Ruhrbesetzung (Herne)

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.
Das französische 172. Infanterieregiment (172e RI) rückte kurz nach Beginn der Invasion im Februar 1923 direkt in Herne ein. Der „Rapport“ auf dem Bild ist das tägliche Antreten, den Appell oder die offizielle Dienstbesprechung der französischen Besatzungsoffiziere und -soldaten vor Ort. Chef war Colonel Brindel.[1] [2] Das 172e RI gehörte eigentlich zur französischen Rheinarmee und war davor in Kaiserslautern stationiert. Der Einsatz im Ruhrgebiet war jedoch nur von kurzer Dauer: Bereits im März 1923 verließ die Einheit die Region wieder und wurde kurz darauf im April 1923 in Frankreich aufgelöst. [3]

Die Ruhrbesetzung von 1923 bis 1925 gehörte zu den einschneidendsten Ereignissen der Herner Stadtgeschichte der Weimarer Republik. Französische und belgische Truppen besetzten das Ruhrgebiet, um die deutschen Reparationsleistungen nach dem Ersten Weltkrieg sicherzustellen. Auch die Stadt Herne sowie die damals noch selbstständigen Ämter Wanne, Eickel und Sodingen gerieten in den unmittelbaren Einflussbereich der Besatzungsmacht. Zechen, Bahnanlagen, der Rhein-Herne-Kanal, öffentliche Einrichtungen und Verkehrswege wurden zu wichtigen Objekten der Besatzung.

Für die Bevölkerung bedeutete die Besetzung eine erhebliche Einschränkung des täglichen Lebens. Der von der Reichsregierung ausgerufene passive Widerstand, Streiks, Produktionsstillstände, Verhaftungen und Ausweisungen verschärften die ohnehin katastrophale wirtschaftliche Lage. Zugleich kam es innerhalb der Arbeiterschaft zu Konflikten und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die Ruhrbesetzung war damit in Herne nicht nur ein Konflikt zwischen deutscher Bevölkerung und französisch-belgischer Besatzungsmacht, sondern auch ein Bestandteil der sozialen und politischen Krisen des Jahres 1923.

Vorgeschichte

Die Grundlage für die Ruhrbesetzung bildeten die nach dem Ersten Weltkrieg festgelegten deutschen Reparationsverpflichtungen. Deutschland hatte unter anderem Kohle und Holz als Sachleistungen an die Siegermächte zu liefern. Als die Reparationskommission Ende 1922 feststellte, dass Deutschland seinen Verpflichtungen bei den Kohle- und Holzlieferungen nicht ausreichend nachkam, entschloss sich die französische Regierung unter Raymond Poincaré gemeinsam mit Belgien zu einer militärischen Besetzung des Ruhrgebiets.

Am 11. Januar 1923 überschritten französische und belgische Truppen die Grenzen des Ruhrgebiets. Ihr Ziel war zunächst insbesondere die Kontrolle der industriellen Produktion und die Sicherung sogenannter produktiver Pfänder. Das Ruhrgebiet sollte nicht annektiert, sondern wirtschaftlich zur Durchsetzung der Reparationsforderungen genutzt werden.

Die Besetzung traf eine Region, die bereits unter den wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Ersten Weltkriegs, der Reparationslasten und der fortschreitenden Inflation litt. Die militärische Besetzung verschärfte diese Situation zusätzlich. Die Reichsregierung unter Reichskanzler Wilhelm Cuno reagierte mit dem Aufruf zum passiven Widerstand. Beschäftigte sollten die Zusammenarbeit mit den Besatzungsbehörden verweigern und insbesondere die Förderung und den Transport von Kohle nicht unterstützen.

Beginn der Besetzung im heutigen Herner Stadtgebiet

Die ersten französischen Soldaten erschienen am 15. Januar 1923 in Herne, Wanne, Eickel und Sodingen. Damit war das heutige Herner Stadtgebiet unmittelbar von der militärischen Besetzung betroffen. Zu diesem Zeitpunkt gehörten die einzelnen Stadtteile jedoch unterschiedlichen kommunalen Verwaltungseinheiten an. Die Stadt Herne war selbstständig; Wanne, Eickel und Sodingen wurden jeweils noch eigenständig verwaltet.

Von besonderer Bedeutung war der Rhein-Herne-Kanal. Bereits vier Tage nach dem Beginn der Besetzung erreichte eine französische Einheit die Schleuse 5 in Crange. Dazu gehörten die beiden Offiziere und 52 Soldaten zum französischen Regiment 147. Das Regiment stand unter dem Oberbefehl von General Jean-Marie Degoutte.

Kanal, Zechen und Eisenbahnen waren für die Besatzungsmacht von besonderer Bedeutung, weil über diese Verkehrswege Kohle und Koks abtransportiert werden konnten. Die französischen Truppen sicherten deshalb strategisch wichtige Punkte am Kanal ebenso wie Bahnhöfe, Blockstellen und weitere Verkehrsanlagen.

Besetzung von Verkehrswegen und Eisenbahnanlagen

Eine zentrale Rolle spielte die Eisenbahn. Die französischen Behörden versuchten, die Abfuhr von Kohle und Koks unter ihre Kontrolle zu bringen. Die deutsche Reichsbahn wiederum bemühte sich zunächst, möglichst große Mengen Kohle in das unbesetzte Deutschland zu transportieren.

Im Februar 1923 wurden auch Eisenbahnanlagen im Bereich des heutigen Herner Stadtgebietes besetzt. Dazu gehörten unter anderem der Bahnhof Unser Fritz sowie Blockstellen im Bereich Baukau und Julia. Die Besatzungstruppen griffen damit unmittelbar in den Eisenbahnverkehr ein. Die Kontrolle der Bahnlinien war für die französische Seite von besonderer Bedeutung, weil die Eisenbahn das wichtigste Transportmittel für die industrielle Produktion des Ruhrgebiets war.

Der Widerstand der Eisenbahner führte zu Verhaftungen und Ausweisungen. Im weiteren Verlauf der Besatzung wurden zahlreiche Eisenbahner aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen. Für den Raum Wanne-Eickel sind 217 betroffene Eisenbahner mit 86 Familien überliefert.

Passiver Widerstand

Der von der Reichsregierung angeordnete passive Widerstand prägte auch den Alltag in Herne. Bergleute und andere Beschäftigte verweigerten die Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht. Die Förderung und der Transport von Kohle wurden dadurch erheblich beeinträchtigt.

Die Folgen für den Bergbau waren gravierend. Auf der Zeche Mont Cenis sank die Kohlenförderung während der Ruhrbesetzung von zuvor wesentlich höheren Mengen auf nur noch 286.000 Tonnen im Jahr 1923. Die Zeche war damit unmittelbar von den Folgen des passiven Widerstandes und der wirtschaftlichen Krise betroffen.

Der passive Widerstand war allerdings kein einheitlicher Vorgang. Neben der organisierten Arbeitsverweigerung gab es Sabotagehandlungen, Anschläge und Auseinandersetzungen. Umgekehrt versuchte die Besatzungsmacht, die für die Aufrechterhaltung der Kohleförderung und des Transportwesens benötigten Arbeitskräfte zu gewinnen.

Im Bereich des Rhein-Herne-Kanals kam es ebenfalls zu Widerstandsaktionen. Im April 1923 wurde ein Kanaldamm gesprengt, so dass ein westlicher Abschnitt des Kanals ab Henrichenburg trockenlag. Die Wiederherstellung zog sich über mehrere Monate hin, weil ein Teil der benötigten Arbeitskräfte die Mitarbeit für die Besatzungsmacht verweigerte.

Konflikte auf den Herner Zechen

Im Frühjahr 1923 verschärfte sich die Lage auf den Zechen. Besonders betroffen waren unter anderem Zeche Shamrock, Zeche von der Heydt, Zeche Friedrich der Große, Zeche Mont Cenis und Zeche Vereinigte Constantin der Große.

Dabei kam es nicht nur zu Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und französischen Truppen. Auch innerhalb der Arbeiterschaft entstanden erhebliche Spannungen. Arbeitswillige Bergleute gerieten mit Gruppen aneinander, die eine Arbeitsniederlegung durchsetzen wollten. Derartige Konflikte entwickelten sich teilweise zu gewaltsamen Zusammenstößen.

Auf der Zeche Shamrock 1/2 kam Ende Mai 1923 der Markenkontrolleur Johannes Schmitz ums Leben. Auch auf anderen Herner Schachtanlagen kam es zu Auseinandersetzungen. Die Ereignisse zeigen, dass der sogenannte Ruhrkampf keineswegs ausschließlich als geschlossener Konflikt zwischen der deutschen Bevölkerung und den Besatzungstruppen verstanden werden kann. Die soziale und politische Spaltung innerhalb der Bevölkerung war ein wesentlicher Bestandteil der Krisensituation.

Die Ereignisse in Sodingen und auf Mont-Cenis

Besonders schwerwiegend waren die Ereignisse Ende Mai 1923 im Bereich der Zeche Mont Cenis. In Sodingen war vorgesehen, die Belegschaft über eine geplante Arbeitsniederlegung abstimmen zu lassen. Die Situation eskalierte jedoch. Steine wurden geworfen, Knüppel eingesetzt und Schüsse abgegeben.

Den zwölf eingesetzten Polizeibeamten stand schließlich eine Menge von mehreren tausend Demonstranten gegenüber. Nach dem Bericht des Anzeigers für Herne und Sodingen vom 28. Mai 1923 verhielten sich die französischen Besatzungstruppen zunächst neutral. Bei den Auseinandersetzungen wurden Hermann Wehmann und Sofie Kalupnie getötet; weitere 14 Personen wurden verletzt.

Die Ereignisse auf dem Mont-Cenis-Gelände verdeutlichen die komplizierte Situation während der Besetzung. Deutsche Polizei und französische Besatzungstruppen konnten unterschiedliche Interessen verfolgen, während sich gleichzeitig Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen der Bevölkerung entwickelten.

Besetzung der Zeche Friedrich der Große

Auch die Anlagen der Zeche Friedrich der Große in Horsthausen und Börnig wurden von französischen Truppen besetzt. Der Eingriff in den Bergbau zielte vor allem darauf, die Kohleproduktion und den Abtransport der für Frankreich wichtigen Reparationsleistungen wieder in Gang zu bringen. Für die Beschäftigten bedeutete dies einen unmittelbaren Konflikt zwischen den Anordnungen der deutschen Regierung und den Forderungen der Besatzungsmacht.

Die Zechen waren damit zugleich wirtschaftliche Betriebe, Arbeitsplätze und Schauplätze des politischen Konflikts. Die Auseinandersetzungen um die Frage, ob gearbeitet, gestreikt oder für die Besatzungsmacht produziert werden sollte, prägten den Alltag vieler Herner Bergarbeiter.

Lebensmittelversorgung und wirtschaftliche Not

Die Ruhrbesetzung fiel mit der dramatischen Verschärfung der deutschen Inflation zusammen. Die Finanzierung des passiven Widerstandes belastete die Reichsfinanzen zusätzlich. Gleichzeitig führte der Rückgang der industriellen Produktion zu erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Auch in Herne verschärfte sich die Versorgungslage. Für April 1923 ist die Beschlagnahme mehrerer Kohlelastwagen und die Einrichtung von zwei Lebensmittelverkaufsstellen durch die Besatzungsbehörden überliefert. Die Lebensmittelversorgung entwickelte sich damit zu einem weiteren wichtigen Bestandteil der Besatzungspolitik.

Die städtischen und kommunalen Verwaltungen mussten gleichzeitig mit der galoppierenden Geldentwertung umgehen. Die Herner Teuerungszahlen dokumentieren, wie schnell die Preise im Laufe des Jahres 1923 stiegen. Die Ruhrbesetzung verstärkte dabei die bereits bestehende wirtschaftliche Krise.

Ein sichtbares Zeichen dieser Entwicklung war das Herner Notgeld. Im Sommer 1923 wurden in Herne Geldscheine mit Nennwerten von mehreren hundert Millionen Mark ausgegeben. Die Vereinigte Kaufmannschaft Herne gab im September 1923 eigene Gutscheine über 20.000, 50.000, 100.000 und 200.000 Mark heraus.

Verhaftungen und Ausweisungen

Wer sich den Anordnungen der Besatzungsbehörden widersetzte, musste mit Verhaftung, Geldstrafen oder Ausweisung rechnen. Auch kommunale Beamte und Vertreter der Wirtschaft waren betroffen.

Eine besondere Rolle spielte Max Wiethoff, Amtmann des damaligen Amtes Sodingen. Er wurde am 1. Februar 1923 von den französischen Besatzungsbehörden verhaftet, nachdem er sich geweigert hatte, einen Befehl auszuführen, der deutschen Anordnungen widersprach. Nach seiner Freilassung wurde er am 5. März erneut verhaftet, nach Castrop gebracht und in das unbesetzte Gebiet abgeschoben.

Auch der Herner Oberbürgermeister Dr. Georg Sporleder wurde von den Besatzungsbehörden ausgewiesen. Er konnte erst nach dem Ende der französischen Besetzung des Herner Raumes aus seinem erzwungenen Aufenthalt außerhalb des Ruhrgebiets zurückkehren. Seine Amtszeit als Oberbürgermeister von Herne dauerte von 1913 bis 1925.

Derartige Maßnahmen machten deutlich, dass die Besatzung nicht auf die Kontrolle von Zechen und Verkehrswegen beschränkt blieb. Sie griff unmittelbar in die kommunale Verwaltung ein.

Die Zeche Unser Fritz

Im Sommer 1923 wurde auch die Zeche Unser Fritz besetzt. Am 23. Juli rückten französische Militäreinheiten auf der Zeche ein. Die Belegschaft reagierte mit einem Generalstreik. Eine Woche später befanden sich dort französische, italienische, polnische und deutsche Arbeitskräfte, die im Auftrag der Besatzungsbehörden vorhandene Koksvorräte verluden.

Die Besatzungsbehörden versuchten darüber hinaus, Arbeitskräfte aus anderen Ländern anzuwerben. Für den Bergbau und das Eisenbahnwesen wurden insbesondere in Polen Arbeiter gesucht. Gleichzeitig wurden streikende Eisenbahner ausgewiesen. Die Besatzung führte damit zu einer Verschärfung bereits vorhandener Spannungen innerhalb der Bevölkerung.

Die polnische Bevölkerung

Eine besondere Dimension erhielt die Besatzungszeit durch die Situation der polnischsprachigen bzw. polnischstämmigen Bevölkerung im Ruhrgebiet. Aufgrund der französisch-polnischen Zusammenarbeit nach dem Ersten Weltkrieg wurden Polen von Teilen der deutschen Bevölkerung mit besonderem Misstrauen betrachtet.

Die tatsächlichen Verhältnisse waren jedoch differenzierter. Die polnische Arbeiterschaft beteiligte sich vielfach am Widerstand gegen die Besatzung. Gleichzeitig entschlossen sich zahlreiche Menschen mit polnischem Hintergrund unter dem Eindruck der wirtschaftlichen und politischen Situation zur Auswanderung in das nordfranzösische Industriegebiet.

Für Herne und Wanne-Eickel ist eine besonders hohe Zahl von Auswanderern dokumentiert: Eine 1928 veröffentlichte Liste enthält 1.514 Personen aus Herne und Wanne-Eickel, die während der Ruhrbesetzung durch den Erwerb der polnischen Staatsangehörigkeit ihre preußische Staatsangehörigkeit verloren und nach Frankreich auswanderten.

Damit wirkte die Ruhrbesetzung auch auf die Migrationsgeschichte des heutigen Herner Stadtgebiets ein.

Alltag unter der Besatzung

Die Besatzung bestimmte den Alltag durch Kontrollen, militärische Präsenz, Einschränkungen des Verkehrs und wirtschaftliche Unsicherheit. Bahnhöfe, Zechen, Kanalanlagen und andere strategische Einrichtungen standen unter militärischer Kontrolle.

Gleichzeitig versuchte die Bevölkerung, ihren Alltag unter den schwierigen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Trotz der politischen und wirtschaftlichen Krise bestanden Vereine und gesellschaftliche Aktivitäten weiter. Am 21. September 1923 wurde beispielsweise in der Gaststätte Hindenburg an der Bahnhofstraße der SV Neptun Herne 1923 gegründet. Rund 100 Herner nahmen an der Gründungsversammlung teil.

Dies zeigt, dass die Besatzungszeit zwar alle Lebensbereiche beeinflusste, das gesellschaftliche Leben aber nicht vollständig zum Erliegen brachte.

Das Ende des passiven Widerstands

Die wirtschaftlichen Folgen des passiven Widerstandes wurden im Laufe des Jahres 1923 immer schwerwiegender. Die Finanzierung der streikenden Arbeiter und Angestellten trug zur weiteren Geldentwertung bei. Gleichzeitig erwies sich die französische Besatzung als wirtschaftlich kostspielig und politisch zunehmend belastend.

Die Reichsregierung unter Reichskanzler Gustav Stresemann beendete den passiven Widerstand im September 1923. Damit änderte sich die Grundlage des Konflikts. Die deutsche Seite nahm die Arbeit wieder auf, während die Verhandlungen über eine Neuordnung der Reparationsfrage vorangetrieben wurden. Der im Jahr 1924 beschlossene Dawes-Plan schuf schließlich die Grundlage für eine schrittweise Beendigung der Besatzung.

Die Besetzung endete nicht überall gleichzeitig. Die östlich gelegenen Gebiete wurden teilweise bereits 1924 geräumt. Im Herner Raum verließen die französischen Truppen das Gebiet 1924; die vollständige französisch-belgische Ruhrbesetzung endete im Juli und August 1925.

Folgen für Herne

Die Ruhrbesetzung hinterließ im heutigen Herner Stadtgebiet deutliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Spuren. Besonders betroffen waren der Bergbau, die Eisenbahn und der Verkehr auf dem Rhein-Herne-Kanal.

Die Produktionsausfälle der Zechen trafen eine Bevölkerung, deren wirtschaftliche Existenz ohnehin durch Inflation und Nachkriegsprobleme bedroht war. Die Hyperinflation zerstörte Ersparnisse und erschwerte die Versorgung mit den wichtigsten Gütern. Für die Kommunen bedeutete die Situation eine erhebliche Belastung.

Die Ereignisse von 1923 verschärften außerdem die politischen Gegensätze. Sozialdemokraten, Gewerkschaften, Kommunisten, bürgerliche Parteien und nationalistische Kräfte bewerteten den passiven Widerstand und die Zusammenarbeit mit den Besatzungsbehörden teilweise sehr unterschiedlich. Die Auseinandersetzungen auf den Zechen zeigen, dass sich der Konflikt nicht auf eine einfache Gegenüberstellung von Deutschen und Franzosen reduzieren lässt.

Die Ruhrbesetzung wurde später vielfach als gemeinsamer nationaler Abwehrkampf erinnert. Die neuere Forschung weist jedoch darauf hin, dass die Realität wesentlich widersprüchlicher war: Neben passivem Widerstand standen Sabotage, politische Radikalisierung, soziale Konflikte, wirtschaftliche Not und teilweise auch Kooperation mit den Besatzungsbehörden. Gerade für die Lokalgeschichte ist diese Differenzierung wichtig.

Erinnerung an die Ruhrbesetzung

Die Ruhrbesetzung blieb auch nach dem Abzug der französischen und belgischen Truppen Bestandteil des historischen Gedächtnisses der Region. Bereits in der Weimarer Republik wurden die Ereignisse vielfach in nationalen und lokalen Deutungsmustern verarbeitet.

In Herne wurden die Ereignisse später auch museal und stadtgeschichtlich aufgearbeitet. Das damalige Emschertal-Museum zeigte in den 1930er Jahren unter anderem eine Ausstellung zur Ruhrbesetzung 1923/24.

Heute steht bei der historischen Betrachtung weniger die nationale Heroisierung des Ruhrkampfes im Vordergrund als die Rekonstruktion der tatsächlichen Lebensverhältnisse. Die Bestände des Stadtarchiv Herne enthalten zahlreiche Akten zur Ruhrbesetzung. Auch das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen weist eigene Bestände zur Besatzungszeit aus, darunter Unterlagen des Bergamtes Herne zur Ruhrbesetzung für die Jahre 1923 bis 1925.

Bedeutung für die Stadtgeschichte

Die Ruhrbesetzung war für Herne ein Ereignis von weitreichender Bedeutung. Sie verband die lokale Geschichte unmittelbar mit der europäischen Nachkriegspolitik und machte die besondere Bedeutung Hernes als Bergbau-, Industrie- und Verkehrsstadt sichtbar.

Die französischen Truppen interessierten sich vor allem für die wirtschaftlich und verkehrstechnisch wichtigen Einrichtungen: Zechen, Eisenbahnen, Kanal und industrielle Anlagen. Dadurch wurde Herne zu einem Teil des internationalen Konflikts um die deutschen Reparationsleistungen.

Für die Bevölkerung bedeutete die Besatzungszeit eine Verbindung mehrerer Krisen: der politischen Unsicherheit der frühen Weimarer Republik, der wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs, der Hyperinflation und der sozialen Spannungen im Bergbau. Die Ereignisse des Jahres 1923 prägten damit nicht nur die lokale Geschichte, sondern auch die weitere politische und gesellschaftliche Entwicklung Hernes.

Literatur und Quellen

  • Gerd Krumeich / Joachim Schröder (Hrsg.): Der Schatten des Weltkriegs. Die Ruhrbesetzung 1923. Klartext Verlag, Essen 2004.
  • Stefan Goch: Die Ruhrbesetzung 1923–1925. Realitäten, unterschiedliche Wahrnehmungen und der Kampf um die Erinnerungen. In: Benedikt Neuwöhner / Georg Mölich / Maike Schmidt (Hrsg.): Die Besatzung des Rheinlandes 1918 bis 1930. Alliierte Herrschaft und Alltagsbeziehungen nach dem Ersten Weltkrieg. Bielefeld 2020, S. 119–142.
  • Stadt Herne (Hrsg.): Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne, Band 1, Herne 1997.
  • Stadt Herne (Hrsg.): Auf dem Weg ins Paradies? Wanderungsbewegungen im Ruhrgebiet am Beispiel Herne. Begleitheft zur Ausstellung in den Flottmann-Hallen, Herne 1997.
  • Historischer Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.: Der Bote, Nr. 21, Februar 2023, insbesondere der Beitrag Französische Ruhrbesetzung begann 1923 am Kanal.
  • Landesarchiv Nordrhein-Westfalen: Quelleninventar Ruhrbesetzung 1923–1925, darin unter anderem M 550/Bergämter, Nr. 7454, Ruhrbesetzung, 1923–1925.
  • Stadtarchiv Herne: Bestände zur Ruhrbesetzung; entsprechende Archivalien sind auch über die Deutsche Digitale Bibliothek nachgewiesen.

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Einzelnachweise

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