Schule an der Diedrichstraße (Horsthausen)
Die Schule an der Diedrichstraße war eine ehemalige Schule im Herner Stadtteil Horsthausen. Ihre Entstehung steht im Zusammenhang mit dem starken Bevölkerungswachstum des Stadtteils um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hatte der Bergbau, insbesondere die benachbarte Zeche Friedrich der Große. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung stieg auch die Zahl der schulpflichtigen Kinder, so dass der Ausbau des Schulwesens notwendig wurde.
Geschichte
Die Schule an der Diedrichstraße bzw. Gneisenaustraße entstand schon vor 1900. Der Schulneubau war Teil der Entwicklung Horsthausens zu einem durch den Bergbau geprägten Wohn- und Industriestandort. Die Zeche Friedrich der Große zog zahlreiche Arbeitskräfte mit ihren Familien in den Stadtteil. Die dadurch wachsende Zahl von Kindern machte den Bau weiterer Schulräume erforderlich.
Der Kommunalschulverband Horsthausen (später unterteilt in Schule Nord und Schule Süd) regelte ab 1892/93 die kommunale und konfessionell getrennte Schulbildung der katholischen und evangelischen Kinder in der damals selbstständigen Landgemeinde Horsthausen.
Vorgeschichte (bis 1890)
Bis Ende 1873 gehörten die evangelischen Einwohner der Landgemeinde Horsthausen zur evangelischen Schulgemeinde Castrop. Aufgrund des beschwerlichen Schulwegs nutzten viele Eltern ab 1859/60 eine evangelische Privatschule in Pöppinghausen (eine ehemalige ungenehmigte „Winkelschule“). Da dieser Schule jedoch jegliche staatliche Unterstützung fehlte, schlossen sich die evangelischen Eltern mit Wirkung zum 1. Januar 1874 der Schulgemeinde Herne an.
Die katholischen Kinder gehörten zur katholischen Schulgemeinde Börnig. Forderungen nach einer eigenen Filialschule in Horsthausen wegen Überfüllung lehnte der Börniger Schulvorstand ab und beantragte 1889 sogar den Ausschluss der Horsthauser Kinder. Nach zahlreichen Beschwerden an den Preußischen Staatsminister für das Unterrichtswesen entschied dieser am 27. November 1890 die Abtrennung Horsthausens von Börnig und die Gründung einer eigenen Schulgemeinde.
Gründung der Kommunalschule (1892–1893)
Um die Schulausbildung finanziell zu sichern, beschloss die Gemeindevertretung Horsthausen die Gründung einer gemeinsamen Kommunalschule, in der katholische und evangelische Kinder getrennt unterrichtet werden sollten. Für die Verwaltung wurden getrennte Schulvorstände gewählt; die Bau- und Unterhaltungskosten übernahm die Gemeinde.
Erster Schulvorstand (1892/93)
- Katholischer Schulvorstand: Stefan Freund (Betriebsführer), Theodor Weinkamp (Schachthauer), Theodor Ganteför (Bergmann).
- Evangelischer Schulvorstand: Heinrich Nagel (Wirt), Diedrich Jürgens (Landwirt), Diedrich Schulte (Bergmann).
Im Oktober 1892 begann der Bau des ersten Schulgebäudes südlich des Kanals an der heutigen Josefinenstraße (4 Klassenräume, 4 Lehrerwohnungen). Am 1. Juli 1893 wurde der Neubau fertiggestellt. Zum Start wurden folgende Lehrkräfte eingestellt:
- Evangelische Schule: Otto Holzhauer (Lehrer / Schulleiter), Berta Haverländer (Lehrerin).
- Katholische Schule: Friedrich Schmidt (Lehrer / Schulleiter), Johanna Kamperdick (Lehrerin).
Expansion und Schulbauten Nord/Süd (1894–1908)
Durch die stark steigenden Schülerzahlen im Zuge der Industrialisierung expandierten die Schulen rasch:
- 1895/96: Ankauf eines Grundstücks nördlich des Stichkanals an der Ludwigstraße (heutige Horsthauser Straße) vom Landwirt Jürgens und Errichtung eines zweiten Schulgebäudes (2 x 2 Klassenräume, 2 x 2 Lehrerwohnungen).
- 1899/1900: Anbau um 4 Klassenräume und 2 Lehrerwohnungen.
- 1904: Umbau der Wohnungen im südlichen Gebäude (Josefinenstraße) zu Klassenzimmern. Etablierung der amtlichen Bezeichnungen Schule Nord (Ludwigstraße) und Schule Süd (Josefinenstraße).
- 1906–1908: Errichtung eines separaten Erweiterungsbaus (4 Klassenräume) und eines Verbindungsbaus an der Schule Nord.
- 1907: Kaufverhandlungen mit der Zeche Friedrich der Große über ein Grundstück an der heutigen Diedrichstraße für einen weiteren Schulneubau.
Lehrerprotest von 1904
Im Jahr 1904 forderten die Horsthauser Lehrer eine Besoldungsanpassung an die Verhältnisse in Herne und Baukau. Sie begründeten dies mit dem hohen Arbeitsaufwand, da rund 49 % der Schulkinder (insbesondere an der katholischen Schule) Zuwandererkinder aus den östlichen Provinzen waren, die primär Polnisch oder Masurisch sprachen. Trotz anfänglicher Ablehnung durch die Regierung in Arnsberg hatte der Protest der Lehrerschaft Erfolg.
Übergang zur Schuldeputation (1908)
Mit Inkrafttreten des preußischen Volksschul-Unterhaltungsgesetzes am 1. April 1908 wurden die konfessionellen Schulverbände aufgelöst. Die Aufgaben gingen vollumfänglich an die Gemeinde über, welche die Schulverwaltung fortan über eine Schuldeputation steuerte.
Gebäudeübersicht
| Standort | Baumaßnahme | Baujahr |
|---|---|---|
| Josefinenstraße (Schule Süd / bis 1918 Schule Nord) |
Neubau mit 4 Klassenräumen und 4 Wohnungen | 1892/93 |
| Umbau der Wohnungen in 2 Klassenräume | 1904 | |
| Ludwigstraße (Schule Nord / bis 1918 Schule Süd) |
Neubau mit 4 Klassenräumen und 4 Wohnungen | 1895/96 |
| Anbau mit 4 Klassenräumen und 2 Wohnungen | 1899/1900 | |
| Neubau mit 4 Klassenräumen | 1906/07 | |
| Zwischenbau mit 4 Klassenräumen | 1907/08 |
Entwicklung der Katholischen Schule
Schüler- und Klassenentwicklung
| Jahr | Schüler | Klassen |
|---|---|---|
| 1893 | 115 | 2 |
| 1894 | k. A. | 3 |
| 1895 | 182 | 3 |
| 1896 | k. A. | 3 |
| 1897 | k. A. | 3 |
| 1898 | 282 | 4 |
| 1899 | 205 | 4 |
| 1900 | 320 | 5 |
| 1901 | 341 | 6 |
| 1902 | 407 | 7 |
| 1904 | k. A. | 8 |
| 1905 | 526 | 10 |
| 1906 | k. A. | 12 |
| 1907 | k. A. | 13 |
| 1908 | 748 | 13 |
Lehrerkollegium (Auswahl & Dienstzeiten)
- Friedrich Schmidt (1893 Schulleiter, ab 1899 Hauptlehrer, ab 1910 Rektor)
- Johanna Kamperdick (1893–1901)
- Johannes Richter (1894–1900)
- Heinrich Harten[1] (1899–1930) Konrektor
- Maria Bleckmann (1900–1901)
- Maria Freund (1900–nach 1908)
- Kasimir Schürholz (1901–1906)
- Franz Ammermann (1901–1907)
- Maria Gödde (1900–1900)
- Albert Humburg (1904–nach 1908)
- Agathe Klüner (1900–1900)
- Heinrich Schaefers (1902–nach 1908)
- Sybilla Burghartz (1907–1910)
- Lehrer Heitmann (1905–nach 1908)
- Theodor Rodenhüser (1906–nach 1908)
- Maria Schmidt (1906–1907)
- Huberta Mertens (1908–nach 1908)
Entwicklung der Evangelischen Schule
Schüler- und Klassenentwicklung
| Jahr | Schüler | Klassen |
|---|---|---|
| 1893 | 124 | 2 |
| 1894 | k. A. | 3 |
| 1895 | 171 | 3 |
| 1896 | k. A. | 3 |
| 1897 | k. A. | 3 |
| 1898 | 239 | 4 |
| 1899 | 253 | 4 |
| 1900 | 295 | 5 |
| 1901 | 384 | 6 |
| 1902 | k. A. | 7 |
| 1903 | k. A. | 7 |
| 1904 | k. A. | 7 |
| 1905 | 333 | 8 |
| 1906 | k. A. | 8 |
| 1907 | k. A. | 8 |
| 1908 | 438 | 8 |
Lehrerkollegium (Auswahl & Dienstzeiten)
- Otto Holzhauer (1893–1902 Schulleiter)
- Berta Haverländer (1893–1899)
- Julius Mänz (1896–1899)
- Johanna Post (1899–1905)
- Ludwig Bommert (1899–1906 Hauptlehrer/Schulleiter)
- Heinrich Brockmann (1899–1902)
- Arthur Rolle (1900–1908)
- Heinrich Rodenbeck (1900–1902)
- Paula Goecke (1902–1904)
- Emil Hüttemann (1902–1909)
- Fritz Weitekamp (1902–nach 1908)
- Eduard Wunderlich (1903–1905/1907)
- Anna Driver (1904–?)
- Lehrer Postmann (1905–1906)
- Rektor Kleine-Döpke (1906–nach 1908)
- Emmy Goerdt (1908–1909)
- Paula Best (1908–1909)
Neubau der Schule an der Dietrichstraße (1913)
Als Ersatz für eine ältere Schule, die dem Umbau der örtlichen Bahnanlagen weichen musste, errichtete die Stadt Herne im Stadtteil Horsthausen an der Dietrichstraße (später Schule VIII) einen neuen Schulbau. Der Komplex umfasste 11 Klassenzimmer, einen Zeichensaal sowie eine Turnhalle.
Die Plaungen lagen beim Stadtbauamt, was die bauliche Nähe zum damals neuen Rathaus (Herne) in der Straßenansicht von der Dietrichstraße bezeugt.
Die Aufträge für den Neubau wurden im Spätsommer 1913 von der städtischen Baudeputation vergeben. Zu den ausführenden Unternehmen gehörten unter anderem:
- Eisenbetonarbeiten: Firma Moddemeyer (Herne) für 13.628,60 Mark
- Steinmetzarbeiten: Firma Bachem u. Co. (Königswinter) für 2.192,90 Mark
- Heizungsanlage: Bachem & Post (Hagen) für 8.147,08 Mark
- Dachverschalung: Zimmermeister Postert für 2.755 Mark
- Dachdeckerarbeiten: Dachdeckermeister Kosso für 5.772 Mark
- Klempnerarbeiten: Firma Busse für 2.023,50 Mark
- Lieferung des Ruhrsandsteins: Steinwerke Kupferdreh für 2.650 Mark
- Blitzableiteranlage: Firma Funke & Huster (Herne) für 388,95 Mark
- Gewölbe der Turnhalle: Firma Johann Stöver (Herne) für 1.732,50 Mark
- Steinputzarbeiten: Firma Johann Schnittker (Herne) für 3.468,96 Mark
- Schiefersockel und Wandplatten: Firma H. Rings jun. für 559 Mark
- Granitfensterbänke: Firma H. Rings sen. für 403 Mark
Nutzung und Ereignisse im Jahr 1913
Feuerwehr-Herbstabschlussübung
Am Nachmittag des 8. September 1913 diente das neu errichtete Schulgebäude als Kulisse für die jährliche Herbst-Schlußübung der Freiwilligen Feuerwehr Herne. Das Übungsszenario simulierte einen Brand im Erdgeschoss des Gebäudes mit starker Rauchentwicklung im Treppenhaus. Unter dem Einsatz einer Drehleiter, einer Magirusleiter, Hakenleitern, Sprungtüchern und Rauchmasken wurden Rettungs- und Löschmaßnahmen durch drei Löschzüge durchgeführt. Das Löschwasser wurde unter anderem über den nahegelegenen Stichkanal gepumpt.
Die Übung stand unter der Leitung von Branddirektor Hirdes und bildete zugleich den Verabschiedungsrahmen für den scheidenden Oberbürgermeister Dr. Büren.
Einweihung und konfessionelle Kontroversen
Die Einweihung des Schulleiterkomplexes fand am 10. September 1913 statt. Die Übergabe des Gebäudes erfolgte durch Oberbürgermeister Dr. Büren an den evangelischen Schulrat Schwarze und den evangelischen Rektor Kleine-Döpke, begleitet von Gesängen evangelischer Schulklassen.
Die Ausgestaltung der Feierlichkeiten führte zu Kritik seitens der katholischen Bevölkerung Herne-Horsthausens und der lokalen Presse. Bemängelt wurde, dass das neue Schulgebäude trotz des Wegfalls der katholischen Schule an der Castroper Straße nicht den katholischen Klassen zugewiesen wurde, sondern überwiegend evangelischen Schulklassen diente – obwohl das Gebäude als Gemeinschaftseinrichtung mit zwei katholischen Klassen sowie gemeinsam genutzter Turnhalle und Zeichensaal ausgelegt war. Zudem stieß der rein evangelische Charakter der Einweihungsfeier sowie die Nichteinladung der katholischen und evangelischen Geistlichkeit auf Unverständnis.
Weitere Nutzung
Im Gebäude der Schule an der Dietrichstraße (Schule VIII) wurde zudem eine unentgeltliche Filiale der städtischen Bücherei eingerichtet, deren Öffnungszeiten von der Bücherei-Deputation unter Bürgermeister Lampe auf Mittwochnachmittag und Sonntagmorgen festgelegt wurden.
Schule im Nationalsozialismus
Im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung des Schulwesens wurden die Horsthauser Schulen im Jahr 1939 zu Gemeinschaftsschulen zusammengeführt beziehungsweise entsprechend umgewandelt.
Die Schulen wurden als Schulbezirk 4 in Herne folgendermaßen eingeteilt: Schule Ludwigstraße (Knaben, Leiter: Rektor Kruger), Schule Gneisenaustraße (Knaben, Leiter: Rektor Kaufhold), Schule Dietrichstraße (Mädchen, Leiter: Rektor Fitzke).
Die Entwicklung des Schulstandortes muss damit auch im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Schulpolitik und der damit verbundenen Umgestaltung des öffentlichen Bildungswesens betrachtet werden.
Nachkriegszeit und Regenbogenschule
Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Struktur des Schulwesens mehrfach. Aus der früheren Volksschule entwickelte sich eine städtische Gemeinschaftsgrundschule bzw. Städt. Gem. Grundschule IV.
Auch die Zusammensetzung der Schülerschaft veränderte sich im Laufe der Jahrzehnte. Der Schulstandort wurde zunehmend von Kindern unterschiedlicher Herkunft besucht. Schließlich setzte sich für die Schule die Bezeichnung „Regenbogenschule“ durch.
Der Name stand sinngemäß für die Vielfalt der Schülerschaft und prägte die Schule in ihrer letzten Phase.
Auflösung des Schulstandortes
Nach mehr als 100 Jahren endete die Geschichte der Schule an der Diedrichstraße als eigenständiger Schulstandort.
Im Jahr 2013 wurde die Grundschule mit der Grundschule an der Langforthstraße zusammengeschlossen. Der gemeinsame Schulbetrieb wurde anschließend im Gebäude der ehemaligen Hauptschule Jürgens Hof 61 fortgeführt.
Damit verlor das historische Schulgebäude an der Diedrichstraße seine ursprüngliche Funktion. Das Gebäude wurde wenig später abgebrochen. Auf dem Grundstück entstand eine neue Nutzung; heute befindet sich dort ein Supermarkt.
Erinnerung
Mit dem Abriss des Schulgebäudes verschwand ein über ein Jahrhundert bestehender Bestandteil des Horsthauser Ortsbildes. Die Geschichte der Schule ist heute vor allem durch historische Fotografien, schriftliche Quellen und die Erinnerungen ehemaliger Schülerinnen und Schüler überliefert.
Die Schule an der Diedrichstraße steht beispielhaft für die Entwicklung des Schulwesens in den ehemaligen Bergarbeiterstadtteilen Hernes: Ihre Entstehung war eine unmittelbare Folge des industriellen Bevölkerungswachstums, während ihre spätere Entwicklung die Veränderungen des kommunalen Schulwesens und der gesellschaftlichen Zusammensetzung des Stadtteils widerspiegelt.
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Quellen
- ↑ * 14. Mai 1870 † 22. Januar 1941 Herne

