Manfred Hildebrandt (1949-2019) Stadtarchivar
Manfred Hildebrandt (* 24. Mai 1949 in Neukirchen-Vluyn; † 13. November 2019 in Herne) war ein deutscher Verwaltungsbeamter, Historiker und Archäologe. Von 1979 bis 2012 leitete er das Stadtarchiv Herne und prägte in dieser Zeit die Erforschung, Erschließung und Vermittlung der Geschichte von Herne und Wanne-Eickel. Neben seiner Tätigkeit als Stadtarchivar veröffentlichte er zahlreiche eigenständige Untersuchungen zur Stadt-, Regional- und Kulturgeschichte. Seine Arbeiten gehören vielfach zur Grundlagenliteratur der heutigen Herner Lokalgeschichtsforschung.
Leben und Ausbildung
Manfred Hildebrandt wurde am 24. Mai 1949 in Neukirchen-Vluyn geboren. Anfang der 1950er Jahre zog seine Familie nach Herne, nachdem sein Vater eine Anstellung als Steiger auf der Zeche Julia gefunden hatte.
Hildebrandt besuchte zunächst die evangelische Volksschule an der La-Roche-Straße in Baukau und anschließend die Städtische Realschule für Jungen am Westring. 1965 begann er seine Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst bei der Stadt Herne. Nach der Ausbildung war er zunächst in verschiedenen Bereichen der Stadtverwaltung tätig.
Parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit setzte Hildebrandt seine schulische und wissenschaftliche Ausbildung fort. Von 1976 bis 1979 besuchte er das Städtische Abendgymnasium in Gelsenkirchen und erwarb dort neben seiner Vollzeitbeschäftigung das Abitur.
Anschließend studierte er an der Ruhr-Universität Bochum Ur- und Frühgeschichte, Geschichte, Kunstgeschichte und Geologie. Die Stadt Herne ermöglichte ihm für das Studium eine besondere Dienstzeitregelung. Das Studium schloss Hildebrandt mit dem akademischen Grad Magister Artium ab.[1]
Leiter des Stadtarchivs Herne
Am 1. November 1979 übernahm Hildebrandt die Leitung des Stadtarchivs Herne. Er folgte auf Günther Schulz, der das Archiv nach dem Eintritt des langjährigen Stadtarchivars Rudolf Zienius in den Ruhestand kommissarisch geleitet hatte. Die Zusammenführung der Bestände der früheren Städte Herne und Wanne-Eickel war damit noch eine wichtige Aufgabe des Archivs.[2]
Hildebrandts 33-jährige Amtszeit war durch eine deutliche Erweiterung der archivischen und öffentlichkeitswirksamen Arbeit gekennzeichnet. Neben der Übernahme, Sicherung und Erschließung von Schriftgut gewann die Vermittlung der Stadtgeschichte zunehmend an Bedeutung. Das Stadtarchiv trat verstärkt mit Vorträgen, Ausstellungen, Stadtteilrundgängen, Stadtrundfahrten und Veröffentlichungen an die Öffentlichkeit.
Ein wesentlicher Schwerpunkt war dabei die Verbindung von Archivarbeit und eigener historischer Forschung. Hildebrandt beschränkte sich nicht auf die Verwaltung der überlieferten Quellen, sondern wertete diese selbst aus und veröffentlichte die Ergebnisse. Dadurch entstanden zahlreiche Untersuchungen, die bis heute als Ausgangspunkt für Forschungen zur Geschichte einzelner Stadtteile, Gebäude, Straßen, Personen, Denkmäler und Institutionen dienen.
Umzug in das Kulturzentrum
Eine wichtige Veränderung in Hildebrandts Amtszeit war die Verlagerung des Stadtarchivs aus der ehemaligen Johannesschule an der Eickeler Straße in das Kulturzentrum am Willi-Pohlmann-Platz. Der neue Standort wurde 2008 bezogen.
Damit verbesserten sich die räumlichen Voraussetzungen für die dauerhafte Sicherung und Nutzung der Bestände. Der Umzug stand zugleich für den Wandel des Stadtarchivs von einer vor allem verwaltungsinternen Einrichtung zu einem öffentlich wahrgenommenen Zentrum der Stadtgeschichtsforschung.
Hildebrandt blieb bis August 2012 Leiter des Stadtarchivs und trat anschließend in den Ruhestand.
Historische Forschung
Hildebrandts wissenschaftliche Interessen waren breit gefächert. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten die Geschichte Herne und Wanne-Eickels, die Archäologie, die Denkmalgeschichte sowie die Geschichte einzelner Personen und Institutionen.
Zu seinen frühen lokalhistorischen Arbeiten gehört die Untersuchung über den Herner Heimatforscher Gustav Hegler, die 1995 im Emscherbrücher erschien. Hildebrandt setzte sich darin kritisch mit Heglers lokalhistorischen Forschungen auseinander und machte zugleich deutlich, welchen Quellenwert dessen Überlieferungen trotz nachweisbarer Irrtümer besitzen.
1997 erschien als Band 1 der Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne das umfangreiche Werk Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen. Bearbeitet wurde es von Manfred Hildebrandt, Ralf Frensel, Jeannette Bodeux und Franz Heiserholt. Das Werk verbindet die Geschichte der Herner Straßen mit Orts-, Personen-, Siedlungs- und Verwaltungsgeschichte und ist bis heute eine wichtige Referenz für die Herner Stadtgeschichtsforschung.[3]
Die Bedeutung dieses Werkes zeigt sich auch daran, dass die Stadt Herne bei zahlreichen heutigen Straßenartikeln weiterhin auf diese Publikation zurückgreift.[4]
1997 veröffentlichte Hildebrandt im Emscherbrücher außerdem einen Beitrag über die Umgestaltung des Bahnhofs Herne. 2000 folgte eine Untersuchung über das Missionshaus Nazareth und die Kirche Heilige Familie in Holsterhausen. Weitere Arbeiten beschäftigten sich unter anderem mit dem fast vergessenen Künstler Wilhelm Braun sowie mit der Geschichte der Cranger Kirmes.[5]
Gemeinsam mit dem damaligen Mitarbeiter Olaf Rose[6] veröffentlichte Hildebrandt 2002 den Bildband Wanne-Eickel im Sutton Verlag. Das Buch behandelt die Entwicklung der ehemaligen Stadt Wanne-Eickel anhand historischer Fotografien und erschließt damit einen umfangreichen Bestand an Bildquellen zur Stadtgeschichte.[7]
Denkmäler und Erinnerungskultur
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Forschung war die Geschichte der Denkmäler in Herne und Wanne-Eickel.
2008 erschien im Emscherbrücher seine umfangreiche Untersuchung „…bey den spätesten Nachkommen in beständig gutem Andenken zu erhalten…“ – Denkmäler in Herne und Wanne-Eickel. Auf 21 Seiten dokumentierte und untersuchte Hildebrandt zahlreiche Denkmäler, Erinnerungszeichen und Gedenkorte der beiden Städte.[8]
Die Arbeit ist für die heutige Forschung von besonderer Bedeutung, weil sie nicht nur bestehende Denkmäler beschreibt, sondern auch verschwundene, veränderte und versetzte Erinnerungsorte dokumentiert. Dadurch besitzt sie auch für die heutige Denkmal- und Erinnerungskultur einen Quellenwert.
Archäologie
Neben der Stadtgeschichte galt Hildebrandts besonderes Interesse der Archäologie. Seine Studienfächer Ur- und Frühgeschichte und Geologie bildeten dafür eine wissenschaftliche Grundlage.
Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Stadtarchiv blieb er diesem Forschungsgebiet verbunden. Hildebrandt gehörte zu den Gründungs- und Vorstandsmitgliedern des Fördervereins des LWL-Museums für Archäologie und Kultur in Herne und engagierte sich dort ehrenamtlich. Zuletzt arbeitete er unter anderem an einer Sonderausstellung zur Geschichte der Pest mit.
Eigene Forschungen als Grundlage späterer Arbeiten
Die Bedeutung Hildebrandts für die Lokalgeschichtsforschung liegt nicht allein in seiner Tätigkeit als Stadtarchivar. Von besonderer Bedeutung sind seine eigenen Quellen- und Grundlagenforschungen.
Viele seiner Untersuchungen entstanden aus der unmittelbaren Arbeit mit den Beständen des Stadtarchivs und verbinden archivalische Quellen mit örtlicher Sachkenntnis. Dadurch wurden zahlreiche Informationen zu Straßen, Fluren, Gebäuden, Denkmälern, Personen und historischen Ereignissen erstmals systematisch zusammengeführt und veröffentlicht.
Dass diese Forschungen über Hildebrandts eigene Veröffentlichungen hinauswirken, lässt sich an späteren Darstellungen erkennen. Die Stadt Herne verwendet sein gemeinsam mit anderen Autoren erarbeitetes Straßenbuch weiterhin als Quelle für das heutige Straßenverzeichnis. Auch neuere lokalhistorische Veröffentlichungen greifen auf seine Untersuchungen zurück. So wird beispielsweise seine Forschung zum Pestkreuz in Börnig bei der heutigen Einordnung des Denkmals herangezogen.[9][10]
Damit stellen Hildebrandts Veröffentlichungen einen Teil der wissenschaftlichen Überlieferungsschicht dar, auf die auch künftige Heimat- und Stadtgeschichtsforscher zurückgreifen können. Sein Verdienst liegt somit nicht nur darin, historische Sachverhalte für seine Zeit dokumentiert zu haben, sondern auch darin, Quellen, Erkenntnisse und Forschungsergebnisse so zu veröffentlichen, dass sie für nachfolgende Generationen überprüfbar und weiterverwendbar bleiben.
Gerade für die heutige digitale Lokalgeschichtsforschung besitzen diese Arbeiten einen besonderen Wert. Zahlreiche Angaben, die inzwischen in Stadtportalen, digitalen Geschichtsdarstellungen oder lokalhistorischen Wikis erscheinen, lassen sich auf die von Hildebrandt und seinen Mitarbeitern erschlossenen Quellen und Veröffentlichungen zurückführen. Seine Arbeiten sind daher nicht lediglich zeitgenössische Darstellungen, sondern vielfach Ausgangspunkt späterer Forschungen.
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Manfred Hildebrandt: Gustav Hegler – ein tiefschürfender Heimatforscher. In: Der Emscherbrücher, 1995, S. 15–19.
- Manfred Hildebrandt: „Unten durch“ oder „Oben drüber“. Die Umgestaltung des Bahnhofs Herne. In: Der Emscherbrücher, Band 10, 1997, S. 25–29.
- Manfred Hildebrandt, Ralf Frensel, Jeannette Bodeux, Franz Heiserholt: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne, Band 1, Herne 1997.
- Manfred Hildebrandt: Leonhard Reiners, ein unermüdlicher Forscher im Dienste der Stadtgeschichte. In: Auf zwei Wegen zur Stadtgeschichte. Karl Brandt und Leonhard Reiners 100 Jahre. Stadt Herne, Herne 1998, S. 71–88.
- Manfred Hildebrandt: Historische Besonderheit in Holsterhausen: das Missionshaus Nazareth und die Kirche „Heilige Familie“. In: Der Emscherbrücher, 2000, S. 59–62.
- Manfred Hildebrandt, Olaf Rose: Wanne-Eickel. Sutton Verlag, Erfurt 2002.
- Manfred Hildebrandt: Wilhelm Braun, ein fast vergessener Künstler. In: Der Emscherbrücher, Band 12 (2003/04), S. 53–60.
- Manfred Hildebrandt: „…bey den spätesten Nachkommen in beständig gutem Andenken zu erhalten…“ – Denkmäler in Herne und Wanne-Eickel. In: Der Emscherbrücher, Band 14 (2008/09), S. 57–77.
- Manfred Hildebrandt: „Einige küssten sich und benahmen sich unsittlich.“ Notize aus der Geschichte der Cranger Kirmes. In: Der Emscherbrücher, Band 15 (2011/12), S. 35–40.
- Manfred Hildebrandt, Jürgen Hagen: Unser Ziel: In der Stadt Wanne-Eickel soll sich jeder wohlfühlen. Die Stadtwerdung von Wanne-Eickel am 1. April 1926. In: Der Emscherbrücher, Band 18 (2019/20), S. 7–22.
Mitgliedschaften und ehrenamtliches Engagement
Hildebrandt war Mitglied der Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel e. V. und engagierte sich für die archäologische Arbeit des Fördervereins des LWL-Museums für Archäologie.
Tod
Manfred Hildebrandt starb am 13. November 2019. Er wurde 70 Jahre alt.
Literatur und Quellen
- Stadtarchiv Herne, Dokumentationsbibliothek, Bestand Personen, Manfred Hildebrandt.
- Stadtarchiv Herne, Bestand Stadtarchivgeschichte.
- Manfred Hildebrandt, Ralf Frensel, Jeannette Bodeux, Franz Heiserholt: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne, Band 1, Herne 1997.
- Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel e. V.: Der Emscherbrücher. Wanne-Eickeler Hefte, Autorenverzeichnis 1995–2023.
- Manfred Hildebrandt, Olaf Rose: Wanne-Eickel. Sutton Verlag, Erfurt 2002.
- Manfred Hildebrandt: „…bey den spätesten Nachkommen in beständig gutem Andenken zu erhalten…“ – Denkmäler in Herne und Wanne-Eickel. In: Der Emscherbrücher, Band 14 (2008/09), S. 57–77.
- Stadt Herne: Straßenverzeichnis und historische Erläuterungen zu den Straßennamen.
Verwandte Artikel
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- Hildebrandt 1988 (← Links)
- 1949 (← Links)
- 13. November (← Links)
- Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen (← Links)
- Strünkede (Literatur) (← Links)
- 2019 (← Links)
- Hildebrandt / Rose 2002 (← Links)
- Hildebrandt 1998 (← Links)
- Rudolf Zienius (1919-2004) Archivar und Heimatforscher (← Links)
- Cranger Kirmes – Die wievielte eigentlich? (← Links)
Quellen
- ↑ Stadtarchiv Herne, Dokumentationsbibliothek, Bestand Personen.
- ↑ Stadtarchiv Herne, Bestand Stadtarchivgeschichte.
- ↑ Manfred Hildebrandt, Ralf Frensel, Jeannette Bodeux, Franz Heiserholt: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Herne, Band 1, Herne 1997.
- ↑ Stadt Herne: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße. Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen, bearbeitet von Manfred Hildebrandt u. a., Herne 1997.
- ↑ Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel e. V.: Der Emscherbrücher. Wanne-Eickeler Hefte, Autorenverzeichnis 1995–2023.
- ↑ https://de.wikipedia.org/wiki/Olaf_Rose Von 2001 bis 2003 arbeitete Rose als ABM-Kraft bei der Stadt Herne. Dort sollte er für die Stadt eine Dokumentation zum Thema „Zwangsarbeit und Kriegsgefangene in Herne und Wanne-Eickel zwischen 1940 und 1945“ erstellen, die nach Bekanntwerden – unter anderem durch Artikel der taz ruhr – von Roses politischen Aktivitäten bei der NPD und nachdem er in dieser Arbeit die Zahl der Zwangsarbeiter in der Region von 30.000 auf 9.000 „herunterrechnete“, jedoch nicht verwertet wurde. Roses Vertrag bei der Stadt Herne wurde daraufhin nicht verlängert.
- ↑ Manfred Hildebrandt, Olaf Rose: Wanne-Eickel. Erfurt 2002.
- ↑ Manfred Hildebrandt: „…bey den spätesten Nachkommen in beständig gutem Andenken zu erhalten…“ – Denkmäler in Herne und Wanne-Eickel. In: Der Emscherbrücher, Band 14 (2008/09), S. 57–77.
- ↑ Stadt Herne: Straßenverzeichnis, verschiedene Einträge; Manfred Hildebrandt u. a.: Herne – von Ackerstraße bis Zur-Nieden-Straße, Herne 1997.
- ↑ Manfred Hildebrandt: „…bey den spätesten Nachkommen in beständig gutem Andenken zu erhalten…“ – Denkmäler in Herne und Wanne-Eickel, in: Der Emscherbrücher, Band 14 (2008/09), S. 57–77.

