Haus Wiesmann in Herne-Sodingen – Die Geschichte einer verlorenen Institution

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
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Das ehemalige Haus Wiesmann an der Mont-Cenis-Straße 253 war weit mehr als eine Gaststätte. Über mehr als ein Jahrhundert hinweg entwickelte sich das Gebäude zu einem sozialen Mittelpunkt Sodingens, einem Treffpunkt für Bergleute, Vereine, Kirchengemeinden und Generationen von Bewohnern. Mit seinem Abriss verschwand nicht nur ein Gebäude, sondern ein bedeutendes Stück Stadtteilgeschichte.

Haus Wiesmann †
Haus Wiesmann am 29.12.2008
SodingenSodingen
🍻
Eröffnet1904
👤
InhaberHermine Wiesmann, Thomas Heese
📍
🔒
Geschlossen2013
💃
SaalJa
🎳
KegelbahnJa
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StadtbezirkOrtsteil

Geschichte

Die erste Ansicht des Hauses vor 1906
Das Haus Wiesmann nach 1906


Die Anfänge: Vom Dorf Sodingen zum Ortszentrum

Die Geschichte des Hauses reicht mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurück. Bereits am 1. Mai 1892 wurde hier ein eigenes Postamt für Sodingen errichtet. Es hat eigene Zusteller und 4 Briefkästen. Zugeordnet sind die Posthilfsstellen Hiltrop und Hiltroper Landwehr, sowie die Poststellen Börnig und Holthausen. [1] Dies zeigt die zentrale Bedeutung des Standorts in einer Zeit, als Sodingen durch den Bergbau und insbesondere die nahegelegene Zeche Mont-Cenis stark wuchs. Das Haus lag am späteren „Platz am Denkmal“, dem historischen Mittelpunkt des Stadtteils.

Vor dem Wiesmannschen Saal befand sich bereits in den 1890er Jahren ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71. Dadurch wurde der Bereich im Volksmund dauerhaft als „Platz am Denkmal“ bekannt. [2]

Eröffnung der Gaststätte

Als Gaststätte wurde Haus Wiesmann 1904 offiziell eröffnet. Das Gebäude verfügte über einen großen Saal und später auch über Kegelbahnen. In einer Zeit, in der öffentliche Versammlungsräume rar waren, übernahm das Haus wichtige gesellschaftliche Funktionen.

Besonders bemerkenswert ist, dass sich die evangelische Gemeinde Sodingen zunächst im Saal des Hauses traf. Erst später entstand ein eigenes Gemeindehaus. Haus Wiesmann war somit zeitweise auch ein religiöses und kulturelles Zentrum des jungen Ortsteils.

Die Blütezeit im Bergbauzeitalter

Mit dem Aufstieg der Zeche Mont-Cenis wurde Haus Wiesmann zu einer der wichtigsten Gaststätten im Herner Osten. Bergleute kehrten nach ihrer Schicht hier ein, Vereine hielten ihre Versammlungen ab und Familien feierten Hochzeiten, Jubiläen und Karnevalsfeste. Bis zu 14 Vereine hatten dort ihre Heimat. Dazu gehörten unter anderem Sportvereine und Bergmannsvereinigungen. [3]

In einer Zeit, in der viele Menschen in den umliegenden Zechenkolonien lebten und Wohnraum knapp war, erfüllte die Gaststätte eine wichtige soziale Funktion. Sie war Treffpunkt, Nachrichtenbörse und Wohnzimmer des Stadtteils zugleich.

Die Familie Wiesmann

Die Gaststätte wurde über Generationen von der Familie Wiesmann geführt. Besonders prägend war Hermine Wiesmann, die das Familienunternehmen in fünfter Generation fortführte. Bereits seit den 1950er Jahren arbeitete sie im Betrieb und führte ihn später gemeinsam mit Heribert Holtermann. Unter ihrer Leitung erreichte die Gaststätte ihren Ruf als „Nummer Eins in Sodingen“. [4]

Zeitzeugen berichten von einer außergewöhnlich lebendigen Atmosphäre. Die beiden Kegelbahnen waren stark frequentiert, das gastronomische Angebot galt als bodenständig und beliebt. Legendär war die sogenannte „Bremskammer“, ein kleiner Raum für Stammgäste, um den sich zahlreiche Anekdoten rankten. [5]


Wandel und Niedergang

Nach dem Ruhestand von Hermine Wiesmann und Heribert Holtermann im Jahr 1994 wechselten Eigentümer und Pächter mehrfach. Wie viele traditionelle Ruhrgebietsgaststätten hatte auch Haus Wiesmann zunehmend mit veränderten Freizeitgewohnheiten, dem Rückgang des Vereinslebens und dem Strukturwandel nach dem Ende des Bergbaus zu kämpfen. [6]


2013 wurde die Gaststätte endgültig geschlossen. Damit endete eine mehr als hundertjährige Tradition. Das Gebäude stand zunächst leer und wurde von vielen Sodingern bereits als Symbol eines verschwindenden alten Stadtteils wahrgenommen.

Abschied von einer Sodinger Legende

Im Mai 2015 fand eine große Abschiedsveranstaltung statt. Zahlreiche ehemalige Stammgäste, Nachbarn und Wegbegleiter kamen ein letztes Mal zusammen, um Erinnerungen auszutauschen. Die Veranstaltung machte deutlich, welche emotionale Bedeutung das Haus für den Stadtteil besaß. Viele bezeichneten es als „Kultkneipe“ oder „Institution“. [7]

Kurz darauf wurde das Gebäude abgerissen. An seiner Stelle entstand ein modernes Wohnprojekt mit generationengerechten und barrierefreien Wohnungen. Gleichzeitig wurde auch der angrenzende Platzbereich städtebaulich neu gestaltet. [8]

Bedeutung für die Stadtgeschichte

Haus Wiesmann steht exemplarisch für die Entwicklung vieler Ruhrgebietsorte:

  • Entstehung aus einer bäuerlichen Gemeinde.
  • Wachstum durch Bergbau und Industrialisierung.
  • Blüte als Vereins- und Arbeitergaststätte.
  • Bedeutungsverlust durch gesellschaftlichen Wandel.
  • Ersatz historischer Bausubstanz durch moderne Wohnbebauung.

Während das Gebäude verschwunden ist, lebt seine Erinnerung in den Erzählungen vieler Sodinger weiter. Für ältere Einwohner bleibt Haus Wiesmann ein Symbol der Zeit, als das gesellschaftliche Leben des Stadtteils noch in den Gaststätten, Vereinslokalen und Sälen stattfand. [9]

Fazit

Das Haus Wiesmann war nicht einfach eine Gaststätte. Es war über Generationen hinweg ein sozialer Knotenpunkt des Stadtteils Sodingen. Hier trafen sich Bergleute nach der Schicht, Vereine hielten ihre Versammlungen ab, Kirchengemeinden fanden einen Raum für ihre Treffen, und Familien feierten die wichtigen Momente ihres Lebens. Mit seinem Abriss verschwand ein markantes Bauwerk – die Erinnerungen an seine Bedeutung für Sodingen sind jedoch bis heute lebendig.

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Einzelnachweise