Wasser - Lebenselement im alten Herne

Von Karl Brandt

Wasser - Lebenselement im alten Herne


DIE BÄCHE IN UNSEREM SIEDLUNGSRAUM

Wer heute in Herne einen Bach sehen will, der muss danach schon suchen, denn unsere Stadt ist zu einer Zivilisations- und Pflasterlandschaft geworden. Von der ursprünglichen Bodenform ist nicht mehr viel erkennbar geblieben, obwohl in früherer Zeit vor allen Dingen der natürliche Wasserhaushalt mit Quellen und Bächen, gleichrangig, ja vielfach vorrangig, mit der Bodenzusammensetzung und Oberflächenform bestimmend für die menschliche Ansiedlung gewesen sind.
- Heute spielen diese natürlichen Faktoren überhaupt keine Rolle mehr. Die heutigen Menschen glauben, die Natur überwunden zu haben. Die Wirtschafts- und Wohnweise hat sich gegenüber den langen Zeiträumen enger Naturabhängigkeit und Naturverbundenheit grundlegend geändert.

Alle unsere heimischen Bäche sind seit vielen Jahren ganz oder teilweise eingerohrt, namentlich ihre Unterläufe, weil sie durch die Ballungsräume unserer Stadt fließen. Aber auch die Oberläufe einiger Bäche sind nicht mehr sichtbar, so der des Westbaches, der gleich unterhalb der Vödestraße aus mehreren Quellen entsprang, und zwar in nächster Nähe des ehemaligen Kottens Abendroth. In einer Böschung zur Vödestraße entsprangen in einer Wiese mehrere Quellen. Wie auf der Gewässerkarte erkennbar, hatte der Westbach an seinem Oberlauf zwei Quellarme, deren Verlauf wegen des großen Maßstabes weniger in Erscheinung tritt. Der kurze östliche Arm entsprang dicht westlich vom Hof Weusthof (Wiescherstraße), und war bis zu seiner Einmündung in den Hauptarm ungefähr einen Kilometer lang. Wenig östlich der Bochumer Straße, im Dreieck Bochumer-, Jean-Vogel-Straße und Südwestende der Düngelstraße floss der östliche Seitenarm in den Hauptarm.

Auch unsere Herner Quellen sprudelten umso reicher, je mehr Niederschläge zu verzeichnen waren. Überhaupt waren und sind unsere Bäche entscheidend vom Regenniederschlag und weniger von der Schneeschmelze abhängig. Ohne ihn gibt es bei uns keine Quellen.

In Herne günstiger Untergrund - daher auch sehr frühe Besiedlung

Um das zu erklären, müssen wir uns die Boden Beschaffenheit vorstellen. Hernes Untergrund besteht aus Sanden, Kieslagen. Lehmen und tonigen Schichten, die das Regenwasser durchlassen. Aber nur durch diese Schichten dringt der Niederschlag. Unter ihnen liegt der wasserundurchlässige Emschermergel und gerade deswegen haben wir die vielen Quellen. Meistens liegt sofort über dem grauen Emschermergel eine dünne Schicht Kiese. Auf der Mergeloberfläche staut sich das Wasser und kann in der Kiesschicht leicht zirkulieren. Im Herner Süden, von woher die meisten Bäche kamen, steigt das Gelände zum sogenannten Hochplateau von Castrop-Rauxel, Herne und Bochum an, dessen höchster Punkt bei 136 m ü. NN liegt, also extrem gesehen 80- 85 m höher als etwa das Gelände in der Nähe vom Schloss Strünkede.

Dieses Hochplateau mit den Bochumer Stadtteilen Hiltrop, Gerthe, Harpen und Grumme ist fast geschlossen von Lößlehm bedeckt, unter dem in etwa 3 m Tiefe der reine Löß beginnt. Wo der Löß samt oberem Lößlehm über 5m mächtig ist, lässt er keine Niederschlagwasser mehr durch. - Es gibt auf dem Messtischblatt Herne Lößmächtigkeiten von um 10 m! Wir haben daher nur dort Quellen, wo der Löß nicht sehr mächtig ist. Dies ist meist tief an den Hügelhängen des Hochplateaus der Fall.

Hier muss das Grundwasser, das ja nicht durch den Emschermergel versickern kann, irgendwo am Talhang austreten und das geschieht meistens um 70 - 80 m ü. NN. Das sind also dann die Quellen, die Ursprünge der Herner Bäche.

Wie der Westbach, so hatte auch der Ostbach mehrere Quellen, und zwar vier, die sich tief (rückwärts) in die Hügelhänge von Bochum-Hiltrop zwischen der Frauenlobstraße und Hiltroper- Landwehr eingeschnitten hatten. Der nördlichste Quellarm beginnt am Hof Heiermann hinter dem Gysenberg.

Außer dem West- und Ost-Bach kommen noch weitere Herner Bäche von den Hängen des Hochplateaus, so der Sodinger Bach, der Börniger Bach (dessen östlichster Quellarm Köttlingsbach hieß), der kurze Holthauser Bach, der mit dem kleinen Roßbach zusammenfloss und in den Landwehr-Bach mündet. Letzterer hat auf Castroper Gebiet drei Quellarme und ist der längste Bach im engeren Heimatgebiet.
Im vorstehenden wurden die Herner Bäche bis auf den Schmiedesbach genannt. Er entspringt abseits des Hochplateaus im Westen von Herne. Er ist der einzige nennenswerte Bach im Stadtteil Baukau. Alle übrigen fließenden Wässerlein waren nur kurze Quellrinnsale, die es nicht zum kräftigen Bach gebracht haben.

Bäche und Siedlungen

Wie sehr Bachläufe zu der Anlage von Siedlungen in alter Zeit anregten, sehen wir auch an dem alten Dorf Herne, zuerst 890 n. Chr. als Haranni bekannt. Das eigentliche Dorf um die alte Dionysius-Pfarrkirche lag zwischen zwei Bächen, zwischen Ost- und Westbach. Beide Bäche hatten sich weit unterhalb des Dorfes, kurz vor dem Dreieck Bahnhof-Bismarck-Straße vereinigt, wobei der Ost- in den Westbach floss. So vereinigt flossen sie, nun als "Beeke" benannt, am Schloss Strünkede vorbei zur Emscher. Doch vorher unterfloss die "Beeke" in Höhe der Forell-Straße die Bahnhofstraße, um sich dann etwa 100 m in die Hafenstraße hinein nach Norden zu wenden.

Wichtige Wasserkraft

Von hier bis zur Mündung trieb sie früher eine Papiermühle. Der große liegende dicke Mühlstein aus schwarzer Basaltlava auf dem Schlosshof von Strünkede stammt von dort, ist aber, hochkant gestellt, im Kollergang zum Zerkleinern von Lumpen und Altpapier verwendet worden, wie es auch der Stein selbst durch seine entsprechenden Abnutzungsspuren ausweist.

Unsere Herner Hauptbäche, der Ost- und der Westbach, haben in alter Zeit mehrere Mühlen angetrieben. Der Ostbach vom Gysenberg an die Gysenberger-Mühte, die Sodinger-Mühle (die beide zu den gleichnamigen adligen Häusern gehörten), die Wiescher-Mühle, zwischen der Mühlen- und heutigen Dornstraße, dann die Ölmühle von Funkenberg und schließlich wenig nördlich der Hafenstraße die Papiermühle. Der Westbach hatte nur eine einzige Mühle anzutreiben, die von Overkamp.

Ein Name - zwei Begriffe

Nun hat es im gesamten Stadtgebiet kleine, also kurze Quellrinnsale gegeben, die man bei uns in der Übertragung des eigentlichen Namens für ein Wiesental als "Siepen" bezeichnet, obwohl ursprünglich unter "Siepen" eine feuchtnasse Niederung von begrenzten Ausmaßen verstanden wurde, die eben meistens ein kleines Rinnsal zum Talausgang hatte. So auch der Siepen im Bereich der heutigen Siepenstraße, nach dem diese Straße benannt wurde. Der schmale Abfluß verlief in nordwestlicher Richtung über die Schmiede- und Shamrockstraße, um sich hinter dem Alten Amtsgericht bis zur Kirchhofstraße zu verlaufen.
Diese Kleinstbäche oder Siepen waren aber für die Anlage von Rastplätzen und Siedlungen seit den Steinzeiten durchaus ebenso von Belang, wie die größeren Bäche. An dem vorgenannten Siepen haben wir zwischen den beiden genannten Straßen eine Siedlung aus der Alteisenzeit, um 800 v. Chr. - Wahrscheinlich dazu eine solche vom Ende der Jungsteinzeit (Becher- oder Einzelgrabkultur - um 1600 v. Chr.). In der letzten Hälfte des Mittelalters ist dieser Bereich auch bewohnt gewesen, wie zahlreiche Tongefäßreste ausweisen.
Im Bereich des Stadtbades bis zum ehemaligen Hof Bergelmann sind spärliche Siedlungsreste aus den ersten vier Jahrhunderten nach Christi Geburt gefunden worden, darunter das Bruchstück einer römischen grünlichen Melonenperle.
Leider sind wir in diesem Bereich trotz der günstigen Eigentumssituation mit unseren Bodenuntersuchungen nicht zum Zuge gekommen.
Wenn wir nun unsere Bäche auch als Siedlungsfaktoren betrachten, so ist festzustellen, dass tatsächlich an jedem Bach bei uns Siedlungsspuren aus Jahrtausenden festzustellen sind, und zwar von der Mittelsteinzeit an (Jüngere Kleinsteingerät-Kultur, um 5000 v. Chr.). Diese finden sich allerdings nur im nördlichen Stadtteil auf Sandböden. Im Südteil, wo wir Lößböden haben, sind andere steinzeitliche Kulturen zu erwarten, denen wir auch auf die Spur gekommen sind. Die Ausgrabung dieser Siedlungen hatte ich mir als Beschluss meiner Forschungsarbeiten vorgenommen, wurden aber 1964 leider unterbrochen. Es kam nicht mehr zu dieser Grabung. Wohl niemand wird sie nun vorerst wiederfinden oder gar ausgraben.
- Diese bäuerlichen Siedlungen auf Herner Gebiet reichen nachweislich in die Zeit um 4000 v. Chr. zurück.

Auf der Wasserscheide zwischen Emscher und Ruhr

Nun noch einen Hinweis auf die heimatliche Wasserscheide zwischen Emscher und Ruhr. Das vorher genannte Hochplateau im Süden unserer Stadt ist auch die Wasserscheide für die beiden Flüsse. Alle Bäche und Quellrinnsale die am Nord- und Westhang entspringen, teils weit im Hochplateau selbst (beispielsweise der Dorneburger und der Grummer Mühlenbach), entwässern zur Emscher.

Die Bäche und Quellen am Ost- und Südostabhang fließen zur Ruhr. In der Mehrzahl werden sie zunächst vom Ölbach aufgenommen, der am Südostrand von Mittel-Stiepel in die Ruhr mündet. Die Bochumer Stadtteile Bergen, Hiltrop, Gerthe und Kirchharpen liegen auf der Wasserscheide, die ungefähr von Süden nach Norden 2 km lang und 1,5 km breit ist. Die Bäche reichen teils weit in diese Stadtteile hinein.

Das Gebiet dieser Wasserscheide habe ich seit 20 Jahren zum räumlichen Mittelpunkt meiner Grabungsforschungen über frühe Ansiedlungen gemacht, zumal hier dasjenige zu finden ist, was im sandigen Teil von Herne (und das ist etwa die Hälfte) nicht zu finden ist.

Hier auf der Wasserscheide, die ringsum von Dutzenden Quellen umgeben ist, liegt der Löß oberflächig und gerade. Ihn haben die ältesten Bauernsiedler fast ausschließlich als Siedlungsboden ausgewählt, die Bandkeramische und die Rössener Kultur. Dutzende von Ansiedlungen aus dieser fernen Zeit (um 4000 v. Chr.) habe ich festgestellt; jedes Jahr kommen einige hinzu (Im Laufe dieses Jahres 1965 schon drei!). Hier von der Wasserscheide aus habe ich mich behutsam an das angrenzende Herner Lößgebiet "herangearbeitet", und siehe da, im äußersten Herner Südosten findet diese Massierung von erstaunlich vielen Ansiedlungen ihre Fortsetzung! Zwei dieser frühen Ansiedlungen liegen teils auf Bochumer und teils auf Herner Gebiet.

Finden wir in Herne selbst entlang der Bäche und Quellrinnsale die vor- und frühgeschichtlichen Siedlungen in Abständen, so auf der Wasserscheide dicht gehäuft, eben, weil hier besonders viele Quellen auf kleinem Raum liegen.

Brunnen machten Ansiedlung freizügiger

So haben wir denn gesehen, wie wichtig unsere Bäche in früherer Zeit für die vorgeschichtlichen Siedlungen als lebenswichtige Wasserversorgung und als Schutz gewesen sind. Sie waren aber auch noch in geschichtlicher Zeit nützlich, da sie die Mühlen antrieben und schließlich für die Entwässerung sorgten.

Lagen die alten Siedlungen auf den Terrassen der Bäche, besser noch am Rande derselben, gleich oberhalb der Bäche, so beweisen die entsprechenden Bodenfunde, dass etwa von 1.000n. Chr. an, die bäuerlichen Siedlungen vom Rande des gesamten jeweiligen Besitztums in die Mitte rückten, denn jetzt wurde der Brunnenbau als Grundlage der lebenswichtigen Wasserversorgung allgemein. [1]

Einen weiteren Text zum Thema Gewässer: Die ersten "Badeanstalten" in Herne

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Quellen