen und Sodingen zunächst einem anderen Verwaltungsbezirk zugeordnet. Diese Unterschiede sind für die Rekonstruktion der territorialen Entwicklung des heutigen Stadtgebiets zu berücksichtigen.
Die Geschichte der Munizipalität lässt sich anhand der Veröffentlichungen des Historischen Vereins Herne / Wanne-Eickel e. V. und der Bestände des Stadtarchivs weiter untersuchen. Insbesondere die zeitgenössischen Verwaltungsakten können Aufschluss über die tatsächlichen Zuständigkeiten, die örtlichen Amtsgeschäfte und die Verlegung des Verwaltungssitzes geben.
Literatur und Quellen
- Janik, Andreas: Die ersten Bürgermeister Hernes. Genealogische Spuren amtlicher Würden, Teil 1, in: Der Bote, Juli 2019, S. 13. Digitalisat.
- Janik, Andreas: Die ersten Bürgermeister Hernes. Genealogische Spuren amtlicher Würden, Teil 2, in: Der Bote, September 2019, S. 14. Digitalisat.
- Herne – unsere Stadt, August 1964, Beitrag zur Verwaltungsgeschichte Hernes. Digitalisat.
- Historischer Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.: Caspar Henrich Steelmann (1766–1836) Maire. Stadtwiki-Artikel.
- Stadtarchiv Herne: Überlieferung zur Mairie beziehungsweise Munizipalität Herne.
Karte
- Municipalität (Ortsplan) mit den Pfarrdistrikten Herne und Eickel (siehe oben)
- 1810
- 35,5 x 44
- kol. Zeichnung
- KSA Nr. 486
- Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen 4.5.2 Karten, Karten A (Allgemein), A 002 Karten A (Allgemein) Direktlink zur Hochauflösenden Karte
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- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 Andreas Janik: Die ersten Bürgermeister Hernes. Genealogische Spuren amtlicher Würden, Teil 1, in: Der Bote, Juli 2019, S. 13. Digitalisat
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 Herne – unsere Stadt, August 1964, Beitrag zur Geschichte der örtlichen Verwaltung während der französischen Zeit. Digitalisat
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Andreas Janik: Die ersten Bürgermeister Hernes. Genealogische Spuren amtlicher Würden, Teil 2, in: Der Bote, September 2019, S. 14. Digitalisat
