Gottfried Niessen (1857-1941) Musikdirektor
Gottfried Nießen (* 16. Februar 1867 in Gladbach; † 17. Januar 1941 in Dortmund) war ein deutscher Musikdirektor, Chorleiter und Kommunalpolitiker. Er wirkte unter anderem in Gladbach, Gummersbach, Düsseldorf, Herne und Recklinghausen. Neben seiner musikalischen Tätigkeit engagierte er sich politisch in der Deutschen Demokratischen Partei und war Mitglied des Herner Stadtparlaments.
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Leben und Wirken
Herkunft und frühe Jahre
Gottfried Wilhelm Heinrich Nießen wurde als Sohn des Wilhelm Heinrich Nießen und der Helena Fleskes in Gladbach geboren. Über seine musikalische Ausbildung liegen bislang keine gesicherten Hinweise vor.
Seit 1889 ist er in seiner Geburtsstadt als Musikdirektor nachweisbar. Dort gründete er mehrere Chöre und veranstaltete zahlreiche Konzerte.
Am 26. Februar 1892 heiratete er in Gladbach Sophia Helena Jansen (* 11. Februar 1870 ebenda). 1894 wurde der gemeinsame Sohn Erich in Gladbach geboren.
Tätigkeiten in Gummersbach und Düsseldorf
In den Jahren 1902 bis 1905 ist Nießen als Musikdirektor in Gummersbach belegt. 1905 erhielt er einen ehrenvollen Ruf als Chordirigent an das städtische Theater in Düsseldorf, den er annahm. Für die dortige Konzertgesellschaft „Gemischter Chor“ bedeutete sein Weggang einen erheblichen Verlust.
Vom 1. Oktober 1905 bis 1908 wirkte er als Musikdirektor in Düsseldorf (Bismarckstraße 73). In diese Zeit fällt auch die Geburt eines weiteren Sohnes.
Am 1. November 1908 wurde über die Eheleute Nießen in Düsseldorf das Konkursverfahren eröffnet.[1].
Städtischer Musikdirektor in Herne
Nießen, ein gebürtiger Gladbacher, wurde in Herne unter Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung zum Städtischen Musikdirektor ernannt. Zugleich übernahm er die Stelle als Gesanglehrer an der höheren Mädchenschule.[2]
Am 23. Januar 1910 trat eine neu gegründete Konzertgesellschaft unter seiner Leitung mit einem vielbeachteten „Volkssinfoniekonzert“ an die Öffentlichkeit. Da ein eigenes städtisches Orchester noch fehlte, wirkte ein Orchester aus Hagen mit; als Solist trat der Pianist Jinkerts auf.[3]
Am 2. August 1910 erhielt Nießen die Erlaubnis zur Leitung eines Konservatoriums der Musik in Herne. 1912 wurde ihm zudem vom Ministerium die Genehmigung zur Leitung eines Konservatoriums in Recklinghausen erteilt. Zu dieser Zeit wohnte er in der Vinckestraße 6 (II. Etage).
Affäre Nießen (1914)
Im September 1914 kam es zur sogenannten „Affäre Nießen“. In einer geheimen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wurde ihm der Titel „Städtischer Musikdirektor“ einstimmig entzogen. Zuvor hatte bereits der Magistrat einen entsprechenden Beschluss gefasst.
Hintergrund war ein Konflikt mit der Herner Konzertgesellschaft, die ihm aufgrund der kriegsbedingten Einstellung des Winterprogramms zum 1. September 1914 kündigte. Nießen wandte sich daraufhin in einem Schreiben an den kommandierenden General des VII. Armeekorps und beklagte eine aus seiner Sicht ungerechtfertigte Maßnahme sowie eine Gefährdung seiner wirtschaftlichen Existenz.
Das Generalkommando verwies in seiner Stellungnahme darauf, dass es in der Kriegszeit Pflicht der Kommunen sei, Arbeitslosigkeit möglichst zu vermeiden. Die Stadtverordnetenversammlung bewertete Nießens Vorgehen als unangemessen, da es sich um eine private Angelegenheit gehandelt habe. Der Entzug des Titels markierte einen erheblichen Einschnitt in seiner beruflichen Laufbahn.[4] Später wurde ihm der Titel wieder zugesprochen, eine genaue Datierung ist allerdings nicht bekannt.
Politisches Engagement
Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sich Nießen politisch. 1920 wurde er Vorsitzender der Demokratischen Partei in Herne. Von 1928 bis 1933 war er für die Deutsche Demokratische Partei Mitglied des Stadtparlaments.
1928 wurde ihm selbst von politischen Gegnern „sachliche und fleißige Arbeit im Dienste der Allgemeinheit“ bescheinigt.[5]
Als Festredner bei der letzten Verfassungsfeier der Stadt Herne im August 1932 beschwor er unter Berufung auf Johann Wolfgang von Goethe den republikanischen demokratischen Geist und zitierte die berühmten Verse aus Faust II:
- „Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit und das Leben,
Der täglich sie erobern muß!“
Er schloss mit dem Hochruf auf die Verfassung der deutschen Republik.[6]
Späte Jahre und Tod
Ab Mitte der 1930er Jahre wurde seine frühere Tätigkeit zwar noch gewürdigt, doch zog sich Nießen zunehmend aus dem öffentlichen Leben zurück. Da er auch Organist der israelischen Gemeinde in der Herner Synagoge.[7] war, war er in Herne spätestens nach den Prognomen und der Vernichtung der Synagoge wohl nicht mehr erwünscht. Er starb am 17. Januar 1941 in Dortmund. In der Herner Presse kein Wort über ihn.
Bedeutung
Gottfried Nießen war eine prägende Persönlichkeit des kommunalen Musiklebens im westfälischen und rheinischen Raum um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Neben seiner Tätigkeit als Chorleiter und Organisator von Konzertgesellschaften trat er auch als Gründer und Leiter von Konservatorien in Erscheinung. Sein späteres politisches Engagement zeigt ihn als Vertreter liberal-demokratischer Positionen in der Weimarer Republik.
Verwandte Artikel
- Stadtverordneten-Versammlung Herne 1928-1929 (← Links)
- Stadtverordneten-Versammlung Herne 1929-1933 (← Links)
- Heinrichstraße 18 (← Links)
Quelle
- ↑ https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/14318486
- ↑ https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/4262647
- ↑ https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/8234525
- ↑ Vgl.: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/20298015
- ↑ https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/7744927
- ↑ Vgl.: https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21285409
- ↑ https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21281045

