Landesaufnahme von 1670 - 1688 im Amt Bochum
Die Landesaufnahme von 1670–1688 im Amt Bochum ist eine bedeutende Quelle zur Wirtschafts-, Sozial- und Siedlungsgeschichte des südlichen Emscherraums. Sie erfasst die Bauernhöfe und Kotten des ehemaligen Amtes Bochum, das zur Grafschaft Mark und Herne gehörte, und dokumentiert deren Lage, Flurnamen, Grundstücksgrößen, Bodenbeschaffenheit, Grundherrschaften sowie die Namen der Hofbesitzer und die von ihnen zu leistenden Abgaben und Dienste. Für die Geschichte des heutigen Stadtgebiets Herne und der ehemaligen Stadt Wanne-Eickel bietet die Landesaufnahme wichtige Einblicke in die ländlichen Lebens- und Besitzverhältnisse vor der Industrialisierung. [1]
Entstehung und Zweck
Das Amt Bochum in der Grafschaft Mark

Das Amt Bochum war einer der großen Verwaltungsbezirke der Grafschaft Mark. Aufgrund seiner räumlichen Ausdehnung wurde es in ein Oberamt, ein Mittelamt und ein Niederamt untergliedert. An der Spitze der Amtsverwaltung stand ein Drost, der die landesherrlichen Interessen vertrat und unter anderem mit Verwaltungs- und Gerichtsaufgaben betraut war.
Das Amt umfasste zahlreiche Bauerschaften, die heute teilweise zur Stadt Bochum, zur Stadt Herne und zu den angrenzenden Städten gehören. Für die Geschichte Hernes und Wanne-Eickels ist insbesondere das Mittelamt von Bedeutung. Zu ihm zählten unter anderem Baukau, Bickern, Crange, Eickel, Herne, Hiltrop und Holsterhausen. [1]
Die Landesaufnahme entstand vor dem Hintergrund des Ausbaus der brandenburgisch-preußischen Verwaltung. Nach dem Übergang der Grafschaft Mark an Brandenburg im Jahr 1609 beziehungsweise der vertraglichen Regelung von 1614 wurden die märkischen Gebiete schrittweise stärker in die Finanz- und Verwaltungsorganisation des brandenburgischen Staates eingebunden.
Die Erfassung der Höfe und ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse diente vor allem der Verbesserung der landesherrlichen Finanzverwaltung. Eine systematische Kenntnis der steuerpflichtigen Grundstücke und ihrer Erträge erleichterte die Festsetzung und Einziehung von Abgaben. Die Vermessung war damit sowohl ein landeskundliches als auch ein fiskalisches Unternehmen.
Die Veranlassung der umfangreichen Vermessung wird in der älteren Darstellung Heinrich Friemanns dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg zugeschrieben. Die Erhebung erfasste die steuerpflichtigen Höfe und Kotten des gesamten Amtes Bochum. [1]

- Grafschaft Mark und Herne
-Die Grafschaft Mark im Gebiet des späteren Wanne-Eickel
Zeitraum und Bezeichnung
Die Bezeichnung Landesaufnahme von 1670–1688 wird in der regionalgeschichtlichen Literatur für die Erhebung und ihre Überlieferung verwendet. Die erhaltenen Ausfertigungen entstanden nach den Angaben Heinrich Friemanns zwischen 1684 und 1688. Die Vermessungsarbeiten und die damit verbundenen Verhandlungen erstreckten sich über einen längeren Zeitraum.
In den zeitgenössischen Unterlagen wird die Erhebung als Bochumsche Amtsmatricul bezeichnet. Eine weitere überlieferte Bezeichnung lautet Niederamts lantmassen prothocoll. Die unterschiedlichen Bezeichnungen spiegeln den Charakter der Quelle wider: Sie war einerseits ein Verzeichnis der Besitz- und Abgabenverhältnisse, andererseits ein Protokoll der Vermessung und ihrer Ergebnisse. [1]
Inhalt und Aufbau der Landesaufnahme
Erfasste Höfe und Kotten
Die Landesaufnahme erfasste die landwirtschaftlichen Anwesen des Amtes Bochum. Dazu gehörten größere Bauernhöfe ebenso wie kleinere Kotten. Sie bildeten die Grundlage der damaligen ländlichen Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur.
Die einzelnen Einträge enthalten Angaben, die für die heutige Forschung unterschiedliche Fragestellungen ermöglichen. Dazu zählen insbesondere:
- die Namen der Höfe und Kotten;
- die Namen der auf den Anwesen wirtschaftenden Bauern und Kötter;
- die jeweiligen Grundherren und Eigentumsverhältnisse;
- die Lage und die Bezeichnung der zugehörigen Flächen;
- Flurnamen und Angaben zur örtlichen Lage;
- die Größe und die Qualität der landwirtschaftlich genutzten Grundstücke;
- die zu leistenden Abgaben und Dienste.
Die Landesaufnahme ist daher nicht mit einem modernen Grundbuch gleichzusetzen. Sie entstand zu anderen rechtlichen und wirtschaftlichen Bedingungen und diente in erster Linie der Erfassung landwirtschaftlicher Anwesen und ihrer steuerlich relevanten Verhältnisse. Dennoch ermöglicht sie eine detaillierte Rekonstruktion der damaligen Kulturlandschaft. [1]
Vermessung und Flächenmaße
Die Vermessung erfolgte nach historischen Maßeinheiten, die sich von heutigen Flächenmaßen unterscheiden. Heinrich Friemann überliefert hierzu eine Erläuterung des Bochumer Landmessers Henrich Hunschede.
Danach wurden verschiedene Formen der Landesvermessung unterschieden. Ein Dortmunder Malter Landes umfasste demnach 256 Ruten, eine Feldmessung 320 Ruten und die große Bochumer Landesmessung 416 Ruten. Für die Rute wurden jeweils 16 kölnische Fuß angesetzt. [1]
Diese Angaben verdeutlichen, dass die Flächenermittlung nicht einfach anhand eines einheitlichen Maßsystems erfolgte. Für die Auswertung einzelner Hofgrößen müssen die jeweils verwendete Maßeinheit und die Art der Vermessung berücksichtigt werden.
Eine direkte Umrechnung der historischen Flächenangaben in Hektar ist deshalb nur dann zuverlässig möglich, wenn die zugrunde liegenden Maße und ihre örtliche Anwendung hinreichend geklärt sind. Die Zahlen dürfen nicht ohne Prüfung mit heutigen Grundstücksgrößen gleichgesetzt werden.

- Grafschaft Mark Maße und Münzen
Die Landesaufnahme im Raum Herne und Wanne-Eickel
Die Bauerschaften des Mittelamtes
Für die Geschichte des heutigen Herner Stadtgebiets ist die Landesaufnahme besonders aufschlussreich, weil sie mehrere Bauerschaften erfasst, die später unterschiedlichen kommunalen Einheiten angehörten.
Zum Mittelamt Bochum gehörten nach der von Heinrich Friemann (1886-n1958) veröffentlichten Übersicht unter anderem:
- Herne
- Baukau
- Bickern
- Crange
- Eickel
- Hiltrop
- Holsterhausen
Diese Orte waren im 17. Jahrhundert keine Stadtteile einer zusammenhängenden Stadt. Sie bestanden vielmehr aus eigenständigen Bauerschaften und ländlichen Siedlungsbereichen mit zahlreichen Höfen und Kotten. Ihre spätere Zusammenfassung zu Gemeinden und Städten erfolgte erst im 19. und 20. Jahrhundert.
Die Landesaufnahme dokumentiert somit einen Zustand, der deutlich vor der Industrialisierung des Ruhrgebiets lag. Die Landschaft war von landwirtschaftlichen Nutzflächen, Hofanlagen, Wegen, Wäldern und gemeinschaftlich genutzten Flächen geprägt. Die später durch Bergbau, Eisenbahn und Industrie ausgelösten Veränderungen waren noch nicht eingetreten.
Herne und Baukau
Herne und Baukau gehörten zu den Bauerschaften des Mittelamtes. Ihre wirtschaftliche Struktur beruhte auf landwirtschaftlichen Betrieben unterschiedlicher Größe. Die Landesaufnahme bietet einen Ansatzpunkt, die Lage der Höfe, ihre Grundstücke und die damaligen Besitzverhältnisse zu untersuchen.
Für Baukau ist die Verbindung zwischen der ländlichen Siedlungsstruktur und der örtlichen Herrschaftsgeschichte von besonderer Bedeutung. Im Gebiet der heutigen Stadtteile Baukau und Strünkede lag die Burg Strünkede, deren Besitzer über Grundbesitz und verschiedene Rechte in der Umgebung verfügten.
Die Landesaufnahme ermöglicht es, die grundherrlichen Verhältnisse des 17. Jahrhunderts mit älteren Urkunden und späteren Katasterunterlagen zu vergleichen. Ob ein bestimmter Hof zu einer adeligen Herrschaft gehörte oder einem anderen Grundherrn unterstand, muss anhand des jeweiligen Eintrags geprüft werden.
Bickern und das spätere Wanne
Die spätere Stadt Wanne entwickelte sich aus der älteren Bauerschaft Bickern. Im 17. Jahrhundert bestand hier eine ländliche Siedlungslandschaft mit einzelnen Bauernhöfen und Kotten. Die Bezeichnung Wanne wurde später als Orts- und Gemeindename maßgeblich; im Zusammenhang mit der Landesaufnahme ist daher zunächst die historische Bauerschaft Bickern zu betrachten.
Die Landesaufnahme ist für die Rekonstruktion dieser Siedlungsstruktur eine wichtige Quelle. Sie kann Auskunft über Hofnamen, Grundstücksflächen, Grundherren und Abgaben geben. Zusammen mit dem Schatzbuch der Grafschaft Mark von 1486, dem Feuerstättenverzeichnis von 1664 und den späteren Katasterkarten lassen sich Veränderungen im örtlichen Grundbesitz untersuchen.
Die Quelle darf allerdings nicht als vollständige Einwohnerliste verstanden werden. Ihr Schwerpunkt lag auf der Erfassung der steuerpflichtigen Höfe und Kotten. Personen, die nicht als selbstständige Hofinhaber oder steuerlich relevante Haushalte erfasst wurden, können fehlen.
Crange und Haus Crange
Crange gehörte ebenfalls zum Mittelamt Bochum. Für die Ortsgeschichte ist die Verbindung zur adeligen Herrschaft Haus Crange von Bedeutung. Der Adelssitz bestand bereits im Mittelalter und war in die Herrschafts- und Lehnsbeziehungen der Grafschaft Mark eingebunden.
Die Landesaufnahme kann dazu beitragen, die wirtschaftlichen Grundlagen der örtlichen Herrschaft zu untersuchen. Sie erfasst die Höfe und Kotten der Bauerschaft und nennt die jeweiligen Grundherren. Dadurch lassen sich die landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse im Umfeld des Adelssitzes in den größeren Zusammenhang der märkischen Landesherrschaft einordnen.
Dabei ist zwischen dem adeligen Haus als Herrschaftssitz und den einzelnen Höfen der Bauerschaft zu unterscheiden. Nicht jeder Hof in Crange muss unmittelbar zum Besitz des Hauses Crange gehört haben.
Eickel und Holsterhausen
Auch Eickel und Holsterhausen werden in der Übersicht des Mittelamtes genannt. Beide Bauerschaften besaßen eine ältere Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte, die durch landwirtschaftliche Höfe, grundherrliche Rechte und die Nähe zu adeligen Besitzungen geprägt war.
Für Eickel ist die ältere Geschichte des Oberhofes von besonderer Bedeutung. Holsterhausen weist ebenfalls frühe urkundliche Belege auf, die auf Besitz- und Lehnsverhältnisse im Umfeld der Burg Strünkede verweisen.
Die Landesaufnahme aus dem späten 17. Jahrhundert ergänzt diese ältere Überlieferung um Angaben zur damaligen Besitz- und Wirtschaftsstruktur. Sie kann insbesondere dabei helfen, Hofnamen und Grundherren zu identifizieren und die Entwicklung einzelner Anwesen bis zu späteren Steuer- und Katasterverzeichnissen zu verfolgen.
Weitere Gebiete des heutigen Stadtgebiets
Die Landesaufnahme ist nicht allein für die späteren Stadtteile Wanne-Eickels von Bedeutung. Auch die damaligen Bauerschaften im Umfeld des heutigen Herne, darunter Hiltrop und weitere benachbarte Siedlungsbereiche, gehörten zum Mittelamt Bochum.
Die historische Einordnung einzelner Orte muss jedoch anhand der zeitgenössischen Verwaltungs- und Gerichtsverhältnisse erfolgen. Die Gliederung des Amtes in Ober-, Mittel- und Niederamt war eine Verwaltungsstruktur des 17. Jahrhunderts und ist nicht mit späteren Gemeindegrenzen gleichzusetzen.
Für eine vollständige Auswertung des heutigen Herner Stadtgebiets müssen deshalb die Originaleinträge der Landesaufnahme mit älteren Urkunden, den Steuerregistern und den historischen Gemarkungskarten abgeglichen werden.
Überlieferung und archivalische Bedeutung
Die erhaltenen Ausfertigungen
Die Überlieferung der Landesaufnahme ist durch Verluste und die Verteilung der Unterlagen auf unterschiedliche Archive geprägt. Nach Heinrich Friemann gingen ältere Abschriften verloren, die sich im Besitz des Mühlenbesitzers Hermann Löchtermann und des Landwirts Behmer in Hüllen befunden hatten. Diese Abschriften hatten unterschiedliche Teile des Amtes beziehungsweise das gesamte Amt umfasst. [1]
Friemann nennt zwei erhaltene Ausfertigungen:
- eine Aufnahme des Mittelamtes Bochum im damaligen Staatsarchiv Münster, überliefert unter der Signaturengruppe Kleve-Mark, Hypothekenbücher Nr. 19;[2]
- eine Aufnahme des Ober- und Niederamtes Bochum im Stadtarchiv Wanne-Eickel, die aus dem Schragmüllerschen Archiv des Freiherrn von Düngelen auf Haus Dahlhausen in Hordel stammte.
Die Angaben beziehen sich auf den Forschungsstand von 1958. Für eine heutige wissenschaftliche Nutzung müssen die aktuellen Archivbestände und Signaturen geprüft werden. Die historische Bezeichnung des Staatsarchivs Münster ist nicht ohne Weiteres mit einer heutigen Bestandsbezeichnung gleichzusetzen. [1]
Die Auszüge von 1878
Eine zusätzliche Quelle bilden Auszüge, die Rektor Schwarze aus Wattenscheid im Jahr 1878 aus dem nicht mehr vorhandenen Exemplar Löchtermanns anfertigte. Darunter befanden sich Protokolle von 1684 und 1687, die Verhandlungen zwischen den Adligen des Amtes und den Bauern über die Kosten der umfangreichen Landvermessung dokumentieren.
Diese Protokolle sind für die Entstehungsgeschichte der Landesaufnahme von besonderem Interesse. Sie zeigen, dass die Vermessung nicht nur eine technische Angelegenheit war, sondern auch Fragen der Finanzierung aufwarf. Die Kosten mussten innerhalb der damaligen Herrschafts- und Abgabenordnung aufgebracht werden.
Ein Teil dieser Auszüge wurde nach Friemann bei Eduard Schulte veröffentlicht: Die Wattenscheider Privatarchive, 1951, S. 145 ff. [1]
Bedeutung für die Forschung
Die Landesaufnahme ist eine zentrale Quelle für die historische Erforschung des ländlichen Raumes im mittleren Ruhrgebiet. Ihre Bedeutung liegt insbesondere in der Verbindung von Flächenangaben, Hofnamen, Grundherrschaften und Abgabenverhältnissen.
Für Herne und Wanne-Eickel ergeben sich daraus mehrere Forschungsansätze:
- Rekonstruktion der Hoflandschaft vor der Industrialisierung;
- Erforschung der historischen Flur- und Hofnamen;
- Untersuchung von Grundherrschaften und Lehnsbindungen;
- Vergleich mit dem Schatzbuch der Grafschaft Mark von 1486;
- Abgleich mit dem Feuerstättenverzeichnis von 1664;
- Nachverfolgung von Hofstellen anhand späterer Katasterkarten;
- Untersuchung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der bäuerlichen Bevölkerung.
Besonders wertvoll ist die Möglichkeit, die Einträge mit den späteren Verwaltungs- und Katasterunterlagen zu vergleichen. Dadurch können Veränderungen im Grundbesitz, in der Nutzung der Flächen und in der Siedlungsstruktur nachvollzogen werden.
Der Historische Verein Herne Wanne-Eickel e.V. versucht sucsessive diese Forschung voranzutreiben.
Die Landesaufnahme bildet damit eine wichtige Brücke zwischen der spätmittelalterlichen Überlieferung und den detaillierteren Kataster- und Verwaltungsquellen des 19. Jahrhunderts.
Literatur und Quellen
- Friemann, Heinrich: Landesaufnahme von 1670–1688 im Amte Bochum. In: Kortum-Gesellschaft Bochum (Hrsg.): Heimatbuch 1958. Onlinefassung bei der Kortum-Gesellschaft Bochum.
- Schatzbuch der Grafschaft Mark von 1486.
- Feuerstättenverzeichnis des Amtes Bochum von 1664.
- Schwarze, Rektor: Auszüge aus der Landesaufnahme des Amtes Bochum, angefertigt 1878.
- Schulte, Eduard: Die Wattenscheider Privatarchive. 1951, S. 145 ff.
- Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen: historische Überlieferung zur Grafschaft Mark und zum Amt Bochum.
- Stadtarchiv Herne: historische Bestände zur Orts- und Verwaltungsgeschichte von Herne und Wanne-Eickel.
Verwandte Artikel
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 1,8 Heinrich Friemann: „Landesaufnahme von 1670–1688 im Amte Bochum“. In: Kortum-Gesellschaft Bochum (Hrsg.): Heimatbuch 1958, Beitrag zur Geschichte des ehemaligen Amtes Bochum. Online verfügbar auf der Website der Kortum-Gesellschaft Bochum.
- ↑ https://www.archive.nrw.de/archivsuche?link=VERZEICHUNGSEINHEIT-Vz_71d50a4f-e3fb-47dd-8fac-4d294733a472
