Wirtschaft „Zur Waldeslust“ - Herne - Constantin
Die Wirtschaft „Zur Waldeslust“ - Wiescherstraße 182 / Constantinstraße - war ein Ausflugslokal und späteres Beamtenkasino der Gewerkschaft Constantin der Große in der Herner Mark. Das zwischen 1895 und 1896 von dem Gastwirt und Schreiner Franz Wehling errichtete Lokal entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem der beliebtesten Ausflugsziele im damaligen Landkreis Bochum. Es lag am Rande des Constantiner Wäldchens in unmittelbarer Nähe der Schachtanlage Zeche Constantin der Große 4/5.


Geschichte
Kurz nach dem Beginn der Abteufarbeiten der Schachtanlage Constantin 4/5 ließ Franz Wehling am Waldrand der Herner Mark eine großzügige Waldwirtschaft errichten. Bereits 1896 berichtete die Herner Presse ausführlich über das neue Ausflugslokal. Die Anlage wurde als landschaftlich außergewöhnlich reizvoll beschrieben. Besucher gelangten von der damaligen Wirtschaft Bönnighaus an der Herner Straße in Bochum-Hiltrop über Wald- und Flurwege innerhalb von etwa zwanzig Minuten zur Waldeslust.
Das Anwesen erstreckte sich terrassenförmig den bewaldeten Hang hinauf und bot zahlreiche schattige Sitzplätze, Waldlauben und überdachte Veranden. Von der obersten Terrasse eröffnete sich ein weiter Blick über große Teile des westfälischen Steinkohlenreviers. Das Gasthaus selbst lag unmittelbar an einem Eichenhain und galt als besonders komfortabel eingerichtet.
Zeitgenössische Berichte lobten sowohl die landschaftliche Lage als auch die Gastfreundschaft des Wirtes Franz Wehling.
Beliebtes Ausflugslokal

Da es Ende des 19. Jahrhunderts in der näheren Umgebung Hernes nur wenige größere Gartenwirtschaften gab, entwickelte sich die Waldeslust rasch zu einem beliebten Ziel für Spaziergänger, Vereine und Familien. Die Besucher erreichten das Lokal überwiegend über die damals noch kurvenreiche Wiescherstraße.
Die weitläufige Gartenanlage bot Platz für zahlreiche Veranstaltungen und Vereinsfeste. Zeitzeugen erinnerten sich später an die lauschigen Plätze, die über Serpentinen miteinander verbunden waren. Der Garten konnte zeitweise bis zu 1.500 Besucher aufnehmen.
Übernahme durch die Gewerkschaft Constantin
Mit der zunehmenden Erweiterung der benachbarten Zechenanlagen verschlechterten sich die Standortbedingungen. Rauch, Staub und Grubengase beeinträchtigten die Vegetation sowie den Erholungswert der Anlage. Nachdem Beschwerden gegen die Zeche erhoben worden waren, erwarb die Gewerkschaft Constantin der Große schließlich das gesamte Anwesen.
Die ehemalige Waldwirtschaft wurde anschließend zum Beamtenkasino der Zeche umgestaltet und blieb weiterhin gastronomisch genutzt.
Heinrich Tünnesen
Im Jahr 1905 übernahm der aus Altenbochum stammende Gastwirt Heinrich Tünnesen die von der Gewerkschaft Constantin verpachtete Gastwirtschaft an Schacht 4/5. Nach seiner Heirat mit Hedwig Koebe aus Altena im Jahr 1907 führten beide den Betrieb gemeinsam.
Während der starken Expansion der Zeche bewirtete Tünnesen neben den einheimischen Bergleuten auch zahlreiche angeworbene Spezialarbeiter, darunter italienische Gesteinshauer, später Arbeiter aus Sachsen und Schlesien. Zeitweise eignete er sich sogar italienische Sprachkenntnisse an, um seine Gäste besser bedienen zu können.
Unter seiner Leitung entwickelte sich die Gastwirtschaft zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt der Constantiner Kolonie.
Vereinsleben
Die Waldeslust war über Jahrzehnte ein bedeutender Treffpunkt des örtlichen Vereinslebens.
Hier trafen sich unter anderem
- der Brieftaubenverein „Luftbote“,
- der Männergesangverein Constantin,
- die Schachtkapelle,
- zahlreiche Knappen- und Bergmannsvereine.
Am 9. März 1930 wurde in der Gastwirtschaft Tünnesen der Sportklub Herner Mark gegründet, aus dem der heutige SC Constantin 1930 Herne-Mark hervorging. Bereits wenige Wochen später stellte die Gewerkschaft Constantin ein Gelände an der Waldschule für den Bau des ersten Sportplatzes zur Verfügung.
Ereignisse
Die zeitgenössische Presse berichtete mehrfach über Vorfälle in der Waldeslust:
- 1906 kam es zu Ausschreitungen kroatischer Arbeiter, die nach ihrer Ausweisung aus der Gastwirtschaft Fensterscheiben einschlugen und mit Revolvern auf das Gebäude schossen. Personen wurden dabei nicht verletzt.
- 1907 eskalierte während eines Vereinsfestes ein Streit zu einer Messerstecherei mit mehreren Schwerverletzten.
- 1913 begann in der Waldeslust ein späterer Straßenraub, bei dem zwei russisch-polnische Bergarbeiter einen Herner Schreiner überfielen und beraubten.
Diese Vorfälle spiegeln die soziale Situation der stark wachsenden Bergarbeitergemeinden jener Zeit wider.
Bedeutungsverlust
Mit der weiteren Vergrößerung der Schachtanlage musste die große Gartenwirtschaft schrittweise aufgegeben werden. Das Gelände wurde für betriebliche Zwecke der Zeche benötigt. Der einst weitläufige Biergarten verschwand vollständig.
Die Gastwirtschaft selbst blieb jedoch weiterhin als Kasino und Gaststätte der Gewerkschaft Constantin erhalten und wurde von Heinrich Tünnesen über Jahrzehnte erfolgreich geführt.
1935 ehrte das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe des Polizeipräsidialbezirks Bochum Heinrich Tünnesen für seine langjährige Tätigkeit.
Nach dem Krieg und dem einsetzen des Niedergangs der Kohleförderung wurde die Gaststätte geschlossen. Heute sind die ehemaligen Räume zu Wohnzwecke umgebaut, von der einstigen Bedeutung des Ortes künden nur Ansichtskarten und Bilder.
Bedeutung
Die Waldeslust zählt zu den frühesten großen Ausflugslokalen der Herner Mark. Sie dokumentiert den Wandel der ehemals ländlichen Gegend zu einem industriell geprägten Stadtteil. Gleichzeitig war sie über Jahrzehnte gesellschaftlicher Mittelpunkt der Constantiner Kolonie und Ausgangspunkt zahlreicher Vereinsgründungen.
Literatur
- Herner Zeitung, verschiedene Ausgaben 1896–1935.
- Zeitgenössische Erinnerungsberichte zur Constantiner Kolonie.
- Vereinschronik des SC Constantin 1930 Herne-Mark.

