Strumpffabrik Schulte & Dieckhoff - Zweigwerk Herne
Die Strumpffabrik Schulte & Dieckhoff aus Horstmar gehörte in den 1960er Jahren zu den bedeutendsten Unternehmen der deutschen und europäischen Strumpfindustrie. Das Unternehmen wurde 1919 von Fritz Schulte und Bernhard Dieckhoff in Horstmar gegründet. Unter der Leitung von Fritz-Karl Schulte entwickelte sich Schulte & Dieckhoff seit den 1950er Jahren zu einem Großunternehmen der Strumpfbranche. Besonders mit der Marke nur die und dem Vertrieb von Strümpfen und Strumpfhosen über Lebensmittelgeschäfte und Drogerien wurde das Unternehmen zu einem wichtigen Hersteller von Feinstrümpfen.
Das Herner Zweigwerk
Mitte der 1960er Jahre expandierte Schulte & Dieckhoff auch in das Ruhrgebiet. In Herne entstand ein Zweigwerk auf dem Industriegelände an der Castroper Straße/Am Trimbuschhof. Die Ansiedlung fällt in eine Zeit, in der die Stadt Herne bemüht war, neue Industriebetriebe anzusiedeln und ihre Wirtschaftsstruktur über den traditionellen Bergbau hinaus zu erweitern.
Am 4. Juli 1965 wurde mit dem Bau der ersten Fabrikationshalle des Herner Zweigwerkes begonnen. Die Monatsschrift Herne – Castrop-Rauxel berichtete im August/September 1965 ausdrücklich über den Baubeginn. Bis zur Fertigstellung der neuen Fabrikationshalle war die erste Produktion zunächst in der Leoschule untergebracht.
Damit gehörte Schulte & Dieckhoff zu den Unternehmen, die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre neue Arbeitsplätze außerhalb der traditionellen Montanindustrie nach Herne brachten. Der Betrieb war zugleich Teil einer größeren Expansionsstrategie des Unternehmens, das neben dem Stammwerk in Horstmar mehrere Produktionsstandorte aufbaute.
Produktion und Bedeutung
Schulte & Dieckhoff spezialisierte sich auf die Herstellung von Damenstrümpfen und später in großem Umfang auf Feinstrumpfhosen. Das Unternehmen profitierte insbesondere vom starken Wachstum des Strumpfhosenmarktes in den 1960er Jahren.
Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg war die Veränderung des Vertriebs. Während Strümpfe traditionell vor allem über Fachgeschäfte verkauft wurden, setzte Schulte & Dieckhoff verstärkt auf den Verkauf über Lebensmittelgeschäfte und Drogerien. Die Marke nur die wurde dadurch zu einer weithin bekannten Konsummarke.
Das Unternehmen entwickelte sich unter Fritz-Karl Schulte innerhalb weniger Jahre zu einem der größten Strumpfhersteller Europas. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe bezeichnete Schulte & Dieckhoff in seiner Darstellung der deutschen Strumpfindustrie als den weltweit größten Anbieter von Feinstrümpfen Anfang der 1960er Jahre.
Die Dimensionen des Unternehmens waren beträchtlich. Nach Angaben des LWL wurden in den verschiedenen Werken des Konzerns täglich rund 750.000 Paar Feinstrümpfe sowie mehr als 80.000 Feinstrumpfhosen hergestellt. Zu den Produktionsstandorten gehörten neben Horstmar unter anderem Coesfeld, Rheine, Stadtlohn, Stadtallendorf, Feinfeld, Herne und Dortmund.
Ein bedeutender Arbeitgeber
Für Herne war die Ansiedlung auch unter arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten von Bedeutung. Die Textilindustrie bot insbesondere Frauen zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten. Dies war auch bei Schulte & Dieckhoff der Fall. Das Unternehmen gehörte zu den Betrieben der Strumpfindustrie, die einen hohen Anteil weiblicher Beschäftigter aufwiesen.
Die Ansiedlung einer modernen Strumpffabrik war damit ein Beispiel für den Wandel der Herner Wirtschaftsstruktur in der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Neben dem Bergbau und den traditionellen Industriebetrieben gewannen Unternehmen aus anderen Branchen zunehmend an Bedeutung.
Das Unternehmen Schulte & Dieckhoff
Der Aufstieg des Unternehmens war eng mit Fritz-Karl Schulte (1925–1988) verbunden. Er übernahm nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend die Leitung des väterlichen Unternehmens und entwickelte Schulte & Dieckhoff innerhalb weniger Jahre von einem mittelständischen Betrieb zu einem international bedeutenden Strumpfkonzern.
1966 wurde über eine weitere gesellschaftsrechtliche Neuordnung des Unternehmens berichtet. Schulte & Dieckhoff gehörte zu diesem Zeitpunkt zu den größten europäischen Strumpfherstellern. Fritz-Karl Schulte galt als treibende Kraft des Unternehmens und als einer der maßgeblichen Unternehmer der deutschen Strumpfindustrie.
Die Expansion hatte allerdings auch ihre Risiken. Der starke Ausbau der Produktionskapazitäten, die zunehmende internationale Konkurrenz und Veränderungen auf dem Strumpfmarkt führten später zu erheblichen wirtschaftlichen Problemen.
1973 musste Fritz-Karl Schulte die Mehrheit seines Unternehmens an die Westdeutsche Landesbank Girozentrale abgeben. Die Beteiligung betrug 58,2 Prozent. Als wesentliche Gründe wurden ein anhaltender Preisverfall auf dem Strumpfmarkt sowie ein verlustreiches Engagement in den Vereinigten Staaten genannt.
Erinnerung an den Betrieb
Das Herner Werk war Bestandteil eines Unternehmens, dessen Entwicklung beispielhaft für den Strukturwandel der westdeutschen Wirtschaft in den 1950er und 1960er Jahren steht. Während der Bergbau in Herne noch das wirtschaftliche Leben dominierte, entstanden gleichzeitig neue Arbeitsplätze in industriellen Produktionszweigen wie der Textil- und Bekleidungsindustrie.
Die Geschichte des Herner Zweigwerkes ist daher nicht isoliert von der Geschichte des Gesamtkonzerns zu betrachten. Schulte & Dieckhoff verband die industrielle Expansion der Nachkriegszeit mit neuen Formen der Massenproduktion und des Einzelhandels. Die Marke nur die steht dabei exemplarisch für die Entwicklung des Strumpfes vom klassischen Bekleidungsartikel zum preisgünstigen Massenprodukt.
Quellen
- Herne – Unsere Stadt. Monatsschrift für die Stadt Herne und Castrop-Rauxel, August/September 1965, Chronik: Baubeginn der ersten Fabrikationshalle des Herner Zweigwerkes von Schulte & Dieckhoff auf dem Industriegelände an der Castroper Straße; erste Produktion in der Leoschule.
- Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien, Pressemitteilung vom 20. März 2018.
- Munzinger Archiv: Fritz-Karl Schulte, Biographie des Unternehmers.
- Die Zeit, 25. Februar 1966: Schulte & Dieckhoff – Erster Schritt zur AG.
- Die Zeit, 13. Juli 1973: Das Ende des Strumpfkönigs.
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