Ich war immer gerne Bergmann
Werner Struppek (* 29. November 1938; † 8. November 2025 in Herne) war ein Herner Bergmann und langjährig im Bergbau tätiger Hauer. Er stammte aus Sodingen und blieb seinem Heimatstadtteil zeitlebens eng verbunden. Seine bergmännische Laufbahn führte ihn von der Zeche Mont-Cenis über das Bergwerk Unser Fritz bis zu seiner letzten Tätigkeit im aktiven Bergbau. Daneben engagierte er sich über Jahrzehnte im Bergmanns-Unterstützungs-Verein Sodingen (BUV).
Leben und beruflicher Werdegang
Werner Struppek wurde 1938 geboren und wuchs in Sodingen auf. Nach dem Schulbesuch wollte er ursprünglich Möbelschreiner werden. Da sich in der näheren Umgebung jedoch keine entsprechende Ausbildungsstelle fand und ein Ausbildungsplatz in Minden einen Wegzug aus Sodingen bedeutet hätte, entschied er sich für den Bergbau.
1953 trat Struppek auf der Zeche Mont-Cenis in den Bergmannsberuf ein. Sein Vater stand der Berufswahl zunächst ablehnend gegenüber. Zum Einstellungsgespräch begleitete ihn deshalb sein älterer Bruder. Später unterschrieb der Vater den Lehrvertrag. Struppek erinnerte sich später besonders daran, dass ihm während seiner Ausbildung auch eine Lehrstelle als Elektriker angeboten worden war. Er lehnte jedoch ab: Er wollte Bergmann werden.
Nach zwei Jahren Ausbildung wechselte Struppek in das untertägige Lehrrevier. Dort lernte er noch die traditionelle Gewinnung der Kohle mit dem Pickhammer kennen. Am 20. März 1956 legte er seine Knappenprüfung ab. Anschließend wurde er auf verschiedenen Arbeitsplätzen des Bergwerks eingesetzt. Zur weiteren Qualifizierung besuchte er wiederholt das Maschinenübungszentrum Grullbad (MÜZ) in Recklinghausen.
In dieser Zeit trat Struppek auch der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie (IGBE) bei. Nach Auseinandersetzungen mit Funktionären während mehrerer Lehrgänge verließ er die Gewerkschaft später wieder.
Mont-Cenis und der BUV Sodingen

Auf der Zeche Mont-Cenis arbeitete Struppek zeitweise mit Gottfried Zechel (1930–2019) zusammen. Beide gehörten derselben Belegschaft an und hatten auf der Kaue unmittelbar aufeinanderfolgende Markennummern: Zechel trug die Nummer 1426, Struppek die 1427.
1963 warb Zechel, der zu dieser Zeit als sogenannter „Rutschenbär“ beziehungsweise Strebmeister tätig war, Struppek für den Bergmanns-Unterstützungs-Verein Sodingen (BUV) an. Einige Monate später übernahm Struppek dort bereits das Amt eines Beisitzers im Vorstand. Der BUV, dessen Geschichte bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, wurde für Struppek zu einer wichtigen Verbindung zwischen seinem bergmännischen Berufsleben und dem gesellschaftlichen Leben in Sodingen.
Das Grubenunglück von 1965
Als sich 1965 das schwere Grubenunglück auf der Zeche Mont-Cenis ereignete, befand sich Struppek gemeinsam mit weiteren Vorstandsmitgliedern des BUV auf dem alten Sportplatz an der Mont-Cenis-Straße. Dort bereitete der Verein die Feierlichkeiten zu seinem 80-jährigen Bestehen vor.
Struppek hatte zu dieser Zeit Mittagsschicht. Wegen des Unglücks konnten die Bergleute jedoch zunächst nicht in die Grube einfahren. Die für die folgenden Tage geplanten Feierlichkeiten des Vereins wurden abgesagt.
Hauer auf Mont-Cenis
Bis 1978 blieb Werner Struppek der Zeche Mont-Cenis verbunden. Die räumliche Nähe zwischen seinem Wohnort und dem Bergwerk prägte seinen Alltag. Er wohnte an der Kantstraße in Sodingen und konnte auf seinem Weg zur Arbeit sogar über die Mauer des Zechengeländes gelangen. Ein eigenes Auto benötigte er deshalb lange Zeit nicht.
1970 legte Struppek seine Hauerprüfung ab. Damit hatte er die Qualifikation für eine der klassischen und körperlich anspruchsvollsten Tätigkeiten des untertägigen Bergbaus erworben.
Wechsel zum Bergwerk Unser Fritz
Nach der Stilllegung beziehungsweise Zusammenlegung der Zechen Friedrich der Große und Mont-Cenis wurde Struppek 1978 zum Bergwerk Unser Fritz nach Wanne-Eickel verlegt. Für den Transport der Beschäftigten von den ehemaligen Mont-Cenis-Arbeitsplätzen zu den weiter entfernten Zechen setzte die RAG Busse ein.
Struppek erinnerte sich später an die lange Busfahrt von Sodingen nach Wanne-Eickel. Die Strecke führte unter anderem über Constantin, Hiltrop und Riemke. Während immer mehr Bergleute andere Arbeitsplätze fanden oder aus dem Berufsleben ausschieden, wurde die Zahl der Mitfahrer im Laufe der Jahre kleiner. Zuletzt, so Struppek, habe er allein im Bus gesessen.
Auf dem Bergwerk Unser Fritz war Struppek zunächst in verschiedenen bergmännischen Bereichen tätig. Später übernahm er eine besondere Aufgabe als Blindschacht-Haspelführer. In dieser Funktion war er für den Transport einer kleinen Reviermannschaft zwischen den verschiedenen Sohlen verantwortlich.
Seine Arbeitszeit war dabei ungewöhnlich geregelt. Er arbeitete ausschließlich in der sogenannten „24-Uhr-Schicht“. Zu Beginn und am Ende der Schicht transportierte er die Mannschaft über den Blindschacht von einer Sohle zur anderen. Dazwischen blieb der Arbeitsplatz weitgehend ruhig.
Bis 1989 fuhr Werner Struppek auf dem Bergwerk Unser Fritz ein.
Verbundenheit mit dem Bergbau
Auch nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Bergbau blieb Struppek seinem Beruf und seiner Heimat eng verbunden. In seiner Wohnung fanden sich zahlreiche bergmännische Erinnerungsstücke, darunter Grubenlampen, Urkunden und verschiedene Werkzeuge und Gegenstände aus dem Arbeitsleben unter Tage.
Zu den besonderen Erinnerungsstücken gehörte ein Stück Spurlatte, das einst auf seiner Heimatzeche verwendet worden war und später als dekoratives Element in seinem Wohnzimmer diente. Auch im Garten und auf der Terrasse des Hauses an der Kantstraße fanden sich Hinweise auf seine bergmännische Vergangenheit. Dazu gehörte unter anderem ein gelb-schwarzes Hinweisschild mit der Aufschrift „Flöz Sonnenschein“.
Struppek bezeichnete seine Entscheidung für den Bergmannsberuf auch im hohen Alter als richtig. Ein Angebot seiner Frau und ihres Bruders, ihm bereits Jahrzehnte zuvor eine Arbeitsstelle außerhalb des Ruhrgebiets im „Hannoverschen“ zu vermitteln, hatte er abgelehnt. Als der Arbeitsvertrag in Sodingen eintraf, warf er ihn nach eigener späterer Schilderung kurzerhand in den brennenden Ofen.
Seine Begründung fasste er mit den Worten zusammen: „Ich bin und bleibe ein Sodinger Junge.“
Tod
Werner Struppek starb am 8. November 2025 im Alter von 86 Jahren. Seine Traueranzeige wurde am 29. November 2025 veröffentlicht.[3]
Mit ihm starb ein Bergmann, dessen Lebensweg eng mit der Geschichte des Sodinger Bergbaus, der Zeche Mont-Cenis und des Bergwerks Unser Fritz verbunden war. Zugleich steht seine Biografie beispielhaft für eine Generation von Bergleuten, deren berufliches und persönliches Leben über Jahrzehnte von den Zechen des Herner Raumes geprägt wurde.
Wer die Wohnung von Werner Struppek betritt, merkt sofort – hier lebt ein Bergmann: Grubenlampen, Urkunden und allerlei bergmännische Utensilien hängen an Wänden oder stehen auf Schränken. Selbst ein Stück Spurlatte – einst auf der Heimatzeche von Werner Struppek im Einsatz, ziert als „Kunstwerk“ das geräumige und gemütliche Wohnzimmer des Hauses.
„Ich habe immer in Sodingen gelebt, wollte nie hier weg, obwohl meine Frau mir zusammen mit ihrem Bruder vor einigen Jahrzehnten eine neue Arbeitsstelle fern ab des Reviers, im „Hannoverschen“ besorgt hatte“. Als der entsprechende Arbeitsvertrag damals in Sodingen eintraf, bat Bergmann Werner seine Frau: „Mache mal die Ofentüre auf“. „Warum, frierst Du,“, fragte die Ehefrau. Werner antwortete nicht, sondern warf den Vertrag wortlos in die glühenden Kohlen. „Ich bin und bleibe ein Sodinger Junge“, lacht der 1938 geborene Ex-Kumpel.
Nach dem Schulbesuch ging Werner Struppek zum Pütt, zur Zeche Mont-Cenis. „Eigentlich wollte ich ja Möbelschreiner werden, doch hier in der Nähe gab es keinen Ausbildungsplatz. Damals hätte ich nach Minden ziehen müssen, doch meine Heimat Sodingen verlassen, das kam nicht in Frage. So wurde ich Bergmann.“
Aber auch das war mit Schwierigkeiten verbunden, denn sein Vater hatte etwas dagegen. So begleitete ihn damals, es war im Jahr 1953, sein älterer Bruder Werner zum Einstellungsgespräch auf den Pütt. „Später unterschrieb auch mein Vater meinen Lehrvertrag,“ erzählte der langjährige Hauer.
Noch heute erinnert sich Werner Struppek an seine Ausbildung auf dem Pütt. „Mir hat man damals sogar einen Ausbildungsplatz als Elektriker schmackhaft gemacht. Doch ich wollte einfach nur Bergmann werden,“ sagte Struppek.
Zwei Jahre später ging es ins untertägige Lehrrevier. „Hier lernten wir noch den Abbau der Kohle mit dem Pickhammer“, berichtete der Sodinger, der am 20. März 1956 seine Knappenprüfung ablegte. Danach wurde er an verschiedenen Arbeitsplätzen des Bergwerkes eingesetzt. Zur Qualifizierung ging es aber immer wieder ins Maschinenübungszentrum Grullbad (MÜZ) in Recklinghausen. In diesen Jahren trat Struppek auch der IGBE bei, überwarf sich aber später bei mehreren Lehrgängen mit Funktionären und trat wieder aus.
Einige Zeit arbeitete Werner Struppek auch mit Gottfried Zechel (1930 – 2019) auf Mont-Cenis zusammen. „Wir zogen uns damals sogar nebeneinander in der Kaue um. Gottfried hatte die Markennummer 1426, ich 1427. Eines Tages warb mich Gottfried, der in jenen Tagen unser Rutschenbär („Strebmeister“), war, für den BUV Sodingen an. Das war 1963. Einige Monate später war ich dann auch Beisitzer im Vorstand,“ betonte Struppek.
Als sich 1965 das große Grubenunglück auf Mont-Cenis ereignete, befand sich Struppek zusammen mit anderen Vorstandsmitgliedern auf dem alten Sportplatz an der Mont-Cenis-Straße. Dort bereitete der 1885 gegründete Verein das Fest aus Anlass des 80jährigen Bestehens vor. „Ich hatte Mittagsschicht, doch wir konnten und durften an diesen und den folgenden Tagen nicht einfahren, und das Fest wurde natürlich abgesagt“.
Bis 1978 blieb Werner Struppek der Zeche Mont-Cenis treu. „Es war natürlich ein Vorteil, so nah am Pütt zu wohnen, meist bin ich an der Kantstraße über die Mauer gesprungen, um so schnell zum Pütt zu kommen. Daher brauchte ich nie ein Auto,“ lachte der Bergmann, der 1970 seine Hauerprüfung ablegte. Nach der Schließung von FdG/MC wurde Werner Struppek zur Zeche Unser Fritz in Wanne-Eickel verlegt. „Hier herrschte ein eigenartiges Betriebsklima“, unterstrich Struppek, der nach vielen bergmännischen Einsätzen schließlich eine Sonderaufgabe auf diesem Bergwerk übernahm: Blindschacht-Haspelführer. „Ich hatte in dieser Zeit nur 24 Uhr-Schicht. Meine Aufgabe bestand darin, zu Schichtbeginn und am Schichtende eine kleine Reviermannschaft von einer Sohle zur nächsten Sohle zu transportieren. Ansonsten herrschte Ruhe am Blindschacht,“ meinte der Sodinger von der Kantstraße.
Um die Kumpel damals nach 1978 von Mont-Cenis zu den anderen Pütts zu bringen, setzte die RAG Busse ein. „Eine Himmelfahrt, denn ich stieg am Denkmal in Sodingen ein, dann ging es über Constantin, Hiltrop und Riemke nach Wanne-Eickel. Aber es musste ja sein. Zuletzt saß ich nur noch alleine im Bus,“ sagte Struppek, der bis 1989 auf Unser Fritz einfuhr. „Ich habe es nie bereut, dass ich Bergmann geworden bin“, betonte der engagierte BUV-Mann, der sich gerne mit bergmännischen Utensilien aller Art umgibt. Sogar auf der großen Terrasse des 1905 erbauten und längst modernisierten Hauses im Schatten des ehemaligen mächtigen Zechenhalde, erinnert den Ex-Kumpel einiges an das Schwarze Gold. So das das gelbschwarze Hinweissschild mit der Aufschrift: „Flöz Sonnenschein“. „Das passt doch zu mir,“ meinte der Kumpel, der die harte Zeit unter Tage ohne große Blessuren überstanden hat, und verschwindet mit einem Lächeln im Gesicht in dem großen Garten hinter dem hellgestrichenen Zechenhaus an der Kantstraße. [5]
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Einzelnachweise
- ↑ Foto: Friedhelm Wessel 2019
- ↑ Foto: Friedhelm Wessel
- ↑ https://trauer-in-nrw.de/traueranzeige/werner-struppek-1938
- ↑ Dieser Text wurde von Friedhelm Wessel zur Verfügung gestellt. Der Text darf nicht ohne Genehmigung verändert oder weitergegeben werden.
- ↑ Ein Artikel von Friedhelm Wessel

