Karl Nieper (1892-1968) NSDAP Kreisleiter
Karl Nieper (* 14. September 1892 in Volkmarsdorf bei Helmstedt, heute Ortsteil der Gemeinde Groß Twülpstedt im Landkreis Helmstedt; † 3. Januar 1968 in Herne) war ein deutscher nationalsozialistischer Parteifunktionär. Von 1932 bis Mai 1936 leitete er den NSDAP-Kreis Herne; von Mai 1936 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war er, mit einer krankheitsbedingten Unterbrechung im September 1943, Kreisleiter des Kreises Herne-Castrop-Rauxel. Damit gehörte er zu den wichtigsten lokalen Funktionsträgern des NS-Regimes in Herne.

Herkunft, Familie und Ausbildung
Karl Nieper war der Sohn eines Maurermeisters. Er besuchte acht Jahre die Volksschule in Volkmarsdorf und absolvierte danach eine Molkereilehre. Anschließend arbeitete er als Molkereigehilfe.[1]
Nieper war evangelisch und wurde 1937 „gottgläubig“. Vor 1921 heiratete er Helene Nieper, geborene Ballhausen (* 10. Juni 1896 Duderstadt; † 20. Februar 1972 Herne); das Ehepaar hatte ein Kind.[1]
Wehrdienst und beruflicher Weg
1912 wurde Nieper zum Wehrdienst eingezogen. Im Ersten Weltkrieg diente er von 1914 bis 1919 und stieg vom Unteroffizier zum Sergeanten auf. Er wurde zweimal schwer verwundet und verlor das rechte Auge. Ausgezeichnet wurde er mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem Braunschweigischen Verdienstkreuz.[1]
Nach dem Krieg arbeitete Nieper als Milchrevisor beim Landratsamt Duderstadt. Seine Stelle endete am 1. Juni 1921, nachdem die Milchzwangswirtschaft aufgehoben worden war.[1]
Im Jahr 1921 zog Nieper nach Herne. Dort war er von 1921 bis 1932 als Straßenbahnschaffner beschäftigt. Ab 1. Januar 1933 arbeitete er als Kassierer beim Städtischen Gaswerk; außerdem ist er als Hilfsgelderheber nachweisbar.[1]
Eintritt in die völkische und nationalsozialistische Bewegung
Etwa 1922 trat Nieper der Deutschvölkischen Freiheitspartei bei. Am 1. September 1925 wurde er Mitglied der NSDAP (erste Mitgliedsnummer 116738) in der Ortsgruppe Herne. Seine Mitgliedsnummer lautete ab 28. Februar 1933 16.868; er gehörte damit zu den frühen Parteimitgliedern und war Ehrenzeichenträger.[1][2]
Von 1925 bis 1928 war Nieper Angehöriger der SA. Innerhalb der Herner NSDAP stieg er ab 1928 zum Sektionsführer und ab 1931 zum Ortsgruppenleiter auf. Seit dem 30. Januar 1941 führte er den Parteidienstrang eines Oberbereichsleiters.[1]
Kreisleiter und kommunale Funktionen

1932 wurde Nieper NSDAP-Kreisleiter in Herne. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme erhielt diese Funktion erhebliches politisches Gewicht: Der Kreisleiter leitete die lokale Parteiorganisation und war ein maßgeblicher Vermittler zwischen Partei, kommunaler Verwaltung und staatlichen Stellen.
Bei der Stadtverordnetenwahl vom 12. März 1933 wurde Nieper für die NSDAP in die Herner Stadtverordnetenversammlung gewählt. Er gehörte auch zu den ehrenamtlichen Stadträten des Magistrats. Seine kommissarische Berufung als Stadtrat wurde allerdings im Mai 1933 widerrufen, weil er als Angestellter der Stadt tätig war.[1][3]
Ab August 1933 war Nieper bei der Stadtverwaltung Herne angestellt. 1934 wurde er zum Stadtinspektor ernannt, ohne die dafür vorgeschriebene Verwaltungsprüfung abgelegt zu haben.[1]
Bis Mai 1936 führte Nieper den NSDAP-Kreis Herne. Im Zuge einer Neuorganisation wurden die Parteikreise Herne und Castrop-Rauxel zusammengeschlossen. Nieper übernahm im Mai 1936 die Kreisleitung Herne-Castrop-Rauxel und versah dieses Amt ab dem 1. Juli 1936 hauptamtlich. Im September 1943 wurde er krankheitsbedingt kurzzeitig durch Gerhard Krüger vertreten; ab Oktober 1943 leitete er den Kreis erneut bis zum Kriegsende.[1][4]
Von August 1940 bis Anfang Februar 1942 nahm Nieper zusätzlich vertretungsweise die Geschäfte des NSDAP-Kreises Hellweg wahr.[1]
NS-Herrschaft in Herne
Die Herner Kreisleitung der NSDAP hatte von 1933 bis 1940 ihren Sitz im Gebäude des Polizeiamts am damaligen Adolf-Hitler-Platz. Nach dem Zusammenschluss mit Castrop-Rauxel umfasste die Kreisleitung sieben Ortsgruppen. Nieper stand dieser Organisation von 1932 bis 1945 nahezu durchgehend vor.[5]
Die räumliche Nähe von Kreisleitung und Polizeiamt verweist auf die enge Verzahnung von Partei und Polizei im NS-Herrschaftssystem. Nach der lokalen Geschichtsdokumentation wurden in dem Gebäude unter anderem Maßnahmen gegen politische Gegner, Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte sowie Verfolgungsmaßnahmen gegen Menschen vorbereitet, die von den Nationalsozialisten rassistisch ausgegrenzt wurden.[6]
Seine Rolle beim angeordneten Brand der Synagoge in Herne spielte er im nachhinein runter![7][8]
Bei der Beisetzung der Opfer des Luftangriffs vom 30. März 1943 auf dem Herner Südfriedhof trat Nieper bei einer propagandistisch ausgerichteten Trauerfeier auf. Im Juli 1943 hielt er in seinem Tagebuch fest: „An eine deutsche Niederlage denkt kein vernünftiger Mensch.“[9]
In der Endphase des Krieges bildete Nieper nach einer Ermächtigung durch Gauleiter Albert Hoffmann am 4. April 1945 ein Standgericht in Herne. Ihm stand nach der überlieferten Darstellung ein Parteirichter vor, da angeblich kein geeigneter Strafrichter verfügbar gewesen sei.[10] Nach Ralf Piorr gingen auch die späteren Todesurteile der Standgerichte über Niepers Schreibtisch.[11]
Kriegsende, Internierung und Spruchgericht
Nieper gab seine Dienstgeschäfte am 14. April 1945 auf. Auf der Suche nach seiner Ehefrau gelangte er in den Kreis Soest. Auf Initiative des amerikanischen Ortskommandanten von Welver wurde er in einen landwirtschaftlichen Betrieb eingewiesen. Vom 18. April bis zum 28. Juni 1945 arbeitete er dort unter nicht offengelegter Identität. Anschließend reiste er zu seiner Ehefrau nach Duderstadt und zu seinem Bruder nach Volkmarsdorf.[1]
Am 6. Juli 1945 kehrte Nieper nach Herne zurück und meldete sich bei der Militärregierung zur Inhaftierung. Er war vom 9. Juli 1945 bis zum 7. April 1948 im Internierungslager Staumühle interniert. Auf Anweisung der britischen Militärbehörden verfasste er nachträglich tagebuchartige Aufzeichnungen über sein Kriegsende.[1][12][13]
"Fast jedes wichtige Schreiben zur Behandlung örtlicher Angelegenheiten war über seinen Schreibtisch gegangen – auch die späteren Todesurteile der Standgerichte. Vor Gericht pochte er darauf, nur seine „nationale Pflicht“ getan zu haben, von Unrechtstaten habe er nichts gewusst: „Es ist mir nicht bekannt geworden, dass jüdische Geschäfte zwangsweise geschlossen oder arisiert worden sind. Ich habe nicht gewusst, dass man in den Jahren 1941–1942 die Juden zwangsweise aus Deutschland, zum Teil auch in KZ-Lager, geschafft hat.“[14]
Die 15. Spruchkammer beziehungsweise das Spruchgericht Hiddesen verurteilte Nieper am 6. April 1948 zu vier Jahren Gefängnis; die Dauer der Internierung wurde vollständig angerechnet. Eine von ihm eingelegte Revision nahm er zurück. Ab dem 9. April 1948 befand er sich in Esterwegen; die Reststrafe verbüßte er dort vom 5. Juli 1948 bis zum 7. Oktober 1949. Gnadengesuche vom August 1948 wurden im Oktober 1948 und im Juni 1949 abgelehnt.[1]
In seiner Einlassung erklärte Nieper, ihm sei nicht bekannt geworden, dass jüdische Geschäfte zwangsweise geschlossen oder „arisiert“ worden seien; auch von den Deportationen der Jahre 1941 und 1942 habe er nichts gewusst. Diese Aussage ist als Verteidigungsvorbringen im Entnazifizierungsverfahren zu verstehen.[15]
Nachkriegszeit und Tod
Nach der Haft kehrte Nieper nach Herne zurück. Er arbeitete als Angestellter und Versicherungsagent. Noch im Herner Adressbuch von 1967 ist er als Versicherungsagent nachweisbar.[1]
Karl Nieper starb am 3. Januar 1968 in Herne.
Literatur
- Wolfgang Stellbrink: Die Kreisleiter der NSDAP in Westfalen und Lippe. Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen, Reihe C: Quellen und Forschung, Band 48. Münster 2003, ISBN 3-932892-14-3, S. 256–257. Digitalisat.
- Ralf Piorr: Von Trümmern und Menschen. Das Kriegsende in Herne und Wanne-Eickel und der 8. Mai 1945. In: WAZ Herne, 8. Mai 2015.
- DGB-Geschichtswerkstatt Herne: UnRechtsOrt. Polizeigefängnis Herne 1933–1945.
- DGB-Geschichtswerkstatt Herne: Werkstattbericht Nr. 4. Herne 2020.
Archive
- Stadtarchiv Herne
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 132 - Akte Karl Nieper - Laufzeit 1948-1968
- Karl Nieper war der Kreisleiter der NSDAP Herne. Die Akte wurde von dem Historiker Ralf Piorr zusammengestellt. Sie umfasst die Ermittlungssache Karl Nieper. Themen: NSDAP, Reichsprogromnacht- Material: BA Koblenz, Spruchgerichtskammer, Ermittlungssache; StAHer: verschiedenes - Publiziert: Stadtführer 1933-1945; WAZ-Serie Nazi-Täter, Oktober 2013 (Kopien)
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 133 - Bericht des Kreisleiters Karl Nieper - Laufzeit 1945
- 9. April bis 9. Juli über den Aufenthalt in Herne und den Volkssturm
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 50 - Hervorstechende Feldpostbriefe - Laufzeit 1941-1943
- Abschriften. u.a.:
- - Tagebuch der 2. Kompanie Infanterie-Regiment 64 "Frankreichfeldzug 1940" - speziell an den Kreisleiter Karl Nieper
- Abschriften. u.a.:
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 134 - Kreisleitertagebuch - Laufzeit 1934
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 135 - Kreisleitertagebuch - Laufzeit 1937
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 135a - Kreisleitertagebuch - Laufzeit 1938
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 136 - Kreisleitertagebuch - Laufzeit 1939
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 137 - Kreisleitertagebuch - Laufzeit 1940
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 138 - Kreisleitertagebuch - Laufzeit 1941
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 139 - Kreisleitertagebuch - Laufzeit 1942
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 140 - Kreisleitertagebuch - Laufzeit 1943
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 141 - Kreisleitertagebuch - Laufzeit 1944
- Die Kreisleitertagebücher liegen im Original in Handschrift vor. Es sind kleine DINA6 Bücher, in den der Kreisleiter Karl Nieper Tagebuch geführt hat, bzw. seine Berichte. -
- Anmerkung: Die Tagebücher beinhalten alle eine genaue zeitliche Auflistung der Geschehnisse. Frau Martina Koch hatte diese in Reinschrift transskripiert.
- Die Kreisleitertagebücher liegen im Original in Handschrift vor. Es sind kleine DINA6 Bücher, in den der Kreisleiter Karl Nieper Tagebuch geführt hat, bzw. seine Berichte. -
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 144 - Feldpostbriefe an Karl Nieper - Laufzeit 1939-1940
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 142 - Feldpostbriefe an Karl Nieper - Laufzeit 1940-1941
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 143 - Feldpostbriefe an Karl Nieper - Laufzeit 1941-1944
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 145 - Feldpostbriefe an Karl Nieper - Laufzeit 1942-1943
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 132 - Akte Karl Nieper - Laufzeit 1948-1968
Handschriftlich verfasste Briefe. Diese Briefe waren an den Kreisleiter Karl Nieper gerichtet, manchmal sind auch Zeitungsartikel dabei.
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 154 - Verschiedenes - Laufzeit1933-1977
- 1942: - Nieper und Flottmann "Geschenk an den Kreisleiter Nieper", 1938-1939
- - Bescheid an Kreisleiter Nieper über die Bescheinigung der Tapferkeit des Gustav Salomon, Schachtstraße 23, 1940
- - Bescheid an Kreisleiter Nieper über die Verletzung des Unteroffiziers Ferdinand Pott, 1940
- Best. 305 / Nationalsozialismus, Nr. A 154 - Verschiedenes - Laufzeit1933-1977
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Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 Wolfgang Stellbrink: Die Kreisleiter der NSDAP in Westfalen und Lippe. Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen, Reihe C: Quellen und Forschung, Band 48. Münster 2003, ISBN 3-932892-14-3, S. 256–257. Digitalisat.
- ↑ Bundesarchiv, R 9361-IX KARTEI/30611324.
- ↑ Historischer Verein Herne / Wanne-Eickel: Stadtverordneten-Versammlung Herne 1933.
- ↑ Wolfgang Stellbrink: Die Kreisleiter der NSDAP in Westfalen und Lippe, Übersicht der Kreisleiter, S. 298.
- ↑ DGB-Geschichtswerkstatt Herne: UnRechtsOrt. Polizeigefängnis Herne 1933–1945, S. 6.
- ↑ DGB-Geschichtswerkstatt Herne: UnRechtsOrt, S. 6.
- ↑ "Dann war es Nacht und kalt" (WAZ 2008)
- ↑ "Nachts bis 6.00 Uhr auf den Beinen" (WAZ 2008)
- ↑ Ralf Piorr: Von Trümmern und Menschen. Das Kriegsende in Herne und Wanne-Eickel und der 8. Mai 1945. In: WAZ Herne, 8. Mai 2015.
- ↑ DGB-Geschichtswerkstatt Herne: Werkstattbericht Nr. 4, 2020, S. 4, Digitalisat.
- ↑ Piorr: Kriegsende in Herne und Wanne-Eickel.
- ↑ Piorr: Kriegsende in Herne und Wanne-Eickel.
- ↑ Kriegsende_in_Herne_und_Wanne-Eickel_und_der_8._Mai_1945#Das_Kriegsende_des_NSDAP-Kreisleiters_Karl_Nieper
- ↑ Kriegsende_in_Herne_und_Wanne-Eickel_und_der_8._Mai_1945#Das_Kriegsende_des_NSDAP-Kreisleiters_Karl_Nieper
- ↑ Piorr: Kriegsende in Herne und Wanne-Eickel.

