Heinrich Diel (1872-1961) Tanzlehrer
Heinrich Diel (* 21. Juli 1872 in Laudershausen, Kreis Hersfeld; † 3. Februar 1961 in Wanne-Eickel) war ein Tanzlehrer, Tanzschulinhaber und Kulturorganisator in Wanne-Eickel. Über mehr als fünf Jahrzehnte prägte er das gesellschaftliche Leben der Stadt durch seine Tanzschulen und zahlreiche öffentliche Veranstaltungen. Darüber hinaus engagierte er sich in Berufsverbänden der Tanzlehrer und übernahm während der Zeit des Nationalsozialismus Funktionen innerhalb der gleichgeschalteten Berufsorganisationen.
Herkunft und Familie
Heinrich Diel wurde als Sohn des Forstschutzgehilfen Christoph Diel (auch Thiel) (* 17. Februar 1833 in Konrode; † 18. März 1909 in Schenklengsfeld-Landershausen) und dessen Ehefrau Elisabeth geb. Bock geboren.
Am 1. August 1899 heiratete er in Wanne als Zuschneider Alwine Thekla Amanda Oelkers (* 15. Mai 1880 in Mönchengladbach-Bonnenbroich-Geneicken; † 19. Februar 1958 in Wanne-Eickel). Sie war eine Tochter des Konditors Felix Oelkers und seiner Ehefrau Philippine geb. Küppers.
Tanzlehrer und Unternehmer
Die Geschichte der Tanzschule Diel begann im Jahr 1872, als sein Onkel Conrad Diel in Dortmund-Marten seine Tätigkeit als Tanzlehrer aufnahm und später eine Tanzschule in Wanne gründete. Im Sommer 1902 übernahm Heinrich Diel das Institut und baute es in den folgenden Jahrzehnten zu einem regional bedeutenden Unternehmen aus.

Im Jahr 1922 errichtete Diel eigene Unterrichtsräume an der Hauptstraße in Wanne-Eickel, die zum Stammhaus der Tanzschule wurden. In den 1920er Jahren gehörten unter anderem Black Bottom, One-Step, Tango und Foxtrott zum Unterrichtsprogramm der Tanzschulen. Die Tanzschule entwickelte sich zu einem Familienunternehmen. Mehrere Kinder Heinrich Diels ergriffen ebenfalls den Beruf des Tanzlehrers.
Unter seiner Leitung entstanden teils durch Übernahme, teils als Neugründungen weitere Tanzschulen:
- 1925 in Bochum
- 1927 in Herne
- 1932 in Castrop-Rauxel

Die Herner Tanzschule befand sich zunächst an der Rosenstraße und zog später in das Schlenkhoffsche Haus an der Bahnhofstraße um. Die Schulen verfügten über großzügige Tanzsäle, Nebenräume und Gartenanlagen. Diel verstand seine Einrichtungen ausdrücklich als Privatschulen, die neben dem Tanzunterricht auch gesellschaftliche Bildung und eine „moralisch solide“ Erziehung vermitteln sollten.
1932 wurde das 60-jährige Bestehen der Tanzschule gefeiert. Gleichzeitig konnte Heinrich Diel auf 30 Jahre als Inhaber zurückblicken und beging seinen 60. Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt nahmen rund 300 Schülerinnen und Schüler an den Kursen teil.
Verbandsarbeit
Neben seiner Tätigkeit als Tanzlehrer engagierte sich Diel intensiv in den Berufsverbänden seines Fachs. • seit 1911 Mitglied des Vorstandes des Westdeutschen Tanzlehrerverbandes • seit 1922 Vorsitzender des Westdeutschen Tanzlehrerverbandes • seit 1927 Beisitzer des Reichsverbandes Deutscher Tanzlehrer • Obmann des verbandlichen Schiedsgerichts Durch diese Funktionen gehörte Diel über Jahrzehnte zu den einflussreichsten Tanzlehrern Westdeutschlands.
Nationalsozialismus
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde auch das Tanzlehrerwesen in die nationalsozialistischen Organisationsstrukturen eingegliedert.
Heinrich Diel trat am 1. Mai 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.937.319). Im September 1933 leitete er als Vorsitzender der Landesfachschaft Westfalen eine Tagung westfälischer Tanzlehrer in Dortmund. Dort wurde die Eingliederung der Tanzlehrer in den Nationalsozialistischen Lehrerbund ausdrücklich begrüßt.
1934 wurde Diel zum Gaufachschaftsleiter Westfalen der Reichsfachschaft Deutscher Tanzlehrer berufen. In dieser Funktion wirkte er an der Verbreitung der vom Regime propagierten „deutschen Gesellschaftstänze“ mit.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde gegen ihn ein Entnazifizierungsverfahren durchgeführt. Entsprechende Akten befinden sich im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen (Abteilung Rheinland, Bestand NW 1115).
Zerstörung und Wiederaufbau
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude der Tanzschule an der Hauptstraße bei einem Luftangriff im Jahr 1943 vollständig zerstört. Im selben Jahr begann Heinrich Diels Sohn Heinz Diel seine Ausbildung an der Folkwangschule in Essen sowie in der Tanzschule Conradi in Dortmund.
Nach Kriegsende leitete dann Heinz Diel unter schwierigen Bedingungen den Wiederaufbau der Tanzschule. Bereits 1949 konnte der Unterricht wieder in eigenen Räumen aufgenommen werden.
Kulturarbeit und Vereinsleben
Über seine Tätigkeit als Tanzlehrer hinaus engagierte sich Heinrich Diel im kulturellen Leben Wanne-Eickels.
Besondere Bedeutung erlangte seine Mitwirkung an den Feierlichkeiten zum hochgerechneten 500-jährigen Jubiläum der Cranger Kirmes im Jahr 1935. Als Verantwortlicher des historischen Festzuges beschäftigte er sich intensiv mit der Geschichte Wanne-Eickels und gestaltete den Umzug, der die Entwicklung der Stadt über mehrere Jahrhunderte hinweg darstellen sollte.
1936 erhielt er von der Stadt Bad Hersfeld den Auftrag, den historischen Fest- und Trachtenzug anlässlich des 1200-jährigen Stadtjubiläums zu organisieren. Dabei koordinierte er die Teilnahme zahlreicher hessischer Trachtengruppen aus Rheinland und Westfalen.
Außerdem war Diel als Kameradschaftsführer ehemaliger Angehöriger des Infanterie-Regiments Nr. 17 tätig.
Späte Jahre
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Heinrich Diel als Tanzlehrer aktiv. 1954 berichtete die Presse über seine letzte Tanzstunde am 22. Juni 1954[1]. Zu diesem Zeitpunkt war er 83 Jahre alt und Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Tanzlehrer. Nach eigenen Angaben hatte er in rund fünf Jahrzehnten etwa 17.000 Menschen das Tanzen gelehrt. Heinrich Diel starb am 3. Februar 1961 in Wanne-Eickel.
Bedeutung für die Stadtgeschichte
Heinrich Diel gehörte über mehrere Jahrzehnte zu den bekanntesten Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens in Wanne-Eickel. Mit seinen Tanzschulen prägte er die Freizeit- und Unterhaltungskultur der Region und wirkte als Organisator zahlreicher kultureller Veranstaltungen. Seine Biographie verdeutlicht zugleich die Einbindung lokaler Vereins- und Kulturfunktionäre in die Strukturen des Nationalsozialismus.
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Quellen
- ↑ Zeitpunkt.NRW, Artikel „Letzte Tanzstunde eines 83jährigen Tanzlehrers“, 1954.

