Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener in Herne (1919–1945)
„Nicht Haß – sondern Friede regiert die Welt.“
Die Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener in Herne entstand unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Bedürfnis heraus, die Heimkehrer der Kriegsgefangenschaft zusammenzuführen, ihre sozialen und materiellen Belange zu vertreten sowie das Schicksal der noch Vermissten zu klären. In einer Zeit großer Unsicherheit und wirtschaftlicher Not entwickelte sich die Organisation rasch zu einer wichtigen Anlaufstelle für Betroffene und deren Angehörige. Neben der Kameradschaftspflege standen von Beginn an praktische Hilfeleistungen, Fürsorgearbeit und die Aufarbeitung der Kriegserfahrungen im Mittelpunkt. Aus dieser lokalen Initiative heraus entstand eine dauerhafte Struktur, die später in den Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen eingebunden wurde und bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinein wirkte.

Gründung nach dem Ersten Weltkrieg
Die Ortsvereinigung der ehemaligen Kriegsgefangenen in Herne entstand unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Nachdem im Oktober 1919 die ersten deutschen Kriegsgefangenen aus britischer Gefangenschaft in ihre Heimat zurückgekehrt waren, regte der Schlosser Otto Bartling den Zusammenschluss der ehemaligen Gefangenen an.
Gemeinsam mit dem damaligen Stadtobersekretär Decker wurde im November 1919 im Hotel Schlenkhoff die erste Versammlung einberufen. Unterstützt wurde die Gründung durch den Volksbund sowie durch den Herner Sanitätsrat Dr. Ernst Kraus, den Reichsbahnbeamten Pohl, den Stadtsekretär Wahn sowie Frau Schlenkhoff und Frau Apotheker Crux.
Zum ersten Vorstand wurden gewählt:
- Dr. Max Heuermann – 1. Vorsitzender
Dr. Ernst Kraus – 2. Vorsitzender
August Discher – 1. Kassierer
Bereits wenige Wochen später wurde der Vorstand erweitert:
- Wilhelm Bodenstein – 1. Schriftführer
Otto Bartling – 2. Schriftführer
Schütze – 2. Kassierer
Dr. Ernst Kraus wurde später zum Ehrenvorsitzenden ernannt.
Die ersten Aufgaben
Schon kurz nach ihrer Gründung widmete sich die Vereinigung den drängenden Problemen der Nachkriegszeit. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehörten:
- Unterstützung der Rückführung noch in Gefangenschaft befindlicher Soldaten,
- Klärung des Schicksals Vermisster,
- Betreuung der heimkehrenden Kriegsgefangenen,
- Hilfe für deren Familien.
Gerade die Vermisstennachforschung stellte eine wichtige soziale Aufgabe dar. Zahlreiche Angehörige erhielten erstmals verlässliche Nachrichten über das Schicksal ihrer Söhne oder Ehemänner.
Wechsel im Vorsitz
Ein schwerer Verlust traf die junge Vereinigung bereits wenige Wochen nach ihrer Gründung. In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1919 verstarb der erste Vorsitzende Dr. Max Heuermann.
Die Leitung übernahm zunächst Dr. Ernst Kraus, der jedoch bereits Anfang 1920 Herne aufgrund seiner weiteren beruflichen Ausbildung verlassen musste. Zu seinem Nachfolger wurde der Ingenieur Heinrich Tröß gewählt.
Unter seiner Leitung entwickelte sich die Vereinigung zu einer festen Größe im Herner Vereinsleben. Neben ihrer sozialen Arbeit veranstaltete sie regelmäßige Kameradschaftsabende und Familienfeste.
Als Heinrich Tröß 1922 ebenfalls berufsbedingt Herne verließ, übernahm Bernhard Kösters, Gastwirt in Herne, den Vorsitz.
Die französische Ruhrbesetzung
Mit dem Beginn der Ruhrbesetzung am 11. Januar 1923 geriet auch die Vereinigung unter erheblichen Druck. Nach den Erinnerungen der Ortsgruppe wurde sie von den französischen Besatzungsbehörden zunächst aufgelöst.
Versammlungsverbote, Hausdurchsuchungen und Verhaftungen erschwerten die Arbeit erheblich. Nach Angaben der Vereinigung gelang es den französischen Behörden jedoch nicht, Unterlagen über mutmaßliche Kriegsverbrechen an deutschen Kriegsgefangenen sicherzustellen.
Um ihre Tätigkeit fortsetzen zu können, arbeitete die Ortsgruppe zeitweise unter einer anderen Bezeichnung weiter.
Neuaufbau nach 1925
Nach dem Ende der Ruhrbesetzung nahm die Vereinigung ihre Arbeit wieder offen auf. Die Mitgliederzahl wuchs kontinuierlich, und das Vereinslokal wurde in den „Gambrinus“ von Willi Finkemeyer verlegt.
Besonderes Gewicht erhielt nun die soziale Fürsorge.
Wohlfahrtskasse
Die Vereinigung gründete eine Sterbe- und Unterstützungskasse. Mitglieder beziehungsweise deren Ehefrauen erhielten ein Sterbegeld von 200 Mark, für Kinder wurde die Hälfte ausgezahlt.
Guthaben ehemaliger Kriegsgefangener
Ein weiterer Schwerpunkt war die Durchsetzung finanzieller Ansprüche ehemaliger Kriegsgefangener.
Die Herner Ortsgruppe gehörte nach eigenen Angaben zu den ersten Vereinigungen in Deutschland, denen die Überweisung britischer Guthaben für ehemalige Gefangene gelang. Insgesamt wurden mehr als 30.000 Mark an Mitglieder ausgezahlt.
Auch die Ansprüche ehemaliger Gefangener aus französischer Gefangenschaft wurden bearbeitet. Delegierte nahmen regelmäßig an Besprechungen der Reichsleitung unter anderem in Remagen und Bremen teil.
Die Frauenliga
1926 gründeten die Ehefrauen der Mitglieder eine eigene Frauenliga.
Sie kümmerte sich insbesondere um
- die Betreuung kranker Kameraden,
- die Unterstützung bedürftiger Familien,
- Weihnachtsgaben für Mitglieder.
Ein besonderer Erfolg gelang der Frauengruppe 1927, als sie aus eigenen Mitteln eine Vereinsfahne stiftete. Die feierliche Fahnenweihe sollte im Rahmen des Jubiläumsfestes 1928 erfolgen.
Ziele der Vereinigung
Die Vereinigung verstand sich nicht allein als Kameradschaft ehemaliger Kriegsgefangener. Sie trat zugleich für internationale Verständigung ein.
Das Leitmotiv lautete:
- „Nicht Haß – sondern Friede regiert die Welt.“
Aus den Erfahrungen der Gefangenschaft leitete sie das Ziel ab, durch internationale Zusammenarbeit einen neuen Krieg und damit das „moderne Sklaventum hinter dem Stacheldraht“ künftig zu verhindern.
Entwicklung innerhalb des Reichsbundes (1928–1945)
In den späten 1920er Jahren wurde die Herner Vereinigung zunehmend in die Strukturen des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen eingebunden. Der Reichsbund war die größte sozialpolitische Interessenvertretung ehemaliger Frontsoldaten und Kriegsopfer der Weimarer Republik. Seine Aufgaben lagen vor allem in der Durchsetzung von Versorgungsansprüchen, der sozialen Betreuung sowie der politischen Interessenvertretung der Kriegsopfer.
Die ehemaligen Kriegsgefangenen blieben dabei vielfach als eigene Kameradschaften innerhalb der Ortsgruppen organisiert. Ihre besonderen Anliegen – etwa Entschädigungsfragen, Auslandsforderungen oder die Pflege der Kameradschaft – wurden weiterhin verfolgt.
Während der Weltwirtschaftskrise gewann die soziale Unterstützung der Mitglieder nochmals erheblich an Bedeutung. Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Not führten dazu, dass der Reichsbund und seine Ortsgruppen verstärkt Hilfsleistungen organisierten und die Interessen der Kriegsopfer gegenüber Behörden vertraten.
Gleichschaltung nach 1933
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die Situation grundlegend.
Der Reichsbund wurde 1933 der nationalsozialistischen Gleichschaltung unterworfen. Seine demokratischen Strukturen wurden beseitigt, gewählte Vorstände vielfach abgesetzt oder ersetzt. Die bisher unabhängigen Ortsgruppen verloren ihre politische Eigenständigkeit und wurden in das System der nationalsozialistischen Wohlfahrts- und Veteranenorganisationen eingegliedert.
Die Arbeit konzentrierte sich nun vor allem auf Fürsorgeaufgaben sowie die Betreuung der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen im Sinne der staatlichen Vorgaben. Das zuvor vertretene Selbstverständnis einer überparteilichen Interessenvertretung trat zunehmend in den Hintergrund.
Kriegsjahre 1939–1945
Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges änderten sich die Aufgaben erneut. Viele jüngere Mitglieder wurden erneut zum Wehrdienst eingezogen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Verwundeten, Hinterbliebenen und Angehörigen, die Unterstützung benötigten.
Die Erinnerung an die Erfahrungen der ehemaligen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges trat angesichts der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges zunehmend in den Hintergrund. Zahlreiche Vereinsaktivitäten kamen kriegsbedingt zum Erliegen oder wurden stark eingeschränkt.
Mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches im Frühjahr 1945 endete auch die Tätigkeit der bisherigen Organisationsstrukturen. Erst in der Nachkriegszeit entstanden unter den Bedingungen der britischen Besatzungszone neue Verbände der Kriegsopfer und ehemaligen Kriegsgefangenen, aus denen sich später der Sozialverband Reichsbund und schließlich der heutige Sozialverband Deutschland (SoVD) entwickelte.
Bedeutung
Die Herner Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener gehörte zu den früh gegründeten lokalen Zusammenschlüssen ehemaliger Front- und Kriegsgefangenschaftsteilnehmer nach dem Ersten Weltkrieg. Neben der Kameradschaftspflege erfüllte sie vor allem wichtige soziale Aufgaben: die Unterstützung Heimkehrender, die Klärung von Vermisstenschicksalen, die Durchsetzung von Entschädigungsansprüchen sowie die Hilfe für Familien der ehemaligen Kriegsgefangenen. Ihr abschließendes Leitmotiv „Nicht Haß – sondern Friede regiert die Welt“ verdeutlicht zugleich das friedensorientierte Selbstverständnis der Vereinigung in den Jahren der Weimarer Republik.
