Schwarze Mittwoch von Wanne (5. Dezember 1923)


Der Schwarze Mittwoch von Wanne bezeichnet die gewaltsame Auflösung einer großen Arbeiter- und Erwerbslosendemonstration am 5. Dezember 1923 vor dem Amtshaus in Wanne während der Ruhrbesetzung. Angehörige der preußischen Polizei eröffneten auf dem Rathausplatz das Feuer auf die versammelte Menge. Zehn Menschen kamen dabei ums Leben, weitere 32 wurden verletzt. Die Ereignisse bildeten einen der blutigsten Höhepunkte der sozialen und politischen Auseinandersetzungen im Raum Wanne und Eickel während des Krisenjahres 1923.
Der Begriff Schwarzer Mittwoch entstand in der lokalen Erinnerung an das Ereignis. Die unmittelbaren Ursachen lagen nicht allein in der politischen Radikalisierung während der Ruhrbesetzung, sondern ebenso in der katastrophalen wirtschaftlichen Lage, der Hyperinflation, der Arbeitslosigkeit und den daraus resultierenden Auseinandersetzungen um Unterstützungsleistungen und die Versorgung der Bevölkerung.
Vorgeschichte
Ruhrbesetzung und soziale Krise
Das Jahr 1923 war für die Bevölkerung des Ruhrgebiets durch eine Verbindung mehrerer Krisen geprägt. Nach der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen im Januar 1923 wurde der sogenannte passive Widerstand ausgerufen. Auch Wanne, Eickel und Röhlinghausen gerieten unmittelbar unter die Kontrolle der Besatzungsmacht. Am 15. Januar erschienen die ersten französischen Truppen in Wanne und Eickel; am folgenden Tag wurden die betreffenden Gemeindegebiete zum besetzten Gebiet erklärt.
Die Besetzung traf eine bereits stark industrialisierte und von Bergbau und Schwerindustrie geprägte Bevölkerung. Arbeitsniederlegungen, Behinderungen des Verkehrs, Eingriffe in den Eisenbahnbetrieb und die Besetzung industrieller Anlagen verschärften die wirtschaftliche Situation. Im Juli 1923 besetzten französische Truppen auch die Zeche Unser Fritz.
Gleichzeitig erreichte die deutsche Inflation im Herbst 1923 ihren Höhepunkt. Die Entwertung der Papiermark machte regelmäßige Lohn- und Unterstützungszahlungen zunehmend wertlos. Auch die kommunalen Verwaltungen standen vor erheblichen Schwierigkeiten, da Einnahmen und Ausgaben in immer kürzeren Abständen neu berechnet werden mussten. Für die Bevölkerung bedeutete die Inflation eine permanente Verschlechterung der Lebensverhältnisse.
Die Bedeutung der Geldentwertung lässt sich auch an der Entwicklung des Wanner Notgeldes erkennen. Das Amt Wanne gab bereits im August 1923 Notgeld aus; die Nominalwerte stiegen innerhalb weniger Monate von 20.000 Mark auf Milliarden- beziehungsweise Billionenbeträge.
Verschärfung der sozialen Konflikte
Im Herbst 1923 verschärften sich die Auseinandersetzungen. Besonders betroffen waren Arbeitslose und Arbeiterfamilien, deren Einkommen mit der Preisentwicklung nicht Schritt hielt. Forderungen nach höheren Erwerbslosenunterstützungen und nach verbilligten Lebensmitteln wurden zu zentralen Themen der örtlichen Arbeiterbewegung.
In Wanne und Eickel entstand ein Zusammenschluss verschiedener Arbeiterorganisationen, politischer Gruppen und Erwerbslosenvertretungen, der die Aktionen koordinierte. Am 7. November 1923 versammelten sich die Belegschaften mehrerer Zechen vor dem Wanner Amtshaus, um höhere Unterstützungen und eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln zu fordern. Einen Tag später kam es auf der Zeche Unser Fritz zu einer Besetzung des Verwaltungsgebäudes.
Die Ereignisse zeigen, dass der spätere Schwarze Mittwoch nicht isoliert betrachtet werden kann. Er war vielmehr der Höhepunkt einer über Monate zunehmenden sozialen und politischen Spannung.
Der 5. Dezember 1923
Gekürzte Erwerbslosenunterstützung
Am 5. Dezember 1923 sollten an verschiedenen Zahlstellen die Unterstützungen für Erwerbslose ausgezahlt werden. Die Betroffenen erfuhren dort, dass die vorgesehenen Leistungen erheblich gekürzt worden waren. Die Nachricht löste an mehreren Stellen Proteste aus.
Die Demonstranten formierten sich zu größeren Gruppen und zogen aus verschiedenen Teilen des Amtsbezirks zu den Verwaltungsgebäuden. Aus Richtung Shamrock ging ein Zug nach Eickel, während Demonstranten aus Röhlinghausen, Unser-Fritz und vom Schacht Wilhelm nach Wanne zogen. Die örtliche Polizei war angesichts der Größe der Menschenmengen nicht in der Lage, die Züge aufzulösen.
Die Vorgänge in Eickel
Eine erste Eskalation ereignete sich vor dem Eickeler Amtshaus. Zwei dort eingesetzte Polizeibeamte wurden von Demonstranten entwaffnet und nach Hause geschickt. Anschließend kam es zu Verhandlungen mit der Gemeindeverwaltung.
Nach den überlieferten Darstellungen wurde schließlich eine höhere Auszahlung zugesagt. Die Demonstranten zogen daraufhin weiter in Richtung Wanne. Die Nachricht von der Entwaffnung der beiden Polizisten erreichte währenddessen auch den Wanner Rathausplatz.
Gerade diese Nachricht spielte für die weitere Entwicklung eine erhebliche Rolle. Sie konnte aus Sicht der im Amtshaus befindlichen Polizeikräfte den Eindruck entstehen lassen, dass die Demonstration nicht lediglich sozialen Forderungen diente, sondern sich zu einem Angriff auf die staatliche Ordnung entwickeln könnte.
Die Demonstration vor dem Wanner Amtshaus
Auf dem Platz vor dem Wanner Amtshaus sammelten sich schließlich nach den zeitgenössischen beziehungsweise später überlieferten Angaben mehr als 20.000 Menschen. Die Versammlung bestand aus Arbeitern, Erwerbslosen und weiteren Teilen der Bevölkerung aus Wanne, Eickel und den umliegenden Ortsteilen.
Im Amtshaus befanden sich Polizeikräfte. Gleichzeitig hielten sich dort Vertreter der Arbeiter und der Erwerbslosen auf, die über die Forderungen nach höheren Unterstützungsleistungen und einer besseren Lebensmittelversorgung verhandelten.
Damit standen sich auf engem Raum zwei unterschiedliche Wahrnehmungen gegenüber: Für die Demonstranten handelte es sich um eine Massenkundgebung zur Durchsetzung sozialer Forderungen; auf Seiten der Sicherheitskräfte konnte die Nachricht von der Entwaffnung der Polizei in Eickel und der Größe der Menschenmenge den Eindruck einer unmittelbar drohenden Eskalation hervorrufen.
Die Schüsse
Über den unmittelbaren Auslöser der Schießerei existieren unterschiedliche Darstellungen. Die spätere kommunistische und sozialdemokratische Erinnerung betonte, die Polizei habe ohne ausreichenden Anlass auf die Menge geschossen. Die amtliche Darstellung stellte dagegen die Demonstration als gewaltsamen Angriff auf das Amtshaus dar und behauptete, die Polizeibeamten seien unter anderem mit Steinen beworfen worden. Die Behörden ordneten das Geschehen in den Zusammenhang eines angeblich kommunistisch gelenkten Gewaltunternehmens ein.
Die unterschiedlichen Bewertungen sind für die historische Einordnung von zentraler Bedeutung. Der Schwarze Mittwoch lässt sich deshalb nicht angemessen als einfache Auseinandersetzung zwischen einer friedlichen Menschenmenge und einer grundlos schießenden Polizei oder umgekehrt als gezielter kommunistischer Aufstandsversuch beschreiben. Die Quellenlage ist vielmehr durch gegensätzliche politische Interessen der Zeit geprägt.
Fest steht jedoch das Ergebnis: Die Polizei eröffnete das Feuer auf die Versammlung. Zehn Menschen wurden getötet, 32 weitere erlitten Verletzungen.
Die Schießerei entwickelte sich damit innerhalb weniger Augenblicke von einer sozialen Protestkundgebung zu einem tödlichen Gewaltereignis.
Die Opfer
Zu den namentlich überlieferten Todesopfern gehören:
- Johann Bulczewski
- Robert Grube
- Paul Hartmann
- Willi Hauptfleisch
- Karl Weber
- Heinrich Wortmann
Die Überlieferung nennt insgesamt zehn Tote. Die heute auf dem Holsterhauser Friedhof vorhandene Gedenktafel erinnert allerdings nur an sechs der am 5. Dezember 1923 getöteten Personen. Zusätzlich wird dort Oskar Herter genannt, der bereits am 24. November 1923 in Herne erschossen worden war.
Die Namen der übrigen vier Opfer sind in der gegenwärtig leicht zugänglichen lokalen Überlieferung weniger präsent. Auf der Wiki Seite: Denkmal für die Gefallenen des 5. Dezember 1923 haben wir weitere Opfer identifiziren können und alle Lebensdaten sich dort abrufbar.
Politische Einordnung
Der Vorwurf eines kommunistischen Aufstands
Die Behörden bewerteten die Ereignisse unmittelbar politisch. Die Demonstration wurde als kommunistisches Gewaltunternehmen charakterisiert. Eine Rolle spielte dabei die politische Zusammensetzung des Erwerbslosenrates. Dessen Vorsitzender hatte vor dem Verbot der KPD am 23. November 1923 die kommunistische Jugendorganisation geleitet.
Die politische Radikalisierung im Ruhrgebiet war tatsächlich erheblich. Die wirtschaftliche Not, der passive Widerstand, die französische Besetzung und die zunehmende Enttäuschung über die wirtschaftliche Entwicklung boten kommunistischen Organisationen ein günstiges Umfeld.
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass die Demonstration vom 5. Dezember als kommunistischer Aufstandsversuch zu verstehen ist. Die konkreten Forderungen der Teilnehmer richteten sich nach der überlieferten Quellenlage vor allem auf soziale Fragen: höhere Unterstützungsleistungen und eine bessere Lebensmittelversorgung. Auch die Anwesenheit von Gewerkschaftern, Betriebsräten und Vertretern verschiedener Arbeiterorganisationen spricht für eine komplexere Zusammensetzung der Versammlung.
Staatliche Ordnung und soziale Protestbewegung
Der Schwarze Mittwoch verdeutlicht damit ein grundsätzliches Problem der Weimarer Republik im Krisenjahr 1923: Die staatlichen Institutionen mussten in einer Situation handeln, in der die wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen des öffentlichen Lebens weitgehend zusammenbrachen.
Für die kommunale Verwaltung bedeutete die Hyperinflation eine enorme Belastung. Für die Arbeitslosen und Arbeiterfamilien bedeutete sie dagegen, dass selbst nominal steigende Unterstützungsleistungen innerhalb kürzester Zeit ihren Wert verlieren konnten.
Die Auseinandersetzung vor dem Wanner Amtshaus war deshalb nicht ausschließlich ein politischer Konflikt. Sie war zugleich ein Konflikt um die unmittelbare materielle Existenz.
Das parlamentarische Nachspiel
Die Vorgänge in Wanne und Eickel blieben nicht auf die lokale Ebene beschränkt. Im Februar 1924 wurden die Ereignisse im Preußischen Landtag behandelt. Damit erreichte der Wanner Vorfall auch die parlamentarische Ebene des preußischen Staates.
Die politische Bewertung blieb dabei umstritten. Während die Behörden die Verantwortung bei den Demonstranten beziehungsweise bei kommunistischen Kräften sahen, wurde aus der Arbeiterbewegung heraus der Einsatz der Polizei als unverhältnismäßig und ungerechtfertigt kritisiert.
Für die historische Forschung ist gerade dieses Nebeneinander widersprüchlicher Darstellungen bedeutsam. Die Ereignisse wurden bereits unmittelbar nach dem 5. Dezember zu einem Gegenstand politischer Erinnerung und politischer Deutung.
Erinnerung und Gedenken
Das Denkmal auf dem Holsterhauser Friedhof
Am 15. März 1925 wurde auf dem Holsterhauser Friedhof eine gemeinsame Grabstätte für mehrere Opfer des 5. Dezember 1923 eingeweiht. Die dazugehörige Gedenktafel trug die Inschrift:
- „Wanderer, kommst Du nach Spa, erzähle, Du hast sie fallen gesehen, wie es das Gesetz befahl.“
Die Formulierung nahm bewusst Bezug auf die berühmte Inschrift des Thermopylen-Denkmals und übertrug deren Sinn auf die politischen Auseinandersetzungen des Ruhrkampfes. Die Toten wurden damit als Opfer des Kampfes gegen Besatzung und soziale Not interpretiert.
Das Denkmal bestand allerdings nur wenige Jahre. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde es zerstört. Damit wurde zugleich ein Erinnerungsort beseitigt, der die Opfer aus einer dezidiert arbeitnehmerischen und republiknahen Perspektive deutete.
Erinnerung nach 1945
Die Erinnerung an den Schwarzen Mittwoch blieb im lokalen Gedächtnis erhalten, trat jedoch gegenüber anderen Ereignissen der Geschichte von Wanne-Eickel zunehmend zurück.
Heute erinnert auf dem Holsterhauser Friedhof eine Gedenkplatte an mehrere Opfer. Sie nennt Johann Bulczewski, Robert Grube, Paul Hartmann, Willi Hauptfleisch, Karl Weber und Heinrich Wortmann. Auch Oskar Herter wird auf der Tafel erwähnt, obwohl sein Tod bereits am 24. November 1923 in Herne eingetreten war.
Der Historische Verein Herne / Wanne-Eickel führt den 5. Dezember 1923 ebenfalls als eines der bedeutenden Ereignisse des Jahres 1923 und verweist auf das frühere Denkmal für die Opfer auf dem Holsterhauser Friedhof.
Historische Bedeutung
Der Schwarze Mittwoch von Wanne gehört zu den markantesten Ereignissen der lokalen Geschichte des Jahres 1923. Er verbindet mehrere zentrale Krisenerscheinungen der frühen Weimarer Republik:
- die französische Ruhrbesetzung;
- den deutschen Ruhrkampf und den passiven Widerstand;
- die Hyperinflation von 1923;
- die zunehmende Arbeitslosigkeit und soziale Verelendung;
- die Radikalisierung der politischen Arbeiterbewegung;
- die Krise der kommunalen Verwaltung;
- und den zunehmenden Einsatz staatlicher Gewalt gegen politische und soziale Protestbewegungen.
Die Ereignisse vom 5. Dezember sind deshalb nicht lediglich als lokale Demonstration mit tragischem Ausgang zu betrachten. Sie stehen exemplarisch für die Überlagerung wirtschaftlicher, sozialer, nationaler und politischer Konflikte, die das Ruhrgebiet im Krisenjahr 1923 prägten.
Gleichzeitig mahnt die unterschiedliche Überlieferung zur Vorsicht. Aussagen über die Absichten der Demonstranten, den unmittelbaren Anlass der ersten Schüsse und die konkrete Verantwortlichkeit der Beteiligten müssen anhand zeitgenössischer Verwaltungs-, Polizei-, Presse- und Gerichtsakten überprüft werden. Die nachträgliche politische Instrumentalisierung des Geschehens erschwert eine eindeutige Rekonstruktion.
Quellenlage
Für eine wissenschaftlich vertiefte Untersuchung des Schwarzen Mittwochs von Wanne sind insbesondere folgende Quellengruppen relevant:
- Unterlagen des Stadtarchivs Herne zur Verwaltung von Wanne und Eickel;
- Verwaltungs- und Polizeiberichte aus dem Jahr 1923;
- zeitgenössische Ausgaben der Wanne-Eickeler Zeitung und weiterer regionaler Zeitungen;
- die Verhandlungen des Preußischen Landtags aus dem Jahr 1924;
- Akten zur Ruhrbesetzung im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen;
- Sterbe- und Begräbnisunterlagen zu den Opfern;
- Unterlagen des Holsterhauser Friedhofs;
- Quellen der Gewerkschaften und der politischen Arbeiterorganisationen.
Literatur und Quellen
- Stadtarchiv Herne, Bestände zur Verwaltung der Ämter Wanne und Eickel, 1923/24.
- Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, sachthematische Überlieferung zur Ruhrbesetzung.
- Wanne-Eickeler Zeitung, Jahrgang 1923/1924.
- Verhandlungen des Preußischen Landtags, 1924.
- Historischer Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.: 1923 – Was geschah 1923?
- Norbert Kozicki: Beiträge zur Geschichte von Wanne-Eickel und zum Schwarzen Mittwoch von Wanne.
- Zur lokalen Einordnung: Rathaus Wanne-Eickel; der Rathausbau war 1923 Sitz der Verwaltung des Amtes Wanne und wurde am 5. Dezember 1923 zum Schauplatz der Ereignisse.
