Reiners: Der ursprüngliche Strünkeder Portalbau

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel

Dr. Leo Reiners widmete zur Eröffnung des Emschertal-Museums in den Räumen des Schloss Strünkede am 15. September 1938 einen besonderen Artikel über den Portalbau des Schlosses. Wir geben diesen Kunsthistorisch aufschlussreichen Artikel nachfolgend wieder, nicht ohne ihn an bestimmten Stellen zu ergänzen.

Der ursprüngliche Strünkeder Portalbau

Eine bisher unbekannte Zeichnung zeigt den ehemaligen Renaissanceschmuck der Schlossfront

Der „gelehrte“ Jobst von Strünkede war es, der anstelle der alten fehdeumtosten mittelalterlichen Burg Strünkede das Renaissance-Schloss zu errichten begann. Es war aber keineswegs fertig, als er 1602 starb. Erst sein Enkel Gottfried († 1681) „baute den anderen Teil des Hauses“ (v. Steinen). Schließlich hat noch dessen Sohn Johann Conrad († 1642) „das Schloss trefflich verbessert“ (v. Steinen). Er ist es auch gewesen, der nach einem Schreiben der Clevischen Regierung an den König vom Jahre 1718 in einer damalig im Clever Archiv vorhandenen schriftlichen Darlegung geschrieben hatte: „[…] Dieser Rittersitz Strünkede trägt nichts ein, sondern nachdem solcher von meinem Urgroßvatter zum theil, hernacher von meinem Vater sel. Ged. der zweite und von mir der dritte theil mit schweren kosten neuerbaut ist, woran annoch begriffen bin, erfordert es jährliches ein ansehnliches Stückgeld zur unterhaltung.“ (Staatsarchiv Münster). Er steht also fest, dass das Schloss in drei Teilen errichtet worden ist.
Der älteste, dem „gelehrten“ Jobst zuzuschreibende Teil ist offenbar der nach Norden gerichtete Flügel mit dem durch Sandsteinrippen geteilten Fenstern, wahrscheinlich gehört auch doch der wuchtige Eckturm und ein Stück des Hauptteils - man sieht deutlich an der Außen- und der Hofseite vor dem Portal eine von oben nach unten laufende Baufuge - dazu, der Portalbau, aber und überhaupt die Vollendung des Hauptflügels ist Gottfried von Strünkede zuzuschreiben, dessen Name unter dem vom Löwen gehalten Wappen über dem Eingangsportal angebracht ist.
Es heißt da: „Gott Fried Frey Herr von und zu Strünckede &c Anno 1664.
Demnach muss Gottfried von Strünkede 1664 den Hauptflügel vollendet haben. Worin dann der von seinem Sohn Johann Konrad schon vor 17/18 erbaute dritten Teil bestanden hat, ist vorläufig mangels schriftlicher oder baulicher Grundlagen nicht zu sagen. Auffallend ist, dass v. Steinen um 1750, also rund 30 bis 40 Jahre, nachdem Johann Konrad den dritten Teil erbaut hatte, und wenige Jahre nach seinem 1742 erfolgten Tode, nur noch von einer „trefflichen Verbesserung“ schreibt. Es muss sich also bei dem dritten Teil um Bauteile gehandelt haben, die nicht solche Flügel wie die noch stehenden, sondern vielleicht niedrigere und weniger massive Gebäude waren. Dass die Nordseite des Schlosshofs von einem, wenn auch gegenüber den anderen niedrigeren Flügel eingenommen wurde, muss aus dem Zug Kanal des Kamins und den Dachansätzen in der Schlosswand der Ostseite geschlossen werden. Auch an der Westseite des Hofvierecks müssen sich Bauteile befunden haben, denn hier schließt sich an das Ende des Hauptflügels noch ein Stück Mauer an, wie auch in der Wand eine ehemalige Öffnung zu erblicken ist, die in einen Mauergang geführt zu haben scheint. Ebenso haben in dem Winkel, in dem die beiden Bauchflügel zusammenstoßen und wo ein erst nach 1900 entstandener Eingang mit Windfang sich befindet, vorher andere Bauteile gestanden, den oben in der Wand erblickt man in jeder der beiden Flügelwände eine große mit Ziegelsteinen zugemauerte Durchgangsöffnung. Offenbar stand in dieser Ecke, wie auch das unregelmäßige Mauerwerk verrät, ein Treppenturmvorbau. Schließlich bildet die Nordwestecke noch ein bauliches Problem, denn es hat den Anschein, als ob hier einmal ein großer Turm gestanden hat. Vielleicht ist der Einzug des Museums in die Schlossräume Anlass, den noch ungeklärten Fragen der baulichen Entwicklung auf den Grund zu gehen.

Heute soll aus Anlass der Museumseröffnung zu der Baugeschichte des Haus ein Beitrag geliefert werden, der mit einer bisher unbekannten Zeichnung der Front des Hauptflügels, besonders des die Front gliedernden Portalrisalits bekannt macht. Diese Zeichnung fanden wir im Besitz der Harpener Bergbau A.G. Sie ist im Jahre 1899 angefertigt worden und trägt das Datum „Herne, den 30. Sept. 1899“ und die Unterschriften: „Der Antragsteller Adolf Fuhse, der Architekt C. Theecke“. Die Zeichnung ist also angefertigt, bevor die Harpener Bergbau AG das Schloss im Jahre 1900 erwarb. Wahrscheinlich hängt die Zeichnung mit baulichen Veränderungen zusammen, die durch die Errichtung einer Gastwirtschaft auf dem Schlosse bedingt waren. Für diesen Wirtschaftsbetrieb waren Umbauten und Einrichtung bereits vor dem Besitzübergabe getroffen. Am 27. Juli 1900 beantragt die Harpener Bergbau A.G. unter Hinweis auf die geplanten baldige Eröffnung der Einrichtung einer Straßenbahnhaltestelle auf der Strecke Herne-Recklinghausen am Zugangswege zum Schloss Strünkede.

Wenn wir uns den heutigen Portalbau ansehen, entdecken wir gleich, dass er heller und neuer ist, als die übrigen Bauteile, da er aus glatten, unverwitterten Steinen besteht. Es muss also erst in jüngster Zeit eine Erneuerung der Wandung vorgenommen worden sein, die zugleich gegenüber dem Portalbau, den die Zeichnung zeigt, eine sehr starke Vereinfachung mit sich brachte. Verschwunden sind die Seitenflügel die beiden Figuren auf der Balustrade über dem Dachgesims, verschwunden die beiden Figuren seitlich über dem Eingang, von denen die eine eine gekrönte, die andere eine geistliche Gestalt darzustellen scheint, verschwunden sind die Konsolen unter dem Dachgesims in der Breite des Portalbaus, unverändert sind die beiden Fenster im Obergeschoss, die in der Mitte eine Wasserjungfrau und eine von zwei Säulchen und kleinem Gesims umschlossene Inschriftentafel einschlossen. An ihrer Stelle befindet sich heute ein Fenster paar ohne Zwischenteil.

Noch vorhanden ist dagegen das große Wappen Ornament mit der Krone, den beiden Löwen und der oben bereits zitierten eingemeißelten Inschrift. Man erinnert sich aber, dass genau dieselbe große Steinplastik, nur völlig verwittert und ohne Wappen (einige Bleipflöcke zeigen noch, das sie das ovale Wappen gehalten haben), bisher auf dem Schlosshof gestanden hat. (Es steht auch jetzt noch dort, nur ein anderer Stelle.) Man hat also bei der Erneuerung und Vereinfachung der Fassade das Wappenornament in genau derselben Art, wie das alte war, neu hergestellt und der Portalwand eingefügt, während das alte im Schlosshof aufgestellt wurde. Reiners-Strünkede-Portal-HA.jpg An Hand unserer Zeichnung ist es endlich auch möglich, zwei lange vierkantige Steine mit erhabener ausgeführter Schrift zu erklären, die bisher ebenfalls auf dem Schlosshof lagen und zur Herstellung einer niedrigen Mauer an der Nordwestecke verwandt worden waren. Man kann auf dem einen noch die Worte „Gottes Fried“ und auf der anderen „Strunkde“ entziffern. Wie die Zeichnung zeigt, befanden sich diese Inschriften über der Portalöffnung. Bei der Anfertigung der Zeichnung waren in der oberen Reihe noch die Worte „In Freud und Gottes Fried Strunkde […]“, in der unteren „dass ihn die Lügen fluht moge […]“ zu entziffern.

Von den weiteren Schmuckstücken des Portalbau sind noch verschwunden die ionischen Kapitelle der Wandpfeiler beiderseits der Portalöffnung und der von einer Fratze geschmückte Schlussstein des Portalbogens.

Neu hinzugefügt aber hat man der damaligen Erneuerung links und rechts von dem neuen Fensterpaar Steine, die ein Loch mit einer Steinkugel darunter enthalten. Allerdings ist links das Loch nicht ausgearbeitet, sondern nur eine Vertiefung. Mit diesen neu eingefügten Steinen wird der Eindruck erweckt, als ob ehemals ein Zugbrücke bestanden hätte, deren Ketten durch die Löcher gelaufen sein.

Unsere Zeichnungen hält aber keinerlei Andeutung von Öffnungen für eine Zugbrückenkette. Wohl ist zwischen dem beiderseits mit einer Backsteinmauer versehenen Zugang zum Schloss und dem Portal eine gewölbte und mit einem Eisengitter versehene kurze Brücke über das Wasser gebaut, welche die Annahme nahe liegt, sie sei an der Stelle der Zugbrücke getreten, aber im Hause selbst findet sich keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass zu dem Schloss einmal ein Zugbrücke geführt hat.

Aus den genannten Steinen ist, jedenfalls nichts über die ehemalige Zugbrücke zu entnehmen, wir sind nur eine romantische junge Zutat!

Übrigens sitzt neben dem Portalbau in der dicken Schlosswand eine Wendeltreppe, die von vier gleich rechts neben dem Portalbau untereinander sitzenden kleine Licht- und Luftöffnungen erhellt wird. Auffallenderweise sind diese vier kleinen rechteckigen Öffnung in der Zeichnung nicht enthalten.

Was die übrigen Teile der in der Zeichnung dargestellten Hauptflügelfront anbelangt, so sind auch hier starke Veränderungen festzustellen. Bekanntlich sind links vor dem Portalbau drei Fenster in jedem Stockwerk, rechts dagegen vier. So sind auf der linken Seite der beiden mittleren Fenster zugemauert, während sie auf der Zeichnung noch bestehen. (die Zeichnungen haben wir an den Seiten verkürzt, so dass nicht alle Fenster wiedergegeben sind).

Auch haben die Fenster in der Zeichnung noch ihre ursprüngliche Gestalt. Sie haben steinerne Fensterkreuze und im Oberlicht teils quadratische (oberes Stockwerk) teils rhombische kleine Scheiben, die scheinbar gewölbt waren. Heute dagegen sind einfache Fenster mit Holzkreuz angebracht. Andere Gestalt haben auch die Fenster des Sockelgeschosses. In der Zeichnung sind sie quadratisch mit rechteckigen kleinen Scheiben, am Schloss findet man sie heute rundbogisch und schmaler. Nur die beiden Sockelfenster vor dem Eckturm haben die alte Form gehalten.

Stark verändert ist ferner das Dach. Früher wies es dreieckige, mit einer Spitze und einem kleeblattförmige Ausschnitt gezierte Dachfenster und über den Portalbau ein Dachhäuschen auf. Heute sieht man nichts mehr davon. Ihre Stelle nehmen jetzt einige gewöhnliche aufklappbare Dachfenster ein. Ebenso ist das Türmchen auf dem Dach verschwunden. An seiner Stelle steht heute ein wuchtiger Schornstein. Ein zweiter befindet sich einige Meter davon entfernt über der anderen Seite des Portalrisalits. Wann statt der Türmchen die Schornstein auf das Dach kamen, darüber soll später noch etwas gesagt werden. War vielleicht das Blümchen nur ein oberer Abschluss oder die Umkleidung des einen Schornstein?

Der erheblichen Wert der hier veröffentlichen Zeichnung liegt drin, dass Sie uns den ehemals ziemlich reichen Renaissance-Schmuck des Portalbaus erkennen lässt, der in einem unverkennbaren Gegensatz zu der Schlichtheit der übrigen Bauform steht. Wenn man bedenkt, dass in der Nähe Strünkede, schon Jahrzehnte bevor der „gelehrte“ Jobst zu bauen anfing, der alle anderen Renaissanceleistungen in Nordwestdeutschland weit überragende, mit Karyatiden, Band- und Beschlagwerk reich gezierte Schlossbau von Horst, der auch über anderen Schlössern wie Assen, Hovestadt und Overhagen erkennbaren Einfluss ausgeübt hat, entstanden war, wenn man ferner bedenkt, dass zu Beginn des 17. Jahrhunderts und erst recht zur Zeit, da Gottfried von Strünkede den Portalbau errichtete, der Überschwang des Barocks sich zu entfalten begann, muss man sich über die sparsame Zurückhaltung in der Verwendung von Schmuckformen und ihre Beschränkungen auf das Portalrisalit und den rings um den Bau laufende, aus Konsolen und Rosetten gebildeten Fries unter dem Dachgesims wundern. (Die Vierecke mit den Rosetten sind übrigens auch nicht mehr da, dafür sind zwischen den Konsolen Maueranker sichtbar, die links vom Portalbau die Buchstaben ANNO bilden, ohne dass ihn an anderer Stelle - etwa rechts vom Portalbau - eine Jahreszahl entspricht.) Aus dieser Beschränkung spricht westfälische Einfachheit und die Treue der Nachfahren zu der ursprünglichen Planarbeit.

Wenn es nun auch scheint, als sei die starke Veränderung der Wandung des Portalbaus 1899/1900 geschehen, so muss doch darauf hingewiesen werden, dass schon Lehrer Doering in seinem 1896 erschienenen Schriftchen „Chronik von Strünkede und den umliegenden Gemeinden“ den Portalbau so beschreibt, wie er heute ist, denn er hebt nur das von 2 Löwen gehalten Wappen hervor und erwöhnt „rechts und links hiervon die beiden, für die früher gebrauchten Zugketten angebrachten Mauerlöcher, durch welche zu Zeiten der Gefahr die bewegliche Zugbrücke aufgezogen einen Verschluss des Portals bildete.

Damals muss, also diese offenbare Spielerei schon angebracht und alles sonstige Schmuckwerk des Portals aus entfernt gewesen sein. Doering schreibt auch, dass das Innere des Gebäudes „vielfach umgebaut“ sein. Es „ist nur teilweise von zwei Pächtern bewohnt. Außerdem hat die Gemahlin des früheren Landrats von Forell noch Wohnung im Hauptteile des Schlosses. Nennenswerte Sehenswürdigkeiten sind in Gebäude nicht mehr vorhanden.

Schließlich muss noch auf eine farbige Lithographie „nach einer Originalaufnahme von Riefstahl“ hingewiesen werden, von der sich ein Exemplar im Emschertalmuseum befindet. Es gehört zu einer Reihe ähnlicher, von einem Berliner Verlag herausgegebener Abbildungen von Schlössern, die ca. 1850 bzw. 1860 datiert werden. Für das Herner Exemplar wurde uns einmal das Jahr 1856 genannt. (Ob der genannte Riefstahl der 1827 in Neustrelitz geborene und 1888 in München gestorbene Maler Wilhelm Riefstahl ist?[1])

Dieses Bild zeigt an der Westseite der Schlosshofes überhaupt keinen Abschluss, welche eine Mauer, noch die heute vorhandene Säulengalerie, wohl aber eine Pumpe. Der Westgiebel des Hauptflügels hat bereits die vier zugemauerten Fenster, die diesen Giebel heute so tot erscheinen lassen. Auf diesem Bild fehlen auch bereitet, die vier großen Figuren unserer Zeichnung und, wie es scheint, der übrige heute nicht mehr vorhandene Schmuck! Wohl hat das Dach die dreieckigen Dachfenster und darüber das Dachhäuschen unserer Zeichnung, statt des Dachreiters (Türmchen) erblickt man jedoch bereits die beiden Schornsteine, die auch jetzt das Dach überragen. Schließlich muss doch erwähnt werden, dass bei Riefstahl die Fenster der Sockelgeschosses noch quadratisch, die beiden Mittel Fenster der Linken Frontseite aber schon unsichtbar sind. Ferner ist die Zugangsbrücke zwar mit Eisengeländer, aber nicht mit Backsteingewölbe, vielmehr ganz waagerecht, während der heute mit einer Backsteinmauer eingefasster Aufgang ohne Geländer ist.

Man muss aus diesem Vergleich mit Doerings Angaben und Riefsthals Bild schließen, dass uns unsere Zeichnungen nicht der Zustand wiedergibt, wie er 1899 bei der Anfertigung der Zeichnung befand, sondern einem viel älteren Zustand, und es ist daher die Annahme nicht von der Hand zu weisen, dass man im wesentlichen eine alte Plan- oder Bauzeichnung kopiert hat. Dass dieser aber im Großen und Ganzen einen wirklichen ehemaligen Zustand wiedergeben hat, beweist das Wappenornament, die beiden Inschriftensteine auf den Schlosshof und eine Reihe weiterer, heute noch an dem Gebäude wie an Riesstahls Bild nachkontrollierbarer Einzelheiten.

Dr. L. Reiners


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Quellen

  1. Anm.: Das ist richtig.