Ferdinand Revermann (1895-1975) Architekt: Unterschied zwischen den Versionen
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Die gemeinsamen Arbeiten von Ferdinand Revermann und Georg Gobrecht markieren damit einen wichtigen Abschnitt in der Baugeschichte Wanne-Eickels. Sie stehen für den Übergang von der traditionellen Architektur des Kaiserreichs zu den modernen Bauauffassungen der 1920er Jahre und dokumentieren den städtebaulichen Anspruch der damaligen Stadt Wanne-Eickel, trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen der Industrialisierung zeitgemäßen Wohn- und Verwaltungsbau zu schaffen. |
Die gemeinsamen Arbeiten von Ferdinand Revermann und Georg Gobrecht markieren damit einen wichtigen Abschnitt in der Baugeschichte Wanne-Eickels. Sie stehen für den Übergang von der traditionellen Architektur des Kaiserreichs zu den modernen Bauauffassungen der 1920er Jahre und dokumentieren den städtebaulichen Anspruch der damaligen Stadt Wanne-Eickel, trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen der Industrialisierung zeitgemäßen Wohn- und Verwaltungsbau zu schaffen. |
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===Bauten Gobrecht/Revermann=== |
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*[[Der Rote Block (Amtmann-Winter-Straße 5/7/9 – Wanner Straße 4/6/8/10/12 – Wibbeltstraße 7/8)]] |
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== Bürogemeinschaft mit Hermann Drüen == |
== Bürogemeinschaft mit Hermann Drüen == |
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Aktuelle Version vom 25. Juli 2026, 23:35 Uhr
Ferdinand Hugo Ewald Revermann (* 17. März 1895 in Krefeld; † 29. März 1975 in Moers) war ein deutscher Architekt, Stadtplaner und kommunaler Baubeamter. Als freischaffender Architekt prägte er zwischen 1925 und 1933 zahlreiche Wohn-, Verwaltungs- und Kirchenbauten im Ruhrgebiet. Seine Arbeiten stehen stilistisch zwischen dem Backsteinexpressionismus der 1920er Jahre und der Neuen Sachlichkeit. Bekannt wurde Revermann insbesondere durch seine Zusammenarbeit mit den Architekten Hermann Drüen und Georg Gobrecht, mit denen bedeutende Bauwerke in Bochum und Wanne-Eickel entstanden.
Von 1933 an wechselte Revermann in leitende Funktionen des gemeinnützigen Wohnungsbaus und übernahm mehrere Geschäftsführungen innerhalb der Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten in Essen. 1938 wurde er zum Stadtbaurat und technischen Beigeordneten der Stadt Moers berufen. Dort entwickelte er bis 1942 einen umfassenden Generalbebauungsplan, der sich an den städtebaulichen Leitbildern des Nationalsozialismus orientierte, jedoch kriegsbedingt weitgehend unverwirklicht blieb. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Revermann aufgrund seiner frühen Mitgliedschaft in der NSDAP aus dem öffentlichen Dienst entlassen.
Trotz seiner späteren Tätigkeit im nationalsozialistischen Staatsdienst gehört Revermann zu den bedeutenden Architekten des Ruhrgebiets der Zwischenkriegszeit. Insbesondere seine Wohnsiedlungen und Verwaltungsbauten in Bochum und Wanne-Eickel zählen heute zu den wichtigen Zeugnissen der Architekturentwicklung zwischen Expressionismus und Moderne.
Leben
Herkunft und Familie
Ferdinand Hugo Ewald Revermann wurde am 17. März 1895 in Krefeld geboren. Seine schulische Ausbildung begann an der Volksschule in Köln-Niederlahnstein, die er von 1901 bis 1906 besuchte. Anschließend wechselte er auf Oberrealschulen in Bingen und Darmstadt, wo er Ostern 1913 das Abitur ablegte.
Studium
Unmittelbar nach dem Abitur begann Revermann 1913 ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Darmstadt. Das Studium wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen und zwischen 1919 und 1921 fortgesetzt. Er war dort außerordentlicher Studierender, was auf einen zweiten Bildungsweg hinweist.
Während seiner Studienzeit gehörte Revermann mehreren studentischen Korporationen an. Seit 1915 war er Mitglied des Akademischen Stammtisches Cimbria, der 1919 in der Burschenschaft Rugia Darmstadt im Allgemeinen Deutschen Burschenbund aufging. Später trat er außerdem der Burschenschaft Sugambria Bonn sowie 1920 der Burschenschaft Normannia Heidelberg bei.
Im Anschluss an seine Studien unternahm Revermann zwischen 1922 und 1925 ausgedehnte Studienreisen nach Frankreich, Italien, Spanien und Österreich. Diese Reisen dienten der Vertiefung seiner architektonischen Ausbildung und vermittelten ihm einen umfassenden Überblick über die zeitgenössische europäische Architektur sowie historische Stadtbaukunst.
Nach Abschluss seiner Ausbildung ließ sich Revermann 1925 als freischaffender Architekt in Bochum nieder. Sein Arbeitsschwerpunkt lag zunächst im Städtebau, Wohnungsbau, der Bauplanung und der Raumkunst. In den folgenden Jahren entwickelte sich sein Büro zu einem der aktiven Architekturbüros im westlichen Ruhrgebiet.
Familie
Am 22. November 1927 heiratete Revermann in Bochum die Musiklehrerin Elisabeth Margarete Berta Drüen (* 19. August 1903 in Bochum, † nach 1975). Sie war die Tochter des Bochumer Architekten Hermann Drüen, mit dem Revermann bereits beruflich zusammenarbeitete und später zahlreiche Bauvorhaben realisierte.
Aus der Ehe ging ein Sohn hervor.
Die familiäre Verbindung zu Hermann Drüen entwickelte sich zugleich zu einer der wichtigsten Architektenpartnerschaften im westlichen Ruhrgebiet während der späten Weimarer Republik.
Architekt in Bochum (1925–1933)
Nach Abschluss seiner Studienreisen ließ sich Ferdinand Revermann im Jahr 1925 als freischaffender Architekt in Bochum nieder. Die Stadt gehörte in den 1920er Jahren zu den wirtschaftlich und städtebaulich dynamischsten Zentren des Ruhrgebiets. Das starke Bevölkerungswachstum infolge der Industrialisierung führte zu einem erheblichen Bedarf an Wohnungen, Verwaltungsgebäuden, Schulen, Kirchen und sozialen Einrichtungen. Gleichzeitig entwickelte sich Bochum zu einem Zentrum moderner Architektur, in dem Architekten wie Karl Schulte-Hobein, Gustav Oelsner, Heinrich Böll, Hermann Drüen, Georg Gobrecht und Ferdinand Revermann die Bauentwicklung entscheidend beeinflussten.
Revermann spezialisierte sich auf Wohnungsbau, Städtebau und öffentliche Bauaufgaben. Bereits seine frühen Entwürfe zeigen den Einfluss des norddeutschen und niederländischen Backsteinexpressionismus. Charakteristisch sind plastisch gegliederte Klinkerfassaden, hervorgehobene Treppenhäuser, markante Eckausbildungen sowie sorgfältig proportionierte Fensterachsen. Anders als zahlreiche Vertreter des Expressionismus verzichtete Revermann jedoch meist auf eine übermäßige Ornamentik. Stattdessen entwickelte sich seine Architektur bereits Ende der 1920er Jahre zu einer sachlicheren Formensprache, die den Übergang zur Neuen Sachlichkeit erkennen lässt.
In den Bochumer Jahren entstand der überwiegende Teil jener Bauwerke, die heute seinen Ruf als Architekt begründen. Zahlreiche Gebäude entstanden in enger Zusammenarbeit mit anderen Architekten, insbesondere mit Hermann Drüen und Georg Gobrecht. Diese Kooperationen waren für die Architektur der Weimarer Republik keineswegs ungewöhnlich. Wettbewerbe, große Wohnungsbauprojekte und öffentliche Bauvorhaben wurden häufig von Architektengemeinschaften bearbeitet, in denen sich unterschiedliche fachliche Schwerpunkte ergänzten.
Architektonische Entwicklung
Revermanns Werk lässt sich in zwei deutlich voneinander unterscheidbare Schaffensphasen gliedern.
Die erste Phase bis etwa 1928 ist durch den Backsteinexpressionismus geprägt. Die Gebäude besitzen kräftig modellierte Fassaden, hohe Satteldächer oder zurückgesetzte Dachgeschosse, sorgfältig gestaltete Eingangsbereiche sowie plastisch hervortretende Gebäudeecken. Die Materialwahl orientierte sich am hochwertigen roten Klinker, der in den Industriestädten des Ruhrgebiets als dauerhaftes und repräsentatives Baumaterial galt.
Ab etwa 1929 änderte sich seine Architektursprache deutlich. Nun dominierten klare Baukörper, horizontale Fensterbänder, flache Dachformen und eine reduzierte Fassadengestaltung. Diese Entwicklung entsprach den allgemeinen Tendenzen der Neuen Sachlichkeit, ohne jedoch vollständig mit der traditionellen Backsteinarchitektur zu brechen. Gerade diese Verbindung beider Stilrichtungen macht Revermanns Bauten heute architekturhistorisch interessant.
Zusammenarbeit mit Georg Gobrecht
In den 1920er und frühen 1930er Jahren arbeitete Ferdinand Revermann eng mit dem Architekten Georg Gobrecht zusammen. Die gemeinsame Bürogemeinschaft prägte mit mehreren Bauprojekten die Entwicklung des modernen Bauens in Wanne-Eickel. Beide Architekten standen für eine sachlich orientierte, zugleich gestalterisch anspruchsvolle Architektur, die den Anforderungen der wachsenden Industriestadt Rechnung trug.
Besondere Bedeutung erlangte die Zusammenarbeit durch den Bau des sogenannten „Roten Blocks“ an der Amtmann-Winter-Straße, der Wanner Straße und der Wibbeltstraße. Die großmaßstäbliche Wohnanlage entstand Ende der 1920er Jahre im Zuge des kommunalen Wohnungsbaus und gehört zu den herausragenden Beispielen des städtischen Wohnungsbaus der Weimarer Republik in Wanne-Eickel.
Die Anlage verbindet die für das Ruhrgebiet typische Backsteinarchitektur mit Elementen des Expressionismus und den städtebaulichen Leitbildern der Moderne. Durch die geschlossene Blockrandbebauung, die differenzierte Fassadengestaltung und die funktionale Grundrissplanung entsprach sie den zeitgenössischen Vorstellungen von gesundem und modernem Wohnen für Arbeiter- und Angestelltenfamilien. Heute steht der Gebäudekomplex unter Denkmalschutz und gilt als bedeutendes Zeugnis der Architekturgeschichte Wanne-Eickels.
Ein weiteres wichtiges Bauwerk aus dem Umfeld der Zusammenarbeit von Revermann und Gobrecht ist das ehemalige Sparkassengebäude in Wanne-Eickel. Der Bau mit seiner charakteristischen stromlinienförmigen Gestaltung wird der Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit zugerechnet. Die klare Formensprache, der Verzicht auf überflüssige Ornamente und die funktionale Gestaltung spiegeln den Wandel der Architektur in der Zwischenkriegszeit wider.
Die gemeinsamen Arbeiten von Ferdinand Revermann und Georg Gobrecht markieren damit einen wichtigen Abschnitt in der Baugeschichte Wanne-Eickels. Sie stehen für den Übergang von der traditionellen Architektur des Kaiserreichs zu den modernen Bauauffassungen der 1920er Jahre und dokumentieren den städtebaulichen Anspruch der damaligen Stadt Wanne-Eickel, trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen der Industrialisierung zeitgemäßen Wohn- und Verwaltungsbau zu schaffen.
Bauten Gobrecht/Revermann
- Hauptstraße 89 a/b
- Neubau der Elektrizitätsversorgung Wanne=Eickel eingeweiht (1930)
- Reichsstraße 28
- Märkische Straße 11
- Der Rote Block (Amtmann-Winter-Straße 5/7/9 – Wanner Straße 4/6/8/10/12 – Wibbeltstraße 7/8)
Bürogemeinschaft mit Hermann Drüen
Von besonderer Bedeutung war die Zusammenarbeit mit dem Bochumer Architekten Hermann Drüen (*24. April 1872 Bergheim; + 19. März 1961 in Bochum), einem der erfahrensten Architekten der Region. Durch die Heirat Revermanns mit Drüens Tochter Elisabeth im Jahr 1927 entstand neben der familiären auch eine enge berufliche Verbindung.
Die Bürogemeinschaft vereinte die langjährige Erfahrung Drüens im Kirchen- und Verwaltungsbau mit Revermanns moderner Formensprache. Gemeinsam entstanden innerhalb weniger Jahre mehrere bedeutende Bauwerke, die den Übergang vom expressionistischen Bauen zur klassischen Moderne exemplarisch dokumentieren.
Zu den wichtigsten gemeinsamen Projekten zählen:
- Fliednerheim, Bochum (1928) – Wohn- und Fürsorgeeinrichtung für Frauen, Mädchen und Kinder.
- Wohnhaus Prinzenstraße 29, Bochum-Hamme (1929).
- Wohn- und Geschäftshaus Gilsingstraße 1 / Hattinger Straße 77, Bochum-Ehrenfeld (1929–1930).
- Paul-Gerhardt-Haus, Bochum-Wiemelhausen (1929–1930).
Insbesondere das Paul-Gerhardt-Haus fand in Fachkreisen große Beachtung. Der Entwurf verband Gemeindesaal, Verwaltungsräume und kirchliche Einrichtungen in einem funktional gegliederten Gebäudekomplex und gehörte zu den modernsten evangelischen Gemeindezentren seiner Zeit. Obwohl das Gebäude heute nicht mehr erhalten ist, dokumentieren historische Fotografien die hohe gestalterische Qualität des Bauwerks.
Wettbewerbe und öffentliche Bauaufgaben
Neben den ausgeführten Gebäuden beteiligte sich Revermann an verschiedenen Wettbewerben und Planungen für öffentliche Bauvorhaben. Seine Arbeiten zeigen ein ausgeprägtes Interesse an städtebaulichen Zusammenhängen. Im Mittelpunkt standen dabei nicht einzelne Gebäude, sondern die Gestaltung ganzer Straßenzüge, Wohnquartiere und Platzanlagen.
Diese planerische Denkweise wurde später zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Tätigkeit im gemeinnützigen Wohnungsbau sowie als Stadtbaurat von Moers.
Einordnung der Bochumer Jahre
Die Jahre zwischen 1925 und 1933 stellen die bedeutendste Schaffensphase Ferdinand Revermanns dar. Innerhalb weniger Jahre entwickelte er sich von einem jungen Architekten zu einem anerkannten Fachmann für modernen Wohnungsbau. Seine Zusammenarbeit mit Hermann Drüen und Georg Gobrecht führte zu einer Reihe architektonisch anspruchsvoller Gebäude, die bis heute das Stadtbild von Bochum und Wanne-Eickel prägen.
Bereits in dieser Zeit zeigen sich jene Merkmale, die sein späteres Werk kennzeichnen sollten: eine funktionale Grundrissgestaltung, sorgfältige städtebauliche Einbindung, hochwertige Backsteinarchitektur und ein zunehmendes Interesse an großmaßstäblichen Siedlungs- und Stadtplanungen.
Tätigkeit in der Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten Essen
Nach dem Tod des Architekten Josef Köß im Jahr 1933 übernahm Ferdinand Revermann eine verantwortungsvolle Position im gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbau des Ruhrgebiets. In den Jahren 1933/34 wurde er zum Geschäftsführer mehrerer Bergmannssiedlungsgesellschaften bestellt, die organisatorisch mit der Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten Essen verbunden waren.
Zu seinen Aufgaben gehörte die Leitung und Weiterentwicklung verschiedener Gesellschaften, die sich mit der Planung, Finanzierung und Verwaltung von Klein- und Arbeiterwohnungen für Beschäftigte des Bergbaus und deren Familien befassten. Die Bergmannssiedlungen waren ein wesentlicher Bestandteil der sozialen Infrastruktur des Ruhrbergbaus und sollten den steigenden Wohnraumbedarf der Bergarbeiterbevölkerung decken.
Unter Revermanns Geschäftsführung standen unter anderem folgende Gesellschaften:
- Bergmannssiedlung Mülheim-Vondern GmbH
- Bergmannssiedlung Essen-Süd GmbH
- Bergmannssiedlung Essen-Nord GmbH
Darüber hinaus war Revermann mit der Kleinwohnungsbau gemeinnützige Gesellschaft mbH Essen verbunden. Bei dieser Gesellschaft wurde im Jahr 1933 der Gesellschaftsvertrag neu gefasst, wodurch die organisatorischen Grundlagen für die weitere Tätigkeit im gemeinnützigen Wohnungsbau angepasst wurden.
Die Übernahme dieser Funktionen zeigt die überregionale Bedeutung Revermanns als Architekt und Fachmann für den Kleinwohnungs- und Siedlungsbau. Während seine frühen Arbeiten in Wanne-Eickel insbesondere durch kommunalen Wohnungsbau und moderne Architektur geprägt waren, verlagerte sich sein Tätigkeitsfeld zunehmend auf die Verwaltung, Planung und Organisation größerer Wohnungsbaugesellschaften im gesamten Ruhrgebiet.
Die Tätigkeit in der Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten Essen fiel in eine Phase tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Veränderungen nach 1933. Die gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften wurden zunehmend in staatliche und wirtschaftspolitische Vorgaben eingebunden. Revermann bewegte sich damit in einem Aufgabenfeld, das zwischen architektonischer Planung, Wohnungswirtschaft und den Interessen der Montanindustrie angesiedelt war.
Stadtbaurat in Moers und Tätigkeit im Nationalsozialismus
Am 27. Mai 1938 wurde Ferdinand Revermann zum Baurat der Stadt Moers und zum technischen Beigeordneten berufen. Damit übernahm er zugleich die Leitung des Stadtbauamtes und wurde zum maßgeblichen Verantwortlichen für die städtebauliche Entwicklung der Stadt. Seine Ernennung erfolgte trotz fehlender akademischer Ausbildung als Diplomarchitekt. Unterstützt wurde seine Bewerbung durch ein Netzwerk nationalsozialistischer Funktionsträger, darunter der damalige Duisburger Oberbürgermeister Hermann Freytag sowie Parteifreunde aus seiner früheren Tätigkeit im Essener Siedlungswesen.
Revermann war bereits seit dem 1. Januar 1933 Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 1448488). Bereits vor seiner Berufung nach Moers hatte er sich im nationalsozialistischen Siedlungswesen engagiert. Seit 1933 war er als NSDAP-Kreisamtsleiter für das Siedlungswesen in Essen tätig und übernahm anschließend leitende Funktionen bei mehreren gemeinnützigen Bergmannssiedlungsgesellschaften. Seine politische Zugehörigkeit spielte bei seinem beruflichen Aufstieg eine wesentliche Rolle.
In Moers fielen seine ersten Amtsjahre in eine Zeit zunehmender Kriegsvorbereitungen und staatlicher Baubeschränkungen. Größere Bauvorhaben konnten nur eingeschränkt umgesetzt werden. Zu den realisierten Projekten gehörten unter anderem die Erweiterung des Naturfreibades Bettenkamper Meer sowie die Umgestaltung des alten Friedhofs an der Rheinberger Straße zu einer innerstädtischen Grünanlage. Außerdem setzte er sich gemeinsam mit Museumsleiter Kurt Middelhoff für eine Aufwertung des Stadtbildes ein. Nach ihren Vorstellungen erhielt die Giebelseite des historischen Rathauses neben der evangelischen Stadtkirche ein großformatiges Fresko, das die mittelalterliche Vergangenheit der Stadt hervorheben sollte.
1939 übernahm Revermann ehrenamtlich den Vorsitz des Vorstandes des Moerser Gemeinnützigen Wohnungsvereins. In dieser Funktion war er auch am Wohnungsbau der Stadt beteiligt. Das bedeutendste von ihm in Moers umgesetzte Bauprojekt war die sogenannte Treibstoffsiedlung an der Homberger Straße, die 1939/40 durch den Bauverein Moers errichtet wurde. Die Wohnanlage entstand vor allem für Beschäftigte des kriegswichtigen Meerbecker Treibstoffwerkes und entsprach den damaligen städtebaulichen Vorstellungen einer aufgelockerten Bebauung mit Grünflächen, Nutzgärten und größeren Gebäudeabständen. Diese Bauweise sollte auch den Anforderungen des Luftschutzes Rechnung tragen.
Der Generalbebauungsplan für Moers 1938–1942[1]
Eine zentrale Rolle in Revermanns Tätigkeit spielte der von ihm entwickelte Generalbebauungsplan Moers 1938–1942. Das umfangreiche Planwerk umfasste 55 Einzelpläne und behandelte nahezu alle Bereiche der Stadtentwicklung – von der regionalen Einbindung über Verkehrsfragen bis hin zu einzelnen Wohnquartieren.
Der Plan verband moderne städtebauliche Elemente wie Grünzüge, aufgelockerte Wohnbereiche und funktionale Stadtgliederung mit den ideologischen Leitbildern des Nationalsozialismus. Vorgesehen war eine nach sozialen Gruppen und Funktionen gegliederte Stadt mit Kleinsiedlungen, Volkswohnungen, Gewerbebereichen, landwirtschaftlichen Flächen und repräsentativen öffentlichen Räumen.
Besonders deutlich zeigte sich die politische Prägung in den Planungen für die Moerser Innenstadt. Vorgesehen waren großflächige Aufmarschplätze, neue Verwaltungs- und Parteigebäude sowie monumentale Bauwerke für nationalsozialistische Repräsentationszwecke. Der damalige Hindenburgplatz (heute Neumarkt) sollte zu einem zentralen „Platz der Bewegung“ mit Ehrenmal, Kolonnaden und Parteigebäuden umgestaltet werden. Teile der historischen Bebauung wären zugunsten dieser repräsentativen NS-Architektur verändert oder beseitigt worden.
Der Generalbebauungsplan entsprach damit den städtebaulichen Vorstellungen des NS-Regimes, die eine hierarchisch organisierte „Volksgemeinschaft“ auch im Stadtbild sichtbar machen sollten. Eine Umsetzung der weitreichenden Planungen erfolgte jedoch nicht. Mit zunehmender Kriegsdauer wurden die Arbeiten eingeschränkt und schließlich eingestellt.[2]
Tätigkeit bei der Organisation Todt
Neben seiner Tätigkeit als Stadtbaurat von Moers war Ferdinand Revermann während des Zweiten Weltkrieges auch mit Aufgaben für die nationalsozialistische Organisation Todt (OT) verbunden. Am 12. August 1940 wurde er zum Hauptbauführer der Organisation Todt ernannt. Die tatsächliche Abordnung erfolgte jedoch erst in der späteren Kriegsphase.
Die Organisation Todt war eine paramilitärisch organisierte Bautruppe des nationalsozialistischen Deutschen Reiches. Sie wurde 1938 von Fritz Todt gegründet und nach dessen Tod 1942 von Albert Speer als Reichsminister für Bewaffnung und Munition weitergeführt. Ihre Aufgabe war die Durchführung großer militärischer und kriegswichtiger Bauvorhaben, darunter Befestigungsanlagen, Verkehrswege, Rüstungsanlagen und Infrastrukturprojekte in den besetzten Gebieten Europas.
Die Organisation Todt griff in großem Umfang auf Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zurück. Millionen Menschen wurden unter oft lebensgefährlichen Bedingungen für die Bauvorhaben der OT eingesetzt. Die Tätigkeit innerhalb dieser Organisation war daher eng mit der Kriegswirtschaft und dem Zwangsarbeitssystem des NS-Staates verbunden.
Im Jahr 1944 wurde Revermann von seinem Amt als Stadtbaurat in Moers zur Organisation Todt abgeordnet. Von August bis Dezember 1944 war er als Hauptbauführer eingesetzt und dem OT-Durchgangslager Eichkamp in Berlin zugeteilt. Dieses Lager diente der Organisation Todt als Sammel- und Durchgangsstelle für Arbeitskräfte, die anschließend verschiedenen Bauvorhaben zum Ausbau von Infrastrukturprojekten im besetzten Gebiet des sogenannten Gaus Danzig-Westpreußen zugewiesen wurden.
Die Abordnung Revermanns erfolgte in einer Phase, in der die nationalsozialistische Bauorganisation zunehmend unter den Bedingungen des totalen Krieges stand. Seine Tätigkeit bei der Organisation Todt stellt einen weiteren Abschnitt seiner beruflichen Einbindung in staatliche und militärische Bauaufgaben des NS-Regimes dar.
Entlassung nach 1945
Seine Tätigkeit als Stadtbaurat in Moers endete nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes.
Nach der Einnahme Moers durch amerikanische Truppen im März 1945 wurde Revermann von der britischen Militärregierung im Juni 1945 mit sofortiger Wirkung aus seinen Ämtern als Stadtbaurat und technischer Beigeordneter entlassen. Ausschlaggebend war insbesondere seine frühe Mitgliedschaft in der NSDAP sowie seine Förderung durch ein Netzwerk führender Nationalsozialisten.
Die umfassenden NS-geprägten Umbauplanungen für Moers wurden erst Jahrzehnte später wieder bekannt. Ein Zufallsfund im Jahr 2016 machte die bislang weitgehend unbekannten Entwürfe Revermanns öffentlich und führte zu einer erneuten historischen Auseinandersetzung mit seiner Rolle als Architekt und Stadtplaner während der NS-Zeit.
Die Akten seiner Entnazifizierung zeigen den Weg vom zwangweisen Rauswurf, der Anerkennung der Dienstentfernung, einem 1948 erfolgten Revisionsverfahren zu Kategorie IV. ohne Einschränkung und der letztendlichen Einstufung in Kategorie: V. ende 1949.
Er bemühte sich in den nächsten Jahren unentwegt um eine Wiederverwendung zu der es aber nicht kam. Letztendlich wurde Revermann nach acht Jahren Nichtbeschäftigung mit Ablauf seiner Amtszeit 1953 in den endgültigen Ruhestand versetzt.[3]
In dieser Zeit arbeitete er als Privatarchitekt wiederum mit seinem Schwiegervater Hermann Drüen zusammen.
Ferdinand Revermann starb am 29. März 1975 in Moers. Zuletzt war er wohnhaft in der Dr.-Hermann-Boschheidgen-Straße 3.
Archive
- Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland - NW 1000-EÜ / SBE Hauptausschuss Regierungsbezirk Düsseldorf NW 1000-EÜ, Nr. 7306 - Entnazifizierung Ferdinand Revermann, geb. 17.03.1895 (Architekt)[4]
- Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland - NW 1037-BI / SBE Der Sonderbeauftragte für die Entnazifizierung im Lande NW NW 1037-BI, Nr. 845 - Entnazifizierung Ferdinand Revermann , geb. 17.03.1895 (Architekt) [5]
- Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland - NW 1012 / SBE Hauptausschuss Landkreis Moers NW 1012, Nr. 12801 - Entnazifizierung Bertha Revermann , geb. 19.08.1903 (Musiklehrerin)[6]
- Stadtarchiv Moers - 2022 Teilnachlass Ferdinand Revermann
- Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland - BR 0007 / Regierung Düsseldorf BR 0007, Nr. 47693 - Personalakten Beigeordneter Baurat Ferdinand Revermann in Moers * 1895 - Laufzeit1941
- Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen - 4.302 / Kirchengemeinde Wiemelhausen, Nr. 293 - Mappe des Architekten Ferdinand Revermann zum Neubau des Paul-Gerhardt-Hauses - Laufzeit1929 – 1930 - Enthält: Grundriss des Erdgeschosses; 18 Fotos mit Außen- und Innenansichten des Gemeindehauses
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Einzelnachweise
- ↑ https://rp-online.de/nrw/staedte/moers/nazi-plaene-fuer-moers-entdeckt_aid-9687059
- ↑ https://gmgv-moers.de/publikationen/staedtebauliche-entwicklung-von-moers-im-20-jahrh-teil-2-/
- ↑ https://gmgv-moers.de/publikationen/staedtebauliche-entwicklung-von-moers-im-20-jahrh-teil-2-/
- ↑ https://www.archive.nrw.de/archivsuche?link=VERZEICHUNGSEINHEIT-Vz_0c290613-f3bf-4328-a4f5-bfb771a2ddfa
- ↑ https://www.archive.nrw.de/ms/search?link=VERZEICHUNGSEINHEIT-Vz_6f17180e-d5a1-433d-9f8c-07cab80b222b
- ↑ https://www.archive.nrw.de/archivsuche?link=VERZEICHUNGSEINHEIT-Vz_acf16735-72f4-40dd-a435-9fa04299f72a

