Viktor Kauder (1899-1985) Bibliothekar
Viktor Kauder (* 25. Dezember 1899 in Lodz, Russisches Kaiserreich; † 2. Juli 1985 in Zirl, Tirol) war ein deutscher Bibliothekar, Publizist und Volkstumsforscher. Er beschäftigte sich insbesondere mit der Geschichte und dem kulturellen Leben der Deutschen in Polen und Oberschlesien. In der Nachkriegszeit wurde er Leiter der Bücherei des Deutschen Ostens in Herne. Aufgrund seiner Tätigkeit in der deutschen Volkstumsforschung und seiner publizistischen Arbeit gehört Kauder zu den Vertretern der völkischen Wissenschaften des 20. Jahrhunderts.
Leben und Ausbildung
Viktor Kauder wurde am 25. Dezember 1899 in Lodz geboren. Während seiner Studienzeit in Wien kam er mit den damals verbreiteten Vorstellungen der Volkstums- und Kulturbodenforschung in Berührung. Nach den Forschungen des Historikers Wolfgang Kessler wurde Kauders volkstumspolitisches Denken insbesondere durch den österreichischen Philosophen und Soziologen Othmar Spann beeinflusst.
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wandte sich Kauder zunehmend der Erforschung der deutschen Bevölkerung in den östlichen Gebieten Europas zu. Dabei verband er bibliothekarische und publizistische Arbeit mit der Organisation kultureller Einrichtungen.
Tätigkeit in Polen und Oberschlesien
Kauder arbeitete zunächst in Polen und entwickelte sich zu einem Organisator des deutschen Bibliotheks- und Kulturwesens. Einen Schwerpunkt bildete die deutsche Bevölkerung in Oberschlesien und anderen polnischen Gebieten.
1932 erschien unter seiner Herausgeberschaft das Werk Das Deutschtum in Polnisch-Schlesien. Ein Handbuch über Land und Leute. Es war Teil der Reihe Deutsche Gaue im Osten. Weitere Veröffentlichungen und Herausgeberschaften beschäftigten sich mit der deutschen Bevölkerung in Polen und deren Siedlungs- und Kulturgeschichte.
Kauder war außerdem an der Herausgabe verschiedener Schriftenreihen beteiligt, darunter Ostdeutsche Forschungen, Deutsche Gaue im Osten, Ostdeutsche Heimatbücher und Ostdeutsche Heimathefte. Gemeinsam mit Alfred Lattermann gab er die Deutschen Monatshefte in Polen heraus.
Volkstumsforschung und Nationalsozialismus
Kauders wissenschaftliche Tätigkeit ist im Zusammenhang mit der sogenannten Volkstums- und Kulturbodenforschung zu betrachten. Diese Forschungsrichtung ging davon aus, dass sich deutsche kulturelle und sprachliche Einflüsse auch außerhalb der politischen Grenzen des Deutschen Reiches nachweisen ließen. In der Zwischenkriegszeit diente diese Forschung vielfach dazu, Ansprüche auf die politische und kulturelle Zugehörigkeit bestimmter Gebiete zu begründen.
Kauder gehörte zu einem Netzwerk von Forschern, das sich mit der deutschen Bevölkerung in Polen und anderen ostmitteleuropäischen Gebieten beschäftigte. Bei der Eröffnung des Instituts für deutsche Ostarbeit in Krakau wurde er während der deutschen Besatzung Polens neben anderen Forschern als einer der führenden Vertreter der volksdeutschen Forschung genannt.
Die Tätigkeit Kauders muss deshalb deutlich von einer heutigen, wertneutralen Regional- oder Siedlungsgeschichte unterschieden werden. Seine Arbeiten waren in ein politisch und national geprägtes Verständnis von „Deutschtum“ eingebunden. Die Forschung hat dabei sowohl Kontinuitäten als auch Brüche zwischen der völkischen Forschung der Zwischenkriegszeit, der nationalsozialistischen Zeit und der späteren Vertriebenenforschung herausgearbeitet.
Nachkriegszeit und Herne
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Kauder seine bibliothekarische und publizistische Tätigkeit fort. Eine wichtige Station seines späteren Lebens war Herne, wo er Gründer und langjähriger Leiter der Bücherei des Deutschen Ostens war. Diese Einrichtung widmete sich dem Sammeln und Bewahren von Literatur und Quellen zur Geschichte der Deutschen in den östlichen Gebieten Europas.
Kauders Tätigkeit in Herne ist insbesondere vor dem Hintergrund der Nachkriegsgeschichte und der Organisation der Vertriebenen- und Ostforschung von Bedeutung. Die Bücherei stellte Literatur und Materialien zur Verfügung, die für die Beschäftigung mit den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten in Ostmitteleuropa von Bedeutung waren.
Der Historiker Wolfgang Kessler hat Kauders Lebensweg deshalb unter dem Gesichtspunkt der Kontinuität „völkischen Denkens“ untersucht. Ein entsprechender Beitrag behandelt ausdrücklich die Stationen seiner Jugend und Studienzeit, seine Tätigkeit in Posen und Oberschlesien, seine publizistische Arbeit sowie seine spätere Tätigkeit in Herne.
Ehrungen
- Bundesverdienstkreuz
- Träger des Oberschlesischen Kulturpreises des Landes Nordrhein-Westfalens.[1]
Veröffentlichungen
Zu Kauders Veröffentlichungen und Herausgeberschaften gehören unter anderem:
- Vom Stande. Berlin 1923.
- Das Deutschtum in Polnisch-Schlesien. Ein Handbuch über Land und Leute. Günther Wolff, Plauen 1932.
- Das Deutschtum in Polen. Ein Bildband. Wolff zu Plauen, 1937; spätere Neuauflage bei S. Hirzel, Leipzig 1942.
- Das Deutschtum in der Wojewodschaft Schlesien. Hirzel, Leipzig 1937.
- Das Deutschtum in Polen, herausgegeben in Verbindung mit weiteren Autoren.
- gemeinsam mit Kurt Lück: Deutsch-Polnische Nachbarschaft. Lebensbilder deutscher Helfer in Polen. Würzburg 1957.
- Kauder, Viktor: Heimatbildung: Grundsätzliches zur Volksbildung, Band 1 von Der Aufbau.1, 1923, 16 S.
- Kauder, Viktor: Die Heimvolkshochschule (Die ostdeutsche Volkshochschule), Band 2 von Der Aufbau, 1923, 20 S.
- Kauder, Viktor (Hrsg.): Ostschlesische Volkstänze:Für 2 Violinen und Klampfe, Band 1, 1924
- Kauder, Viktor: Das Deutschtum in Polnisch-Schlesien: ein Handbuch über Land und Leute. Band 4 von Deutsche Gaue im Osten, 1932
- Kauder, Viktor: Deutsche Kulturarbeit in Polnisch-Schlesien. 1935, 8 S.
- Kauder, Viktor: Das Deutschtum in Polen. 4. Das Deutschtum in Mittelpolen, Band 2. Band 2;Bände 8-9 von Deutsche Gaue im Osten
- Kauder, Viktor: Das Deutschtum in Polen: ein Bildband, Bände 8-9 von Deutsche Gaue im Osten, 1939
- Adolf Kargel, Edūard Kneifel, Viktor Kauder (Hrsg.): Ostdeutsche Heimatbücher, Deutschtum im Aufbruch, Band 7, 1942
- Lück, Kurt; Kauder, Viktor: Deutsch-Polnische Nachbarschaft - Lebensbilder deutscher Helfer in Polen, 1957
- Kauder, Viktor (Bearb.): Bücherei des Deutschen Ostens (Herne), Bücherverzeichnis, 3. Bände 1959-1967.
- Kauder, Viktor: Bücherei des deutschen Ostens. In:Schlesier 13 (1961) Heft 2, S.6
- Kauder, Viktor: Bücherei des deutschen Ostens in Herne. 21000 Bände für deutsche und ausländische Benutzer. In: Ostdeutsche Monatshefte 29 (1963) Heft 1, S. 52-54.
- Litzmannstädter Zeitung, 25 Jg. Nr. 345 vom 12. Dezember 1942 S. 4. [Anm. 1]
Seine Schriften sind heute nicht nur als Quellen zur Geschichte der deutschen Minderheiten in Polen von Bedeutung, sondern auch als Zeugnisse der Entwicklung der deutschen Volkstumsforschung und ihrer politischen Einbindung.
Bedeutung für Herne
Mit Viktor Kauder ist ein Teil der Geschichte der Bücherei des Deutschen Ostens verbunden, die in Herne eine besondere Einrichtung der ostdeutschen Kultur- und Erinnerungsgeschichte darstellte. Seine Tätigkeit steht damit auch für eine Phase, in der Herne zu einem Ort wurde, an dem umfangreiche Bestände zur Geschichte der Deutschen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten gesammelt, erschlossen und der Forschung zugänglich gemacht wurden.
Gleichzeitig ist Kauders Biografie kritisch einzuordnen. Seine Arbeiten entstanden nicht außerhalb ihrer politischen Zeit, sondern waren über Jahrzehnte mit Vorstellungen von Volkstum, Deutschtum und deutschen Kulturansprüchen verbunden. Die heutige historische Betrachtung muss deshalb zwischen dem dokumentarischen Wert seiner Veröffentlichungen und ihren zeitgenössischen politischen und ideologischen Voraussetzungen unterscheiden.
Literatur
- Michael Fahlbusch, Ingo Haar, Alexander Pinwinkler (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme. 2. Auflage, Berlin/Boston 2017.
- Wolfgang Kessler: Von der Kontinuität „völkischen Denkens“. Viktor Kauder (1899–1985). In: Matthias Barełkowski (Hrsg.): Neuer Staat, neue Identität? Deutsch-polnisch-jüdische Biografien nach 1918. Osnabrück 2021, S. 45–74.
- Deutsche Biographie: Kauder, Viktor, GND 124417493.
Weblinks
Siehe auch
- Viktor Kauder (Weiterleitungsseite) (← Links)
Anmerkungen
- ↑ Diente wohl dem Autor Ulitz als Ausgangsmaterial! Digital auf: http://bc.wbp.lodz.pl/Content/29259/Litzmannstadter%20Zeitung%201942%20kw%20IV%20Nr%20345.pdf
- ↑ http://sosnitza.com/s1/1899s260kauder.htm abgerufen 13.03.2017

