Bergarbeiterstreik im März 1912

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
Am Eingang einer der größten Zechen des Ruhrreviers hat der Regierungspräsident von Arnsberg Aufrufe anschlagen lassen, in denen er die ausständigen Bergleute zur Ruhe und Besonnenheit auffordert und bekannt gibt, daß bei Ausbruch von Ruhestörungen die zahlreichen dorthin beorderten Schutzleute sofort von der Schußwaffe Gebrauch machen. Unsere Abbildung zeigt die Bergleute am Zecheneingang, der von auswärtigen Schutzleuten bewacht wird, beim Lesen des Erlasses des Regierungspräsidenten.

[1]

Bergarbeiterstreik im März 1912

Der Bergarbeiterstreik vom März 1912 war einer der größten Arbeitskämpfe in der Geschichte des Ruhrbergbaus vor dem Ersten Weltkrieg. Auch im damaligen Herne und seinen Bergbauorten Baukau, Sodingen, Horsthausen, Röhlinghausen, Wanne und Holthausen prägte der Ausstand über mehrere Tage das öffentliche Leben. Der Streik begann am 11. März und wurde am 19. März 1912 beendet. Im Mittelpunkt standen Lohnerhöhungen, die Verkürzung der Arbeitszeit, die Abschaffung des von den Zechen kontrollierten Arbeitsnachweises und Einschränkungen bei den Straf- und Abzugspraktiken der Bergwerke.

Der Streik war zugleich ein Ausdruck des schärfer werdenden Gegensatzes zwischen den verschiedenen Bergarbeiterorganisationen. Während der sozialdemokratische Alte Verband, der Hirsch-Dunckersche Gewerkverein und die polnische Bergarbeiterorganisation gemeinsam zum Ausstand aufriefen, verweigerte der christliche Gewerkverein die Teilnahme. Diese Spaltung der Arbeiterschaft war für den Verlauf des Streiks von erheblicher Bedeutung.

Ursachen und Vorgeschichte

Lohnentwicklung und gestiegene Lebenshaltungskosten

Die unmittelbare Ursache des Streiks lag in der seit Jahren ungelösten Lohnfrage. Die Bergarbeiter verwiesen auf die gestiegenen Preise für Lebensmittel und andere Güter und verlangten eine Beteiligung an der verbesserten wirtschaftlichen Lage des Bergbaus. Die Entwicklung der Löhne war dabei keineswegs gleichmäßig. Nach zeitgenössischen Angaben lag der durchschnittliche Jahresverdienst eines Hauers 1907 bei 1871 Mark beziehungsweise 5,98 Mark je Schicht. Bis 1909 war dieser Wert auf 1556 Mark beziehungsweise 5,33 Mark gefallen. Für die Gesamtbelegschaft ging der durchschnittliche Schichtverdienst von 4,87 Mark im Jahr 1907 auf 4,52 Mark im Jahr 1909 zurück. Erst ab 1910 setzte wieder eine deutliche Verbesserung ein.

Die Gewerkschaften sahen deshalb einen Nachholbedarf. Hinzu kam, dass sich die wirtschaftliche Lage des Bergbaus seit Ende 1910 verbessert hatte. Die Bergarbeiterorganisationen hielten den Zeitpunkt für geeignet, ihre Forderungen erneut gemeinsam gegenüber den Zechenverwaltungen durchzusetzen.

Die Forderungen

Die drei später im sogenannten Dreibund zusammengeschlossenen Organisationen legten im Februar 1912 einen Forderungskatalog vor. Die wichtigste Forderung war eine allgemeine Lohnerhöhung von 15 Prozent. Daneben wurden unter anderem die Einführung der Achtstundenschicht, eine Verkürzung der Arbeitszeit bei besonders schweren und heißen Arbeitsplätzen, die Umwandlung des von den Unternehmern kontrollierten Arbeitsnachweises in einen paritätisch besetzten Arbeitsnachweis sowie Verbesserungen bei den Arbeits- und Schiedsregelungen verlangt.

Die Forderungen waren damit umfassender als eine reine Lohnbewegung. Sie betrafen zugleich die Arbeitszeit, die betriebliche Machtverteilung und die Stellung der Arbeiter gegenüber der Zechenverwaltung.

Die Arbeitgeberorganisationen wiesen die Forderungen in der vorgelegten Form zurück. Gleichzeitig erklärten zahlreiche Zechenverwaltungen ihre Bereitschaft, mit den gesetzlichen Arbeiterausschüssen über die Lohnfrage zu verhandeln. Aus Sicht der Arbeitgeber sollte die Auseinandersetzung auf betrieblicher Ebene geführt werden; aus Sicht des Dreibundes genügte dieses Verfahren nicht.

Die Spaltung der Bergarbeiterbewegung

Eine besondere Bedeutung hatte die Haltung des christlichen Gewerkvereins. Dieser erkannte die Lohnforderungen grundsätzlich an, lehnte jedoch eine gemeinsame Streikaktion mit den sozialdemokratischen Gewerkschaften ab. Bereits seit 1910 hatte sich der christliche Verband einer gemeinsamen Lohnbewegung gegenüber zurückhaltend gezeigt. Als Begründung wurden unter anderem die gewerkschaftlichen Gegensätze und die fehlende Bereitschaft zu einem gemeinsamen Vorgehen angeführt.

Damit entstand eine für den späteren Streik entscheidende Situation: Die drei Organisationen des Dreibundes beschlossen den Ausstand, während der christliche Gewerkverein seinen Mitgliedern empfahl, weiterzuarbeiten. In Herne wurde diese Auseinandersetzung besonders deutlich.

Herne als Zentrum der Streikentscheidung

Am 10. März 1912 tagte in Herne die Revierkonferenz der drei am Streik beteiligten Organisationen. Die Versammlung dauerte mehrere Stunden. Von 615 anwesenden Delegierten stimmten 507 für den Streik, 74 dagegen; zwei Stimmzettel waren unbeschrieben, 32 Delegierte gaben keinen Stimmzettel ab. Damit war der Streikbeginn für den 11. März beschlossen. [2]

Die Entscheidung fiel trotz der bekannten Haltung des christlichen Gewerkvereins. Die zeitgenössische Berichterstattung zeigt, dass bereits innerhalb der Streikbefürworter Zweifel bestanden, ob ein Arbeitskampf angesichts der fehlenden Beteiligung der christlichen Bergarbeiter erfolgreich sein könne.

Am selben Wochenende fand in Wanne eine öffentliche Versammlung des christlichen Gewerkvereins statt, zu der sich etwa 1500 Personen einfanden. Der Referent, Arbeitersekretär Sprenger aus Gelsenkirchen, warnte vor einem Streik und verwies darauf, dass auf einzelnen Zechen bereits Lohnerhöhungen erfolgt seien beziehungsweise weitere Erhöhungen erwartet würden. Die Versammlung wurde durch Zwischenrufe erheblich gestört und schließlich polizeilich aufgelöst. Anschließend versammelten sich mehr als 1000 christliche Bergleute erneut und nahmen die Resolution des Gewerkvereins an.

Die Auseinandersetzung war damit nicht lediglich ein Konflikt zwischen Arbeiterschaft und Unternehmern. Sie war zugleich ein Machtkampf zwischen konkurrierenden Richtungen der Bergarbeiterbewegung.

Der erste Streiktag in Herne

Am Montag, dem 11. März 1912, begann der Ausstand. Im Ruhrgebiet blieb jedoch ein erheblicher Teil der Bergleute an der Arbeit. Nach den damaligen Berechnungen fuhren von rund 170.000 Bergleuten, die an diesem Morgen hätten anfahren sollen, etwa 112.000 an. Im Herner Revier wurden für den ersten Streiktag 10.785 Beschäftigte als Gesamtbelegschaft angegeben; 7791 fuhren an, während 27,76 Prozent fehlten.

Das Stadtbild Herne wurde vor allem durch die zahlreichen Streikenden und die verstärkte Polizeipräsenz geprägt. Besonders die war von Bergleuten belebt. Polizei zu Fuß und zu Pferde patrouillierte im Stadtgebiet und an den Zecheneingängen.

An der Zeche Friedrich der Große in Horsthausen besetzten gegen Mittag etwa 75 Streikende die über den Rhein-Herne-Kanal führende Brücke der Horsthauser Straße. Sie hinderten Passanten am Durchgang. Erst das Eintreffen berittener Polizei führte zur Räumung der Brücke.

Auch an der Zeche Constantin 4/5 kam es beim Schichtwechsel zu einer größeren Menschenansammlung. Dort wurde ein Arbeitswilliger von Streikenden misshandelt. Die Täter konnten zunächst entkommen.

In Sodingen konzentrierte sich der Streik auf die beiden Schachtanlagen der Zeche Mont Cenis. Von ursprünglich 3080 Beschäftigten fuhren an diesem Tag nach den zeitgenössischen Angaben nur 662 an; 2418 blieben der Arbeit fern. Die Arbeitswilligen wurden beim Schichtwechsel von größeren Menschenmengen begleitet beziehungsweise beschimpft. Die Zechenverwaltung reagierte mit einer Zusammenlegung der Schichten und später mit einer eigenen Zechenschutzwehr.

Eskalation in Herne

Ueber die Zahl der am zweiten Tage Streikenden
Name der Zeche Es mußten ausfahren Es sind ausgef. Es streiken
Schlägel 1 u. 2 928 481 447
Schlägel 3 u. 4 687 393 294
Schlägel 5 u. 6 757 358 399
Blumenthal 1 u. 2 1705 542 1163
Blumenthal 3 u. 4 2212 718 1494
Alstaden 570 399 171
Wilhelmine 1 u. 4 750 604 150
Wilhelmine 2 u. 3 752 421 341
Hibernia 620 512 108
Shamrock 1 u. 2 2505 958 1547
Shamrock 3 u. 4 2552 1039 1513
Mont-Cenis 1 u. 3 1458 286 1172
Mont-Cenis 2 1622 376 1247
Friedrich der Große 1 u. 2 2372 682 1690
Friedrich der Große 3 u. 4 1162 422 740
v. d. Heydt 756 318 438
Julia 1459 414 1045
Recklinghausen 1 1187 386 801
Recklinghausen 2 1782 646 1136
Constantin (alle Schächte) 3236 1875 1361

Während der erste Streiktag noch von zahlreichen örtlich begrenzten Behinderungen geprägt war, verschärfte sich die Situation am zweiten und dritten Tag erheblich. Besonders betroffen war das Umfeld der Zeche Shamrock. Am 12. März sammelten sich große Menschenmengen vor den Ausgängen der von einem Zaun abgegrenzten Hiberniastraße. Die Polizei setzte berittene Kräfte ein, um die Straßen und die Zugänge freizuhalten. Arbeitswillige Bergleute wurden beim Verlassen der Zechen von Polizeikräften begleitet.

Die zeitgenössische Berichterstattung beschreibt wiederholte Steinwürfe, Drohungen und Beschimpfungen. Teilweise wurden aus Fenstern Gegenstände auf Polizei und Arbeitswillige geworfen. Die Polizei drohte mehrfach mit dem Einsatz der Schusswaffe. Die Berichte müssen allerdings als zeitgenössische, politisch deutlich positionierte Darstellungen gelesen werden; insbesondere die Bezeichnungen der Streikenden und die Schuldzuweisungen an einzelne politische Gruppen geben nicht neutral den damaligen Vorgang wieder.

Am 13. März kam es in Herne zu einem Todesfall. Der junge Bergmann Friedrich Madeja (* 1896) wurde auf der Rottbruchstraße[3] durch einen Schuss in den Kopf tödlich getroffen. Die zeitgenössische Berichterstattung über seinen Tod ist allerdings nicht einheitlich. Bereits während der Streiktage kursierten unterschiedliche Angaben über Schüsse und Todesfälle. Die Behörden versuchten teilweise, Informationen über Todesfälle zurückzuhalten, um größere Menschenansammlungen bei den Beerdigungen zu verhindern.

Madeja wurde schließlich unter Ausschluss einer größeren Öffentlichkeit beigesetzt. Nach zeitgenössischer Darstellung nahmen lediglich Angehörige und enge Freunde teil. Der Sarg wurde von sechs Arbeitskameraden getragen; die Beisetzung erfolgte durch Pfarrer von Martitz.[4]

Fest steht jedoch, dass der Tod Madejas die Auseinandersetzung in Herne erheblich verschärfte.

Ebenfalls wurden bei den Auseinandersetzungen weitere Personen verletzt. In der Neustraße wurde am 13. März neben dem getöteten Bergmann ein Schneider namens Piontek durch einen Schuss am Bein verletzt.[5] Ein 20-jähriger Bergmann erlitt erbenfalls am 13. März einen Schuss in den Unterschenkel. Die Polizei berichtete außerdem über Schüsse auf Polizeikräfte.[6]

Insgesamt kam es während des Ruhrstreiks zu mehreren Todesfällen und zahlreichen Verletzungen. Das Westfälische Geschichtsportal nennt vier getötete Arbeiter im Zusammenhang mit den Zusammenstößen im Streikgebiet.[7]

Polizei und Militär

Die staatliche Reaktion auf den Streik war von Anfang an auf den Schutz der Arbeitswilligen ausgerichtet. Der Regierungspräsident von Arnsberg, Max von Bake, veröffentlichte am 11. März einen Aufruf an die Bevölkerung. Darin wurde das Recht jedes Arbeiters hervorgehoben, selbst darüber zu entscheiden, ob er arbeiten wolle. Zugleich wurden die Polizeikräfte angewiesen, Angriffe auf Arbeitswillige und Eigentum mit größter Strenge zu unterbinden.

In Herne erwies sich die vorhandene Polizeistärke bald als unzureichend. Aus Sodingen wurde ebenfalls von großen Menschenansammlungen berichtet. Die Behörden befürchteten, die örtlichen Sicherheitskräfte könnten bei größeren Zusammenstößen die Kontrolle verlieren.

Als Augenzeuge eines blutigen Vorfalls in Sodingen am 13. März 1912 berichtete der Gewerkschafter Fritz Waldhecker (1865-n.1928)[8] über die Ereignisse vor dem Versammlungslokal der Zeche Mont Cenis. Waldhecker, der für den Alten Verband vor streikenden Belegschaftsmitgliedern sprechen sollte, schilderte, wie die Menge beim Eintreffen der Polizei in Panik geriet. Nach seiner Darstellung schlugen Polizisten mit der blanken Waffe auf die Versammelten ein; ein Bergmann neben ihm sei durch einen Säbelhieb niedergestreckt worden.[9] Bei der anschließenden Flucht wurden Fenster und eine Flügeltür eingedrückt, mehrere Personen erlitten Verletzungen. Waldheckers Bericht ist als Augenzeugenbericht eine wichtige Quelle, gibt jedoch zugleich seine persönliche Wahrnehmung des umstrittenen Polizeieinsatzes wieder.[10]

Am 14. März traf deshalb Militär im Streikgebiet ein. Auch in Sodingen wurden Infanteristen aus Minden stationiert. Bei der Zeche Mont Cenis übernahmen Soldaten gemeinsam mit Polizei und Zechenschutz die Sicherung des Schichtwechsels. Die arbeitswilligen Bergleute wurden in geschlossenen Gruppen von Soldaten zur Straße geführt und anschließend bis zu ihren Wohnungen begleitet.

Die Verlegung von Militär war Teil einer reichsweiten staatlichen Reaktion auf den Streik. Insgesamt wurden mehrere tausend Soldaten in das Ruhrgebiet beziehungsweise die angrenzenden Gebiete verlegt. Bei Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Streikenden kamen im gesamten Ruhrgebiet vier Arbeiter ums Leben; zahlreiche weitere Personen wurden verletzt.

Die Zechen und die Arbeitswilligen

Die Zechenverwaltungen versuchten, den Streik durch die Sicherung der Arbeitswilligen und durch organisatorische Maßnahmen zu begrenzen. Auf Mont Cenis wurden die Arbeitswilligen beispielsweise in einer einzigen Tagschicht zusammengefasst. Damit sollte erreicht werden, dass sie bei Tageslicht zur Arbeit und wieder nach Hause gelangen konnten.

Die Verwaltung kündigte außerdem Prämien für diejenigen Beschäftigten an, die während des Ausstandes regelmäßig zur Arbeit erschienen. Gleichzeitig wurden die Beschäftigten aufgefordert, Belästigungen oder Bedrohungen unverzüglich der Zechenleitung zu melden.

Auch arbeitsrechtliche Konsequenzen wurden angekündigt. Die Harpener Bergbau-Aktiengesellschaft verwies auf Bestimmungen ihrer Arbeitsordnung, nach denen Arbeiter bei unentschuldigtem Fernbleiben über mehrere aufeinanderfolgende Schichten entlassen und unter bestimmten Voraussetzungen zum Schadenersatz herangezogen werden konnten.

An unsere Belegschaft! Angesichts der jüngst eingetretenen Störungen machen wir auf folgende Bestimmung der Arbeitsordnung aufmerksam
§ 3. Vor Ablauf der vertragsmäßigen Arbeitszeit und ohne vorhergegangene Kündigung können Arbeiter, abgesehen von den in§ 83 des Berggesetzes und in § 23 und§ 24 dieser Arbeitsordnung aufgeführten Gründen, entlassen werden, wenn sie drei oder mehr auseinanderfolgende Schichten willkürlich von der Arbeit ausbleiben. Ein ausgebliebener Arbeiter gilt als entlassen, wenn sein Name in der Arbeiterliste gestrichen und ihm dies bekannt gegeben ist.
§ 6 Wenn ein Arbeiter ohne Innehaltung der vertragsmäßigen Kündigungsfrist in anderen als den im § 4 bezeichneten Fällen die Arbeit verlaßt oder ausbleibt, so hat er für jeden Arbeitstag vom Tage des Wegbleibens an bis zu demjenigen Tage, an welchem die Abkehr vertragsmäßig erfolgen konnte, jedoch höchstens für sechs Arbeitstage, einen Schadenersatz zu zahlen, welcher für den Arbeitstag nach dem durchschnittlichen Arbeitsverdienste der vorhergegangenen Lehnperiode der betreffenden Arbeiters oder, falls er noch keinen vollen Monat auf der Zeche gearbeitet hat, der betreffenden Arbeiterklasse zu berechnen ist. Zu einem weiteren Schadenersatz wegen Wegbleibens ist der Arbeiter nicht verpflichtet
Der Betrag des Schadenersatzes ist ohne vorgängige Verfahren vor dem ordentliche Gerichte oder vor dem Gewerbegericht von dem rückständigen Lohne zugunsten der Zeche einzuziehen.
Wir Beabsichtigen, von der vorstehenden Bestimmung Gebrauch zu machen.

Diese Maßnahmen zeigen, dass sich der Arbeitskampf nicht nur auf den Gegensatz zwischen Streikenden und Polizei beschränkte. Auch die Zechenleitungen setzten erhebliche Mittel ein, um einen möglichst großen Teil der Belegschaften an der Arbeit zu halten.

Der Streik in Sodingen und den Nachbarorten

Eine besondere Rolle spielte Sodingen mit der Zeche Mont Cenis. Bereits vor dem Streik war dort über die Lohnfrage und die Haltung der Zechenleitung diskutiert worden. Am 10. März fand eine große Belegschaftsversammlung statt. Ein Vertreter des Dreibundes erklärte dort den für den folgenden Tag beschlossenen Streik.

Am ersten Streiktag blieb der größte Teil der Mont-Cenis-Belegschaft der Arbeit fern. Für die beiden Schachtanlagen wurden insgesamt 3080 Beschäftigte angegeben; lediglich 662 fuhren an. Am folgenden Tag gelang es der Zechenverwaltung, durch die Zusammenlegung der Schichten und den Schutz der Arbeitswege die Zahl der Arbeitswilligen deutlich zu erhöhen.

Auch auf der Zeche Teutoburgia in Holthausen kam es zu Auseinandersetzungen. Dort wurden Arbeitswillige beim Schichtwechsel mit Rufen und Beschimpfungen empfangen. Zeitgenössische Berichte melden außerdem Steinwürfe auf einen berittenen Gendarmen und Sachbeschädigungen an Wohnungen von Arbeitswilligen.

Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen

Am 13. März erreichte die Konfrontation in Herne ihren Höhepunkt. Große Menschenmengen sammelten sich insbesondere im Bereich der Zeche Shamrock und der angrenzenden Straßen. Die Polizei ging mit berittenen Einheiten gegen die Ansammlungen vor.

Zeitgenössische Berichte schildern wiederholte Räumungen von Straßen und den Einsatz gezogener Säbel und Schusswaffen. Die Arbeitswilligen wurden teilweise in Gruppen aus dem Zechengelände geführt und unter Polizeischutz nach Hause gebracht. Gleichzeitig kam es zu Steinwürfen und Schussabgaben aus der Menge beziehungsweise aus Gebäuden. Die genaue Zuordnung einzelner Schüsse lässt sich anhand der vorliegenden Berichte nicht in jedem Fall rekonstruieren.

Die staatlichen Behörden verstärkten daraufhin die Sicherheitsmaßnahmen. Der preußische Innenminister teilte auf eine entsprechende Anfrage aus Herne mit, dass inzwischen Militär zum Schutz besonders gefährdeter Orte herangezogen worden sei.

Abflauen des Streiks

Nach dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen setzte im Herner Revier eine allmähliche Rückkehr zur Arbeit ein. Der Einsatz von Militär und die verbesserte Sicherung der Arbeitswege erleichterten den Arbeitswilligen die Rückkehr in die Zechen.

Am 15. März wurde in der zeitgenössischen Herner Berichterstattung bereits eine deutliche Zunahme der Arbeitswilligen festgestellt. Auf Zeche Shamrock fuhren allein an diesem Tag 75 Bergleute mehr an als zuvor. Gleichzeitig wurden zahlreiche Personen festgenommen, denen Angriffe, Drohungen oder Steinwürfe gegen Arbeitswillige und Sicherheitskräfte vorgeworfen wurden.

Der Tod Madejas blieb weiterhin Gegenstand der öffentlichen Auseinandersetzung. Die Beerdigung wurde aus Sicherheitsgründen geheim gehalten. Sie fand am 19. März im kleinen Kreis auf dem kommunalen Friedhof statt. Nach einer Ansprache des Pfarrers von Martitz wurde der Sarg von sechs Bergleuten zum Grab getragen.

Ende des Streiks

Der Streik endete am 19. März 1912. Ausschlaggebend für den Abbruch waren die geringe Aussicht auf eine Durchsetzung der Forderungen angesichts der fehlenden Beteiligung des christlichen Gewerkvereins, die zunehmende Rückkehr von Bergleuten an ihre Arbeitsplätze und die massive staatliche Sicherung des Bergbaus. Der gesamte Ausstand war damit letztlich ohne den erhofften Erfolg der Streikenden geblieben.

Am 20. März wurde in Herne die Beendigung des Streiks entsprechend als Ende einer mehrtägigen Krisensituation wahrgenommen. Die zeitgenössische Berichterstattung stellte vor allem die wirtschaftlichen Folgen und die Auswirkungen auf das öffentliche Leben heraus.

Der Streik endete damit nicht mit einer umfassenden Einigung zwischen den Tarifparteien, sondern mit einem Abbruch des Arbeitskampfes. Eine wesentliche Rolle spielten dabei die zunehmende militärische und polizeiliche Präsenz, die unterschiedlichen Organisationsgrade der Bergleute und die fehlende Geschlossenheit der Gewerkschaftsbewegung.

Nach dem Ende des Streiks kam es zu zahlreichen Strafverfahren. Das Westfälische Geschichtsportal nennt mehr als 2.000 Anklagen, insbesondere wegen Beleidigung und Bedrohung.[11]

Bedeutung für Herne

Der Streik von 1912 verdeutlicht für Herne mehrere grundlegende Entwicklungen der damaligen Industriegesellschaft.

Herne war darüber hinaus nicht lediglich Schauplatz lokaler Auseinandersetzungen. Die Stadt spielte mit der Revierkonferenz und der Beteiligung ihrer Bergarbeiterorganisationen eine Rolle bei der Vorbereitung des überregionalen Arbeitskampfes.

Zum einen zeigte sich die enorme Bedeutung des Bergbaus für das gesamte städtische Leben. Die Zechen waren nicht nur Arbeitsplätze, sondern bestimmten Verkehrswege, Wohnquartiere und den Tagesrhythmus ganzer Stadtteile. Schon geringe Veränderungen beim Schichtwechsel führten zu Menschenansammlungen auf den Straßen.

Zum anderen trat die innere Spaltung der Bergarbeiterschaft deutlich hervor. In Herne standen der Dreibund und der christliche Gewerkverein unmittelbar gegeneinander. Der Konflikt zwischen den verschiedenen Gewerkschaftsrichtungen war damit ebenso Teil des Streiks wie der Gegensatz zwischen Arbeiterschaft und Zechenbesitzern. Schließlich zeigte sich die besondere Rolle des Staates im Kaiserreich. Der Staat erkannte grundsätzlich das Recht auf Arbeit ebenso wie das Recht auf Eigentum an, reagierte auf die Eskalation jedoch mit einer starken polizeilichen und schließlich militärischen Präsenz. Herne und Sodingen wurden dadurch zeitweise zu Orten einer offenen Konfrontation zwischen Streikenden, Arbeitswilligen und staatlichen Sicherheitskräften.

Einordnung

Der Bergarbeiterstreik von 1912 darf nicht allein als gescheiterte Lohnbewegung verstanden werden. Seine Ursachen lagen in einem Bündel wirtschaftlicher und sozialer Probleme: sinkende beziehungsweise hinter der Preisentwicklung zurückbleibende Löhne in den Jahren zuvor, gestiegene Lebenshaltungskosten, lange Arbeitszeiten, die Kontrolle der Arbeitsvermittlung durch die Unternehmer und die begrenzten Möglichkeiten der Arbeiter, ihre Interessen gegenüber den Zechenleitungen durchzusetzen. Gleichzeitig war der Zeitpunkt des Streiks durch die internationale und innerdeutsche Entwicklung beeinflusst. Der große englische Bergarbeiterstreik von 1912 begann am 1. März und verstärkte die Aufmerksamkeit für die Lohnfrage im europäischen Bergbau. In Deutschland wurde deshalb teilweise ein Zusammenhang zwischen den internationalen Arbeitskämpfen und der Ruhrbewegung hergestellt. Die unmittelbaren Forderungen der Ruhrbergarbeiter waren jedoch eigenständig und bereits vor Beginn des englischen Streiks vorbereitet worden.

Für Herne ist der Streik insbesondere deshalb bedeutsam, weil hier die unterschiedlichen Kräfte der Bergarbeiterbewegung, die Interessen der Zechenleitungen und die staatliche Ordnungsmacht unmittelbar aufeinandertrafen. Die Ereignisse vom März 1912 gehören damit zu den einschneidenden sozialen Konflikten der Herner Bergbaugeschichte.

Literatur und Quellen

Verwandte Artikel


Quellen

  1. ↑ https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bergarbeiterstreik_1912_(4).jpg
  2. ↑ https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/22457488
  3. ↑ Er wohnte im Haus Nr. 61
  4. ↑ „Die Beerdigung des ersten Streikopfers“, 19. März 1912, zeitgenössische Berichterstattung zur Bergarbeiterbewegung, Digitale Sammlungen der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, https://exist.ulb.tu-darmstadt.de/3/v/pa000218-0066
  5. ↑ https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/20293277
  6. ↑ „15. März 1912 – DDE“, Darmstädter Tagblatt, Digitale Sammlungen der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, https://exist.ulb.tu-darmstadt.de/3/v/pa000218-0065
  7. ↑ Internet-Portal Westfälische Geschichte: „12.3.1912: Massenstreik im Ruhrbergbau“, https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=692&url_tabelle=tab_chronologie
  8. ↑ Deutsche Biographie: https://www.deutsche-biographie.de/127811265.html 1921 in Bochum; 1919–1928 2. Vorsitzender des Verbandes der Bergarbeiter Deutschlands; seit 1928 Geschäftsführer der Ostelbischen Braunkohle GmbH
  9. ↑ In den Personenstandsregistern befindet sich keine Eintragung zu einem möglichen Opfer!
  10. ↑ Astrid Brand, 1987
  11. ↑ Internet-Portal Westfälische Geschichte: „12.3.1912: Massenstreik im Ruhrbergbau“, https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=692&url_tabelle=tab_chronologie


ⓘ Hinweis: Dieser Inhalt wurde unter Nutzung von KI erstellt und redaktionell geprüft.
Die KI-Grundlage wurde von menschlichen Bearbeiterinnen inhaltlich und sprachlich überarbeitet. KI-generierte Bilder stellen eine Interpretation dar und basieren auf überprüfbaren Vorlagen sowie den Angaben der Erstellerinnen.

Dieser Artikel, diese genealogische oder textliche Zusammenstellung bzw. dieses Bild wird von Andreas Janik (ehem. Johann-Conrad) für das Wiki der Herner Stadtgeschichte zur Verfügung gestellt und unterliegt dem deutschen Urheberrecht. Bei einer Verwendung dieser Abbildung und/oder dieses Textes – auch als Zitat – außerhalb des Wikis der Herner Stadtgeschichte ist die Genehmigung beim Autor einzuholen.