Mont-Cenis-Straße 10 – ein verschwundenes Gebäude der Herner Stadtgeschichte

Aus Hist. Verein Herne / Wanne-Eickel e. V.

Mont-Cenis-Straße 10 in Herne-Mitte war ein heute nicht mehr erhaltenes Gebäude, das bis zu seinem Abriss im Jahr 1964 verschiedene öffentliche und gesellschaftliche Nutzungen erlebt hatte. Besonders eng verbunden war das Haus mit der politischen und sozialen Entwicklung Hernes in der Nachkriegszeit. Unter anderem befanden sich dort Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Räume der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung und zeitweise die städtische Bücherei.
Das Gebäude gehörte damit zu jener Reihe von Häusern der Herner Innenstadt, deren Geschichte nicht allein durch ihre Architektur, sondern vor allem durch ihre Nutzung und die dort tätigen Organisationen überliefert ist.

Denkmalplakette NRW
Mont-Cenis-Straße 10
Bild: AI modified 2026
Herne-Mitte
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StadtbezirkOrtsteil

Das Gebäude wurde vor 1890 als "normales" Wohngebäude für den Landwirt Georg Voß errichtet. Die Lage war besonders günstig an der Ecke Mont-Cenis-Straße/Schulstraße. Das nutze in der weiteren Lebensgeschichte des Gebäude auch die Stadt aus. Ab ca. 1900 besaß die Stadt Herne das Grundstück und Gebäude Nr. 10 und 10a.

Adressbuch 1901

10 Stadt Herne (E), Schutzmann emil Elsner, Magd Luise Tiehlking
10a Stadt Herne (E), Stadtbote Heinrich Köster sen., Bote Heinrich Köster jun., Magd Alma Bultmann.

Stadtbauamt

Schon früh in der Geschichte der Stadt Herne wurde der Raumbedarf für städtische Behörden immer größer. Seit 1901 war in diesem Haus das städt. Stadtbauamt unter gebracht.[1]

Im Adressbuch von 1903/04 wird das Haus Mont-Cenis-Straße 10a sogar als Rathaus angegeben. Tatsächlich lag es weiter östlich davon.

Polizei

Seit 1901 als städtische und seit 1909 als Königliche Polizeiinspektion und noch nach Auszug des Stadtbauamtes war das Haus bis 1925 Sitz der Kriminalpolizei Kommissariat II.

Handelsschule

Im Haus und im Anbau mit der Nr. 10a zog ab 1929 die städtische Handelssschule ein, die später zur Breddestraße wechselte.[2]

NS-Zeit

Ende des Krieges im Februar 1945 wurde noch der Sitz der Ortsgruppe des Volkssturmes Herne-Constantin hierhin verlegt.[3]

Das ehemalige Finanzamt

Eine wichtige Quelle bezeichnet die Mont-Cenis-Straße 10 ausdrücklich als das „alte Finanzamt“. 1922 wurden im Dachgeschoss des Hauses 10a Diensträume für das Finanzamt eingerichtet. Am 25. Oktober 1922 nahm auch die öffentliche Finanzkasse im Haus ihren Dienst auf.[4] Ab 1926 wurde diese Räume anders genutzt.

Die städtische Bücherei im Gebäude

Eine weitere, für die Kulturgeschichte Hernes wichtige Nutzung war die städtische Bücherei. Die 1906 ums Eck im Haus Gabelsberger Streß 5 gegründete Bücherei ist seit 1936/37 hier im Haus nachweisbar.[5]

Die städtische Zeitschrift „Herne – unsere Stadt“ berichtet 1965 rückblickend über die städtischen Ereignisse des Jahres 1964. Dort wird ausdrücklich vermerkt, dass die städtische Bücherei 1950 aus dem 1964 abgerissenen Gebäude Mont-Cenis-Straße 10 in das ehemalige Amtsgericht an der Bahnhofstraße, Ecke Shamrockstraße, verlegt wurde.

Der Umzug begann am 27. Februar 1965.

Damit ist der Abriss des Hauses nicht nur indirekt, sondern durch eine zeitgenössische städtische Veröffentlichung eindeutig dokumentiert.[6]

Arbeiterwohlfahrt und SPD

Die Arbeiterwohlfahrt nutzte das Gebäude nach 1950 als angemietete Geschäftsstelle. Zuvor hatte sie Räume im ehemaligen Amtsgericht an der Bahnhofstraße 7c genutzt. Ende der 1950er Jahre waren die Räume in der Mont-Cenis-Straße 10 für die wachsenden Aufgaben der AWO offenbar nicht mehr ausreichend. Benötigt wurden unter anderem Räume für die Jugendarbeit, eine Begegnungsstätte, Büros und größere Veranstaltungsräume.

Die AWO entschloss sich deshalb zum Bau eines eigenen Hauses. 1961 wurde an der Breddestraße der erste Spatenstich für das spätere Karl-Hölkeskamp-Haus gesetzt. Das neue Gebäude wurde am 9. Mai 1964 eröffnet. Damit verlor die Mont-Cenis-Straße 10 eine ihrer wichtigen sozialen Nutzungen.[7]

Ein Ort der Arbeiterbewegung

Die Bedeutung des Hauses reicht allerdings über die AWO hinaus. Ein 1950 erschienener offizielles Adressbuch der Stadt Herne führt an der Mont-Cenis-Straße 10 die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) mit ihrer damaligen Telefonnummer auf.

Auch die SPD nahe Westfälische Rundschau hatte hier ihre Herner Redaktionsräume.

Auch die Arbeiterwohlfahrt ist im selben Stadtplan an dieser Adresse verzeichnet. Das Gebäude war somit in den 1950er Jahren Teil der organisatorischen Infrastruktur der sozialdemokratischen und sozial ausgerichteten Verbände in Herne.[8]

Noch weiter zurück reicht die Überlieferung zur sozialdemokratischen Jugendbewegung. In einem Beitrag der städtischen Zeitschrift „Herne – unsere Stadt“ über die Jahre 1945 bis 1948 wird die Mont-Cenis-Straße 10 als Vereinslokal der Herner „Falken“ genannt. Die sozialistische Jugendorganisation gehörte zu den Gruppen, die nach dem Ende des Nationalsozialismus am demokratischen und gesellschaftlichen Wiederaufbau mitwirkten.[9]

Damit lässt sich das Gebäude bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit als ein Ort der politischen und gesellschaftlichen Neuorganisation nachweisen.

Abriss im Jahr 1964

Der Abriss erfolgte somit 1964. Bemerkenswert ist, dass das Gebäude noch bis unmittelbar vor seinem Verschwinden eine öffentliche Funktion erfüllte. Die städtische Bücherei musste anschließend in das ehemalige Amtsgericht an der Bahnhofstraße umziehen.

Der Vorgang steht beispielhaft für den Wandel der Herner Innenstadt in den 1950er und 1960er Jahren. Ältere Gebäude wurden aufgegeben oder abgebrochen, während vorhandene Verwaltungs- und Gerichtsgebäude einer neuen Nutzung zugeführt wurden.

Die Geschichte des Hauses ist deshalb auch ein Beispiel für die Umnutzung älterer Bausubstanz in der Nachkriegszeit.

Ein Gebäude zwischen Politik, Sozialwesen und Kultur

Die Mont-Cenis-Straße 10 nahm innerhalb weniger Jahrzehnte unterschiedliche Funktionen wahr:

Die einzelnen Nutzungen sind nicht für jeden Zeitraum lückenlos dokumentiert. Sicher belegt sind jedoch insbesondere die Nutzung durch die SPD und AWO in den 1950er Jahren, die Verbindung zu den „Falken“ in der frühen Nachkriegszeit sowie die Nutzung durch die städtische Bücherei bis zum Abriss.

Das Gebäude als Teil der Nachkriegsgeschichte Hernes

Heute erinnert an der Mont-Cenis-Straße nichts mehr unmittelbar an das Gebäude mit der Hausnummer 10. Auch die heutige Straßenbebauung lässt seine damalige Funktion, noch sein Vorhandensein kaum noch erkennen.

Seine historische Bedeutung liegt deshalb weniger in einem bekannten architektonischen Einzelbauwerk als in seiner Funktion als Ort des demokratischen, sozialen und kulturellen Neubeginns nach 1945.

Hier trafen verschiedene Bereiche des öffentlichen Lebens aufeinander: sozialdemokratische Politik, Arbeiterwohlfahrt, Jugendorganisationen und öffentliche Kulturarbeit. Besonders die Verbindung zur frühen Nachkriegszeit macht das Haus zu einem interessanten Baustein der Herner Stadtgeschichte.

Der Abriss von 1964 beseitigte ein Gebäude, das in den Jahrzehnten zuvor mehrfach seine Funktion verändert hatte. Mit dem Umzug der Bücherei und dem Neubau des Karl-Hölkeskamp-Hauses an der Breddestraße verlagerten sich zugleich wichtige soziale und kulturelle Einrichtungen an andere Standorte.

Literatur und Quellen:

  • Stadt Herne: Herne – unsere Stadt, verschiedene Jahrgänge, insbesondere 1965 und 1971.
  • Stadt Herne: Stadtplan Herne 1958, Rückseite, Verzeichnis der Parteien, Wohlfahrtsverbände und öffentlichen Einrichtungen.
  • Arbeiterwohlfahrt: Else Drenseck – eine eindrucksvolle Lebensgeschichte, AWO-100-Geschichten.

Verwandte Artikel

Einzelnachweise

  1. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/23516687
  2. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21206462
  3. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21328078
  4. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21199698
  5. https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/21238551
  6. Herne – unsere Stadt, Jg. 3, Nr. 2, Februar 1965, Rubrik „Was war vor fünfzehn Jahren?“ bzw. Jahresrückblick auf 1964: „Beginn der Verlegung der Städtischen Bücherei aus dem 1964 abgerissenen Gebäude Mont-Cenis-Straße 10 in das ‚Alte Amtsgericht‘ an der Bahnhofstraße Ecke Shamrockstraße.“
  7. AWO 100 Geschichten: „Else Drenseck – eine eindrucksvolle Lebensgeschichte“, https://www.awo-100-geschichten.de/else-drenseck-eine-eindrucksvolle-lebensgeschichte
  8. Stadt Herne: Stadtplan Herne 1958, Rückseite, Verzeichnis der Parteien und Wohlfahrtsverbände, Stadtarchiv/Geodaten der Stadt Herne, https://geodaten.herne.de/historischekarten/Stadtplan%20Herne%20ab%201906/Stadtplan%20Herne%201958%20R%C3%BCckseite.pdf
  9. Herne – unsere Stadt, Jg. 7, Nr. 1, Januar 1971, Beitrag „Herne in der neuen Demokratie 1945 bis 1948“, Stadt Herne.
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